Von Fotograf und Autor Christian Witt
Ich bin gestern vom türkischen Van aus mit dem Bus in den Irak und dort ins kurdisch-autonome Erbil gefahren. Ich war einer von nur zwei Fahrgästen. Und das, obwohl der Luftraum über dem Irak gesperrt ist und also auch in Erbil gar kein regulärer Flugverkehr möglich ist.
Die Busstrecke Van–Erbil erwies sich als sehr anstrengend. Die Fahrt geht durch ein Hochgebirge, das zwar wunderschön ist, aber auch sehr abenteuerlich. In langsamer Fahrt tastet sich der Bus teilweise an abgerutschten Autobahnen vorbei. So war ich am Ende froh, nach zwölf Stunden Fahrt endlich am Ziel zu sein.
Hoch oben in den Bergen lag die Temperatur kaum über minus sechs oder sieben Grad. Und auch morgens beim Aufbruch verließ ich ein winterliches türkisches Van, überall waren noch Schneereste zu sehen. In Erbil selbst sind es demgegenüber am Mittag 18 Grad. Der Temperaturunterschied sorgt nochmal für einen ganz eigenen Jetlag, der weniger im Kopf als in den Knochen stattfindet. Ich bin in Erbil direkt in einem Hotel in der Altstadt untergebracht, unterhalb der alten Stadt, einem UNESCO-Kulturerbe.
Die Fahrt hierher kostete umgerechnet vierzig Euro. Und natürlich kommt man sich in so einer begrenzten Reisegruppe auf einer Zwölfstundenfahrt näher. Das schweißt zusammen, ein Phänomen, das wohl noch jeder kennt. Am Ende ist man Teil einer Interimsgemeinschaft, auch wenn keiner Englisch spricht, da muss der Google-Übersetzer aushelfen.
Auf der Route ist im Moment wenig los. Es bleibt aber eine durchaus frequentierte Transportroute für Waren aller Art. In den Bergen wird extrem viel kontrolliert. Gefühlt wird man hier alle fünfhundert Meter angehalten, muss sein Gesicht und alle fünf Kilometer auch seinen Pass zeigen. Das Kontrollnetz ist dicht. Aber da sich die türkischen Kurden – meine Mitfahrer – gut mit den irakischen Kurden verständigen können, profitiert auch der Reisende aus Deutschland davon.
Danach gefragt, was ich hier eigentlich will, hat man mich das erste Mal auf dem Markt in Erbil gefragt und mich dabei ein wenig schräg angeschaut, als ich sagte, dass ich als Tourist unterwegs bin. Ich hätte vielleicht lieber sagen sollen, ich sei Reisender, was tatsächlich näher an der Wirklichkeit liegt. Ich bin ein Reisender in Sachen Krieg und bekomme ein freundliches Erbil im Frieden serviert.
Hier rechnet man ganz offensichtlich nicht mit Touristen. Aber das fühlt sich angenehm an. Denn als Tourist in islamischen Ländern – etwa in den Touristenhochburgen – über einen Markt zu gehen, kann schnell ein besonderer Stress werden. Davon spürt man in Erbil überhaupt nichts. Im Gegenteil: Man guckt mich freundlich an, lächelt. Bald jeder, den ich heute bei meinem Rundgang gesehen habe, hat mich mit erhobener Hand gegrüßt und freundlich genickt. So entsteht eine sehr angenehme Atmosphäre. Verglichen mit meinem Aufenthalt in Armenien eine 180-Grad-Wende. Hier ist man freundlich und offen. Man kommt ins Gespräch. Es ist fast südländisch-italienisch.
Die große Überraschung ist Erbil selbst. Das ist das genaue Gegenteil einer sich wegduckenden kurdischen Trutzburg. Bitte nicht vergessen: Wir sind hier einhundert Kilometer Luftlinie vom Iran entfernt, aber von einer angespannten Bedrohungslage kann nicht die Rede sein.
Ich bin die Generation „Irakkrieg“. Wir stellen uns das Land in Schutt und Asche vor, was es überhaupt nicht ist. Es hat hier eine wahnsinnige materielle Entwicklung gegeben. Noch stehen die alten Viertel als Zeugen der Vergangenheit da und man sieht auch Armut. Aber es sind nebenher neue Viertel entstanden mit Hochhäusern und Villen, wo vor jedem Haus eine große Staatskarosse parkt.
Hier sind alle sehr stolz auf ihr Kurdisch-Sein und viele hängen ihre kurdische Fahne mit der gelben Sonne raus. Ich habe auch etliche Ältere gesehen, die in kurdischer Tracht laufen, mit gebundenem Tuch auf dem Kopf, weiten Hosen und Bauchbinde, sodass man das alte Erbil oder das alte Kurdistan noch ahnt.
Was eine Militärpräsenz angeht, ist hier trotz der Nähe zum Iran nur wenig zu sehen. Natürlich haben die Kurden schon von ihrer Geschichte her einen kriegerischen Aspekt. Schon die Osmanen haben die Kurden für ihre Sache ins Feld geschickt. Davon ist aber Mitte März 2026 trotz eines neuen Iran-Krieges nichts zu sehen oder zu spüren.
Im Stadtbild sieht man keine Ausländer, keine Soldaten, keine GIs, ab und zu geht mal jemand im Freizeitmodus mit Einkaufstaschen vorbei. Ansonsten ist hier nichts zu bemerken. Auf der Fahrt hierher hatte ich hinter dem Flughafen eine schwarze Rauchsäule gesehen. Ich wollte es nicht überinterpretieren, aber tatsächlich war das wohl der Einschlag.
Teil zwei des Berichts nach der Galerie!
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Als ich gestern gegen 18:00 Uhr Ortszeit durch die Stadt ging, brummte es irgendwo am Himmel in der Ferne, was auf eine Drohne oder eine abgefangene Drohne hindeutete. Aber die Jungs auf der Straße haben sich nur lächelnd angeguckt und der Muezzin rief einfach weiter.
Das Leben läuft hier routiniert, obwohl diese Spannungen an der Peripherie angekommen sind. Gestern wurde am Flughafen ein französischer Soldat bei einem Drohnenangriff getötet. Aber das spürt man hier im Stadtleben überhaupt nicht. Das ist weit weg. Und ich glaube, die Bürger von Erbil wissen auch, dass solche Angriffe nicht ihnen gelten, sondern allein dem Militär.
Es gibt im Übrigen nicht „die Kurden“, sondern diverse separatistische Bewegungen, verschiedenen Parteien mit verschiedenen Milizen. Es gibt die iranischen Kurden, die 1990 über die offenen Berge in den Irak eingewandert sind. Von außen betrachtet wirkt das schnell unübersichtlich. Da muss man sehr stark differenzieren, auch was die jeweilige Haltung angeht. Die Kurden sind nicht DIE Kurden.
Dass in den letzten Tagen bis zu fünfzig Drohnen über der Stadt abgeschossen oder neutralisiert wurden, hat Erbil selbst kaum bemerkt. Das ist hier kein Thema. Es ist keine Angst da. Die Menschen sind freundlich. Die Drohnen werden von den stationierten Kräften abgeschossen. In Erbil gibt es kein einheitliches kurdisches Militär im regulären Sinne.
Nicht alle Drohnen sollen hier abgeschossen worden sein, manche sollen Richtung Israel zum Teil durchgelassen und also geduldet worden sein. Aber auch darüber sind sich die Meldungen nicht einig. Es mag auf den ersten Blick grotesk klingen, aber als ich gestern mal den Blick nach innen gerichtet habe, stellte ich erstaunt fest, dass ich mich hier sicherer fühle als in jeder deutschen Großstadt.
Auch die Einkaufsläden in Erbil sind voll. Was mich aber noch mehr überrascht hat, auf dem Hinweg sah ich endlose knallgrüne Felder mit Getreide und Reis. Man stellt sich den Irak gemeinhin immer dunkel und staubig vor. Aber zumindest hier im Norden, in Kurdistan, sind das blühende Landschaften, die eher an Mecklenburg-Vorpommern und andere Kornkammern erinnern.
Und damit es nicht langweilig für die Leser und Zuhörer von Wallasch und Tichy wird, werde ich auf dem Rückweg einen anderen Weg wählen, vermutlich die Route über das kurdische Zakho, um von dort mit dem Bus nach Ankara oder Istanbul zu fahren.
Die Region ist im Krieg. Der Iran wird angegriffen, die regionalen Interessenlagen sind teilweise verwinkelt. Es gab massenhaft Warnungen, was meine Reisepläne nach Erbil anging. Aber sie basierten alle auf Vorstellungen von Krieg, die wenig mit dem zu tun haben, was tatsächlich aktuell in der Region rund um den Iran herum passiert.
Mag sein, dass sich das binnen Tagen auch radikal ändern kann. Aber noch ist den Menschen von Erbil davon nichts anzumerken. Die westliche Dose Cola mit einer Flasche Wasser und Nüssen kostet umgerechnet 3,30 Euro.
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