Im Frühtau zu Berge

Das Wandern ist des Nazis Lust

von Bertolt Willison (Kommentare: 1)

Soll der nächste Angriff gestartet werden? Versucht da jemand, wieder einen Begriff, der etwas mit Freiheits- und Heimatliebe zu tun hat, negativ zu unterwandern?© Quelle: Pixabay / Hermann Traub

"Wir müssen gehen, um denken zu können", schrieb der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard einst, und ergänzte: "Wenn wir gehen, kommt mit der Körperbewegung die Geistesbewegung." Ach, wäre Timo Büchner doch gegangen, bevor er seinen aktuellen Artikel "Rechte Wanderlust" für Zeit online schrieb. Das ganze Werk wäre den Lesern wahrscheinlich erspart geblieben.

Wo war die Redaktion der Zeit, als die Veröffentlichung beschlossen wurde? Gerade beim Teambuilding-Wochenende in den Bergen? Wohl kaum, denn dann hätte die frische Luft dafür gesorgt, ihrem Kollegen seine kruden Theorien auszublasen.

Aber worum geht es hier eigentlich? Der Autor teilt uns einleitend mit, dass Neonazis gerne wandern. Das aber nicht tun aus Liebe zur Natur, sondern ganz andere abgrundtiefe Gründe haben: "Dahinter steckt ein bizarrer Ahnenkult." Wer jetzt nach diesen einleitenden Worten tatsächlich noch weiterliest, findet Sätze wie diese:

"Das Wandern hat in der extremen Rechten eine lange Tradition."
"Nicht zuletzt stellten sich die rechten Wanderer in die Tradition der Hitlerjugend."
"Das Wandern stiftet offenkundig nur vermeintlich Gemeinschaft – weitaus wichtiger scheint ein gemeinsames Feindbild zu sein."

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Nein, ist es nicht. Es gibt sie tatsächlich, diese jungen Menschen, Männer überwiegend, die durch die Berge marschieren, und in sozialen Medien danach schildern, wie ihnen dabei der Schweiß die Stirn heruntergeronnen ist. Der Autor zitiert einen Post: „Diese Momente der Kameradschaft und des Kraftaufwandes schmieden Zusammenhalt und stärken den Willen."

Ja, „Wandern hat in der extremen Rechten eine lange Tradition“, schreibt Büchner ganz richtig. Der Verband „NaturFreunde Deutschland“ hat sogar eigens die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (Farn) gegründet, die sich unter anderem mit dem Phänomen der Vereinnahmung der Wanderbewegung durch Rechtsextreme beschäftigt.

„Die Vielzahl rechtsextremer Wandergruppen, die mittlerweile aktiv ist, pflegt das Image des harmlosen Wandersmanns“, hat Farn-Leiter Lukas Nikolaisen beobachtet. Alles nur Fassade, denn der „Streifzug durch die unschuldige Natur, besonders den Wald ... symbolisiere die ‚germanischen‘ Wurzeln und die deutsche Heimat“.

Unter den Telegram-Mitgliedern der rechten Gruppe Wanderfalken finden sich auch Namen wie „kreuzritter88“. Die 88 ist in diesen Kreisen die Codierung für die Buchstabenkombination HH. Und damit ist nicht die Hansestadt Hamburg gemeint.

Alles wahre Beobachtungen. Ohne Zweifel. Aber ist diese rechte Wanderbewegung eine Bedrohung für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung? Oder ist sie nicht eher flüchtig wie der Wimpernschlag des röhrenden Hirsches? Über allen Gipfel ist Ruh‘.

Fast 40 Millionen Menschen sind im letzten Jahr Wandern gegangen. Normale Menschen, so normal, wie man eben sein kann.

Darunter auch Neonazis, ganz sicher aber auch Schwule und Lesben, diverse Menschen. Kleinwüchsige. Riesen. Dünne und Dicke. Menschen mit Handicap. Die Haut war bunt – manchmal Sonnenbrand –, die Gesinnung häufig grün. Statistisch erfasstes Alter zwischen 14 Jahren und hochbetagt.

Massenphänomen Wandern, eine Leidenschaft, fest eingebrannt in das Kulturgut nicht nur der Deutschen. Aber hier besonders ausgeprägt. In unserer vielfältigen Landschaft. Meer und Berge, Wälder und Wiesen.

Wandergesellen, Wanderburschen, Wattwandern, Wanderabzeichen, Wanderstock, Wanderweg.

Unschuldiges Tun im Frühtau zu Berge: „Wir wandern ohne Sorgen / singend in den Morgen / noch ehe im Tale die Hähne kräh´n.“

Warum entzaubert ein Autor die deutsche Wanderlust gerade jetzt, berichtet er auf Zeit online von einer marginalen Gruppe in dieser Millionenschar und überhöht sie hierdurch, gewollt oder ungewollt. Wehret den Anfängen? Oder will man jetzt nicht nachlassen in der Zerstörung deutscher Identität?

Soll der nächste Angriff gestartet werden? Versucht da jemand, wieder einen Begriff, der etwas mit Freiheits- und Heimatliebe zu tun hat, negativ zu unterwandern, und sich somit seine Sporen bei der Zerstörung des nationalen Zugehörigkeitsgefühls der Deutschen zu verdienen? Die zum Plan gehört, Deutschland zu schwächen und unserem Land die EU-Supranationalität überzustülpen? Deutsche: Heimatlos im eigenen Land.

Erst waren es die Einwanderer aus dem Orient, zumeist islamischen Glaubens, die uns alle willkommen sein mussten. Dann wurden die Corona-Leugner, die den politisch vorgegebenen Weg anzweifelten, der rechter nicht sein könnte, mit rechts etikettiert. Verfassungsgegner und Verfassungsverteidiger in der gleichen Ringecke. Absurd. Später dann diejenigen Bürger, die friedlich auf den Straßen spazierten, um für das deutsche Grundgesetz zu demonstrieren. Aus Demokraten jeglicher politischer Couleur wurden Rechte. Auch die "Zeit" tat sich mit diesem Framing hervor. Jetzt sind also die Wanderer dran.

Fehlt noch, dass man Antisemiten unter ihnen entdeckt. Assoziationen hierzu fielen leicht.

Und während der Zeit-Autor schon an einer Fortsetzung seines Artikels mit dem Arbeitstitel „Wandern und Antisemitismus“ arbeitet, versuchen sie, ein berühmtes deutsches Liedes umzuschreiben. "Das Wandern ist des Nazis Lust", singen sie und zeigen mit dem Stock auf die, die da nicht mitgehen wollen.

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Kommentare

Kommentar von Andreas Rolfs

Auch „Spazierengehen“ sollte man nicht mehr, da steht man schnell mal als Nazi da !!