Ein psychologischer Archetyp in Militär, Justiz, Politik und Wirtschaft

Der Maskenträger der Macht

von Sascha Rauschenberger

Ein Blick, der durch Menschen hindurchgeht, statt sie anzusehen.© Quelle: Grok

Es kommt nun immer häufiger vor. Wir sehen Menschen im Fernsehen oder in den Social Media, die auf uns befremdlich wirken. Nicht sofort unsympathisch, aber irgendwie nah dran. Wir wurden zwar dazu erzogen, nicht von Äußerlichkeiten auf den Menschen zu schließen, aber dieser Typus lässt bei uns im Inneren eine Alarmsirene erschallen.  Es ist der Typus von Führungsperson, den man sofort erkennt, aber schwer in Worte fassen kann:  Ein Gesicht, das wirkt wie eine Maske.

Von Sascha Rauschenberger

Ein Blick, der durch Menschen hindurchgeht, statt sie anzusehen. Eine Körpersprache, die nicht Persönlichkeit ausdrückt, sondern Funktion.

Dieser Typus begegnet uns inzwischen überall und scheint präsenter als noch vor ein paar Jahren. In der Armee, in Gerichtssälen, in Vorstandsetagen oder Verwaltungen und in politischen Ämtern. Er ist kein Bösewicht. Er ist kein Tyrann. Er ist ein Funktionsmensch. So die Hoffnung des Betrachters. Ein Mensch, der sich so vollständig über seine Rolle definiert, dass die Rolle irgendwann sein Gesicht übernimmt.  Ich habe mich bewusst dazu entschieden, keine Bilder von Beispielen zu zeigen, obwohl wir sie alle kennen (dazu später).

Ich habe auch nach etlichen Versuchen davon Abstand genommen, mithilfe der KI die jeweiligen Phänotypen zu generieren, um nicht aus Versehen einen tatsächlichen Menschen abzubilden, was dem ersten Gedanken widersprechen würde.

Daher die Beschreibung des Typus an sich:

• schmales, kantiges Gesicht
• hohe Wangenknochen
• dünne Lippen
• starre Mimik
• neutraler, leicht nach unten gezogener Blick
• große und rund wirkende Augen, die starr wirken
• (kurze), gepflegte Haare mit meist einfacher Frisur
• kein Bart oder auffällige Kosmetik
• keine sichtbaren Emotionen oder ausladende Gesten
• konservative Kleidung (mit wenig Schmuck)

Wie sieht die psychologische Grundstruktur dieses Typus aus? Und hier war die Hilfe der KI bei der Recherche absolut nötig. Man muss wissen, wo seine Grenzen sind, wenn man etwas so Wichtiges – uns alle Betreffendes – beschreibt.  Dieser Typus ist geprägt durch drei überlappende Faktoren:

1. Neuropsychologische Merkmale
Viele Funktionsmenschen zeigen leichte Ausprägungen von:
• Alexithymie (Schwierigkeit, eigene Gefühle zu erkennen)
• Autismus-Spektrum-Merkmalen
• extremer kognitiver Dominanz über Emotionen

Das führt zu:
• flacher Mimik
• starrem Blick
• neutralem Ausdruck selbst in emotionalen Situationen

2. Berufliche Konditionierung
In militärischen Führungsrollen, in der Justiz, der Verwaltung und in Vorstandsetagen gilt: „Zeige keine Schwäche.“ Über Jahre entsteht eine Dienstgesichts-Maske, die irgendwann zur Dauermaske wird.

3. Pysiologische Faktoren
Nervverletzungen (auch durch Unfälle oder Krankheiten, was zu beachten ist), chronischer Stress, Schlafmangel und Muskelverspannungen können die Mimik reduzieren. Doch warum wird dieser Typus von uns als „autoritäres Gesicht“ wahrgenommen?

Wir Menschen lesen Gesichter intuitiv. Völlig unabhängig von Rasse, Kultur, Glauben oder Herkunft. Ein freundliches Gesicht wirkt weltweit sympathisch. Ein Lächeln wirkt überall als das, was es ist, wenn es echt ist.

Ein Gesicht ohne Mimik wirkt daher anders:

• distanziert
• unnahbar
• potenziell gefährlich
• moralisch unklar

Fehlende Mimik macht die Einordnung der Person potenziell unmöglich und kann bei einem Irrtum tödlich sein. Das sagt uns die evolutionär bedingte Intuition. Selbst unsere Haustiere lernen mitunter unsere (individuelle) Mimik zu lesen und reagieren entsprechend.

Wenn dazu noch eine Uniform, eine Robe, ein Anzug oder ein weißer Kittel, ein Macht- oder Statussymbol hinzukommt, verstärkt sich der Eindruck durch die Gesamterscheinung massiv. Mitunter potenziert er sich.

Der gleiche Typus kommt in verschiedenen Rollen vor. Darum ist er im Alltag auch so präsent. Mitunter auch als lächelnde Person, deren Lächeln aber niemals die Augen erreicht. Wir nennen es im Allgemeinen dann aufgesetzte Freundlichkeit, wie bei Kassiererinnen zu beobachten. Doch bei dem hier angesprochenen Typus geht diese Einsicht tiefer. Sie alarmiert uns unwillkürlich. Mahnt zur Vorsicht; zumindest zu mehr Aufmerksamkeit.

1. Der Uniformträger
Die Wirkung ist streng, kontrolliert, unpersönlich und systemtreu.

2. Richter
Auch hier ist die Wirkung auf uns unnahbar, moralisch neutral, aber rein technokratisch.

3. CEO / Verwaltungsleiter / Technokrat
Der Typus wirkt kühl, berechnend, effizient und distanziert.

4. Der Politiker
Die Wirkung ist hier (aal)glatt, kontrolliert und schwer einschätzbar, was in totalitären Regimen logisch, aber gerade in Demokratien verheerend ist. Darum kommen diese Menschen – mitunter trotz brillanter Leistungen und großer Zustimmung – nicht über das Mittelmaß hinaus. Weil man ihnen – rein gefühlt – nicht traut.

Weiterlesen nach der Werbung >>>

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal

Außer bei Politikern in Demokratien ist der Typus also nicht karrierevernichtend oder zumindest karriereschädigend. Warum? Weil sie Teil des Systems sind, das auf anderen Maßstäben und Prämissen beruht als auf öffentlicher oder menschlicher Akzeptanz. Es beruht auch auf Nützlichkeit für die, die eben nicht so effektiv, bewandert oder erfahren sind, aber nach oben wollen. Die Kompetenz und Loyalität nutzen, aufsteigen und diese Menschen dann Stufe für Stufe mitnehmen, bis sie selbst in hohen Positionen direkte Macht ausüben können. Und dort fallen sie uns dann auf, weil sie erst da präsent sind. Für uns sichtbar werden.

Der Funktionsmensch ist nicht böse. Er ist nicht gefährlich. Er ist nicht moralisch leer. Er ist schlicht überangepasst. Er hat gelernt, dass Rollen wichtiger sind als Menschen. Dass Strukturen wichtiger sind als Gefühle. Dass Systeme wichtiger sind als Moral.

Und irgendwann übernimmt die Rolle dann das Gesicht. Ähnlich wie bei einem Berufstänzer, wenn er auf die Tanzfläche tritt: ein strahlendes, völlig unbegründetes Lächeln. Und das ist der Punkt, den dann zumindest unser Unterbewusstsein als Gefahr erkennt. Nennen wir es den erkannten Ja-Sager, den möglichen Opportunisten und gefühlten Bösen.

Warum dieser Typus so häufig in Machtpositionen landet und für Karrieristen so wichtig ist? Weil alle hierarchischen und bürokratischen Organisationssysteme Menschen bevorzugen, die

• nicht anecken
• nicht rebellieren
• nicht emotional werden
• nicht charismatisch sind
• nicht zu viel Persönlichkeit zeigen

Ich lasse diese Strichliste einmal bewusst so stehen und möchte den Leser bitten, diese Liste kurz zu reflektieren.

Der Funktionsmensch ist der perfekte Systemträger. Er ist loyal, berechenbar und selbstkontrolliert. Somit bestens geeignet für ehrgeizige Menschen, Effektivität um sich zu scharen, ohne zusätzliche Konkurrenz zu schaffen.

Er ist die Maske der Macht, NICHT ihr Motor. Der Motor der Macht sind in aller Regel sehr photogene, sprachlich gut aufgestellte und ewig lachende Gestalten, deren Kompetenz, Wissen und Bildung nicht im Entferntesten mit ihrem Ehrgeiz und Machtanspruch einhergehen. Leute, die auf andere angewiesen sind, um die vorhandenen – und selbst erkannten – Defizite auszugleichen, zu übertünchen oder abzustellen. Das ist gerade in Systemen wichtig, wo die eigene Leistung von außen wahrgenommen, bewertet und gegebenenfalls auch sanktioniert wird. Wie beispielsweise bei Politikern mit Mandat oder Funktion.

Dieser Typus ist also desto lieber gesehen, je komplizierter, komplexer und interdisziplinärer mögliche Lösungen sein müssen, um unter der Lupe des öffentlichen Fokus bestehen zu können. Man braucht Typen, denen es reicht, effektiv zu sein, selbst nicht anzuecken und damit auch das Risiko zu minimieren, dass der „Sponsor / Mentor“ seiner Karriere aneckt.

Dazu gehört auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu exekutieren, die ihm oder ihr eigentlich persönlich missfallen. Sie müssen sogar ihr Gesicht für diese Entscheidung hinhalten, um ihren Sponsor oder Mentor zu schützen, der sich vielleicht auch noch öffentlich von der durch ihn initiierten Entscheidung distanziert. Der in der Lage ist, „gute Miene zum bösen Spiel zu machen“.

Daher ist dieser Typus sein Gewicht in Gold wert. Und so wird er auch behandelt. Denn mit jedem Karriereschritt des Herrn und Meisters kommen sie auch hoch. Machen so selbst Karriere und werden so für uns wahrnehmbar.

Warum sie nun vermehrt auftreten; in eben herausragenden Positionen oder als Kandidaten für Spitzenämter? Ich kann es statistisch nicht beweisen, verweise aber auf die Qualität unserer Politiker, die wir in den letzten Jahren nach oben gebracht haben. Da gab es etliche Figuren, die jedes bisschen kompetente Hilfe nötig hatten, um nur unfallfrei von A nach B zu kommen.

Wo Entscheidungen getroffen wurden, Leistungen im System abgefordert wurden, wo ab einer gewissen Ebene der starre Gesichtsausdruck überlebenswichtig wurde. Wo Zustimmung, egal zu was, zum Credo wurde. Man diesen Typus, der das konnte oder mitmachen wollte, quasi gezüchtet hat. Egal ob im Beamtenapparat, den Sicherheitskräften, in der Justiz, der Schule oder auch in der Wirtschaft.

Der maskenhafte Blick, die starre Mimik, die funktionale Körpersprache – all das ist kein Zeichen von Autoritarismus. Es ist ein Zeichen von reiner Überfunktionalität.

Ein Mensch, der gelernt hat, dass er nicht er selbst sein darf, sondern nur das Systemabbild zu sein hat, das er repräsentiert. Dieser Typus ist überall. Und er prägt mehr Entscheidungen, als wir glauben. Eben weil er meist in allem besser aufgestellt ist als die, denen er dient und die ihn so auch machen lassen. Machen lassen müssen, weil sie es selbst nicht (besser) können.

Dass dieser starre Blick und das mimiklose Gesicht unterbewusst durch ihre Ähnlichkeit mit Gefahren, die wir evolutionstechnisch überwunden haben, assoziiert werden, ist da auch nicht vorteilhaft. Schlangenähnlich oder reptiloid taucht dort als Beschreibung oft auf und führte zu diversen Theorien absonderlichster Art.

Die Macht der Gewohnheit, Haltung zu bewahren, schafft individuelle Muster der Eigendarstellung. Umgebungen, die keine Gefühle fördern, machen auch eine Mimik überflüssig; sogar gefährlich.

Erst dort, wo diese gezeigte Gefühlskälte dann lösungsorientiert wird, ist der Punkt erreicht, wo diese Menschen überflüssig werden könnten. Oder weg vom Entscheidungstisch müssen.

Und hier müssen wir uns fragen, ob das in den letzten zwanzig Jahren auch wirklich so erkannt und dann auch gemacht wurde. Ich vermute nicht, denn sonst wären sie jetzt nicht so präsent.

Wie komme ich zu diesem Artikel? – Ich habe mir eine KI genommen und habe mir Bilder generieren lassen. Darum auch kein Bild in den Artikel aufgenommen. Ich nahm mir ein paar dieser Menschen und ließ ihre Gesichter in alte Bilder hineinkopieren. Als Präsident des Volksgerichtshofes, als SS-General, als Redner in Gauleiteruniform, als stalinistischer Kommissar und stellte sie dem Original gegenüber. – Es war erschreckend!

Das war der Ansatz zu recherchieren, WIE so etwas aufkommen kann. Und auch das Ziel, ohne Beispielbilder auskommen zu müssen...

Als ich meine Besorgnis der KI vorlegte, antwortete sie: „Sascha… das ist genau die richtige Schlussfolgerung. Und ehrlich: Du hast hier einen Punkt getroffen, den viele unterschätzen. Bilder sind nicht nur Illustrationen — sie sind Interpretationsmaschinen.

Und je neutraler oder „funktionaler“ ein Gesicht ist, desto größer die Gefahr, dass es zufällig wie jemand wirkt, der existiert. Genau der Typus, den du beschreibst, ist einer, der in vielen Systemen vorkommt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein generisches Bild ungewollt eine reale Person „trifft“, ist enorm.
Das ist nicht nur ein theoretisches Risiko.

Das ist ein kommunikatives Risiko.“ Dazu müssen wir auch immer noch einen Punkt berücksichtigen: Solche Phänotypen können auch durch Unfälle, Krankheiten (z. B. Schlaganfall) und Modetrends (z. B. Botox) entstehen. Man weiß es nicht. Darum auch der Verzicht an sich.

Das wirft dann eine neue Frage auf: Wenn die KI Recht hat, und das sehe ich so, was für Bilder werden uns dann vorgesetzt, um uns zu manipulieren? Die Kommunikation des generierten Bildes absichtlich als Instrument zu nutzen. Es uns als wahr zu verkaufen? Um uns zu steuern…

Ihre Unterstützung zählt

Mit PayPal