Eine Einladung zum Demokratiekongress im Deutschen Bundestag, ein Krug Wasser am Kriegerdenkmal hinter Magdeburg. Stunden gefangen auf der A2 bei 39 Grad. Der polnische Lkw-Fahrer reicht zwei Flaschen Wasser aus dem Fenster, der Ukrainer dahinter verneint, Wasser zu haben, will aber auch von meinen beiden Flaschen keine. Zusammen mit Dutzenden gestrandeten Fernfahrern in einer klimatisierten Tankstelle und ein einzelner Storch, der reglos auf den Ruinen eines ehemaligen volkseigenen Betriebes thront.
Was war das für ein Tag. Die AfD hatte zum Demokratiekongress in den Bundestag geladen. Die Gästeliste der Redner und Diskutanten las sich spannend. Mit dem Auftrag von Alexander-Wallasch.de und der Anmeldebestätigung für die nichtöffentliche Veranstaltung im Gepäck überlegte ich, wie ich aus dem Harz nach Berlin kommen sollte. Für Freitag waren hochsommerliche Temperaturen angesagt, und ich wollte keinesfalls verspätet eintreffen. Wallasch erwartete Berichte, auch von den Eröffnungs- und Begrüßungsreden.
Ich entschied mich für das Auto – die knapp über zweihundert Kilometer von Braunschweig aus. Die Bahn war mir zu riskant. Mein alter Benz hat zwar eine Klimaanlage, doch ich laboriere seit Jahren an einer chronischen Erkrankung und hatte die Anlage nie warten lassen. Also traute ich mich nicht, sie einzuschalten.
Die Akkreditierung war für 14 Uhr angesetzt. Ich fuhr bereits um sechs Uhr los, bei noch angenehmen zweiundzwanzig Grad. Auf der A2 kam ich zügig voran, vorbei am ehemaligen Grenzpunkt Marienborn, über Magdeburg Richtung Berlin. Die Verkehrsmeldungen des NDR klangen entspannt, und ich rechnete damit, gegen halb neun bereits im Hotel einchecken zu können.
Kurz hinter Magdeburg, gegen sieben Uhr, stockte der Verkehr plötzlich und stand dann vollkommen still. Maximal „Stop and go“ über wenige hundert Meter. Informierte Fahrer erzählten von Schäden an der Fahrbahndecke, die der extremen Hitze nicht standgehalten hatten. Das Thermometer kletterte unaufhaltsam. Nach einer Stunde waren bereits über dreißig Grad erreicht, meine Getränkevorräte aufgebraucht.
Verärgert rief ich beim NDR an. Man verband mich mit der Redakteurin, die bedauernd erklärte, mein Standort auf der A2 liege nicht mehr in ihrem Sendegebiet. Die Meldungen aus Sachsen-Anhalt seien nicht ihre Aufgabe. Die Fahrbahn vor uns war offenbar aufgerissen, die Autobahn voll gesperrt.
Zwischen zwei Lkws, die wenigstens etwas Schatten spendeten, fragte ich zuerst den ukrainischen Fahrer hinter mir, ob er mir eine Flasche Wasser verkaufen könne. Er zuckte nur mit den Schultern und schüttelte den Kopf. Der polnische Fahrer vor mir jedoch klappte sofort sein Lenkrad nach vorne, griff nach hinten in die Kabine und reichte mir zwei Flaschen heraus. Als ich dem Ukrainer eine davon anbot, lehnte er erneut ab. Später sah ich im Rückspiegel, wie er genüsslich aus einer eigenen Literflasche trank.
Stunden vergingen. Im Schneckentempo schob sich die kilometerlange Schlange bei immer drückenderer Hitze weiter. Gegen zwölf Uhr, bei sechsunddreißig Grad, war es dann vorbei: Vollsperrung bei Ziesar. Wir wurden von der Autobahn geleitet. Die enge Ampel am Ende der Ausfahrt ließ nur wenige Fahrzeuge pro Grünphase durch. So wurde klar, warum der Stau sich über fünfzig Kilometer und viele Stunden hingezogen hatte. Warum man überhaupt so viele Fahrzeuge in diese glühende Falle hatte fahren lassen, blieb mir ein Rätsel.
Ich drehte um und fuhr zurück Richtung Magdeburg. Mein Handy war inzwischen überhitzt und ohne Navigation. Auch die Bundesstraße war gesperrt. So kurvte ich über Kreisstraßen durch kleine, reizvolle Ortschaften. Überall nisteten Storche auf alten Schornsteinen und Türmchen. Die Häuser waren seit der Wende größtenteils renoviert, doch daneben standen noch immer die verfallenden Zeugen der DDR-LPGs und anderer volkseigener Betriebe – stumme Relikte einer vergangenen Zeit.
Keine Tankstelle, kein Supermarkt weit und breit. Meine Dehydrierung wurde bedrohlich. Schwindel, Kopfschmerzen, glühende Haut. In Gladau steuerte ich den Dorfplatz an, stellte den Wagen unter einer mächtigen alten Eiche ab und taumelte zum Kriegerdenkmal. Dort sank ich auf die Stufen. Kein Mensch war zu sehen. Nur die idyllische, fast unwirkliche Stille eines heißen Mittags in einem märkischen Dorf.
In meiner Not rief ich laut um Hilfe. Kurz darauf öffnete sich eine Haustür. Eine ältere Frau in bunter Kittelschürze kam langsam über den Platz und stellte wortlos einen tönernen Krug mit Wasser und ein Glas auf die Stufen. Ich trank, spritzte mir das kühle Wasser ins Gesicht, in den Nacken, über den Kopf. Nach einer halben Stunde fühlte ich mich wieder halbwegs lebendig. Das alles wirkte surreal und zugleich wunderbar friedlich: der alte Dorfplatz, die Frau, der Fremde am Kriegerdenkmal und sonst niemand.
Später erreichte ich die Tankstelle in Burg. Sie war klimatisiert, voll mit gestrandeten Fahrern aus halb Europa. Die Mitteldeutschen nahmen das Chaos mit einer ruhigen Herzlichkeit und einem spürbaren Gemeinschaftssinn auf, der mir als Westdeutschem auffiel. Für die Belegschaft war es ein außergewöhnlicher Tag – statt der üblichen Stammkunden strömten ständig neue, erschöpfte Gesichter herein.
Nach einigen Stunden Erholung fuhr ich schließlich über Magdeburg zurück nach Braunschweig und weiter in den Harz. Auf der Rückfahrt gab es noch eine letzte absurde Episode: An einer Raststätte wollte eine osteuropäisch aussehende Frau ihre Bockwurst und Wasser bezahlen, doch keine ihrer Karten funktionierte. Ich übernahm die Rechnung – und bemerkte zu spät, dass die Kassiererin mir auch noch sechzehn Liter Sprit berechnet hatte. Die Frau und ihr Begleiter, ein bärtiger Mann, der aussah wie ein indischer Guru, bedankten sich überschwänglich und versprachen, mir das Geld sofort zu überweisen. Wenig später rief er jedoch an und versuchte, mich um weitere Beträge zu bringen. Ich legte auf, löschte die Daten und nahm den Verlust hin. Mehr Abenteuer ertrug ich an diesem Tag nicht.
Der Kongress musste ohne mich tanzen. Wallasch erhielt keine Berichte aus Berlin. Es blieb nur diese Geschichte.
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