Von Christian Witt
Ich sitze an der türkisch-iranischen Grenze in einem kleinen Bretterbuden-Café. Weil ich nur einen „großen“ 100-Lira-Schein dabei hatte – umgerechnet etwa zwei Euro –, wurde mir der dampfende schwarze Tee kurzerhand geschenkt.
Zwischen meinem letzten Bericht von der armenisch-iranischen Grenze und diesem Ort liegen etliche Reisetage – und erschreckend wenige Kilometer Luftlinie: Bis ins armenische Agarak sind es nur 250 Kilometer. Aber um hierher zu gelangen, musste ich über Jerewan, Tiflis und Istanbul reisen – fast 3000 zusätzliche Kilometer, der aktuellen Weltgeschichte geschuldet.
Vom Flughafen in Van und vom Vansee im äußersten Osten der Türkei aus sind es etwa achtzig Kilometer bis hierher nach Kapıköy („Razi“ auf Farsi). Die Straße führt zunächst aus der Stadt hinaus und schlängelt sich dann stetig hinauf ins türkisch-armenische Hochland. Sie ist gut ausgebaut, fast durchgehend breit und neu.
Die Landschaft links und rechts liegt noch tief im Winter. Schneebedeckte Hänge schimmern perlmuttartig im Sonnenlicht. Hinter fast jeder Bergkurve öffnet sich der Blick auf einen hellblauen See. Über allem ein Himmel, klar und stahlblau wie an den schönsten Wintertagen. Das Licht ist so hell und grell, dass Berge und Täler schwarz in scharf geschnittenen Konturen erscheinen.
Am türkisch-iranischen Grenzübergang selbst herrscht ein gemächliches Kommen und Gehen. In der teppichbehangenen Teestube sitzt mit mir ein gutes Dutzend Reisende aus dem Iran. In der Mitte bollert ein Kanonenofen. Frauen mit Hund, Familien mit Kindern, Menschen mit schweren Taschen lassen sich zwischen Rollkoffern und Rucksäcken auf Fensterbänken oder kleinen Hockern nieder und warten auf ihre Busse oder Taxis, die draußen in langen Reihen stehen.
Ist das schon der Beginn des befürchteten großen Trecks über die Türkei in Richtung Europa?
Viele Frauen reisen mit ihren Müttern oder Familien, meist westlich gekleidet, oft ohne Kopftuch. Kinder laufen zwischen den wartenden Gruppen umher. In einem regelmäßigen Rhythmus, etwa alle dreißig Minuten, kommen neue Gruppen von der iranischen Seite herüber – jeweils dreißig bis fünfzig Menschen. Wer hier schon beginnt hochzurechnen, für den könne sich die Summen schnell zu einem Problem auftürmen. Aber für wen?
Ein leiser, steter Strom über diese Grenze. Nur wenige Menschen zieht es in die Gegenrichtung Iran. Die, die jetzt hinübereilen, sind noch verschlossener als jene, die ankommen. Meldungen der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu sprechen von rund zweitausend Grenzgängern täglich in beide Richtungen – einem ausgeglichenen Verhältnis. Das kann ich vor Ort nicht bestätigen.
Vor dem großen orientalisch-ornamental verzierten Grenzportal sammeln sich die weißen Kleinbusse in kleinen Pulks. Fahrer sprechen die Ankommenden an und bieten Fahrten nach Van an. Die Stimmung wirkt gelöst, professionell und geübt geschäftig. Türkische Sicherheitskräfte sind zwar präsent, schauen nach dem Rechten, halten sich aber auffallend zurück.
Kurz werde ich gefragt, für welches Medium ich unterwegs bin. Der junge Grenzer lächelt, salutiert und verabschiedet sich mit einem „Good Luck“. Immerhin ist er nicht enttäuscht, dass er Wallasch und Tichy nicht kennt.
Links und rechts der Grenzeinrichtung stehen einige Soldaten und Fahrzeuge des Militärs, doch alles wirkt unaufgeregt organisiert. Die Beamten treten freundlich auf, eher beobachtend als kontrollierend.
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Unweit des Grenzgebäudes warten außerdem ein Bus des Roten Halbmonds und ein Wagen der Vereinten Nationen mit blauem „UN“ auf beiden Türen. Beide wirken eher vorsorglich beordert. Es scheint im Moment keinen besonderen Bedarf zu geben – die Fahrzeuge stehen bereit, werden aber nicht benötigt – Einsatz für den Fall der Fälle also.
Unübersehbar sind die internationalen Fernsehteams. In Gruppenstärke vertreten ist die BBC mit Kameramann, Reportern und zwei Übersetzern. Auch Teams des türkischen Senders TRT, Polsat News aus Polen sowie des portugiesischen Privatsenders SIC sind vor Ort. Deutsche Fernsehteams habe ich nicht gesehen.
Der BBC-Kameramann erzählt mir, dass es merklich schwierig sei, Ankommende für Interviews zu gewinnen. Viele wollen sich nicht öffentlich äußern. Aber schließlich – ich stelle mich dazu – spricht doch ein älterer Mann mit dichtem Schnauzer und in gutem britischem Englisch in die Kamera. Neben ihm steht sein kleiner schwarzer Rollkoffer. Er klärt die fragenden Journalisten darüber auf, dass im Ausland viel Unwahres über das Leben im Iran verbreitet werde.
Auf die Nachfrage des britischen Reporters, ob er wirklich von Lügen spreche, antwortet er ohne zu zögern: „Ja, definitiv. Ausgemachte Lügen.“
Die kleine Teestube, in der ich sitze, ist heute die einzige geöffnet Bewirtung hier. Verkauft werden Schokoriegel, Wasser und Tee. Ein paar Buden weiter bietet jemand Ersatz-Rollkoffer und Reisezubehör an – aber gänzlich ohne Zuspruch. Viele weitere kleine Selbstbaubuden entlang der Straße stehen leer.
Die zusammengezimmerten Läden müssen schon umsatzstärkere Zeiten gesehen haben. Gestern haben, so erfahre ich noch im Gespräch mit den Kollegen, organisierte Reisegruppen aus Thailand und aus mehreren afrikanischen Ländern den Übergang passiert, koordiniert von ihren Botschaften.
Auf dem Weg hierher hatte ich am Flughafen zudem eine Gruppe von Kurden getroffen, die in den Iran zurückkehrten – auf dem Weg nach Hause. In gutem Englisch gaben sie mir noch die besten Tipps für Van und die Reise zur Grenze.
Und während draußen wieder ein neuer Kleinbus hält und sich eine weitere Gruppe von vielleicht vierzig Menschen mit ihrem Gepäck auf die Sprinter verteilt, sitze ich mit meinem geschenkten Tee in der Hand und beobachte diesen stillen, gleichmäßigen Strom von Menschen.
Für die kommenden Tage steht noch eine Fahrt nach Erbil an. Sicherlich eine der größeren Herausforderung dieser Reportagereise für Wallasch und Tichy. Erbil ist Hauptstadt und Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Der Iran ist hier kaum weiter entfernt, als die Strecke Hannover bis Hamburg. Die Kurden erwägen, Trump und Netanjahu gegen den Iran zu unterstützen. Teheran wird also auch nach Erbil schauen. Nur schauen oder bald auch schießen?