Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Der alte Mann, die Sackkarre und eine Mission

von Toddn Kandziora (Kommentare: 4)

Wie war er überhaupt auf den Einfall gekommen, ohne jede Hilfe diese klapprige Sackkarre kilometerweit erst durch das Dorf und dann noch den Berg hochzukarren?© Quelle: Pixabay / NickyPe

Gestern war Heiligabend. Mein Weihnachtserlebnis ereignete sich in der letzten Woche im Nachbardorf, nur wenige Kilometer hinter dem Berg, der unsere Dörfer trennt.

Dort begegnete ich einem älteren Herrn am Ende der Hauptstraße. Er hatte offensichtlich einen Auftrag zu erledigen. Ein anstrengendes Unterfangen, das für einem Mann seines Alters einem gewagten Katzensprung gleichkam, der eines von sieben Leben kosten könnte. Es war schon spät am Nachmittag, als wir uns begegneten. Die beginnende Dämmerung schlug die ersten dunklen Schatten über die Landschaft und uns Menschen.

Zum besseren Verständnis meiner Geschichte drehe ich die Uhr kurz etwas zurück. In der Woche zuvor hatte es jede Nacht mehr als zehn Grad minus gehabt. Auch tagsüber war es durchgehend unter null. Das bedeutete für uns, dass beide Öfen beheizt werden mussten, um Haus, Leitungen, Mensch und Tier nicht ein- bzw. erfrieren zu lassen.

Nach nur einer wirklich kalten Woche gingen unsere Kohlenvorräte zur Neige. Es war an der Zeit für Nachschub sorgen, sonst würde in der nächsten Nacht die klamme Bude erkalten. Ein Anruf im nächstgelegenen Baumarkt war positiv. So fuhr ich gegen Nachmittag mit Hund und altem VW-Bus los. In die nächste Kreisstadt hinter den drei Bergen.

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Mein Geld langte für zwei Zentner Briketts. Zwei Zentner, die nun bis zur nächsten Plusgradperiode reichen müssen.

Kohlen und Hund waren bald im Bus. Auf der Rückfahrt fiel mir besagter älterer Herr auf, der sich aufgemacht hatte, die Berghöhe am Ende des Dorfes zu Fuß zu meistern. Der Mann stand gebückt vor einer bis auf Kopfhöhe mit Gegenständen aufgestapelten Sackkarre am Berg. Mann, Sackkarre und Gegenstände sichtlich in Schräglage. Ich fuhr langsam an ihm vorbei, sah mir ein Trauerspiel im Rückspiegel an.

Ich fuhr mehrere hundert Meter weiter den Berg hoch. Dabei das zutiefst traurig anmutende Schauspiel im Blick haltend. Ich konnte nicht erkennen, ob der Mann vorangekommen war. Dann, fast schon über den Berg, hielt ich doch endlich an, wendete den Bus auf der schmalen Straße und fuhr langsam zurück.

Auf seiner Höhe angekommen, er war, wie ich sah, nicht einen Zentimeter mit der Sackkarre vorangekommen, kurbelte ich mein Seitenfenster herunter und sagte ihm, ich suche jetzt mal einen Parkplatz, dann würde ich ihm, wenn er einverstanden wäre, helfen.

Keine zwanzig Meter entfernt konnte ich den Bus parken, stieg aus und ging zu ihm. Vor mir stand ein alter Mann. Sichtlich erschöpft und hörbar außer Atem versuchte er eine vollgeladene Sackkarre zu halten. Ich erkannte mehrere Elemente einer besseren Stereoanlage. Einen CD-Player. Einen Plattenspieler. Ein Radioelement mit Verstärker. Wahrscheinlich aus der oberen Preisklasse. Soweit ich dies beurteilen kann. Und all das übereinander aufgestapelt auf einer wenig Vertrauen erweckenden Sackkarre.

Womit er damit denn hin wolle. Doch nicht über den Berg, hoffte ich. Nein. Nicht über den Berg. Nur die zehn Meter noch, gleich dort bis zum ehemaligen Kindergarten. Der jetzt ein ukrainisches Flüchtlingshaus für Frauen und Kinder ist. Dorthin wolle er die Sachen bringen. Eine Spende solle es sein.

Ich bot an, die Sackkarre zu übernehmen. Seine Sachen bis zum Eingang des ehemaligen Kindergartens, dem jetzigen Flüchtlingshaus zu schieben. Doch schien er mir nicht zu vertrauen. Er wollte mir die Sackkarre nicht übergeben. Seine Finger umklammerten diese eisern an beiden Griffen. Dann erst begriff ich, dass er sich an dieser festhielt. Um nicht zu fallen. Erschöpft, wie er war. Ich schaute den Berg hinunter. Er muss die schwer beladene Karre allein den Berg bis hierher geschoben haben. Ein halber Kilometer mag es für ihn allein gewesen sein. Und wer weiß, wo seine Plackerei ihren Anfang hatte.

Vor besagtem Haus angekommen, begann ich seine Karre einfach von oben abzuladen und bat ihn, schon einmal im Haus Bescheid zu geben. Darauf ließ er sich ein. Er klingelte an der Haustür. Während ich Teil auf Teil aufstapelte und ins Schwitzen kam, sah ich ein paar Damen mittleren Alters, die offensichtlich nicht wirklich wussten, was sie von der Sache bzw. den Sachen halten sollen.

Ich hätte diese zu schätzen gewusst. Allein der mächtige DUAL-Plattenspieler hatte mich längst in eine Art Verzückung gebracht. Ein derartiges Gerät hatte ich in meinem bisherigen Leben einzig hinter panzerglasstarken Schaufenstern extravaganter Elektronikgeschäfte betrachten können.

Ich schaute um die Ecke in eine Art Wohnzimmeraufenthaltsraum. Die anwesenden Frauen zeigten weiterhin wenig Interesse an ihren „Spenden“. Sie kümmerten sich um die anderen Dinge. Eine saß Nägel lackierend auf einer bombastischen Couchgarnitur. Eine weitere Frau blickte ab und an gelangweilt auf einen riesigen Bildschirm an der Wand des ehemaligen Kindergartens, während sie mit ihrem blinkenden Smartphone beschäftigt war.

Da ich keine weiteren Instruktionen erhielt, weder vom alten Mann noch von der Damenwelt im Haus, stapelte ich die Geräte im Hauseingang hinter der Eingangstür.

Auf dem gemeinsamen Rückweg zum Bus fragte ich den älteren Herrn, ob ich noch irgendwie helfen könnte. Ich machte mir Sorgen, dass es nicht die einzige Fuhre dieses Tages für ihn gewesen sein sollte. Bisher hatte ich noch keine Musikboxen getragen. Und so war es dann auch. Er müsse noch die Boxen, seine Plattensammlung und die CDs im Haus abgeben.

Ich bot ihm an, gemeinsam zu seinem Haus zu fahren, um die restlichen, wie er sagte, „Spenden“, zu holen und diese dann ebenfalls gemeinsam abzuliefern.

Mein Angebot nahm er sehr gerne an. Ich packte seine Sackkarre hinten in den Bus und er setzte sich noch immer ein wenig außer Atem und verschwitzt zu mir auf den Beifahrersitz. Während unserer Fahrt zu seinem Haus in der Dorfmitte erzählte er aus seinem Leben. Die Dinge, die ihm in den letzten Jahren widerfahren sind.

Er wäre jetzt 82 Jahre alt. Im letzten Jahr sei seine Frau, mit der er bald sechzig Jahre verheiratet war, verstorben. Nach ihrem Tod wurde sein Leben ein anderes. Er bekam Herzprobleme und musste sich Anfang dieses Jahres einer Operation am Herzen unterziehen. Bis dahin hätte er noch jeden Tag in einem Baumarkt gearbeitet. So lange, bis es einfach nicht mehr ging. Und jetzt müsse er sein Haus verkaufen. Er kann die Kosten und Abgaben nicht mehr aufbringen, um es halten zu können.

Das Untergeschoß hätte er bereits vermietet. Die Miete hilft ein wenig. Doch seit diesem Jahr machen seine Beine nicht mehr mit und das Treppensteigen, na ja, es sei, wie es ist, seit zwei Wochen lebt er in einem Heim, etliche Dörfer entfernt.

Da er sein Zimmer mit einer anderen Person teilt, kann er leider nur wenig private Gegenstände mitnehmen. Daher muss er nun viele der lieb gewordenen Dinge seines Lebens loswerden. Er hätte ja niemanden. So hatte er sich entschlossen, an Menschen in Not zu spenden.

Angekommen an seinem Haus fragte ich nach den Boxen, damit ich sie in den Bus bringen könne. Sie standen schon unten auf dem Treppenabsatz seines Sechzigerjahrehauses. Nachdem ich eine in den Armen hielt, schwer wie ein volles Bierfass, fragte ich mich, wie er diese mit seinen 82 Jahren allein und mit Herz- und Beinproblemen die Treppe hinunter bekommen hatte.

Wie er überhaupt auf den Einfall kam, ohne jede Hilfe diese mit einer klapprigen Sackkarre Kilometer weit erst durch das Dorf und dann noch den Berg hoch zum Flüchtlingshaus zu karren.

Nach mehreren Gängen war der Bus voll und wir fuhren zusammen zurück. Durch das Dorf. Den Berg hoch. Zum ehemaligen Kindergarten.

Dort angekommen sah ich Teile seiner ehemaligen Stereoanlage noch dort stehen, wo ich sie zuvor abgestellt hatte. Als ich die schweren Boxen, Boxen, die ich mir früher selbst niemals hätte leisten können, zu den anderen Dingen in den Hauseingang stellte, blickten die Frauen des Hauses nicht einmal von ihren Smartphones auf.

Auf meine Frage, wo sie Boxen und Anlage gerne stehen hätten, bekam ich keine Antwort. Nun, da ich kein Ukrainisch kann und ich mich mit meinen wenigen Brocken russisch nicht verdächtig machen wollte, blieb Schweigen im Raum.

Inzwischen war es dunkel geworden. Ich fragte, ob ich ihn jetzt zurück zu seinem Haus bringen könne. Nein. Er wolle lieber den Bus nehmen. Dabei schaute er auf die Uhr an seinem Handgelenk. Der wäre in weniger als zehn Minuten an der Haltestelle.

Dann fragte er mich, ob ich für meine Hilfe Geld haben wolle. Nein. Natürlich nicht. Zum Abschied gaben wir uns die Hand. Wünschten uns eine gute Weihnacht und Gottes Segen auf seinem Weg.

Als ich am nächsten Tag wieder durch das Nachbardorf fuhr, sah ich mehrere Teile der Anlage zwischen zwei Abfallcontainern vor dem Haus am Berg liegen. Ich hatte beim Vorbeifahren interessiert hinübergeschaut, einfach wie man schaut, wenn man einen Ort vor kurzem etwas näher kennengelernt hat.

Ich hielt an und trat näher heran. Die Sachen waren nicht abgelegt, sondern abgeschmissen worden. Aber schon wetterbedingt wäre es kaum möglich gewesen, etwas zu retten, selbst wenn die Komponenten der Musikanlage nur abgelegt worden wären. Der Arm vom Plattenspieler hing seitlich herunter, wie eine unnatürlich ausgerenkte Gliedmaße.

Ein alter Mann hatte tags zuvor abgeladen, was er für etwas von Wert gehalten hatte. Mit letzter Kraft hatte er die Sachen mit einer alten Sackkarre durch sein altes Dorf geschoben, um es für immer zu verlassen. Ein letzter großer Kraftakt. Einer, den ich ihm vielleicht sogar durchkreuzt hatte, als ich meine Hilfe anbot.

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