Ein Twitter-Thread zerstört den Traum von der Inklusion

Bericht aus der Vorhölle oder: Die Realität an deutschen Schulen

von Bertolt Willison (Kommentare: 21)

„Das Chaos wird sich selbst überlassen!"© Quelle: Twitter / Screenshot

Im Stil eines Sittengemäldes beschreibt der langjährige Twitter-User „Why So Serious?" in seinem neuesten Thread, was an deutschen Schulen immer schiefer läuft.

„Why So Serious?" bleibt lieber anonym. Ist das nicht eine Bankrotterklärung an die Demokratie mit ihrer so laut postulierten Freiheit der Meinungsäußerung, wenn man seine berufliche Zukunft nicht gefährden möchte, befürchten muss, die eigene Existenz und die seiner Familie zu zerstören, nur weil man als Insider den Schulalltag beschreibt und damit dazu beitragen will, Probleme rechtzeitig zu erkennen und sie zu lösen? Ja, es ist traurig und es wird offen ausgesprochen: Die freie Meinungsäußerung ist ein Auslaufmodell, ist nicht mehr erwunscht. So arbeitet die EU ganz offen daran, Twitter mit dem Vorwurf der Desinformation zu verbieten.

Aber noch ist es lange nicht soweit und wir haben die Chance, den Twitter-Thread von „Why So Serious?" hier zu veröffentlichen:

Bericht aus der Vorhölle oder: Die Realität an deutschen Schulen

Als Schulsozialpädagoge an einer weiterführenden Schule im Brennpunktviertel einer großen Stadt in NRW erlebe ich täglich unzählige Systembrecher als auch eklatante Systemfehler, die die normale Arbeit nicht nur stören, sondern regelrecht sabotieren und unmöglich machen. Die folgenden Berichte sind nur einige aktuelle Einblicke in meinen Arbeitsalltag.

Ich arbeite nun schon seit fast 10 Jahren in dem Bereich und habe neben zahlreicher weiterführender Schulen auch sehr viele Grundschulen, Kindertageseinrichtungen, auch Kinderheime und Wohngruppen kennengelernt. Ich bin also mit dem System wohl vertraut. Dies betone ich, da es wichtig ist, die Hintergründe zu verstehen, auch wenn ich anonym bleibe und meine Erfahrungen subjektiv sind.

Dennoch teilen viele Kollegen in ähnlichen Berufen meine Einschätzungen, auch wenn sie diese oft nur hinter vorgehaltener Hand äußern. Nicht zuletzt möchte ich mir das Thema vielleicht auch einfach von der Seele schreiben.

Das Thema Inklusion wird zwar in den Schulämtern als höchstes Ziel betrachtet, aber in der Praxis wird deutlich, dass es an vielen Schulen nur in der Theorie funktioniert. Vor allem, seitdem Sonder- und Förderschulen nach und nach verschwinden. Personal, Räumlichkeiten, Ausstattung sowie der Wille der Familie und des Jugendamtes sind oft nicht vorhanden, oder von Laissez-fairen Erziehungsvorstellungen geprägt. Diese Mängel führen zu enormen Problemen, bei denen weder inklusiver Unterricht noch normaler Unterricht möglich ist.

Inklusion heute bedeutet gefühlt, dass leistungsstarke Schüler zu Hause lernen müssen, um den inklusiv betreuten Kindern in der Klasse volle Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei umfasst die Gruppe der inklusiv betreuten Schüler nicht nur körperlich und geistig behinderte Kinder, sondern auch solche mit verschiedenen Lernschwächen, sonderpädagogischem Förderbedarf, auffälligem Verhalten und Migration.

An unserer Schule, die bei insgesamt ca. 500 Schülern vor den Corona-Maßnahmen 12 Schüler mit Förderbedarf hatte, sind aktuell 25 inklusiv betreute Schüler bestätigt. Das ist eine gesamte Schulklasse. Zusätzlich gibt es weitere 20 Schüler, die eine Förderung durch I-Helfer oder ähnliches benötigen würden, bei denen aber die Eltern aus Sorge vor Stigmatisierung Widerstand leisten, Maßnahmen durch Jugendamt nicht greifen, oder für die schlicht kein I-Helfer zur Verfügung steht.

Darüber hinaus betreuen wir 6 Schüler, die unter dem Begriff „ziel-differenzierte Schüler“ nicht am normalen Unterricht teilnehmen, sondern intensiv neben der Schulklasse betreut werden müssen, da sie emotional nicht die Fähigkeit besitzen, sich einer Gruppe einzuordnen, oder 5, 6 Schulstunden am Unterricht teilnehmen zu können, hochaggressiv sind, Autoritäten und Regeln nicht anerkennen. Diese werden wöchentlich 2–3 Std. außerhalb der Klasse betreut und sitzen dort nur ihre Pflichtschuljahre ab, bis sie in den Gassen der Gesellschaft verschwinden.

Dies bedeutet, dass 10 Prozent (!!!) unserer Schüler extrem herausfordernd sind und teilweise nicht angemessen beschult werden können. Das Problem wird noch verschärft, da auch an unserer Schule, wie an fast allen anderen Schulen auch, das Personal fehlt.

Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Sonderpädagogen, Integrationshelfer sind überall so nötig, aber absolute Mangelware. Dazu kommen zahlreiche Schüler, die einfach durch das Raster fallen, da die Bearbeitung der bestehenden Fälle bereits zu viel Zeit in Anspruch nimmt, oder weil sie z. B.: aufgrund von Depressionen etc. gegenüber den lauten Systembrechern untergehen.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass wir Klassen haben, in denen bei einer Klassenstärke von 25 Schülern 24 arabischstämmige Kinder sitzen. Dies stellt ein zerstörerisches und brandgefährliches Ungleichgewicht dar, da diese Kinder in ihrer Freizeit hauptsächlich Arabisch sprechen und nur mit der arabischen/muslimischen Kultur vertraut sind. Sie stellen Familie und in vielen Fällen sogar den Clan über alle Regeln, Gesetze und Normen der Schule, der Gesellschaft und auch des Rechtsstaates.

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Wenn nicht-muslimische Kinder in solchen Klassen sitzen, sind sie in der klaren Minderheit und werden regelmäßig rassistisch beleidigt, oft nach dem Motto "das Recht des Stärkeren". „Deutsche Kartoffel“ ist in diesem Zusammenhang noch die harmloseste Beleidigung. Dieses Problem wird häufig übersehen, da niemand Bock hat, sich mit den Familien anzulegen, oder weil es es ja nicht so schlimm sei.

Nicht selten habe ich junge Schüler aus der fünften Klasse bei mir sitzen, die mich fragen, warum die arabischen Schüler alles machen dürfen und es keine Strafe gibt, während sie selbst vielleicht bei mir sitzen, weil ein Lehrer sie dabei erwischt hat, wie sie Schwalben aus dem Fenster werfen und sie zur Strafe zu mir schickt. Woraufhin ich oft die Wogen glätten muss. Zu mir kommt alles, was sich streitet, kloppt, mobbt, anzickt, bespuckt, rassistisch beleidigt und einfach nur traurig, depressiv etc ist.

Ich weiß darauf leider keine Antwort, warum muslimische Schüler seltener bestraft werden.Tatsächlich ist es so, dass ideologisch geprägte Formulierungen auch im Lehrerzimmer Einzug gehalten haben (welch eine Überraschung). Wenn dann mal der riesige Steffen aus der sechsten Klasse dem Ali kontert und ihn als Dönerfresse beleidigt, wird sofort eine Sonderbeauftragte eingeladen, die rechtsradikales Verhalten aufdecken und korrigieren soll.

Struktureller Rassismus ist es, wenn der unterbelichtete Steffen Hakenkreuze auf sein Heft malt, während er in einer Klasse mit 24 muslimischen Schülern sitzt und nicht weiß, welcher arabische Wortfetzen gerade eine Beleidigung gegen ihn und welche gegen seine Mutter war.

Das Schulamt bietet selten Unterstützung und konzentriert sich eher auf Schadensbegrenzung. In vielen Fällen müssen die gemobbten Schüler die Schule wechseln oder Lehrkräfte, die sich aus angst um den Job nicht trauen, Missstände aufdecken. Dieses Problem ist auch in Grundschulen weit verbreitet und wird dort durch das Weiterschieben auffälliger Schüler kaschiert. Da wandern die Systembrecher in vier Grundschuljahren auch mal durch 4 verschiedene Schulen, bis man sie endlich los ist.

Die Taten der Schüler reichen dabei von den altbekannten „ich warte nach der Schule auf dich“ Prügelei bis hin zu gezieltem Mobbing oder auch körperliche Angriffe durch die gesamte Familie. Oft hören wir von Schülern nach blutigen Schlägereien, dass „Papa mir gesagt hat, dass ich schlagen soll“. Da Papa aber kein deutsch spricht und sich dazu auch noch weigert, in die Interaktion zu gehen, findet kein wirklicher Kontakt statt.

Das Jugendamt weiß über die meisten Fälle Bescheid, aber begegnet den Lehrern meistens mit müdem Schulterzucken. Neben „harmloseren“ Attacken mit der bloßen Faust sind auch Waffen wie Messer, Hammer, Schere usw. regelmäßige Funde bei aggressiven Jugendlichen.

Die Polizei im Stadtteil ist auf der Autowahlfunktion ganz oben abgespeichert. Sehr viele härtere Verbrechen werden von Schülern der fünften bis zur siebten Klasse begangen. Oft sind diese noch nicht strafmündig, was nicht nur ein Zufall ist, sondern oftmals von den Schülern offen als Grund angegeben wird, wenn sie ihr aggressives Verhalten erklären sollen. „Mir doch egal. Dein Pech. Mir passiert eh nichts“.

Dabei werden dann auch gerne mal die klärenden Lehrer zur Zielscheibe familiärer Attacken. Von Bedrohungen, über Anzeigen bis hin zu Schlägereien lassen viele Familien nichts aus, um die Schuld von sich abzuwenden.

Als männlicher Pädagoge werde ich oft direkt mit Konflikten konfrontiert, insbesondere in Situationen, in denen "die Kacke am Dampfen ist". Vor einigen Monaten wurde ich sogar von einem Vater bedroht, beleidigt und körperlich angegriffen, als ich versuchte, einen Schüler vor einem gewalttätigen Angriff zu schützen. Solche Vorfälle sind keine Seltenheit, aber sie werden selten bekannt.

Die Realität an deutschen Schulen in sozialen Brennpunktvierteln ist aus meiner Sicht dem Untergang geweiht und geprägt von schwerwiegenden Systemfehlern, die eine Implosion unausweichlich erscheinen lassen. Viele Lehrer überlegen, beruflich abzuwandern.

Ich möchte hier auch nicht die deutschen Familien aus den entsprechenden Stadtteilen in den Schutz nehmen. Oftmals sind dies die Familien mit den größten Problemen, vor allem weil es wahrscheinlich die Letzten sind, die sich einen Umzug in eine andere Stadt oder ein anderes Bundesland nicht leisten konnten.

Auch beobachte ich dort einen stark erhöhten Anstieg an rechtsradikalen Ideen, vielleicht auch als Folge der eigenen Ohnmacht, oftmals aber auch der eigenen Dummheit.

Inklusion bleibt oft nur ein vages, undefiniertes, theoretisches Konzept, während Gewalt und Übergriffe an der Tagesordnung sind. Es gibt natürlich Schulen, an denen dieses Konzept blendend funktioniert, Schulen die aus eigenständiger Arbeit heraus mit genügend Personal und dem Willen aller Beteiligten etwas ändern können, aber oftmals sind dies Vorzeigeschulen. Prestige-Schulen, die von politischen Würdenträgern besucht werden und für ihr inklusives Konzept gefeiert werden, obwohl dahinter eine Finanzierung steckt, die die allermeisten maroden Schulen nicht als Grundlage haben.

Ich möchte betonen, dass es woanders etwas besser vor sich gehen mag. Ich berichte hier aus den Elendsvierteln, von denen man öfters hört. Bitte bedenken Sie dies, bevor sie sich hier auf Twitter empören.

Danke fürs Lesen und für Fragen stehe ich gerne bereit.

Zwei Stunden später tweetet „Why So Serious?" ein hoffungsvolles Nachwort:

Ich bin sicher, dass mit der richtigen Struktur, Disziplin und pädagogischer Klarheit auch noch so wild zusammengewürfelte Kulturen im Lernen einen gemeinsamen Nenner finden können. Es hat nur niemand Interesse daran. Das Chaos wird sich selbst überlassen!

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