Von Gregor Leip
Eines der verbliebenen Opfer lernte ich in Bayern kennen, in einer Uniklinik, wo man behandelt wird, wenn man einen guten Onkologen benötigt. Matthias stand irgendwann im Patientenzimmer, in das ich bereits einige Tage zuvor eingezogen war.
Aus den Oberharzer Bergen kommend wollte ich hier meinem Krebs entgegentreten, mit dem ich mich seit einem Jahrzehnt erfolgreich auseinandersetze und zu arrangieren versuche. Hier in Bayern ist man weltweit vernetzt, und die Ärzte, Professoren und Studenten gelten als Spieler der Champions League in der Erforschung und Heilung von Krebs im Blut und im Knochenmark.
Was an Matthias sofort auffiel, war seine körperliche Einschränkung, die – wenn man sie nicht einordnen konnte – zu aberwitzigen Spekulationen führen musste. Ein nicht ausgeheilter Bruch an dem einen Arm? Nicht ausgeheilt, weil die Hand in einem merkwürdigen Winkel vom Unterarm abstand? Und die andere Hand? Sie war kleiner als die abgewinkelte und befand sich nicht dort, wo man sich bequem in die Hosentasche greifen oder am Rücken kratzen konnte, sondern höher, fast in Brusthöhe.
Später erzählte mir Matthias, der ein paar Jahre älter ist als ich, dass selbst jüngere Ärzte, denen er begegnete, nicht sofort wussten, was diese bizarr anmutende Einschränkung verursacht haben könnte.
Vorab, und auch weil mein mir lieb gewordener Mitbewohner diesen Bericht als Erster zu lesen bekommt, muss ich erwähnen, dass in unseren Gesprächen und in seinen Geschichten kaum Abweichung zum Lebensweg jeden anderen Mannes der sogenannten „Boomer“-Generation zu erkennen war. Seine Einschränkungen hatten ihn weder an den Rand der Gesellschaft verbannt, noch hatte er sich dort abstellen lassen. Matthias war so in die Welt hineingeboren worden.
Kurzer Zeitsprung zurück in die frühen 60er-Jahre: Ein beispielloser wirtschaftlicher Wohlstand hatte Deutschland erfasst. Kaum mehr als ein Jahrzehnt nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg, mit einer von Flensburg bis Freiburg zerbombten Heimat, hatte ein als „Wirtschaftswunder“ bezeichneter Wiederaufbau die Menschen von einer konservativen Nachkriegsgesellschaft in Richtung einer modernen, liberalen Gesellschaft geschoben.
Und da waren dann auch alle Neuerungen und Verbesserungen in allen Bereichen des Lebens willkommen und erlebten reißenden Absatz. So oder ähnlich muss es Matthias Mutter ergangen sein, als sie schwanger war und all die Vorzüge der modernen Gesundheitsvorsorge in Anspruch nehmen sollte und wollte. „Ungiftig und harmlos wie Zuckerplätzchen“ stand auf einem Schild über dem Paket, in dem sich einige Packungen mit jeweils 12 Tabletten befanden.
Der Hersteller empfahl besonders die Einnahme bei früher Schwangerschaftsübelkeit, aber auch Schulkinder könnten mit bis zu drei Tabletten am Tag eine gewünschte Beruhigung erreichen.
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Ein paar Jahre nach Matthias wurden mein Zwillingsbruder und ich geboren. Alles war im Aufbau, überall wurden neue Häuser und Straßen gebaut. Die Vororte lagen am Rande landwirtschaftlicher Flächen, und so fuhr man am Ende der neuen Straße einfach weiter in die Feldwege hinein, bis die Treckerfurchen zu tief oder der Boden für das Rad zu weich oder feucht wurde.
Dann schmiss man das Rad einfach hin und lief in die Wildnis hinein. Ich blieb mitunter etwas zurück, aber nicht so weit, dass ich nicht hätte hinzuspringen können, wenn dem Bruder da vorne irgendetwas passiert wäre.
Ein Junge war auf einem orangefarbenen Bonanza-Rad an uns vorbeigerast. Diese amerikanischen High-Riser-Gefährte waren ein Kindheitstraum. Damals ultimativ auf fast jedem Wunschzettel finden. Viel später hatten wir Brüder auch jeder eines. Das des Bruders war hellgrün und gebraucht. Meines lila und neu. Dafür war seins größer und damit wesentlich schneller und leichter zu bewegen. Eines hatten beide gemeinsam: eine Dreigangschaltung in der Rahmenmitte, angebracht wie eine Automatikschaltung in US-Pkws.
Der Bruder also vornweg. Er lehnte an seinem Fahrrad und winkte mich mit einer Hand herbei. Der Junge mit dem Bonanza-Rad stand neben ihm und war mindestens einen Kopf größer als wir. Sein Fahrrad lag in einer Ackerfurche und der Bruder versuchte die beiden hohen Lenkstangen wieder in ihre Position zu bringen. Ich half ihm dabei, und schnell war es erledigt. Wir drehten das Fahrrad in Fahrtrichtung Neubausiedlung und der Junge stieg auf und radelte davon.
Zu Hause erzählte Mutter uns dann, wie es zu den Missbildungen an den Armen des älteren Nachbarskindes gekommen war. Ein rezeptfreies Beruhigungs- und Schlafmittel, das auch unsere Mutter in der Schwangerschaft des älteren Bruders angeboten worden war (sie hatte es aber gottseidank nie genutzt), wurde in Stolberg von der Firma Grünenthal GmbH entwickelt und anfangs gezielt als rezeptfreies Beruhigungs- und Schlafmittel für Schwangere empfohlen. Durch die Einnahme kam es zu einer Häufung von schweren Fehlbildungen oder dem Fehlen ganzer Gliedmaßen und Organe bei Neugeborenen.
Matthias, den ich heute als 65-Jährigen in der bayerischen Klinik kennenlernen durfte, war eines dieser Neugeborenen. Einen Frieden mit seinem ganz persönlichen Schicksal hat er wohl längst gefunden. Matthias ist ein angenehmer Zeitgenosse. Ich frage ihn nach seiner Lebensgeschichte und bin dankbar, dass er sie an den gemeinsamen Abenden im Zweibettzimmer so freimütig berichtet.
Das Medikament Contergan erlebt übrigens eine Renaissance. Die Wiederentdeckung des Contergan-Mittels in den 90er-Jahren führte zu einer der bemerkenswertesten Wendungen der modernen Medizin. Contergan wird heute aufgrund seiner zellhemmenden Eigenschaften erfolgreich zur Behandlung spezifischer Krebserkrankungen eingesetzt – dasselbe Mittel, das mich selbst seit nunmehr über zehn Jahren lebensrettend begleitet.
„Der größte Komponist der Gegenwart ist das Contergankind“, schrieb Joseph Beuys 1966. Eine Performance um einen in Filz als Haut eingeschlagenen Flügel trägt auf einer Schultafel den Titel: „Contergankind“. Durch diese Metapher und die dazugehörige Performance stellte Beuys das Wesen eines behinderten Menschen dar. Ein Wesen, das schweigt, kann dennoch eine Aussage produzieren. Einen „Innenton“, wie Beuys sagt: „Der größte Komponist ist derjenige, der leidet. Der überhaupt nichts mehr machen kann.“
Der Dank gilt meinem guten Zimmergenossen Matthias!
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