Von Gregor Leip
Während die offizielle Pünktlichkeitsquote der Deutschen Bahn AG (DB AG) im Fernverkehr bei rund 60 Prozent liegt, enthüllen aktuelle parlamentarische Anfragen des AfD-Abgeordneten Martin Sichert und daraus abgeleitete Berechnungen ein dramatisches Bild:
Der eigentliche Skandal sind nicht die vollständigen Ausfälle, sondern die massenhaften Teilausfälle (Halt-Ausfälle oder vorzeitige Beendigungen von Zügen). Diese werden systematisch aus der Pünktlichkeitsstatistik herausgehalten – und treiben die reale Zuverlässigkeit auf ein katastrophales Niveau.
Teilausfälle bedeuten, dass ein Zug nicht die gesamte geplante Strecke fährt – er endet vorzeitig, fährt nur Teilstrecken oder lässt Halte aus. Für Fahrgäste ist das oft schlimmer als ein kompletter Ausfall: Sie müssen umsteigen, verpassen Anschlüsse oder erreichen ihr Ziel gar nicht.
Dennoch zählen diese Teilausfälle in der betrieblichen Pünktlichkeitsstatistik der DB AG nicht mit – nur die bereits gefahrenen Abschnitte werden erfasst, und das oft als „pünktlich“.
Aus den Antworten des Parlamentarischen Staatssekretärs Ulrich Lange (auf Sicherts Anfragen) und öffentlichen Berichten ergibt sich ein klares Bild:
Im Jahr 2024 gab es bei rund 554.000 Fernverkehrsfahrten (ca. 1.518 pro Tag) 254.040 Teilausfälle – das sind durchschnittlich über 695 Teilausfälle pro Tag. Hinzu kamen 14.235 vollständige Ausfälle (ca. 39 pro Tag, wie in Sicherts erster Anfrage bestätigt).
Zusammen mit Verspätungen ergibt das: Nur etwa 14 Prozent aller Fahrten verliefen wirklich planmäßig – also 86 Prozent waren beeinträchtigt (Verspätung, Teilausfall oder Komplettausfall).
Seit 2021 summieren sich Teil- und Komplettausfälle auf fast eine Million betroffene Verbindungen, allein in den letzten zwei Jahren fast 20.000 vollständige Ausfälle plus Hunderttausende Teilausfälle.
Die Regierung bestätigt explizit:
„Ausgefallene Züge sowie der bei Teilausfällen entfallene Teil einer Zugfahrt […] fließen nicht in die betriebliche Verspätungs- bzw. Pünktlichkeitsstatistik ein.“
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Das entspreche europäischer Praxis (z. B. ÖBB), und bei nur 1–3 Prozent Komplettausfällen sei der Effekt „statistisch nicht wesentlich“. Doch bei Hunderttausenden Teilausfällen pro Jahr ist das eine massive Verzerrung – die offizielle Quote von 60,1 Prozent Pünktlichkeit 2025 (gegenüber 62,5 Prozent 2024) kaschiert das reale Chaos.
Für Fahrgäste irrelevant: Ein ICE, der in Köln endet statt bis Hamburg zu fahren, ist für den Passagier ein Totalausfall – statistisch aber oft „pünktlich“ bis Köln.
Systematische Schönung: Kritiker werfen der DB vor, verspätete Züge gezielt in Teilausfälle umzuwandeln, um die Quote zu polieren (Berichte über interne Chats und Fälle, in denen Züge „zur Verbesserung der Statistik“ annulliert wurden).
Kein echter Vergleich möglich: Die DB veröffentlicht keine detaillierten Zahlen zu Teilausfällen pro Linie – sensible Daten gelten als Geschäftsgeheimnisse und werden nur vertraulich im Bundestag hinterlegt (Antwort auf Sicherts zweite Anfrage).
Martin Sichert kommentiert: Die Zahlen seien „eine Kapitulation“ und hätten „mit moderner, zuverlässiger Mobilität nichts mehr zu tun“. Die Infrastruktur versage, und die Statistik täusche Fahrgäste und Öffentlichkeit.
DB kämpft mit maroder Infrastruktur, Personalmangel, Baustellen und Witterung – doch die Geheimhaltung und Ausklammerung von Teilausfällen verstärkt das Misstrauen. Die drei Mindestforderungen müssen jetzt lauten:
· Einbeziehung von Teilausfällen in die Pünktlichkeitsstatistik (ähnlich Reisendenpünktlichkeit).
· Monatliche Transparenz über Ausfälle und Teilausfälle.
· Unabhängige Prüfung der Methodik.
Während Milliarden in Sanierungen fließen (23 Mrd. Euro vom Bund 2026), zahlen Reisende mit höheren Preisen und sinkender Zuverlässigkeit den Preis. Der Skandal um die Teilausfälle zeigt: Die offizielle „Pünktlichkeit“ ist eine Illusion – die Realität ist ein System am Limit.