Von Autor und Fotograf Christian Witt
Auch am 8. Mai 2026 wurde der Bereich rund um das Brandenburger Tor wieder zu einem Ort politischer Widerworte. Neben Kranzniederlegungen an sowjetischen Ehrenmalen und weiträumigen Polizeisperren versammelten sich hier mehrere tausend überwiegend junge Demonstranten, um gegen Wehrpflicht, Musterung und die zunehmende Militarisierung des öffentlichen Lebens zu protestieren. Organisiert wurde der Aktionstag unter anderem von einem Bündnis „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ https://schulstreikgegenwehrpflicht.com , unterstützt von Gruppen der Friedensbewegung, linken Jugendorganisationen und Teilen der Bildungsgewerkschaft GEW sowie der Jungen GEW.
Lange im Vorfeld der Kundgebung traf ich am Bahnhof Gesundbrunnen die ersten Schülergruppen. Etwa dreißig Jugendliche aus Nordberlin hatten sich dort versammelt, sortierten Banner und Pappschilder, machten Fotos und besprachen den Ablauf. Die Stimmung irgendwo zwischen Schulausflug, politischer Aktion und einer durch das historische Datum verstärkten Ernsthaftigkeit.
Auf Transparenten las man „Nie wieder Krieg“, „Bildung statt Bomben“ und „Ich möchte kein Teil der Kriegsmaschinerie sein“. Die Polizei sprach von rund 1.200 Teilnehmern, die Veranstalter von ein paar tausend mehr, diese Zahlenspiele gehörten scheinbar zum Ritual dazu.
Ob nun tausend oder fünftausend: Viele Schüler zeigten ihre selbstgemalten Schilder. Neben jungen Gewerkschaftern hatten sich auch ältere Friedensaktivisten den Schülern angeschlossen. Eine Gruppe aus Ostdeutschland verkündete: „Der Osten verweigert die Wehrpflicht.“
Die Demonstration war stark rot geprägt – Gewerkschaftsfahnen, rote Transparente, sowjetische Symbole und Sternbanner dominierten das Bild. Zwischen den Jugendlichen bewegten sich erfahrene Aktivisten aus linken und friedenspolitischen Zusammenhängen.
Aus den Lautsprechern dröhnten Rap und elektronische Musik. Der Leipziger Rapper HeXer eröffnete mit seiner Anti-Wehrpflicht-Single „Gewinner“. Der Refrain „Fick den Krieg“ wurde lautstark mitgesungen.
Immer wieder hallten Sprechchöre über den Platz: „Nie wieder Wehrpflicht“, „Hoch die internationale Solidarität“ und „Kein Mensch, kein Cent für die Bundeswehr“. Besonders häufig richtete sich die Wut gegen Bundeskanzler Friedrich Merz und den geplanten neuen Wehrdienst. Der Satz „Merz, leck Eier“ wurde auf vielen Schildern zum inoffiziellen Motto des Tages.
Teil 2 nach der Galerie
Als symbolischer Höhepunkt der Demonstration stand ein Aktenvernichter auf der Bühne. Jugendliche wurden aufgefordert, ihre Bundeswehr-Anschreiben öffentlich zu schreddern – eine Reaktion auf die massiv ausgeweitete Werbekampagne der Bundeswehr. Jeder zerrissene Brief wurde mit Jubel quittiert. Das erinnerte an die USA im Würgegriff des Vietnamkrieges, damals verbrannten tausende amerikanische Männer ihre Einberufungsbefehle öffentlich als Zeichen des Protests, um sich der Wehrpflicht zu entziehen.
In Gesprächen am Rande wurde deutlich, wie persönlich viele die Debatte nehmen. „Ich habe keine Lust, für Deutschland zu sterben“, sagte ein junger Demonstrant. Eine Schülerin erklärte, sie habe die Schule geschwänzt: „Ich will meinen kleinen Bruder beschützen.“ Mehrfach fiel der Satz: „Im Notfall Widerstand.“
Die Demonstration war politisch nicht homogen. Gruppen wie „Rebell“ brachten antiimperialistische und sozialistische Parolen ein, vereinzelt waren „Viva Palästina“-Rufe zu hören. Dennoch überwog der Eindruck einer jungen Generation, die sich gegen eine Entwicklung wehrt, die sie als bedrohlich empfindet.
Genau darin lag wohl die eigentliche Bedeutung dieses 8. Mai: Wenige Meter voneinander entfernt standen jugendlicher Protest gegen eine mögliche neue Wehrpflicht und die Erinnerung an die Folgen von Militarismus und Eskalation, die Europa bereits einmal erlebt hat. Zwischen Touristen, Polizeifahrzeugen und wehenden Transparenten entstand eine eigentümliche Atmosphäre aus Geschichtsgedenken, Jugendprotest und der offenen Frage, wohin sich Deutschland politisch bewegt.
Die Demonstration zog später vom Brandenburger Tor durch den Tiergarten in Richtung CDU-Zentrale. Parallel fanden in anderen großen Städten ähnliche Proteste statt.
Einen Kommentar schreiben
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen. Aufgrund von zunehmendem SPAM ist eine Anmeldung erforderlich. Wir bitten dies zu entschuldigen.
Zur Anmeldung
Kommentare
melden
Kommentar von T S
@Ego Cogito: Richtig, und auf diese Weise wird auch ein nicht unerheblicher Teil des potentiellen Publikums vergrätzt. So bleibt der schale Verdacht daß auch hier die passende Gesinnung am Ende wichtiger ist als das vorgebliche eigentliche Anliegen. Und wenn man das noch ein Stück weiter denkt daß dieser Aktivismus wohl mehr dazu dient die eigene Anhängerschar wachsen zu lassen als wirklich gegen Kriegstreiberei zu sein. Denn wer Frieden will grenzt sich nicht ab.
melden
Kommentar von Ego Cogito
Na, wenn dann die Farbe Rot beim Protest und Widerstand überwiegt, ist ja alles in bester Ordnung. Wer hat notiert, ausgerechnet und ermittelt, für wie viele Opfer die Farbe Rot der Ausgangspunkt war? Aber Gott bewahre, nur nicht anfangen zu denken. Propaganda ist ein spezielles Geschäft, in der Regel Ablenkung vom eigenen Versagen.
Keine Gesellschaft, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart, kann überleben, wenn sie nicht bereit ist, für die eigene Existenz zu kämpfen und einzustehen! Simple, einfach und für jeden nachvollziehbar, der Hirn und Haarschopf noch im Einklang hat. Die Welt wurde und wird nicht von Pazifisten gemacht, sondern von Angreifern und Verteidigern. Leider, so ist die Menschheit und die Natur im Allgemeinen. Wer das nicht akzeptieren will und kann, wird Opfer seiner selbst oder der Entwicklung. Was ja nicht ausschließt das die falschen Propheten gelegentlich auch zum Kampf aufrufen. Ja, so ist der Mensch, als Teil der darwinschen Erkenntnisse. Nicht jeder, der zum Kampf aufruft, hat edle Motive, genauso wie derjenige der Konflikte auslöst. Am Ende geht es nur ums nackte Überleben. Im Chaos untergehen oder geordnet überleben – das ist die Entscheidung!