Von Dr. Corinne Henker
Glaubt man meinem Ehemann, muss ein Urlaub mit einem mindestens 8-stündigen Anflug verbunden sein - sonst zählt er für ihn nicht. Ich gebe zu: er liegt nicht ganz falsch. Schon als Kind träumte ich davon, die ganze Welt zu entdecken. Es gelang mir leider nicht, das zu meinem Beruf zu machen, also widme ich zumindest einen großen Teil meiner Freizeit und meines Einkommens dem Reisen.
Dabei landete Deutschland immer auf den hinteren Plätzen meiner Traumziele: zu schlechtes Wetter, kulturell zu nah, zu spießig, wenig schmackhaftes Essen. Ein verlängertes Wochenende am Bodensee sollte meine Meinung ändern. Zumindest ein bisschen.
Anlass war der Geburtstag eines Freundes. Wir quartierten uns also mit einer größeren Gruppe in einem familiengeführten Hotel in Unteruhldingen ein, aßen (und tranken) meist gemeinsam, verbrachten aber die Tage getrennt.
Schon mein erstes Vorurteil wurde widerlegt: das Wetter war fantastisch! Auch das Essen schmeckte besser als erwartet und ich erkannte, dass kulturelle Nähe und Spießigkeit auch ihre Vorteile haben können.
Unteruhldingen liegt direkt am Ufer des Bodensees - mit Blick auf die Insel Mainau, und ist Teil der Gemeinde Uhldingen-Mühlhofen. Hier siedelten bereits vor 6.000 Jahren Jäger und Fischer, archäologische Funde aus dieser Zeit und nachgebaute Pfahlbauten werden heute in einem Freilichtmuseum präsentiert.
Auf das eigene Auto kann man hier gut verzichten. Mit der Kurkarte darf man den öffentlichen Busse kostenlos nutzen, allerdings nicht die Schiffe der Bodensee-Schifffahrt (BSB), die u.a. nach Überlingen, Meersburg, Konstanz oder zur Insel Mainau fahren. Auch der 260 Kilometer lange Bodensee-Radweg führt durch Unteruhldingen.
Der Bodensee liegt in einer traumhaften Landschaft auf knapp 400 m Höhe an der Grenze zur Schweiz und zu Österreich und ist das größte Binnengewässer Deutschlands. Er wird vom Rhein durchflossen: der Zufluss heißt Alpenrhein, der Abfluss Hochrhein. Man kann ihn mit der BSB überqueren oder auf dem Bodensee-Radweg umrunden. Für beides sollte man ausreichend Zeit einplanen.
Die Überfahrt von Unteruhldingen zur Insel Mainau dauert etwa 20 Minuten, das Ein- und Aussteigen der Passagiere an einem sonnigen Feiertagswochenende noch einmal genauso lange. Die Insel befindet sich seit 1974 im Besitz der gemeinnützigen Lennart-Bernadotte-Stiftung und ist vor allem als „Blumeninsel“ bekannt. Durch das günstige Bodensee-Klima wachsen hier nicht nur mediterrane, sondern auch subtropische und sogar tropische Pflanzen. Zu den verschiedenen Jahreszeiten blühen jeweils verschiedene Blumenarten, die sorgfältig gepflegt werden.
Mit einem Online-Preis von 26,90 € (Erwachsene) ist der Besuch von Mainau allerdings kein Schnäppchen. Da die Tulpen auch anderswo blühten, verzichteten wir und fuhren weiter nach Konstanz.
An der Hafeneinfahrt wird man von der sich drehenden Statue der Imperia begrüßt. Die 18 Meter hohe Betonstatue wurde von Peter Lenk entworfen und 1993 aufgestellt. Die Statue widmet sich dem Konzil von Konstanz (1414-18) auf satirische Weise. Sie zeigt eine nur spärlich bekleidete Kurtisane mit Narrenkappe auf dem Kopf, auf deren nach oben gestreckten Hände zwei kleine nackte Männer sitzen: der eine mit Königskrone und Reichsapfel, der andere mit päpstlicher Tiara. Die Bedeutung ist vielfältig. Einerseits wird das Patriarchat auf die Schippe genommen: selbst die mächtigsten Männer sind Sklaven ihrer Libido, die Kurtisane hält die eigentliche Macht. Der Künstler selbst bezeichnet die Figuren auf den Händen der Imperia als „Gaukler“, die sich die Insignien der weltlichen und geistlichen Macht nur angeeignet haben:
„Und inwieweit die echten Päpste und Kaiser auch Gaukler waren, überlasse ich der geschichtlichen Bildung der Betrachter…“ (Peter Lenk, interviewt durch Jasmin Hummel: 20 Jahre Imperia. … und sie dreht sich immer noch. In: Labhards Bodensee Magazin 2013, S. 44–45).
Eine Aussage, die mit Blick auf die Regierungsdarsteller in Berlin und Brüssel auch heute nichts an Aktualität verloren hat. Die Imperia ist vielleicht die interessanteste, aber bei weitem nicht die einzige Sehenswürdigkeit in Konstanz. Gleich am Hafen befindet sich das Konzilgebäude. Es wurde im 14. Jahrhundert als Warenlager errichtet. Hier fand 1417 das Konklave des Konzils von Konstanz statt, bei dem die Spaltung der katholischen Kirche Kirche mit der Wahl von Papst Martin V. Offiziell beendet wurde - die einzige Papstwahl auf deutschem Boden. Danach diente das Gebäude wieder als Handelshaus, heute ist es ein Restaurant.
Die großen Sitzungen des Konzils fanden im Konstanzer Münster statt. Das Münster war für mehr als 1.200 Jahre die Kathedrale der Bischöfe von Konstanz, nachdem das Bistum 1821 aufgehoben wurde, wird es als römisch-katholische Pfarrkirche genutzt.
Auch das Hus-Museum steht mit dem Konstanzer Konzil in Verbindung. Hier soll der tschechische Reformator Jan Hus während des Konzils gepredigt haben - bis er am 28. November 1414 verhaftet wurde. Im Juli 1415 wurde Hus als Häretiker zum Tode verurteilt und zusammen mit seinen Schriften verbrannt. Der Hussenstein erinnert am (vermuteten) Platz der Hinrichtung an Hus’ Schicksal.
Auch jenseits der Geschichte ist Konstanz ein wunderschöner Ort für einen Stadtbummel, die geschäftige Fußgängerzone ist sauber und gepflegt. Im Gegensatz zu meiner derzeitigen Heimat Nordrhein-Westfalen findet man hier (fast) keine Kopftücher, Barbershops und Shisha-Bars, dafür interessante (und oft teure) Boutiquen und Schmuckgeschäfte sowie eine große Auswahl an Cafés und Restaurants. Auch in Konstanz hört man viele verschiedene Sprachen, aber die Atmosphäre ist deutlich angenehmer als in den Innenstädten von Essen oder Köln.
Am nördlichen Seeufer liegt Meersburg. Wichtigste Sehenswürdigkeit ist die Burg Meersburg, die als älteste bewohnte Burg Deutschlands gilt. Bereits im 7. Jahrhundert soll hier eine Burg entstanden sein, von der allerdings keine Überreste mehr nachweisbar sind. Die Burg soll ursprünglich auf die Merowinger-Könige zurückgehen, befand sich aber seit dem 13. Jahrhundert im Besitz der Fürstbischöfe von Konstanz. Sie wurde mehrfach belagert, aber nie erobert. Im 18. Jahrhundert erbauten die Bischöfe das Neue Schloss und nutzten dieses als Residenz, die Burg diente nach 1750 nur noch zu Verwaltungszwecken. Nach der Säkularisation 1802 fielen die kirchlichen Gebäude an das Großherzogtum Baden.
Heute dient die Burg als Museum. Der sehr empfehlenswerte Rundgang führt durch Wehrgänge, Folterkammer, Küche, Wohnräume, Waffenkammer, Rittersaal, und bietet traumhafte Ausblicke auf den Bodensee. In einigen Räumen wurde traditionelle Handwerkskunst in mittelalterlicher Tracht präsentiert. Die Dichterin Annette von Droste Hülshoff (1797-1848) verbrachte ihre letzten Lebensjahre auf der Burg, ihre Wohnräume und das Sterbezimmer sind beim Rundgang zu besichtigen.
Meersburg ist deutlich kleiner als Konstanz, aber ebenso idyllisch. Nach der Besichtigungstour laden zahlreiche Restaurants und Cafés mit und ohne Seeblick zur Rast ein. Mit dem Bus gelangt man schnell und günstig zu anderen Orte in der Umgebung.
Am nächsten Tag mieteten wir ein E-Bike, um die nähere Umgebung zu erkunden: eine sehr angenehme Art der Fortbewegung, auch für weniger sportliche Personen wie mich. Die Radwege sind nicht immer gut ausgeschildert, aber sie führen durch herrliche Hügellandschaften mit gelb leuchtenden Rapsfeldern, durch dichte Wälder, vorbei an Weinbergen, Seen und Storchennestern, nur selten entlang der Straßen.
Unser erstes Ziel war das Kloster und Schloss Salem. Das Kloster wurde im 12. Jahrhundert vom Orden der Zistersienser gegründet. Dieser Orden spaltete sich um 1100 im Burgund vom Benediktinerorden ab, um sich von Reichtum und Dekadenz ab- und sich stattdessen wieder dem einfachen Klosterleben zuzuwenden. Der Orden gewann schnell an Popularität und ab 1134 stiftete Ritter Guntram von Adelsreute einige seiner Besitzungen im damaligen Salmansweiler den Zisterziensern, um ein neues Kloster zu errichten.
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Das Kloster Salem unterstand nur dem Kaiser und dem Papst und prosperierte mit Landwirtschaft, Salzgewinnung und später auch Weinanbau. 1697 zerstörte ein Großbrand die meisten Gebäude, die danach im üppigen Barock-Stil wiederaufgebaut wurden - ein gewisser Widerspruch zum Gründungsgedanken der Zisterzienser. Nach der Säkularisierung gelangte Salem Anfang des 19. Jahrhunderts in den Besitz der Markgrafen von Baden.
1920 wurde die Internatsschule Schloss Salem gegründet, die heute neben dem Gründungsort Salem noch über zwei Standorte in Überlingen verfügt. Die jährlichen Gebühren liegen derzeit bei mehr als 50.000 Euro. Zu den berühmtesten Absolventen zählte Prinz Philip (1921-2021), Prinzgemahl von Queen Elisabeth II.
Neben dem Münster (erbaut im 13.-15. Jahrhundert) und dem Barock-Schloss befinden sich auf dem Gelände noch weitere interessante Gebäude aus verschiedenen Epochen, ein Feuerwehr-Museum und eine schöne Gartenanlage. Es lohnt sich, ein Ticket mit Führung zu kaufen, denn nur mit Führung gelangt man zu den prächtigsten Räumen des Schlosses: Bibliothek und Kaisersaal. Nach der Besichtigung fuhren wir zurück ans Seeufer nach Überlingen - ein weiteres idyllisches Städtchen.
Auch Überlingen besitzt ein Münster, es ist St. Nikolaus gewidmet und wurde zwischen 1350-1576 im spätgotischen Stil erbaut. Besonders beeindruckend ist der geschnitzte Altar im Stil des Manierismus (1613-16). Das Rathaus (1494) weist bereits Einflüsse der Renaissance auf. An der Seepromenade findet man zahlreiche Restaurants uns Cafés, Hauptsehenswürdigkeit ist hier jedoch der Bodenseereiter - ein weiteres Kunstwerk von Peter Lenk.
Eigentlich sollte sich der Brunnen der Ballade „Der Reiter und der Bodensee“ von Gustav Schwab widmen. Historisches Vorbild war der Elsässer Postvogt Andreas Egglisperger, der im Januar 1573 mangels Ortskenntnis unbeabsichtigt über den zugefrorenen Bodensee nach Überlingen ritt. Lenks Denkmal zeigt jedoch den Dichter Martin Walser (1927-2023), der lange in Überlingen lebte. Walser sitzt gebeugt auf einem müden Gaul, statt Stiefeln trägt er Schlittschuhe. Der Gaul wird von zwei Meerjungfrauen in die Höhe gehalten, am Boden befinden sich Skulpturen zweier Bankdirektoren und Walsers Schwiegermutter. Lenk selbst beschreibt den Dichter als „unsterblichkeitsberechtigt – Eiskunstläufer zu Pferde auf den zugefrorenen Seen Deutscher Geschichte“. Walser selbst war wenig begeistert von seinem Denkmal.
Von Überlingen fuhren wir auf dem Bodensee-Radweg zurück nach Unteruhldingen. Einen letzten Stopp legten wir an der Wallfahrtskirche Birnau ein. Die prachtvolle Barock-Kirche wurde von 1746-49 für die Reichsabtei Salem errichtet. Der Innenraum wurde im Stil des Rokoko ausgestaltet: die überwältigende Pracht solle die Besucher von der Größe und Macht Gottes überzeugen.
Typisch für den Zisterzienserorden findet man auch in Birnau mehrere Uhren. Nach den Regeln des Heiligen Benedikt führten die Zisterzienser ein Leben im strikten Takt von Arbeit und Gebet, dafür brauchten sie zuverlässige Uhren. Symbolisch weisen die Uhren auf den gelassenen und fokussierten Lebensstil der Mönche hin - und sie sind eine Erinnerung an die Vergänglichkeit der Zeit, die man deshalb sinnvoll nutzen sollte.
In diesem Sinne nutze ich auch Kurzausflüge wie diesen zur Erweiterung meines geistigen Horizonts. Meine erste Erkenntnis: ich verstehe die Wahlergebnisse in Baden Württemberg besser. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte die CDU sowohl in Konstanz (287) als auch im Wahlkreis Bodensee (293) mit Abstand die meisten Stimmen: der CDU-Direktkandidat Volker Fred Mayer-Lay erhielt am Bodensee mit 40,0 Prozent fast doppelt so viele Stimmen wie die Zweitplatzierte (20,4 Prozent), Dr. Alice Weidel. Sowohl bei den Erst-, als auch bei den Zweitstimmen erreichte die AfD in beiden Kreisen den zweiten Platz. Grüne (etwa 13-17 Prozent) und SPD (13-16 Prozent) belegten die Plätze 3 und 4.
Anders war es bei den diesjährigen Landtagswahlen. In Konstanz (WK 56) erreichten die Grünen sagenhafte 40,5 Prozent der Zweistimmen, gefolgt von der CDU mit 25,4 Prozent. Am Bodensee (WK 67) war es deutlich knapper: Grüne 31,7 Prozent, CDU 31,4 Prozent. Auf Platz 3 folgte jeweils abgeschlagen die AfD mit 11,1 Prozent (Konstanz) bzw. 17,0 Prozent (Bodensee).
Ofensichtlich ist das Leben am Bodensee noch in Ordnung und man ist deshalb mit den Regierungsparteien recht zufrieden. Migrantenkriminalität und vergammelte Innenstädte voller Shisha-Bars und Barber-Shops kennt man hier nicht. Die Corona-Schikanen ließen sich dank traumhafter Natur besser ertragen als in Duisburg oder Gelsenkirchen. Zwar steigen auch am Bodensee die Lebenshaltungskosten, doch man lebt (noch) gut im eigenen Häuschen, folgt den Nachrichten im Mainstream und gibt deshalb nicht die Regierungen der letzten Jahre die Schuld an den Dauerkrisen, sondern Trump, Putin oder auch einem Erkältungsvirus. Und mit der AfD wird sicher alles noch viel schlimmer!
Allerdings scheinen auch im tiefen Süden die Fassaden allmählich zu bröckeln. So ließ der Betreiber unseres Hotels uns gegenüber gleich zweimal seinem Frust freien Lauf: stetig steigende Preise für alles, unerträgliche Bürokratie, Steuerlast und jetzt auch noch die Gefahr, dass er sein Lebenswerk wegen der angedrohten Änderungen bei der Erbschaftssteuer nicht an seine Kinder weitergeben kann. Und so steigen auch hier die Wahlergebnisse der blauen Teufel. Das nette und fleißige Hotel-Personal hatte übrigens größtenteils einen slawischen Akzent.
Zum anderen brachte mich die Schönheit dieser Landschaft und ihrer Bauwerke zum Grübeln. Ja, Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters und man könnte sich stundenlang darüber streiten, ob die Barock-Kirchen in Süddeutschland, die Zen-Tempel in Japan, die Paläste in Versailles, Sankt Petersburg oder Rajastan schöner sind. Aber vermutlich würde die Mehrheit der Weltbevölkerung darin übereinstimmen, wo die DDR-Plattenbauten in dieser Liste einzuordnen
wären.
Es stimmte mich traurig, dass so prunkvolle Bauwerke wie die Wallfahrtskirche Birnau heute nicht mehr denkbar sind. Stattdessen baut man jahrzehntelang an Zweckbauten wie Stuttgart 21 oder dem BER-Flughafen herum - oft ohne dass etwas Vernünftiges dabei herauskommt.
Andererseits haben all die Prunkbauten der Vergangenheit auch ihre Schattenseiten. So kamen allein beim Bau von Sankt Petersburg Anfang des 18. Jahrhunderts schätzungsweise 30.000 Menschen ums Leben. In Birnau sah das sicher ganz anders aus, aber auch dieser Prachtbau wurde letztlich auf dem Rücken der dort ansässigen Bevölkerung errichtet.
Pragmatisch gesehen, ist es wohl sinnvoller, die Steuergelder für Bildung, Infrastruktur und andere Dinge zu investieren, die allen Bürgern nutzen. Wünschenswert wäre hier allerdings ein Nutzen vor allem für diejenigen, die die Steuern entrichten - nicht für die Bewohner von Regionen, die „Hunderttausende Kilometer entfernt“ liegen.
Dennoch sind Bauwerke wie die Wallfahrtskirche Birnau, der Kölner Dom oder Sanssouci wichtige Bestandteile unserer Geschichte und kulturellen Identität. Wir sollten sie auch für unsere Kinder und Enkel erhalten, statt mit unserem Steuergeld Waffen für die Ukraine zu bauen. Zumindest sollen wir – möglichst mit unseren Kindern oder Enkeln - die Zeugnisse einstiger deutscher Hochkultur besuchen, solange es sie noch gibt.
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