Von Gregor Leip
Rekord-Handelsdefizite, kollabierende Exporte und der rasante Verlust von Marktanteilen in genau jenen Branchen, auf denen unser Wohlstand ruhte: Automobil, Maschinenbau, Hochtechnologie.
Die aktuelle Bundesregierung unter Friedrich Merz muss sich eingestehen, was Kritiker seit Jahren als eine düstere Prophezeiung verkündet haben: Deutschland hat sich selbst entkernt.
Jahrzehntelange Naivität, einseitige Abhängigkeit und der ungebremste Abfluss unserer besten Technologien haben den Industriestandort strukturell ausgeblutet. Mit unserer Hilfe.Rückblickend war der Umgang mit China eines der verheerendsten strategischen Fehler seit 1945. Was Politik und Wirtschaft zuletzt unter 16 Jahren Merkel Regierung als „Wissensaustausch“ und „Chance“ feierten, entpuppt sich heute als gigantischer, einseitiger Ausverkauf deutscher Ingenieurskunst.
Ein Beispiel: Im Jahr 2016 wurde das Undenkbare Realität: Der Augsburger Roboter-Pionier Kuka wurde an den chinesischen Midea-Konzern verkauft. Die bittere Wahrheit lautete: Ohne die richtige Software ist jeder Roboter nur teures Schrottmetall. Und genau diese Software hat China damals geschenkt bekommen – die hochpräzise KUKA Robotersprache (KRL), ausgefeilte Steuerungssysteme für komplexeste Bewegungsabläufe, Cloud-Plattformen, die ganze Fabriken vernetzen, und Simulationssoftware, mit der man komplette Produktionslinien am Bildschirm testen kann, bevor auch nur eine Schraube real montiert wird.
Kuka war das leuchtende Aushängeschild der „Industrie 4.0“. China kaufte kein Unternehmen – es kaufte ein komplettes technologisches Ökosystem. In Berlin gab es kurz Panik, dann kam das sogenannte „Lex Kuka“, eine halbherzige Verschärfung des Außenwirtschaftsrechts. Heute darf man Übernahmen kritischer Technologien ab 20 Prozent prüfen, aber das ist zahnlos und viel zu spät.
Das wohl dramatischste Kapitel allerdings schreibt bis heute Volkswagen. Seit den 1980er Jahren eroberte VW China über Joint Ventures mit SAIC und FAW. Der Preis für den Marktzugang war hoch: Produktions-Know-how, Motorentechnologien, komplette Plattformen und Fertigungsgeheimnisse flossen in chinesische Hände. Die Partner lernten eifrig, bauten eigene Lieferketten auf und verwandelten sich von willigen Zulieferern in gnadenlose Killer-Konkurrenten. Heute regieren BYD, Geely und NIO den Elektroauto-Boom.
Und die bittere fast zynische Pointe ist: Während VW in Europa Werke schließen muss, weil die Kosten explodieren und die Nachfrage einbricht, wird ernsthaft darüber verhandelt, dass genau diese chinesischen Konzerne die verwaisten deutschen Standorte übernehmen – Osnabrück, Dresden und weitere.
Deutsche Ingenieure haben jahrzehntelang die Technologie geliefert, mit der China seine Vorherrschaft aufbaute. Nun stehen die Chinesen vor der Tür und kaufen sich die leeren deutschen Fabrikhallen. Ein perfider, selbstverschuldeter Teufelskreis.
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Der große Technologie-Transfer lief aber nicht nur über Joint Ventures in China. Tausende chinesische Studenten (über 42.000 allein im Wintersemester 2022/23) studieren auf Kosten des deutschen Steuerzahlers – Hunderte Millionen Euro jährlich. Parallel dazu zwingen Joint-Venture-Regeln in China deutsche Konzerne zur Offenlegung ihres wertvollsten Wissens. Deutschland machte in den letzten Jahrzehnten alle Türen auf. Peking dagegen hält sie nur für sich selbst auf.
Nun kommt die Rechnung mit Zins und Zinseszins. Der erste China-Schock hat uns Billigimporte beschert. Der zweite zerlegt das Herz der deutschen Wirtschaft: Automobil, Chemie, Maschinenbau. Chinesische Überkapazitäten, massiv subventionierte Dumping-Exporte und ein explodierendes Handelsdefizit sorgen für Werksschließungen, Massenentlassungen und eine schleichende Deindustrialisierung. Und die deutsche Regierung sieht seit Jahren unter Merkel, Scholz und nun Merz tatenlos zu.
Die Abhängigkeit und Akzeptanz des chinesischen Vorteils der letzten Jahrzehnte hat sich als tödliche strategische Falle entpuppt. Der Schaden ist nicht mehr umkehrbar. Was einst als harmloser Austausch verkauft wurde, entpuppt sich systematische Plünderung unseres wertvollsten Kapitals: deutschen Erfinder- und Ingenieurgeists.
Wir lernen brutal aber immer noch ohne Gegenwehr: Offenheit ohne Gegenseitigkeit bleibt volkswirtschaftlicher Selbstmord. Ob die aktuelle Regierung endlich aufwacht und echte Gegenseitigkeit und den Schutz kritischer Technologien durchsetzt, entscheidet darüber, ob vom industriellen Rückgrat Deutschlands noch etwas zu retten ist. Oder ob wir zusehen müssen, wie der letzte Rest unserer einstigen Stärke unter chinesischer Flagge weiterverarbeitet wird. Bislang sieht es leider ganz danach aus.
Da ist es kein besonderer Trost, dass es den Amerikanern nicht anders geht: Der chinesische Staatsführer bat US-Präsident Trump in etwa, nicht bissig zu werden, in der Erkenntnis, das China die US als Wirtschaftsmacht gerade abgehängt hat.
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