Rund 2000 Besucher in der Festung Mark, eine Woche vor der Wahl

BSW-Festival in Magdeburg: Corona, Medien, Russland – acht Stunden Gegenstimmen

von Alexander Wallasch

Christian Witt war für uns vor Ort© Quelle: Christian Witt Galerie

In der Festung Mark versammelt das Bündnis Sahra Wagenknecht Journalisten, Wissenschaftler und Publizisten, die in den vergangenen Jahren öffentlich widersprochen haben. Es geht um Corona-Aufarbeitung, Meinungsfreiheit, Hochschulen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Krieg. Der Tag ist Wahlkampf – und zugleich Selbstvergewisserung eines Milieus. Ob ein Festival der Gegenstimmen den Mainstream überhaupt auf der Bühne braucht, bleibt die offene Frage. Den vollständigen Bericht von Christian Witt gibt es als PDF.

Festival der GegenstimmenVon Christian Witt

Drei Gongs. Dann der Scherz: „Eigentlich müsste ich jetzt sagen: Guten Tag, meine Damen und Herren. Hier ist die Tagesschau.“ Pause. „Das lassen wir aber jetzt weg.“ Gelächter. Der Ton ist gesetzt.

Festung Mark, Magdeburg. Dicke Mauern, Gewölbe, Höfe. Ein Bau, der einmal abgrenzen sollte. Heute soll es um Widerspruch gehen. Ein Gastgeber sagt: „Meinungsfreiheit beweist ihren Wert nicht im Konsens, sondern dort, wo Reibung entsteht.“ An diesem Anspruch muss sich der Tag messen lassen.

Die Zahlen steigen im Laufe des Sonntags: erst 1.350, später rund 2.000 Besucher. Für eine junge Partei vor der Fünf-Prozent-Hürde ist das kein Zufall. Es ist Wahlkampf – aber ein anderer.

Acht Stunden Programm, eine Gästeliste zum Augenreiben: Krone-Schmalz, Guérot, Dahn, Varwick, Homburg, Häring, Meyen, Schreyer, Lausen, Teske und andere. Nicht alle sind BSW. Viele haben in den vergangenen Jahren widersprochen, manche mit persönlichen Folgen. Versammelt wird weniger eine Strömung als ein Milieu der Gegenstimmen.

Corona zuerst. Schreyer, Barucker, Lausen fragen nicht nur nach „zu viel“ oder „zu wenig“, sondern nach Verfahren: Wer wusste wann was? Warum klafften interne Einschätzung und öffentliche Sprache auseinander? Das Publikum muss davon nicht überzeugt werden. Viele fühlten sich lange allein. Nun sitzen Tausend andere im Saal.

Dann Homburg. Aus Theorie wird Biografie. Er erinnert an sein Interview vom April 2020 und fragt, was geschieht, wenn abweichende Einschätzungen nicht mehr als Meinung gelten, sondern als Problem. Eine Stärke des Tages: Argumente bekommen Zeit.

Festung Mark, Magdeburg. Draußen Festivalwetter. Zelt, Tische, Essen, Tischtennis. Man erkennt Gesichter, redet sich fest. Über Angst, Treibjagd, verlorene Freundschaften. Reden befreit. Vielleicht die schlichteste Beobachtung.

Häring spricht vom „Wahrheitskomplex“ und verschiebt die Frage: nicht nur „Darf ich das sagen?“, sondern „Was kostet es mich?“ Krone-Schmalz trennt Verstehen von Rechtfertigen. „Es ist in unserem Interesse, Russland zu verstehen.“ Falsche Voraussetzungen, sagt sie, kosten in der Politik mitunter den Frieden. Ihr Schlusssatz: Diplomatie sei Kernkompetenz von Politik, nicht Waffenlieferung.

Guérot fragt, wo wissenschaftlicher Konsens ende und Konformitätsdruck beginne. Teske, sechs Jahre bei ARD-aktuell, stellt die bessere Medienfrage: nicht „Werden Lügen erfunden?“, sondern „Wie entsteht Auswahl?“ Homogenität braucht keinen Befehl.

Festung Mark, Magdeburg. Die Titel-Frage bleibt: Warum sitzt niemandem ein entschiedener Gegenspieler gegenüber? Vielleicht waren sie nicht zu haben. Vielleicht brauchte dieser Tag sie auch nicht. Der Mainstream ist jeden Abend da. Hier gehörte die Bühne den anderen.

Zum Schluss Wagenknecht. Jetzt ist es unübersehbar Wahlkampf. Spannend bleibt die institutionelle Frage: Wie müsste ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk aussehen, den auch seine Kritiker wieder als ihren Rundfunk begreifen?

Mit der AfD gibt es Überschneidungen. Das BSW erzählt trotzdem eine andere Geschichte: Frieden, soziale Sicherheit, Industrie, Energiepreise, Meinungsfreiheit – und den Rest einer alten linken Idee, dass Politik Lebensbedingungen verbessern soll. Der „Magdeburger Weg“ setzt auf Mehrheiten nach Inhalt, nicht auf automatische Blockade.

Der Sonntag täuscht nicht über die Probleme der Partei hinweg: interne Konflikte, das Verhältnis zur AfD, die Abhängigkeit von der Gründerin. In Magdeburg funktioniert der Spagat. An der Wahlurne entscheidet sich das später.

Was bleibt? Der Tag war kuratiert. Die Grundannahmen im Saal ähnelten sich. Und doch: Die Leute waren da. Rund 2.000. Sie kamen zum Zuhören – und zueinander.

Hier sucht nicht nur eine Partei Wähler. Hier sucht eine Gegenöffentlichkeit Heimat. Ob daraus eine dauerhafte Erzählung wird, ist offen. Vielleicht muss vorher etwas anderes geschehen: dass diese Stimmen überhaupt wieder hörbar sind.

Die Tore der Festung standen einen Sonntag lang offen. Drinnen gehörte die Bühne den anderen.

 

Wer die ausführliche Fassung mag, hier Christian Witts Bericht in voller Länge zum Nachlesen:

Festival der Gegenstimmen – Von Christian Witt

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