Erst in diesem einen Moment wurde meiner Mutter bewusst, wie groß ihre Einsamkeit war

Corona im Heim: „Ich habe ihr versprochen, dass ich bis zum Schluss bei ihr bleibe“

von Ulrike Stallbörger (Kommentare: 13)

„Niemals werde ich den Moment vergessen, als meine Mutter mit einer Maske im Gesicht und merklich abgemagert im Rollstuhl auf der anderen Seite des Fensters erscheint und hemmungslos beginnt zu schluchzen, als sie mich sieht.“© Quelle: Pixabay / Sabine van Erp

Ein Text gegen das Vergessen. Diese Schilderung aus einem Alten- und Pflegeheim – später aus dem Krankenhaus – endet mit dem Tod der Mutter. Die Tochter schickt diese herzzerreißende Geschichte als Chronik und Appell in die Welt.

Autorin Ulrike Stallbörger hat das letzte Jahr ihrer Mutter in einem Pflegeheim aufgeschrieben. Ein Text mit dem Potenzial, zum Fanal wider das Vergessen zu werden: Vergesst nie, was wir den Alten angetan haben!

Der hier bewusst nüchtern angelegte Erzählstil ermöglichte es der Tochter, die Chronik des letzten Jahres und das Sterben ihrer Mutter aufzuschreiben. Selten war Literatur so wahrhaftig.

Für mich ist dieser Text ein kleines Meisterwerk. Aber darum geht es hier gar nicht. Es geht um einen Moment großer Wahrhaftigkeit. Was die Autorin erzählt, ist wahrhaftig herzzerreißend.

Die Wucht der Anklage gegen das Corona-Regime ist hier selbstverständlich impliziert.


Chronik und Appell

Von Ulrike Stallbörger

Zum 1. Oktober wurde die Maskenpflicht in Pflegeheimen wieder eingeführt. Zeit für einen Rückblick und einen Appell.

Im Herbst 2019 habe ich (alleinerziehend, voll berufstätig, 3. Stock Altbau ohne Aufzug, einziges sich kümmerndes Kind) keine andere Wahl, als meine damals 91 Jahre alte Mutter nach einem schweren Sturz in einem Pflegeheim in Berlin betreuen zu lassen. Ich beschränke mich an dieser Stelle bewusst auf die Fakten allein und lasse meine Gefühle in dieser Zeit außer Acht. Sie würden diesen Rahmen sprengen.

Frühjahr 2020

Kurz nach Ausrufung der „Pandemie“ erreicht mich der Anruf eines Arztes, der sich nicht namentlich vorstellt. O-Ton des Telefonats:

„Ich betreue hausärztlich das Heim, in dem Ihre Mutter lebt. Ihr Corona-Test ist positiv und sie hat mir gegenüber geäußert, sie wolle keine lebenserhaltenden Maßnahmen. Deckt sich das mit Ihrer Wahrnehmung? Halten Sie sie für ausreichend klar?“ Ich bejahe beides, meine Mutter hat, nachdem sie ein Pflegefall wurde, immer wieder den Wunsch geäußert hat, sterben zu dürfen. Aber! So etwas entscheidet man doch nicht am Telefon! Möchte ich sagen, komme aber nicht mehr dazu, da die Leitung unterbrochen wurde. Ein Rückruf ist nicht möglich, die Rufnummer war unterdrückt.

Erst langsam wird mir bewusst, was seine und auch meine Worte bedeuten können. Habe ich da jetzt innerhalb von Sekunden eine Entscheidung über Leben oder Tod getroffen? Vielleicht stirbt meine Mutter, ohne dass ich sie noch mal sehen kann? Ich habe ihr versprochen, dass ich bis zum Schluss bei ihr bleibe. Eine Mail an die Heimleitung mit der Frage: „Was soll ich denn jetzt tun? Wie gehe ich mit einer solchen Situation um? Ich habe Angst, dass meine Mutter stirbt, ohne dass ich sie noch mal sehen kann“ bleibt unbeantwortet.

Besuch ist in den Pflegeheimen nicht mehr gestattet. Ich nehme nach zahlreichen erfolglosen Anrufen per Mail Kontakt mit dem Pflegebereich meiner Mutter auf. Die meisten meiner Nachrichten laufen zunächst ins Leere. Tagelanges Warten. Irgendwann erreiche ich jemanden, der mir berichtet, dass meine Mutter wohlauf ist und keinerlei Symptome entwickelt hat.

Gemeinsam mit zwei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen versuche ich in der Zeit des sogenannten „Lockdowns“, ihr das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein und vergessen ist. Durch Briefe und an der Pforte abgegebene Blumen. Ich suche in meinen Briefen nach Worten, um ihr zu erklären, was es mit diesem Virus auf sich hat. Wenngleich ich das zum damaligen Zeitpunkt – wie vermutlich viele andere Menschen auch – gar nicht so recht weiß. Manchmal gelingt es meiner Mutter, abends jemanden vom Pflegepersonal auf sich aufmerksam zu machen und darum zu bitten, dass man mich anruft. Bei diesen Telefonaten weint sie und kann trotz meiner Briefe nicht verstehen, warum ich nicht kommen darf.

Frühsommer 2020

Im Frühsommer 2020 wird Besuch wieder zugelassen und ich kann einmal pro Woche sogenannte „Fenster-Termine“ für eine halbe Stunde wahrnehmen. 30 Minuten pro Woche nach endlos langen Wochen der Isolation! Die Heimbewohner werden in einem extra dafür vorgesehenen Raum an ein Fenster geschoben, der Besucher steht draußen. Niemals werde ich den Moment vergessen, als meine Mutter mit einer Maske im Gesicht und merklich abgemagert im Rollstuhl auf der anderen Seite des Fensters erscheint und hemmungslos beginnt zu schluchzen, als sie mich sieht. Ich glaube, erst in diesem einen Moment wurde ihr bewusst, wie groß ihre Einsamkeit war.

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Sommer 2020

Aufgrund der sommerlichen Temperaturen ist es jetzt möglich, meine Mutter im Garten des Heims zu treffen. Wir sitzen einander gegenüber, zunächst noch mit Maske, später ohne. Das Personal achtet darauf, dass kein Körperkontakt stattfindet. Wir finden dennoch Möglichkeiten in unbeobachteten Momenten, so dass ich zumindest ihre Hand halten kann. Was soll schon passieren? Man hat mich nicht „abführen“ lassen.

Der Tief- und Wendepunkt – Weihnachten 2020

Am ersten Weihnachtsfeiertag 2021 stehe ich mit dem Weihnachtsgeschenk für meine Mutter in klirrender Kälte draußen am Fenster und warte darauf, dass sie ans Fenster geschoben wird. Da ich keinen Test machen möchte, ist das unsere einzige Möglichkeit, Weihnachten miteinander zu verbringen. Ich gebe ihr mein Geschenk, meine Mutter nimmt es und hält gleichzeitig meine Hand fest und beginnt zu weinen. Ich versuche, mich über die Fensterbank zu ihr rüberzubeugen, um sie zu umarmen und zu trösten. Eine Pflegerin, die vom Flur aus ins Zimmer schaut, möchte das unterbinden. Ich argumentiere ausführlich, lasse ein „Verbot“ von Berührung nicht zu und halte weiter die Hand meiner Mutter. Ich kann spüren, dass die Pflegerin mir innerlich recht gibt, sich aber nicht traut, mir das zu sagen. Dennoch! Sie verlässt den Raum und lässt uns gewähren.

Winter 2020

Der „Heilsbringer“ Impfung ist da und als erstes sollen Menschen in Pflegeheimen geimpft werden. Meine Mutter war immer ein Mensch, der ohne Medikamente ausgekommen ist, ihr Vertrauen Ärzten und Pharmazie gegenüber war nie groß. Ich frage sie bei einem meiner „Fensterbesuche“, ob sie geimpft werden möchte. Sie verneint vehement. Da ich ihre Betreuungsbevollmächtigte bin, schreibe ich eine Mail an die Heimleitung und bitte explizit darum, dass meine Mutter nicht geimpft wird. Die Antwort stimmt mich zuversichtlich. „Wir werden diesen Wunsch selbstverständlich respektieren.“ Ob meine Mutter tatsächlich nicht geimpft wurde, weiß ich nicht. Angehörige haben nach wie vor keinen Zutritt zum Heim. Aber in jenem dunklen Winter ist ein, wenn auch nur schriftlicher Ausdruck von Respekt Labsal und eine absolute Ausnahme.

Bei meinem nächsten Besuch hat die Impfaktion mit Unterstützung der Bundeswehr begonnen und ich frage mich, was es für die Menschen, von denen die meisten einen Krieg erlebt haben, bedeuten muss, wenn plötzlich junge Männer in Bundeswehruniform auf den Fluren unterwegs sind.

Bei jedem Abschied in jener Zeit nach Ablauf der dreißig Minuten zittert meine Mutter und fragt mich ängstlich, ob es auch sicher sei, dass ich wiederkomme. „Sie schließen uns doch nicht wieder ein, oder?“ Worte, die sich für immer in mein Gedächtnis gegraben haben.

Januar 2021

Durch die so unbeschreiblich trostlose Weihnachtsbegegnung und die immer weiter wachsende Unsicherheit, was die Bundesregierung als Nächstes beschließen wird, reift in mir die Gewissheit, dass ich meine Mutter zu mir nach Hause holen werde. Einen weiteren Lockdown und all diese unmenschlichen Maßnahmen werde ich ihr nicht zumuten. Ich möchte nicht geimpft werden und ahne, dass ich dadurch den Zugang zum Heim verspiele. Ich lote alle Möglichkeiten aus und erzähle meiner Mutter bei meinem nächsten Besuch, dass ich sie zu mir nach Hause holen werde. Ihre Freude ist buchstäblich unbeschreiblich und zum ersten Mal seit einem Jahr ist mir leicht ums Herz, als ich das Heim verlasse und in den Bus steige.

Ich kann spüren, dass da nicht mehr viel Lebensenergie ist bei meiner Mutter, und möchte, dass sie auf der letzten Etappe ihres Lebensweges nicht der Willkür des Staates ausgeliefert ist. Wie das alles gehen wird, weiß ich noch nicht genau. Aber alles wird besser sein als das, was ist.

Februar 2021

Einen ganzen Monat lang freuen wir uns bei unseren wöchentlichen Fenster-Terminen gemeinsam über ihren Wechsel in meine Wohnung. Meine Mutter wirkt gelöst, beinahe glücklich.

März 2021

Anfang März 2021 erreicht mich ein Anruf aus dem Heim – ein Herzinfarkt. Auf einer digitalen Leuchttafel steht über dem Eingang des Krankenhauses, in das sie gefahren wurde, prominent in leuchtend roten Lettern das Wort „TRIAGE“. Allein! Auf der Station ist davon nichts zu spüren. Zwei Ärzte bitten mich in einen Besprechungsraum. Ich schildere den Wunsch meiner Mutter, sterben zu dürfen, das Gespräch ist vertrauensvoll und gemeinsam beschließen wir, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen in Form einer OP eingeleitet werden. Wir versuchen – leider erfolglos – einen Palliativpflegedienst in meinem Wohnbezirk zu finden, der ab sofort übernehmen könnte. Ich möchte meine Mutter sehen. „Das geht nicht wegen Corona“, so heißt es zunächst. Ich insistiere mit der Begründung, dass das vielleicht meine letzte Begegnung mit ihr ist, bei der sie wach und ohne Betäubungsmittel ist. Einer der beiden Ärzte begleitet mich sodann in ein Dreibett-Zimmer, in dem sie alleine liegt (!) und bleibt neben mir stehen, um sicherzustellen, dass ich meine Mutter nicht berühre. Ich bitte ihn, das Zimmer zu verlassen, um ein Minimum an Privatsphäre zu ermöglichen. Und so kann ich meine Mutter in diesem letzten „wachen“ Moment umarmen und ihr versichern, dass ich bei ihr bleibe. Dass sie keine Angst haben muss.

Am Abend schreibe ich eine Mail an die Heimleitung: Ich möchte, falls meine Mutter für ihre letzten Lebenstage zwangsläufig zurück ins Heim muss, weil wir keinen Palliativpflegedienst finden, ungetestet und rund um die Uhr bei ihr sein können. Und wieder mache die Erfahrung, dass mein Wunsch respektiert wird.

Meine Mutter braucht fünf Tage und Nächte, um zu sterben. Ich kann rund um die Uhr bei ihr sein. Gemeinsam mit dem Pflegepersonal, das ich als liebevoll und kooperativ empfinde, darf ich sie begleiten. Mit einem der Nachtpfleger freunde ich mich an. Bei einer Zigarette auf der Terrasse morgens um fünf berichtet er mir von all den Logikbrüchen im Umgang mit dem Virus. Er erzählt mir, wie wenig Menschen an Corona verstorben sind und wie viele dahingegen mit der plötzlich eintretenden Einsamkeit nicht mehr leben konnten, von einem Tag auf den nächsten das Essen und Trinken eingestellt haben und verstorben sind.

Auf dem Totenschein meiner Mutter steht „verstorben an Covid19“.

Ich möchte explizit niemanden im Pflegeheim oder im Krankenhaus einen Vorwurf machen. Mir sind wie beschrieben sehr beherzte Menschen begegnet, die Argumenten gegenüber aufgeschlossen waren oder mich einfach in bestimmten Momenten haben gewähren lassen. Aber eine Politik, die all diese Grausamkeiten verantwortet, sich von der Wirklichkeit der pflegebedürftigen Menschen so sehr entfernt hat und sich dabei traut, vom Schutz „vulnerabler“ Gruppen zu sprechen, hat für mich unwiderruflich jegliches Vertrauen verspielt.

Ich bin unfassbar dankbar, dass meine Mutter die Fortsetzung dieses Irrsinns nicht mehr erleben muss und hoffe, dass die Pflegeheime und die betreuenden Menschen in Zukunft aufstehen gegen eine erneute Drangsalierung derjenigen, für die der Besuch und das Lächeln eines Gegenübers lebenswichtig sind. Wann, wenn nicht jetzt? Nur wenn wir alle nicht mehr mitmachen, können wir diese unmenschliche Politik beenden.

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Kommentare

Kommentar von Anna Nym

Lieber Herr Wallasch,
vielen Dank für die Veröffentlichung dieses sehr traurigen aber wahren Beitrages. Ich kenne und schätze Frau Stallbörger seit vielen Jahren sehr. Seit Anfang 2020 wunderten wir uns vermehrt über den Wahnsinn, der auf einmal zur Normalität werden sollte, und nunmehr scheinbar tatsächlich Normalität geworden ist. Sie erzählte mir damals über ihre Mutter im Heim und über die Situation. Auch meine Oma war zu dieser Zeit in einem betreuten Wohnheim. Es war zu dem Zeitpunkt alles soweit ok mit ihr. Sie hatte keinerlei Demenzerscheinungen o. ä. und war dort quasi nur, weil sie die Treppen zu ihrer Wohnung nach einem Sturz leider nicht mehr bewerkstelligen konnte.
Als dann die Impfung zum Thema wurde, sagte sie mit 90 Jahren, dass sie sich nicht impfen lassen werde. Eines ihrer Familienmitglieder redete ihr aber so lange ins Gewissen, dass sie sich dann doch dazu entschied. Auch eine andere Heimbewohnerin dort (damals 85 Jahre, recht stämmig, immer gut drauf, keinerlei Anzeichen von Demenz) sagte, dass sie sich nicht impfen lassen wird. Meine Oma sagte dann zu ihr „Wir sind eine Wohngemeinschaft und lassen uns alle impfen“. Meine Oma, die bis zu ihrem 90 Lebensjahr immer gut drauf war und Dinge wusste, die bei mir schon längst in Vergessenheit geraten sind, sowie die andere nunmehr 87 jährige Dame, sind nun beide stark demenzkrank und sehr abgemagert. Es gibt kaum Wasser oder Toilettenpapier in den Zimmern. Ständig muss ich bei einem Besuch danach fragen, fast schon bettelnd! Dass die alten Herrschaften sich nicht trauen, danach zu fragen, da die „Schwestern“ fast immer schlecht drauf sind, ist selbsterklärend. Die Seife wird permanent auf dem Badschrank gelagert, wo meine kleine Oma niemals rankommt. Nunmehr ist sie sehr abgemagert, genauso wie die andere Dame.
Zu ihrem 90 Geburtstag durften wir sie nicht besuchen, nicht mal am Fenster. Ich musste als Ungeimpfter dann eh in den Wintermonaten „draußen bleiben“. Nunmehr habe ich aber einen Passierschein, heute besser bekannt als Genesenschein. Sobald dieser abgelaufen ist, werden es wieder harte dunkle Wochen für meine Oma und mich.
Es ist wirklich erschreckend, was hier seit 2020 gerade passiert.
Beste Grüße
Anna Nym

Kommentar von Karola Peters

Liebe Frau Stallbörger, Ihr Bericht hat hat mich sehr berührt. Es ist sehr gut, dass Sie das "gegen das Vergessen" aufgeschrieben haben. Das ist wichtig für uns selbst, aber auch als mahnende Besispiele, das so etwas nicht wieder geschehen darf. Ich werde die Geschichte meiner Eltern jetzt auch aufschreiben, die beide - auch hochbetagt - zwar das Glück hatten in ihrem Zuhause bleiben zu können, allerdings musste ich bzw. unsere Familie zig Verordnungen zu Kontaktbeschränkung, Abständen, ... missachten, um meinen Eltern einen würdigen Lebensabend und würdevollen Abschied zu ermöglichen. Die glücklicherweise nur kurzen Krankenhausaufenthalte waren immer eine Tortur und den Arzbesuch hat meine Mutter gefürchtet, um nicht zur Spritze überredet zu werden. Zu Anfang konnten sie auch garnicht begreifen, weshalb meine Schwester (wegen Kontaktbeschränkung) nicht mehr vorbeikommt. Später hat auch meine Schwester sich nicht mehr daran gehalten, und wir haben in Familie Geburtstage und Weihnachten feiern können. Ich mag mir nicht vorstellen, was Einsamkeit und Verlassenheit bei alten Menschen bewirkt. Und die Vorstellung, die Eltern gerade in ihren letzten Stunden allein lassen zu müssen, ist für mich auch furchtbar. Wie Sie geschrieben haben, gab es auch verständnisvolle Pfleger, die Sie gewähren ließen. Es wäre nur zu wünschen, dass alle oder ein großer Teil nicht mitmachen bei menschenunwürdiger Behandlung der Schwächsten der Gesellschaft. Dann hätte sich der Spuk schon längst erledigt. Auf alle Fälle ist es wichtig, die Dinge zu dokumentieren, denn am Ende hat wieder niemand etwas gewusst.

Kommentar von Frank Brinkmann

Corona, Covid-19, SARS-2 ... und immer noch gibt es alte Menschen, die hilfsbedürftig sind und der Fürsorge bedürfen.

Seit die Impfkavallerie durchs Land schreitet, scheint es nur noch ein Ziel zu geben und es scheint so, als gäbe es nur eine Lösungsstrategie. Alles andere sei sozialfeindlich und schon lange wird über skeptische und pessimistische Menschen ein Schmutzkübel an Worten ausgegossen, die das niederste Niveau um vieles unterschreiten.

Anlass der Kommentare hier ist der Bericht von Frau Stallbörger. Ich habe ihn aufmerksam mehrmals gelesen - vielen Dank Frau Stallbörger - dieser Artikel ist für mich Inspiration, um jetzt und hier auch etwas zu sagen.

Denn zu der Niveaulosigkeit, die ich vorhin kurz ansprach, kommt die subtile Nötigung seitens der Heimleitung auf mich als Fürsorgepflichtigen zu, da ich zu der Überzeugung kam, mich und das demente Familienmitglied nicht impfen lassen zu wollen. In unregelmäßigen Abständen bekam ich verschiedene Nachrichten mit einer Impfaufforderung von der Heimleitung gemailt.

Die letzte Mail, die mir im Original noch vorliegt, ist auf den 6. Juli 2021 datiert und hat den Zeitstempel 15:57. Den Text stelle ich hier per Copy&Paste ein:

Hallo Herr Brinkmann,

mit den besten Grüßen auch von ihrer Mutter J wende ich mich erneut an Sie mit zwei Bitten

die erste

- Könnten sie einen erneuten Antrag auf Überprüfung des Pflegegrades ihrer Mutter stellen ?

Die zweite

- Könnten sie nochmal überlegen, ob ihre Mutter nicht doch geimpft werden könnte?

- Eigentlich müssten wir sie aus dem Aufenthaltsbereich raushalten, sie müsste wenn sie raus geht immer wieder getestet werden oder sie muss eine Maske tragen, dass alles könnten wir mit einer Impfung abarbeiten, wir haben diese Vorschriften und wenn wir mehr Publikumsverkehr auch unter den Bewohnern haben müssen wir reagieren

DANKE

Mit freundlichen Grüssen

(Name von mir gelöscht)

Pflegedienstleitung

Kommentar von Frank Brinkmann

Seitdem der SARS-2-Virus, subsummiert in den Allgemeinausdruck "Corona", seine Deutschlandpremiere erlebte, verantworte ich die Fürsorge eines dementen Familienmitgliedes in einem Pflegeheim.

Die Schilderungen von Frau Stallbörger klingen für mich, aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen mit dem Pflegeheim, als "paradiesisch anmutend.

Seit nun fast 2 Jahren plane ich meine Besuche eher überraschend. Weniger wegen des Hauptgrundes (Der Besuch des dementen Familienmitgliedes) als Kontrollbesuch gegenüber der Pflege.

Das bisher häufigste Bild, dass ich bei Eintritt in das Patientenzimmer erlebte: Im Bett befindet sich ein katatonisch liegender Mensch mit Schnapp-Atmung. Im ganzen Zimmer ist nicht ein Tropfen Wasser. Der Antennenstecker ist mal wieder ausgestöpselt. Das Radio rauscht psychedelisch auf Lautstärke Stufe 3 vor sich hin.

Auf meine sachte, aber tendenziell vorwurfsvolle, Frage an die Pflegeleitung, warum kein Wasser in dem Zimmer sei, bekomme ich die Antwort, dass morgens das Leergut abgeholt worden sei, die Person allerdings nicht die Aufgabe habe, neues Wasser in das Zimmer zu stellen.

In gewisser Weise freue ich mich, dass das Familienmitglied dement ist. Denn Demenz bedeutet ja (hoffentlich), dass sie nicht mehr merkt, wie geringschätzend mit ihr umgegangen wird. Dass ich so manchen Nachts nicht mehr in den Schlaf komme, ist für mich fast schon belanglos.

Das ist nur ein kurzer Einblick in das Kabinett der Grauen, wie also mit alten Menschen, die in fremde Obhut gegeben werden müssen, umgegangen wird. Darum haben Frau Stallbörgers Worte für mich etwas paradisiesches.

Kommentar von Martina Otto

Mein Vater wäre wahrscheinlich in eine ähnliche Lage im Krankenhaus gekommen, wenn wir ihn nicht spontan rausgeholt hätten. Er war eigentlich zu einer Reha in der nebenanliegenden Klinik. Dort hatte man ihn dann komplett auf den Kopf gestellt (er war körperlich durch die Hüfte eingeschränkt, so dass er Hilfe beim Aufsitzen, aufstehen, Toilettengang etc. benötigte) Man hat ihn einen Tag lang von a nach b gebracht ohne dafür zu sorgen , dass er zwischenzeitlich auf die Toilette konnte, er lag einen kompletten Tag in seinem Urin, was wir aber erst nicht wußten, Man stellte dann fest, dass er eine neue Herzklappe bräuchte und dies am besten auch in den kommenden Tagen. Wir sind so froh, dass wir noch mit einer älteren Ärztin telefonisch sprechen konnte die davon abriet, weil es ihm ja sonst gut ging. Dann waren die Ärzte genervt, weil er nicht geimpft war. Später dann haben sie ihn im Durchzug im Bett liegen lassen, so dass wir dann irgendwann von einer Schwester per Telefon-informiert wurden, dass er Corona hat und wie es denn ist, wenn etwas passiert, ob er beatmetet werden soll. Da gingen sowohl bei mir als auch bei meiner Mutter die Alarmsirenen an, ich sagte sofort, wir holen ihn da raus, sofort, wer weiß, wass die noch Alles vorhaben. Mein Vater war nicht erreichbar per Handy so daß wir dann auf der Station anriefen und baten mit ihm zu sprechen. Meiner Mutter sagte er dann er möchte nach Hause, als ich dann anrief und fragte wann ich ihn abholen kann, sagte mir die Ärztin, er möchte nicht nach Hause ich habe mit ihm gesprochen und er ist hier ja gut aufgehoben. Ich meine Mutter angerufen, sie dann wieder über das Krankenhaus mit meinem Vater telefoniert und ich parallel auch. Die Ärztin war dann sichtlich genervt, dass mein Vater nun doch nach Hause will und ob wir wüßten was für ein Rsisiko dass sei. Ich entgegnete nur dass ich mich sofort auf den 1,5 Std. Weg machen würde um ihn abzuholen. Ich war dann froh, als er mir endlich mit Rollator entgegenkam und dann im Auto neben mir saß. Er lag 3 volle Tage mit Husten und Fieber im Zimmer und niemand hat uns informiert. Er erzählte dann von der Zugluft usw. Es tat mir so leid. Die Hausärztin meiner Eltern war auch mehr als verärgert, aber wir waren alle froh al s er wieder zuhause war. Und nach 3 Tagen war er Fieberfrei und hatte kaum noch Husten und erst zuhause hatte meine Mutter dann beim Anziehen den stark entzündeten Rücken gesehen. Es ist unglaublich was dort vorgegangen ist und wir sind uns sicher, dass er dort gestorben wäre. Das ist das Krankenhaus in Heide, Schleswig-Holstein.

Kommentar von Susanne Hanke

Lieber Herr Wallasch,
vielen Dank für das Veröffentlichen dieses Berichtes von Frau Stallbörger.
Liebe Frau Stallbörger,
Ihr Bericht hat mich erschüttert und an das Sterben meiner Mutter erinnert, die wir im April 2020 drei Tage im Heim begleiten durften, da die Mitarbeiter dort sehr kulant waren.
Neben der offensichtlichen Erleichterung, dass das Pflegepersonal eine Entlastung durch uns Angehörige erfuhr, erschütterte mich damals die Aussage vieler Pfleger, dass sie es noch nie zuvor erlebt hätten, dass Angehörige einen Bewohner beim Sterben über mehrere Tage begleitet hätten (was in unserer Familie selbstverständlich ist).
Wir hatten also großes Glück, dass wir uns in dem Zimmer ohne Masken bewegen durften und meine Mutter drei Tage Zeit hatte, ruhig einschlafen zu können.
Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es uns Angehörigen ergangen wäre, wenn wir nicht mehr hätten zu ihr kommen dürfen!
Mehrere persönliche Berichte sind mir bekannt von dem späteren menschenunwürdigen Umgang mit den alten Menschen, vom einsamen Sterben und den Traumata, die dieses bei den Angehörigen, die sich nicht von ihren Liebsten verabschieden konnten, ausgelöst hat.
Die Personen, die mir das berichteten, nahmen dieses aber hin, weil es eben in einer Pandemie so sei, unfassbar!
Und nun soll es schon wieder weiter gehen mit diesen Masken und den Besuchseinschränkungen... das kann doch nicht wahr sein!
Am schlimmsten finde ich dabei, dass es immer noch so viele Menschen zu geben scheint, die da mitspielen.
Ich möchte jedenfalls am Ende meines Lebens nicht in maskierte seelenlose Gesichter schauen und ohne Berührungen vor mich hin vegetieren! Das kann man doch nicht wirklich wollen, oder sind so viele in unserer Gesellschaft schon empathisch verroht, sodass sie diese Vorstellung gar nicht mehr berührt?

Kommentar von Petra Baumert-Huff

Meine Mutter war Ende 2020 wegen einer Kopf-OP zum Pflegefall geworden und musste als Intensivpatientin zunächst in eine Reha. Dort waren Besuche mit Tests und Anmeldung möglich. Aber auch nur nach schriftlichem Antrag bei der Klinikleitung. Weihnachten stand vor der Tür. Die Zustände dort waren für Personal und Patienten unglaublich. Nachdem ich dies im Brief an die Klinikleitung erneut angesprochen habe, sie musste über längere Zeit eingekotet im Bett liegen bleiben, weil keine Zeit war, ihr den Schieber unterzuschieben. An einen Toilettenstuhl war gar nicht zu denken. Warum, entzieht sich meiner Kenntnis. Nach Bekanntwerden dieses unmenschlichen, erniedrigenden Vorfalls hat man sich sehr um meine Mutter bemüht. Täglich hat zudem ein Familienmitglied sie besucht. Wir haben alles getan, dass sie vor Weihnachten noch die Klinik verlassen konnte. Das war ihre einzige Perspektive, was sie am Leben hielt. Davon bin ich überzeugt. Nur welche Familien können das leisten? Mich hat es einige Monate später auch meine Gesundheit gekostet. 14 Monate Arbeitsunfähigkeit. Herr Lauterbach, Schutz der vulnerablen Gruppe sieht ganz anders aus. Sie sind entweder ein Unmensch oder sie haben sich so weit von der Realität entfernt, dass Sie nichts mehr mitbekommen in Ihrer Blase. Ich wünsche Ihnen auch mehrere Stunden eingekotet im Bett und schlecht bezahltes unterbesetztes Personal, welches sich um Sie sorgt und Sie pflegt. Vielleicht haben Sie Kinder, die Sie dann "retten", um sich ihre eigene Gesundheit wiederum zu ruinieren.

Kommentar von dgu

Vielen Dank für ihren Bericht. Als Nichtbetroffener kann man sich zwar manches vorstellen, wenn man es dann aber aus erster Hand erfährt, ist das nochmal etwas ganz anderes.

Kommentar von Frank Brinkmann

@ H. Jacobsen

Ich bin gerade "mitten drin" eine demente Person in einem Pflegeheim begleiten zu dürfen.

Fasse ich meine bisherigen Beobachtungen/Eindrücke zusammen, dann sage ich:

" Ich wünsche jedem alten Menschen in dieser Zeit eine baldigen Tod."

Das wäre kein Tod, wie er im Wörterbuch definiert ist. Das ist Erlösung, Erlösung von der Geringschätzung der Würde menschlichen Lebens.

Kommentar von Daniel Zurfluh

DANKE! und erinnernd an eine Protestschrift in Frankreich: j‘accuse!

Kommentar von H. Jacobsen

Es gibt Tage an denen ich froh darüber bin, dass meine Eltern kurz vor der Pandemie friedlich sterben durften.

Kommentar von Hildegard Hardt

@ Arno Nühm
Das ist Wunsch, den ich nur allzu gut nachvollziehen kann. Aber die unmenschlicher Verursacher dieser Schandtaten werden ungestraft davonkommen, denn angeblich haben sie nach bestem Wissen und Gewissen (das sie nie hatten) gehandelt.

Ich gehöre zwar keiner Kirchengemeinde an, bin aber dennoch ein gläubiger Mensch. Daher bin ich fest davon überzeugt, daß die Verursacher ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Wann, wo und in welcher Form steht nicht in unserer Macht.

Kommentar von Arno Nühm

Möge es Lauterbach, Spahn und den anderen Verursachern genauso gehen wie der Mutter, nur mit Ärzten und Pflegepersonal, das sich genauer an die Vorschriften hält!