Von RA Dirk Schmitz M.A.
Anfang November 2026 kämpft die 10. Panzerdivision unter Generalmajor Jörg See in Litauen in gleich zwei „Übungen“ gegen den russischen Feind: „Freedom Shield 26-II“ der Panzerbrigade 45 in Rūdninkai und „Grand Eagle 26“ der Panzergrenadierbrigade 37 in Pabradė. Mehr als 6.000 deutsche Bundeswehrangehörige nehmen teil. Die Division führt die Verbände aus Litauen und aus Veitshöchheim, von der Alarmierung bis zur Rückkehr. Es geht um unsere militärische Angriffsbereitschaft an der NATO-Ostflanke.
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Beim letzten Einsatz im Baltikum verlor unsere Truppe alles. Über 140.000 tote Soldaten, auch aus Veitshöchheim.
Zum Materialansatz dieser Novemberübungen nennt die Bundeswehr keine belastbare Gesamtzahl von Panzern, Schützenpanzern, sonstigen Fahrzeugen oder „Luftfahrzeugen“ – gemeint sind Hubschrauber, die nicht schießen können, oder Soldaten, die sich lieber krankmelden. Bei der früheren Übung „Freedom Shield“ im Juni waren 2.900 Soldaten und 800 Fahrzeuge beteiligt, darunter Leopard 2 A6 und Puma S1. Nach den bisherigen Ukraine-Erfahrungen eher Kanonenfutter, standen sie dort im sicheren Lager, nicht an der Front.
Der Kriegskommandeur liefert die Schlagzeile: Generalmajor See nennt als Ziel der „Warfighting Division“ das „ganzheitliche Erlangen von Siegfähigkeit“ und erklärt: „Es gibt keinen zweiten Sieger im Krieg.“Das ist keine polemische Fremdzuschreibung. Es handelt sich um die offizielle Sprache des Heeres. Die Division nennt auf ihrer Internetseite ihren Anspruch, „im Ernstfall erfolgreich kämpfen und siegen“ zu können.
Noch deutlicher wird der Gegner in einem Beitrag des InfoBriefs Heer vom Dezember 2025 benannt: Für den Fall eines russischen Angriffs auf die NATO im Baltikum sei der politische Auftrag der militärische Wille und die Fähigkeit, den „Landkrieg gegen russische Streitkräfte“ aufzunehmen, erfolgreich zu führen und „siegreich zu beenden“.
Dort ist auch von der Entwicklung hin zu „more lethal“ – tödlicher – die Rede. Im Februar 2026 beschreibt ein Offizier des Divisionsstabs die Fähigkeit, „Schlüsselelemente des Gegners in der Tiefe des Raumes gezielt zu bekämpfen“. Die strategische Zielrichtung ist unmissverständlich auf Angriff.
Offen bleibt, wie tief diese „Tiefe“ im konkreten Einsatzfall reicht. Gleich bis Moskau?
Der Zweite Weltkrieg begann mit der Lüge der Verteidigung. Hitler erklärte am 1. September 1939 im Reichstag: „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!“ Zuvor sagte Hitler: „Polen hat nun heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen.“
Jeder Angriff ist Verteidigung: Die Bundeswehr veröffentlichte für die Stabsübung „Warfighter 26“ ein Szenario, in dem Russland Polen und das Baltikum angreift, NATO-Kräfte verteidigen – dann zum weiten Gegenangriff antreten. Das ist die belegte Planung eines „Gegenangriffs“ auf russisches Territorium im Rahmen eines „Verteidigungsszenarios“.
Wer Siegfähigkeit, weitreichendes Feuer und Gefechtsführung „in der Tiefe“ zusammendenkt, muss die Frage stellen: Warum endet der Operationsplan nicht an der russischen Grenze – warum werden Ziele tief im russischen Raum erfasst? Wer legt die politischen Grenzen fest?
Helmuth von Moltke der Ältere meinte scharf, dass die Politik entscheide, ob Krieg beginnt. Sobald er begonnen hat, beanspruchten er und die Generäle das Kommando. Auch gegen Bismarck.
Und hier sollte einem mit Bismarck noch deutlich wohler sein, als mit Merz. So meinte der Kriegskanzler: „Wir leben nicht im Krieg, aber wir leben auch nicht mehr im Frieden.“
Er erläuterte diese Aussage mit den Worten: „Das sind alles Formen der hybriden Kriegsführung gegen Deutschland.“ Dabei sprach Merz von unbewiesener Sabotage, Ausspähversuchen und Angriffen auf deutsche Datennetze durch Russland. Er warnte ohne Tatsachen vor weiteren russischen Aggressionen, die über die Ukraine hinausgingen. So beginnen Weltkriege.
Christopher Clark beschrieb in „Die Schlafwandler“ die europäischen Entscheidungsträger, die Europa in den ersten Weltkrieg führten, wie folgt:
„…wachsam, aber blind, von Albträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten.“
Der Krieg beginnt im Kopf und bei der Sprache. Worte sind im Militär keine Dekoration. Sie beschreiben Aufträge, prägen Erwartungen und bereiten Entscheidungen vor. „Kriegstüchtigkeit“, „Warfighting“, „Siegfähigkeit“ und „more lethal“ markieren eine demonstrative Abkehr der Sprache von Präsenz, Verteidigung und defensiver Krisenbewältigung.
Wer so spricht, will nicht abschrecken. Er ist heiß darauf, einen Krieg zu führen und gewinnen zu können. Die deutsche Geschichte macht diese Wortwahl besonders empfindlich. Die Operationsberichte des Zweiten Weltkriegs kennen „Durchbruch“, „Vorstoß“, „Verfolgungskämpfe“ und „Kesselschlacht“ – etwa im Feldzug der damaligen „echten“ 10. Panzer-Division 1941 in Richtung Moskau.
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Diese Wörter sind militärische Fachbegriffe und nicht exklusiv nationalsozialistisch. Auch „Sieg“ ist kein verbotener Begriff. Der historische Klang entsteht aus ihrer Häufung, dem Pathos des Gewinnens und dem dauerhaft benannten russischen Gegner.
Die 10. Panzer-Division der Wehrmacht wurde im Mai 1943 vernichtet. Der letzte Kommandeur, Generalleutnant Friedrich Freiherr von Broich, ging am 12. Mai 1943 mit den Überlebenden der Division in Kriegsgefangenschaft. Die Gefangenen (insgesamt etwa 84 Generäle und weitere Stabsoffiziere) waren in einem Schloss bei London untergebracht, oft in eigenen Zimmern mit Sofa, Schrank, Tisch, Stuhl und fließend heißem Wasser. Die Zimmer waren mit Bildern aus deutschen Kunstkalendern geschmückt. Die Gefangenen selbst beschrieben die Unterbringung als „sehr zufriedenstellend“ und angenehm. Die Behandlung war bewusst höflich und „gentlemanlike“ – die Briten nannten sie intern „unsere Gäste“. Zeitgleich verreckten hunderttausende einfache Soldaten in russischer Kriegsgefangenschaft und zehntausende auf den Rheinwiesen unter amerikanischer Aufsicht.
Der bekannteste Offizier der Division war Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der dort Anfang 1943 als Erster Generalstabsoffizier (Ia) diente und schwer verwundet wurde. Zu seinen Ehren benannte die Bundeswehr 1959 die heutige 10. Panzerdivision nach der alten.
Vielleicht sollte Merz aufpassen, wenn die Division im wohl von ihm herbeigesehnten Krieg Offiziere ohne linke Hand, ohne rechtes Auge sowie mit zwei fehlenden Fingern der rechten Hand ins Berliner Kanzleramt schickt. Herbeigesehnt? Dann enden endlich die lästigen Dialoge über den unfähigen Merz und dessen untergehendes Parteisystem. Der Kriegskanzler ist dann reif für die Geschichtsbücher.
Und selbstverständlich lesen russische Stellen die deutschen Texte, übersetzen und werten aus. Warum sollte Moskau diese Sprache als friedenssichernde Rhetorik verstehen? Russische Propaganda verwertet die Zitate auch als Beleg eigener Bedrohungserzählungen. Und in der Tat: Russland befindet sich noch nicht im Krieg mit Deutschland.
Merksatz für eine spätere Rückschau: Rhetorisch sind wir im Verhältnis zu Russland die Aggressoren.
Ein Verteidigungsbündnis muss verteidigungsfähig sein. Das schließt offensive Gefechtshandlungen nicht aus. Der Satz „Wir können gewinnen“ – nicht „Wir schlagen den Feind zurück“ – macht verdächtig.
Trotzdem ersetzt er keine Antwort darauf, was „Gewinnen“ konkret heißt: Die Bündnisgrenzen wiederherstellen, gegnerische Verbände auf russischem Boden schlagen oder weitergehende Kriegsziele verfolgen? Durchmarschieren bis an die vorgeschobene ukrainische Ostgrenze? Oder weiter? Das war die Schwäche der NATO-Politik von Anfang an: Was ist exakt „unser Ziel“?
Wer den Sieg zum Leitwort macht, muss seine Grenzen benennen. Sonst beginnt die Eskalation nicht erst auf dem Schlachtfeld, sondern in den Köpfen derer, die die jeweils andere Seite lesen. Und in Russland über Atomwaffen verfügen.
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