Von Außenreporter Gregor Leip
Heute kurz nach 18 Uhr. Das BSW hat zur Demonstration gegen die Schließung des Russischen Hauses aufgerufen. Ich greife vor, weil mich etwas überrascht: Zum ersten Mal will ich wirklich hinein. Nicht aus politischer Pflicht, nicht aus Prinzip. Aus Interesse! Das Haus hat jahrzehntelang da gestanden, und der Blick ins Innere hat mich nie besonders beschäftigt. Jetzt, da es geschlossen werden soll, wirkt genau dieser Blick plötzlich kostbar. Kultur, Sprache, Ausstellungen, Begegnung – Dinge, die einem erst fehlen, wenn jemand sie wegnimmt.
Vor dem Gebäude, Friedrichstraße Ecke Jägerstraße, haben sich rund fünfhundert Menschen versammelt. BSW-Anhänger, DKP-Mitglieder, Leute aus anderen Friedensorganisationen. Keine junge, laute Menge. Viele ältere Gesichter, Fahnen mit Friedenstaube, BSW und DKP. Die Transparente sind schlicht und direkt: Frieden jetzt. Krieg ist ein Geschäft. Stoppt den Krieg gegen Russland. Drei Mannschaftswagen der Polizei haben die Straße direkt vor dem Haus voll gesperrt. Das Blaulicht läuft, die Fahrbahn ist zu.
Auf der Bühne spricht zuerst Alexander King. Danach Sevim Dağdelen, dann weitere Redner. Alle BSW-Verantwortlichen, die hier auftreten, sind Landtagskandidaten. Man merkt ihnen an, dass sie die Veranstaltung nicht nur abspulen. Sie wirken erleichtert und sichtlich begeistert von der Annahme. Sevim Dağdelens Rede wird immer wieder frenetisch gefeiert. Applaus, Zwischenrufe, kein Gebrüll, aber eine deutliche Zustimmung. Es regnet durchgehend. Die Leute bleiben trotzdem stehen.
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Mit einer Lücke von etwa 200 Metern liegt die Gegendemo. Vielleicht 100 bis 150 Menschen mit ukrainischen Fahnen. Dazu eine kleine Gruppe mit weiß-blauen Fahnen, die in einer mir unbekannten Sprache skandiert. Hier ist die Polizei stärker präsent, ein Aufgebot von vielleicht 100 Beamten. Wahrscheinlich ist das in Berlin so üblich, wenn zwei Kundgebungen so nah beieinanderliegen. Auffällig ist ein Polizist, der russische oder ukrainische Schrift lesen kann. Er prüft Plakate, zieht einzelne Personen heraus und lässt manche Transparente wieder einpacken. Kontrolle, nicht Eskalation.
Bis 19:30 Uhr bleibt alles ruhig. Es sieht auch nicht so aus, als würde sich daran noch etwas ändern. Die Gegendemonstranten haben sich bereits gegen 19:20 Uhr aufgelöst. Die Hauptversammlung steht weiter im Regen.
Das Russische Haus selbst ist noch zugänglich. Einzelne ältere Herren und Damen betreten es. Ob das immer so eingerichtet ist, weiß ich nicht. Jedenfalls müssen sie durch eine Metallschranke mit Detektor, bevor sie ins Innere kommen. Genau dieses Innere ist es, das mich an diesem Abend mehr interessiert als zuvor. Ein Raum, in dem noch etwas stattfindet, das nach Schließung so nicht mehr stattfinden wird.
Zwei Kundgebungen, ein nasses Haus, ein Freitagabend in der Friedrichstraße. Die einen wollen Dialog und den Erhalt eines kulturellen Orts. Die anderen sehen darin eine Zumutung. Dazwischen die Polizei, der Regen und ein Gebäude, das man erst richtig wahrnimmt, wenn man es bald nicht mehr betreten darf.
Hier die Bilder und Filme:
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