Von Christian Witt
Wohin steuert die Menschenwelt? Was können wir dieser Tage wissen, was können wir von all dem verstehen, das um uns herum zu geschehen scheint? Alle Regler der Verunsicherung und der Ungewissheit werden augenscheinlich hochgedreht. Eben lag alle Aufmerksamkeit des weltweiten Presserummels noch auf Maduro und Venezuela, dann wurde die Grönlandfrage wieder hochgekocht, um wenig später zu „irgendwas mit Iran“ zu wechseln. Vom Küchentisch aus, von den heimischen Polstern aus – was kann man schon wissen und beurteilen? Die Welt spiegelt sich, scheint’s, in unförmigen Scherben eines zerbrochenen Zerrspiegels. Man hört vieles, allein es fehlt am wirklichen Hineinfühlen.
Begeisterung als ich nach etlichen Stunden Flug über Reykjavik auf Grönland, in der Hauptstadt Nuuk, dem früheren Godthåb („Gute Hoffnung“), landete. Fjorde, Berge, ein großes Weiß aus Eis. Es fühlte sich an wie das Landen auf einem anderen Planeten. Und doch – in der Rückschau und ganz subjektiv – lebte ich mich in den folgenden Tagen erstaunlich schnell in diese „neue Wirklichkeit“ ein. Viele Kleinigkeiten wirkten vertraut, kamen bekannt vor. Mit Englisch kam man gut durch, mein durchwachsenes Dänisch ließ sich ausbuddeln. Ja, das Dänische, das Skandinavische, war für mich der Anker hier. Wirklich „genuin inuit“ war, wenn man von Menschen und Sprache ausgeht, beim allerersten, oberflächlichen Blick zunächst wenig zu sehen. Die andere Prägung hinter der Kulisse sollte sich mir erst später offenbaren.
Bei etwa sechs Grad über Null war das Wetter sogar außergewöhnlich freundlich. Auch mein Reiseführer Jukku, der mich auf den Hausberg führte, meinte, so viel blauen Himmel und so viel Sonne gebe es zu dieser Jahreszeit sonst eher selten. Normalerweise wären all die Felsen links und rechts beim Aufstieg zu dieser Zeit schneebedeckt.
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Meine Expedition in den fernen hohen Norden war beruflich motiviert: Stimmungen aufnehmen, Eindrücke sammeln, vor Ort hören, sehen, spüren. Für mich war das Thema Grönland ein Sprung ins „kalte Gletscherwasser“. Abgesehen vom zusammengestückelten Wissen und dem, was man dieser Tage aus Gazetten, Kommentarspalten und einschlägigen YouTube-Kanälen entnehmen konnte – und was man vordergründig für Verstehen hält –, hatte ich mich zuvor kaum tiefgehender mit Grönland beschäftigt: mit den Grönländern, ihrer Selbstdefinition, den Befindlichkeiten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, der Geschichte und der tatsächlichen Bedeutung des Landes im globalen Zirkus.
Vieles von diesem diffusen Vorwissen ist aber auch nach fast zwei Wochen vor Ort noch unausformuliert, erst im Ansatz erkundet. Das gilt auch für das trumpsche „3D-Schach“ der Weltpolitik: Andeutungen, Drohungen, ein Spielen mit Möglichkeiten, ein Ausloten der aufgeschreckten Weltöffentlichkeit. Nichts davon ist für die Grönländer abgeschlossen, auch wenn der Medienzirkus vor Ort, die Scharen von Journalisten, weitergezogen zu sein scheinen.
Das Nachwirken vor Ort geht weiter. Die Verunsicherung, der Same, den das Trumpsche Kaufangebot mit hunderten Millionen Dollar möglicherweise gepflanzt hat, könnte längerfristig wirken. Ist mit dem kurzzeitigen Fokus der Weltgeschichte ein Land vielleicht sogar aus einem friedlichen Dornröschenschlaf geweckt worden?
Für mich selbst war diese Reise eine große innere Bereicherung. Allein ausprobiert zu haben, über welche Wege man hierher gelangt, welche Alternativen es gibt – und dass man, wenn man im Winter in der Hauptstadt ist, aus Nuuk erst einmal kaum herauskommt, ohne horrende Summen für Inlandsflüge auszugeben. Flüge, die fast so teuer sind wie eine Reise von Kopenhagen hierher. Epochale Bilder, starke Momente, ein permanentes Fließen von Eindrücken. Dann, plötzlich, kamen die Eisberge den Fjord hinab. Über Nacht wurden sie auf den Strand geschoben – ein echtes Spektakel.
Jetzt, einige Tage später, beim Stopover auf Island, blicke ich zurück. Obwohl Island nicht weit entfernt ist und auf ähnlicher geografischer Höhe liegt, herrscht dort eine völlig andere Stimmung: hochtouristisch, wuselig, beinahe „kopenhagenhaft“. Im Vergleich dazu wirken die zwei Wochen auf Grönland entrückt – wie auf einem anderen Planeten. Ich bin mit meinen inneren Aufarbeitungen noch lange nicht am Ende. Immer wieder tauchen Aspekte auf, die ich nachrecherchiere. Man wird nicht über Nacht zum Grönland-Experten. Aber man lernt bei einem solchen intensiven, investigativen Besuch die Fahrwasser kennen, in denen die Debatten verlaufen: die Befindlichkeiten, die Aufgeheiztheit von Teilen der Bevölkerung, die Missverständnisse – und entwickelt zugleich ein gewisses Verständnis für das Wirken Dänemarks.
Grönland im Sommer – das wäre vielleicht noch einmal ein anderes Kapitel. Dann ist das Reisen einfacher, auch wenn man sich gegen die Sommermücken behaupten muss.
Die Grönländer sind ein sehr kleines, geschichtsbewusstes Völkchen mit kaum mehr als 57.000 Einwohnern. Gleichzeitig fällt mir die Differenzierung schwer: Wer sind eigentlich „die Grönländer“? Rund neunzig Prozent der Einwohner sind in Grönland geboren. Statistiken darüber, wie viele inuitstämmig sind und wie viele nicht, gibt es nicht, weil dies in Dänemark nicht erfasst wird. Bemerkenswert ist auch, dass etwa ein Drittel der in Grönland Geborenen inzwischen auf dem dänischen Festland lebt – rund 18.000 Menschen. Bei etwa 50.000 in Grönland Geborenen, die dort leben, ist das ein gutes Drittel. Die Verbindungen zum „Festland“, zum Königreich, sind also deutlich.
Der oft geäußerte Wunsch nach mehr Unabhängigkeit schwingt überall mit und ist vor dem Hintergrund einiger Ausreißer in der Geschichte in Teilen verständlich. Die stete Klage über Kolonialismus hingegen sehe ich nach erster intensiver Beschäftigung differenzierter. Die Phase tatsächlichen Kolonialismus war vergleichsweise kurz, insbesondere im Vergleich zu anderen Ländern an den Rändern der Welt. Vieles von dem, was heute unter Kolonialismus gefasst wird, erscheint mir eher als Kontakt zur modernen Welt – mit besonderen, ja, teils problematischen Aspekten. Die Inuit lebten bis ins 19. Jahrhundert und darüber hinaus weitgehend unabhängig nach eigenen Regeln, sofern sie nicht in dänisch geprägte Städte zogen und sich dort der städtischen Gerichtsbarkeit unterwarfen.
Würde ich wieder hinfahren? Ein deutliches Ja. Vielleicht die Reste der nordischen Kirchen und Siedlungen an der Südwestküste erkunden, vielleicht Ostgrönland besuchen. Grönland ist durch die Öffentlichkeit der zurückliegenden Wochen für eine Zeit stark in den Fokus gerückt, war zuvor eher ein Exotenziel für einige wenige Reisende. Ändert sich das nun?
In diesen Tagen landete erstmals eine Maschine von Inuit Air aus Kanada – ein Zeichen für Bemühungen um eine stärkere, übergreifende Inuit-Gemeinschaft zwischen Alaska, Kanada und Grönland. Das könnte ein nächster Entwicklungsschritt jenseits der eingeübten Diskussionen sein. Für die Grönländer, im Sinne einer „arktischen Allianz“, vielleicht ein dritter Weg. In der Hoffnung, dass eine solche Entwicklung nicht von jenen NGOs unterlaufen wird, die ein Unabhängigkeitsstreben vor allem deshalb forcieren, um den Weg für andere wirtschaftliche, pseudo-staatliche oder staatliche Interessen zu ebnen. Globale Politik kann grausam sein. Den Inuit ist zu wünschen, dass sie einen Weg finden, ihre Lebenswünsche, ihre Würde und ein Höchstmaß an echter Selbstbestimmung zu bewahren.
Was würdet ihr mir zur Klärung mitgeben für meine nächste Reise ins weiße Outback?