Covid-19 in Lissabon

…da, wo die Spuckepartikel sausen

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Covid-19 in Lissabon: …da, wo die Spuckepartikel sausen.
Den mit Schweiß verschmierten Handschuh mitten in die Fresse gewischt bekommen © Foto: Pixabay / StockSnap

Beim Training ist es passiert. Um genau zu sein, an einem Donnerstag, irgendwann morgens zwischen sieben und acht Uhr. Trotz der genau befolgten Richtlinien, der stark reduzierten Mitgliederzahl im Raum und der schon ritualisierten Desinfizierung der Boxsäcke, der Handschuhe und sonstigen Geräten, mit denen man in Kontakt kommt, ist es passiert.

Und während wir uns in Pre-Covid-Zeiten eng aneinandergeschmiegt hin und her geworfen haben, im Clinch-Tanz sozusagen, Arme um den Hals, ein Knie rechts, ein Knie links, oder wenn man beim Sparring einen Schweiß verschmierten Handschuh mitten in die Fresse gewischt bekommt hat, quer über den offenen Mund, full contact nennt man das, so ist es heute ganz anders, nun trainiert jeder für sich, in sicherer sozialer Distanzierung. Von full contact auf null contact.

Das ist eigentlich wie in jedem anderen Konditionstraining auch, nur, dass man ab und an (abwechselnd natürlich) auf den Sack einschlagen und -treten darf, nur damit man ihn dann danach immer wieder penibel desinfiziert, und tief nach Luft schnaufend so viel Desinfektionsmittel einatmet, wie sonst in einem ganzen Leben nicht.

Desinfektion hin und null contact her, passiert ist es trotzdem. War ja irgendwie klar! Ich will nicht wissen wie viele Spuckepartikel bei so einem Hardcore-Sport durch den Raum sausen. Es fehlte nur noch der Auslöser, irgendjemand muss es halt mitbringen, der Reaktor sozusagen. Im Nachhinein wundere ich mich eigentlich, dass es so lange gedauert hat, schließlich habe ich mich am 12. November infiziert und wir hatten da aber bereits seit September auf den Sack eingeschlagen.

Am Donnerstag also. Gemerkt habe ich nichts. Am Freitag hatte ein Familienangehöriger Geburtstag, fünf Leute kamen zum Abendessen. Ich trank zwei Gin Tonic, was in ungeübten Covid-Zeiten wie vier Gin Tonic wirkte und am folgenden Tag hatte ich massive Kopfschmerzen. Am Wochenende war ich alleine, am Dienstag musste ich einen Covid-Schnelltest machen, da ich an dem darauffolgenden Donnerstag bei einem Werbedreh mitwirken sollte.

Ich fühlte mich prächtig, fit wie ein Turnschuh, und freute mich schon auf den bevorstehenden gutbezahlten Job. Ich fuhr per Uber zum Testtermin, da mein Auto in der Werkstatt war. Im Foyer wurde locker-flockig wegen des Tests rumgewitzelt, wer schon mal einen gemacht hatte, wie es war und wie tief das Stäbchen eigentlich so rein geht und ob es überhaupt möglich sei, dabei die Tränen zu unterdrücken - es war wie eine kleine Mutprobe.

Geschafft hat es keiner, alle kamen mit tränenden Augen aus dem Testraum. Tief geht es, das kann ich euch sagen. Bei meinem ersten Test hatte ich Glück: Ein unsicher wirkendes junges Ding, hatte sicherlich Angst mir weh zu tun und war extrem behutsam. Halleluja. Meine Nase sieht von vorne ziemlich symmetrisch aus, aber das täuscht, von unten ist sie krumm und schief. Bei meinem rechten Nasenloch steckte sie das ellenlange Stäbchen rein und stieß dabei schnell auf Widerstand. Kurze Pause. Ich schielte sie aus meiner verkrampften, nach hinten gewinkelten Kopfhaltung an, sie schielte zurück, es war unklar, wer in dem Moment ängstlicher war, aber ich glaube, sie war es.

Kaum merklich signalisierte ich ihr mein okay, Sie änderte den Kurs des Stäbchens und fand den Durchbruch. Kurz rein, bis ans Ende, kreisen lassen und wieder raus. Dann die andere Seite. Hier war nichts, einfach nur rein und raus, kein Widerstand, keine Pause, kein Schielen. Ich empfand das Gefühl als merkwürdig interessant. Keineswegs schmerzhaft, einfach nur etwas ganz Ungewohntes und Neues. Bislang komplett unerforschtes Terrain sozusagen.

Das Ergebnis bekam ich bei meinem ersten Abstrich erst nach quälenden 48 Std. – dieses Mal musste ich gerade mal 10 Minuten warten. Eine in voller Sicherheitsmontur bekleidete Frau rief mich zur Seite und eröffnet mir mit gesenktem Blick und gesenkter Stimme, dass mein Test positiv sei.

Ohhhh.... Mist.

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Ein dumpfer Schlag ins Gesicht, so hat es sich angefühlt... mein erster Gedanke galt merkwürdigerweise dem Job, ich brauchte das Geld, da ich gerade erst umgezogen war und verdammt, so ein Umzug ist teuer! Mein zweiter Gedanke war, wo und wann und bei wem habe ich mich angesteckt? Und mit wem war ich die letzten Tage zusammen, habe ich eventuell noch andere angesteckt? Ich fragte noch einmal nach, ob der Test auch sicher sei, ich traute diesem Schnelltest nicht. Sie bejahte. Ich begab mich aus dem Testraum und ging sichtlich benommen auf die Straße hinaus.

Wohin jetzt? Ich war ja per Uber gekommen, muss ich den Fahrer jetzt ausfindig machen, nicht, dass ich den armen Mann angesteckt habe und er dann seine Familie, seine Kinder, dann die ganze Schule usw., usw. Oh nein, mit wem war ich sonst noch alles zusammen gewesen? Das Geburtstagsabendessen fiel mir ein, eine Nachbarin, mehrere Unbekannte im Supermarkt, mein Mechaniker... Vor allem die älteren Menschen, mit denen ich distanzierten Kontakt hatte, lagen schwer auf meinem Gewissen.

Zunächst entschied ich mich, zielstrebig nach Hause zu laufen, ich wollte nicht positiv in ein Taxi steigen, auf keinen Fall, und der Spaziergang quer durch Lisboa würde mir sicherlich guttun, ich müsste nur aufpassen, nicht zu nah an andere Fußgänger zu kommen. Ich fühlte mich hochgradig ansteckend.

Jedes Mal, wenn jemand in meine Nähe kam oder an mir vorbei gehen wollte, hielt ich den Atem an, so ein Schiss hatte ich davor jemanden anzustecken. Die darauffolgenden 6,4 km führte ich zwischen Atem anhalten und vorsichtig weiteratmen unzählige Kurztelefonate, bei denen ich alle anrief, mit denen ich vor kurzem Kontakt hatte und aber auch Freunde, um Ihnen mein Leid zu klagen.

Ich fühlte mich als hätte ich eine Sexkrankheit und müsste all meine flüchtigen Sexpartner der Reihe nach durchtelefonieren. Es war irgendwie endzeitlich und peinlich und gleichzeitig waren alle gleich so besorgt um mich, aber auch ein bisschen um sich selbst, das war auch herauszuhören. Unglaublich, was ein positiver Test alles so auslöst, und wie viele andere um einen herum dann in Quarantäne müssen. Heftig! Eben noch fit wie ein Turnschuh, jetzt nur noch kaputt und elend.

Am Abend bekam ich dann eine SMS von der Boxsack-Trainerin - es wären einige aus dem Donnerstag-Training positiv auf Covid getestet worden. Ah, da kam es also her! Jetzt wurde es mir erst wirklich bewusst.

Am Tag nach dem Test hatte ich morgens seltsame Kopfschmerzen, und als ich sie nun mit dem Test in Verbindung brachte, fiel mir auf, dass ich sie bereits seit ein paar Tagen hatte. Ganz feine, tiefe Stiche, ungefähr schräg hinterm Ohr. Kein Dröhnen oder Drücken, einfach nur ganz plötzliche und ziemlich unangenehme Stiche. Ich hatte sie vorher nicht mit Covid sondern mit den beiden Gin Tonics in Verbindung gebracht, d. h., leicht erkennbar waren die anfänglichen Symptome nicht.

Später las ich, dass man die meisten Mitmenschen in dieser präsymptomatischen Phase ansteckt, ist ja klar. Schon echt verdammt tückisch, so ein Virus. Am Mittwoch fingen dann aber auch gleich die eindeutigeren Symptome an, die stechenden Kopfschmerzen wurden zu dröhnenden Kopfschmerzen, meine Augen schmerzten nun ziemlich unangenehm, und eine unnatürliche Schlappheit trat ein - das alles jedoch ohne Fieber. Zum Glück war ich alleine, meine Kinder waren in der Woche beim Vater und ich konnte mich einfach nur ins Bett legen. Vier Tage blieb ich insgesamt dort liegen.

Husten hatte ich keinen, ich war bloß schwach und hatte enorme Kopf- und Augenschmerzen. Ich fühlte mich fiebrig, hatte aber nie mehr als erhöhte Temperatur und merkwürdigerweise hat mich das besonders aus dem Konzept gebracht. Ich habe mir fast gewünscht, Fieber zu haben, um die Viren zu töten, aber ich litt nur so, seltsam fieberlos, vor mir hin. Am dritten Tag wachte ich mit Atemnot auf. Hinten, im mittleren Rücken merkte ich wie die Lunge beim Atmen drückte. Ich musste über den Tag verteilt mehrmals tief und bewusst einatmen, weil es mir vorkam als hätte ich nicht genügend Sauerstoff im Körper. Es war anstrengend, aber nicht alarmierend, und es tat nicht unbedingt weh.

Am Abend des dritten Tages fing dann das an, wovor ich seltsamerweise am meisten Angst hatte: Ich verlor meinen Geruchssinn. Ich merkte es zuerst in der Dusche und danach, beim eincremen. Ich konnte den Geruch der Creme nur noch ganz, ganz subtil erkennen. Ich steckte die Nase tief in die Dose aber da war kaum mehr etwas, es roch einfach nach nichts. Am vierten Tag war dann wirklich alles komplett geruchs- und geschmackslos und so ist es bis heute geblieben.

Das ist jetzt nicht so eine Geruchslosigkeit wie bei einer stark verstopften Nase – vielmehr so, als ob Geruch nie existiert hätte, noch nicht einmal die Erinnerung an den Geruch ist noch da. Da ist absolut gar nichts. Klar, angesichts der anderen sehr ernstzunehmenden Symptome ist der Verlust des Geruchssinnes nicht unbedingt dramatisch, man kann damit leben, aber... puhhh, es ist extrem seltsam, seinen eigenen Geruch nicht mehr wahrnehmen zu können.

Ich wasche und wasche mich, und fühle mich trotzdem ungewaschen, meine Haare riechen nach nichts, meine Hände riechen immer gleich – nach nichts. Ich kann nicht mehr riechen, ob die Wäsche frisch gewaschen oder dreckig ist, beim Kochen kann das Essen komplett anbrennen, ich würde es partout nicht merken, ich kann jetzt sogar das Katzenklo ohne zu würgen reinigen, es macht mir überhaupt nichts aus. Ich brauche eine Brille, ich traue meinen Augen nicht - ich bin ein Nasenmensch, ich orientiere mich nach meinem Geruchssinn. Leider hab ich vor lauter Sorge den fatalen Fehler begangen, im Internet zu recherchieren und habe gelesen, dass nach dem kompletten Geruchsverlust häufig die sogenannte Parosmie eintritt. Unglaublich, was es alles so gibt. Bei der Parosmie kann es passieren, dass Gerüche fälschlich empfunden und verwirrt wahrgenommen werden. Dabei kann dann beispielsweise alles auf einem Mal nach Abfluss, Moder oder Kacke riechen, oder es mag passieren, dass nicht existierende Gerüche halluzinatorisch hervorgerufen werden. Es ist erschreckend, wie viele in unterschiedlichen Foren davon berichten.

Hinzu kommt, dass ich nichts mehr schmecke. Meine Tochter muss mir momentan beim Abschmecken helfen, und ich habe mir vorgestern Pfannkuchen gemacht, es hat keinen Unterschied gemacht, ob ich Zimt und Zucker darauf streue oder einfach ohne alles esse. Man könnte dabei doch meinen, ah super, dann verzichte ich eben auf den Zucker und vielleicht esse ich jetzt auch generell etwas weniger, aber nichts dergleichen machte ich – eigentlich sogar genau das Gegenteil.

Sogar während der bettlägerigen Tage hatte ich einen sehr gesunden Appetit. Mir kommt es so vor, als hätte mein Hirn die Essenszufuhr durch die Geruchs- und Geschmacklosigkeit als unbefriedigend abgestempelt, und daher weiterhin nach den heißgeliebten und abwechselnden Geschmackserlebnissen verlangt. Ich hoffe wirklich sehr, dass sich sowohl mein Geruchs- als auch mein Geschmackssinn bald wieder normalisiert, sonst werde ich vor lauter verwirrten Geruchsempfindungen nicht nur wahnsinnig sondern auch noch dick und unausstehlich.

Zum Glück konnte ich beim Supermarkt online einkaufen und eine kontaktlose Lieferung dazu beantragen – wirklich, das hat mich in den Tagen gerettet. Die Einsamkeit an sich hat mir persönlich nicht viel ausgemacht, das sind wir ja einerseits bereits in diesem Jahr der Corona-Maßnahmen gewohnt und außerdem arbeite ich von zu Hause aus. Für mich ist es ziemlich normal, alleine zu sein und ehrlich gesagt liebe ich meine Ruhe. Ich war froh, dass ich nicht noch andere um mich herum hatte, die ich dann angesteckt hätte und wir uns eventuell alle gegenseitig noch krank hätten verpflegen müssen, das wäre unter den Umständen viel zu anstrengend gewesen. So konnte ich mich nur auf mich und meine Genesung konzentrieren.

Am fünften Tag stand ich langsam wieder auf. Ich hatte keine Schmerzen mehr, fühlte mich nur noch extrem Schlapp. Die Tage danach war ich dann wieder wie gewohnt gegen sieben Uhr auf den Beinen, fühlte mich aber gegen elf schon wieder so kaputt, dass ich quasi wieder bettbereit war, und in meinem Gesicht sah man mir das Kranksein noch sehr an, diese eingefallenen Fieberaugen, die man immer sofort bei seinen Kindern erkennt. Heute ist der elfte Tag nach dem Test, also 15 Tage nach der Ansteckung und heute ging es mir zum ersten Mal wieder fast normal. Noch nicht trainingsbereit, nein, aber ich war schon wieder recht fit und durfte mich auch gemäß den Anweisungen des hiesigen Gesundheitsamtes wieder in die Öffentlichkeit wagen.

Anzumerken ist noch, dass das Boxsack-Training schließen musste. Anfangs hatten sich neben mir „nur“ drei weitere Mitsportler angesteckt, doch in so einem Ambiente verbreitete sich das Virus wie ein Fegefeuer. Irgendwann während meiner bettlägerigen Tage bekam ich eine E-Mail in der vom Gym mitgeteilt wurde, dass das Training aufgrund der hohen Ansteckungszahlen bis auf weiteres geschlossen bleibt. Gut so! Ich war zugegebenermaßen nicht Teil der Bevölkerung, die großartig Angst vor dem Virus hatte, doch habe ich nun doch gemerkt, dass es sich in gewissen Umständen erschreckend schnell verbreitet. Alle anderen, mit denen ich in der präsymptomatischen Zeit Kontakt hatte, mussten natürlich auch präventiv in Quarantäne und haben sich im Zuge dessen testen lassen - und alle waren negativ. Auch Familienangehörige, mit denen ich im selben Raum war, sogar im selben Auto gefahren bin oder umarmt habe – keiner hat sich angesteckt. Aber im Training... tja, da gedeiht es anscheinend, ihr wisst schon, die Spuckepartikel usw.

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