Nach jeder Runde habe ich dasselbe Bild vor meinem geistigen Auge. Bundeskanzler Merz, wie er dem neuen, syrischen Machthaber Ahmed al-Scharaa, die Hand schüttelt und den deutschen Steuerzahlern vermeldet, Syrien zweihundert Millionen Euro bereit zu stellen. Unter anderen.
Dieses befremdliche Bild vor Augen, erinnere ich mich an einen Jahrmarktbesuch meiner Kindheit. Daran, was geschah, als ich reichlich Zuckerwatte und eine Runde zu viel im großen Kettenkarussell drehte, und, nun, Sie können sich denken, was damals geschah. Ein ähnliches Gefühl überkommt mich eben beim zuvor angesprochenen Bild zweier Männer mit Uhren am Handgelenk.
Ich und viele andere auf den sogenannten, alternativen Formaten schreiben im Kreis. Schwimmen in unserer Blase. Bewegen uns im gleichen Dunst. Tasten uns zaghaft durch den täglichen Nebel des Grauens. In der Hoffnung, ein klein wenig Aufmerksamkeit zu wecken. Dass jemand außerhalb unseres Kreises mitliest. Nicht aus Gewohnheit oder beruflichen Gründen. Vielleicht aus Zufall. Und möglicherweise, es könnte sein, dass er zu uns überläuft. Auf die vermeintlich andere, die böse Seite der Meinung überläuft, weil ihm gefällt, was er zu lesen bekommt. Er sich verstanden fühlt. Unter seinesgleichen wägt. Das wäre was. Ein kleiner Gedankenschritt für den Menschen. Ein großer für die eigene Meinung.
Tja. Diese eigene Meinung. Das ist schon so eine. Ist es denn die richtige? Oder doch die falsche? Wer weiß es? Im Jahr 2020 hat sich die alte Realität gespalten. Jedenfalls scheint es heute zwei zu geben. Und das Perfide an diesen zwei Realitäten ist:
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Die eine, die nicht die meine ist, hat die Oberhand. In dieser habe ich die falsche Meinung und bekomme das seit 2020 zu spüren. Will ich das weiterhin? Im Jahr sechs nach Corona? Eigentlich nicht. Daher, nun, in ihrer Realität, hier mehrere richtige Meinungen unserer Zeit:
1. Es wird keinen Energielockdown aufgrund einer möglichen Versorgungskrise geben.
2. Deutschland ist mit seiner Energiepolitik gut aufgestellt, führend in der Welt, was saubere Energiegewinnung betrifft. Die Stromkosten werden sinken und private Haushalte entlasten.
3. Die Gasspeicher für den kommenden Winter werden zeitnah gefüllt.
4. 15-Minuten-Städte sind rechtes Gerede, daher Hate-Speach.
5. Niemand hat die Absicht, eine Mauer … ach egal. Sie wissen schon. Und auf gar keinen Fall wird es zu Ausgangssperren für Männer kommen. Nicht dass diese im wehrfähigen Alter auf die krude Idee kommen, mehr als drei Monate das fremdbestimmte Land zu verlassen, ohne ihre woke Pflicht zu erfüllen.
So, und dergleichen stelle ich mir meine zeitgemäße, richtige Meinung vor.
Ist es nicht erstaunlich, wie weit sich Land, Regierung und ein Teil der Wählerschaft in ihrer Realität eingerichtet haben? Aber so unangreifbar wie sie glauben, sind sie gar nicht: Es reicht schon, die Verantwortlichen beim Namen zu nennen, ihre eigenen Aussagen zu wiederholen, um sie nackig zu machen.
Es reicht schon, „Bundeskanzler“ zu schreiben. Nur dies eine Wort. Mehr braucht es dieser Tage nicht, um eine neue, andersartige Dreifaltigkeit der Inkompetenz, des Meineides und Widersprüchlichkeit in Abhängigkeit in den Raum zu stellen.
Schreibe ich „Bundesregierung“, denken heute nur noch wenige Bürger an eine kompetente, politische Führung. An gewissenhafte Politiker, die geschworen haben, ihre Kraft dem deutschen Volke – darf das heutzutage so noch gesagt werden, dem deutschen Volke? –, zu widmen, seinen Nutzen zu mehren und Schaden von ihm zu wenden. Nein. Die Mehrheit der Bürger, selbst die Wähler der jetzigen Regierung, denkt heute eher an eine Clique steuerfinanzierter Deregulierer eines Landes, das den Begriff „Heimat“ ad absurdum macht.
Mich erinnern die heutigen Zustände an den Frühling 1989 in der ehemaligen DDR. Nun, wir werden sehen, wie es sich hier weiterentwickelt. Warten wir es ab. Der Frühling wird dem Sommer weichen und dieser in den Herbst übergehen. Und das Ende dieses Jahres könnte manch einen mehr überraschen, als er es sich zu Ostern wünschen mag.
Doch im Moment wünsche ich nur, dass mir endlich dieses ärgerliche Bild aus dem Kopf gehen mag. Der Anblick des Händeschüttelns zweier Männer in Verhandlung über Millionen Euro Steuergelder und Millionen Menschenleben. Über unsere Köpfe hinweg. Manch einer wird wissen, was ich mit: „Über unsere Köpfe hinweg“ andeute. Doch an der Misere etwas ändern wird es nicht.
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