Toddn Kandzioras Wochenrückblick 35/2021

Deutschland am Morgen im Nebel

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Deutschland am Morgen im Nebel
Unser Kolumnist Toddn Kandziora ist mit seinem Hund unterwegs. Der hat zwar Angst vor fallenden Äpfeln, aber er macht Toddn gute Laune. © Foto: Unsplash / Tiberiu Popa

Dies heute ist meine fünfunddreißigste Kolumne. Vierunddreißigmal habe ich euch dystopisch düstere Gedanken um die Ohren gehauen. Heute werde ich das einmal nicht tun. Zumindest nicht so heftig wie bisher und von mir gewohnt.

Ich komme gerade vom Gassi gehen. Gassi gehen. Ein eigenartiger Begriff dafür, mit seinem Hund (oder Hunden) eine Runde zu drehen. Mattis und ich machten also am heutigen Morgen unsere gewohnte Runde um das heimatliche Dorf herum. Ein kleines, deutsches Dorf früh am Morgen eingehüllt in Nebel.

So ein Frühnebel, der verspricht in der Regel einen sonnigen Tag. Das wäre schon schön nach den vielen Tagen des Regens und dem stetig traurigen Grau in Grau in diesem August. Sollte es heute ein schöner Tag werden, dann könnte ich, wenn ich meine Kolumne fertig geschrieben habe, endlich einmal wieder den Rasenmäher aus der Garage holen und im Garten das hohe Gras daran hindern, in den Himmel zu wachsen.

Ich hätte Muße und Zeit den warmen und sonnigen Tag zu nutzen, um das reife Obst von mehreren selbst gepflanzten Bäumen zu pflücken. Fünf Jahre ist es jetzt her, dass ich sie zur rechten Zeit und nach damaligen Mondkalender an einem geeignet scheinenden Platz pflanzte. Einen sehr jungen Pflaumenbaum und einen Birnenbaum. Die Früchte vom Pflaumenbaum sind seit gestern abgeerntet. Sie waren so groß wie Kiwis und süß wie Pfirsiche. Inzwischen sind auch die Birnen mehr als reif.

Dafür, dass ich sie die letzten Jahre ohne Erträge pflegte, beschnitt, wässerte und vor Schädlingsbefall schützte, wurde ich in diesem Jahr das erste mal reichlich für meine Mühen beschenkt.

Im letzten Jahr war die eigene Apfelernte wirklich gut. Solche ertragreichen Ernten hat man nicht in jedem Jahr zu erwarten. Die Apfelbäume wurden von früheren Gartennutzern gepflanzt. Schon vor langer Zeit. Einer der Apfelbäume ist sogar zu einem Zweisortenbaum veredelt worden. Und die Äpfel der rechten Seite gehören zu meiner Lieblingssorte. Den ersten Apfel jeder Saison genieße ich mit jedem einzelnen Bissen unter dem Baum. Dies ist mir zu einem liebgewonnenen Ritual geworden. Die Äpfel der linken Baumseite gehört zu einer Sorte, die im Keller ordentlich gelagert bis in Februar teils bis März haltbar bleiben.

Für Hund Mattis ist dies die Zeit, in der er sich aus Gründen der Schwerkraft nicht unter die Obstbäume im Garten zu legen pflegt. Unangenehm gemachte Erfahrungen lassen ihn zur Fallobstzeit inzwischen andere Plätze aufsuchen. Wie mag ein Hund wohl die verschiedenen Jahreszeiten betrachten? Für Mattis ist jetzt also womöglich die Vorsicht-Apfel-fällt-Zeit gekommen. Vielleicht teilt ein Hund sein Jahr aber eher in Gerüche, Erfahrungen und wiederkehrende Ereignisse anstatt wie viele Menschen in Urlaubszeit, Weihnachtsgeldzeit, Sommer und Winterschlussverkäufe.

Nach der Apfelzeit für den Hund kommt für ihn die Zeit der kalten Pfoten und des wärmenden Ofens. Und nach der Ofenzeit, wenn es draußen wieder wärmer wird, die ersten Traktoren um das Haus lärmen, kommt die Zeit der süßen Gerüche. Die Zeit der Suche nach jungen Mäusen. Die Jahreszeit vieler umher summenden und fliegenden Tierchen, nach denen besser nicht geschnappt wird, da sie im Maul noch stechen können.

Der Ende des Sommers, wie der Übergang in den Herbst bedeutet nicht nur, das reife Obst zu pflücken, nun geht es auch an die Rabatten. An das Gemüse. Doch beim Gemüse sieht es seit einigen Jahren nicht mehr gut mit der Ernte aus. Mag es daran liegen, dass ich auf jegliche Chemie im Garten verzichte, an den regenarmen Sommern die Jahre zuvor oder dass die Erde sauer wurde. Die Tomatenernte jedenfalls ist schon im dritten Jahr in Folge erbärmlich ausgefallen. Bohnen, Erbsen und Paprika reichten gerade für unsere Mahlzeiten in den Erntewochen. Nur wenige Portionen für den Winter konnte ich einfrieren. Ans Einkochen war heuer gar nicht zu denken.

Woran ich jetzt zu denken habe, das ist das Brennholz für den Winter. Damit die gute Stube warm ist. Der einzige Raum im unteren Stockwerk unseres Hauses, der beheizbar ist. Das ist einer der Nachteile in einem alten Haus, ohne, sagen wir, richtige Heizung zu überwintern. Da kann man sich schon einmal am frühen Morgen den Hintern auf dem Klo abfrieren. Zumindest habe ich inzwischen ein Klo im Haus. In meiner Kinder- und Jugendzeit hatten wir das Klo noch in Form eines Plumpsklos auf dem Hof. Und im Winter, bei Minustemperaturen, sind wir mit der Handkerze und einer Eisenstange unserem Geschäft nachgegangen und mit einer solchen nicht nur um die zugefrorene Oberfläche zu zerstoßen.

Damals schon hatten wir nur einen Ofen für die Wohnung. Nein, stimmt nicht: Wir hatten auch eine Küchenhexe. Daher war die Küche in unseren damaligen Wintern der Erlebnisraum der Familie. Heute, da bleibt die Küche - wie die Erlebnisse in dieser - kalt. Die lieb gewonnene Küchenhexe wurde vor Jahren wegen aufkommender neumodischer Brennwerte verboten. Neue Zeiten, kalte Zeiten. Nicht nur für die dörfliche Familie.

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Verboten wurde uns nicht nur die warme Küche im Winter. Verboten wurde uns auch das Verbrennen von Gartengeäst, Sträuchern und Holzresten. Nachdem in den letzten Jahren immer mehr Städter auf das Land zogen, um in ihren an den Dorfrändern errichteten, hässlichen Trabantensiedlungen ihre zehn Quadratmeter Gärten auf teuren elektrobetriebenen Aufsitzern abzumähen, änderten sich leider wie naturgemäß auch die parteilichen Kräfteverhältnisse auf dem Land. Die neue, durch städtischen Zuzug ermächtigte Partei hat es auch durchgesetzt, dass in den Gärten keine Feuer mehr gemacht werden dürfen. Wegen der Umwelt und der guten Luft auf dem Land. Na, ihr wisst schon.

Über all das wollte ich doch gar nicht schreiben. Ich wollte darüber schreiben, dass wir auf dem Dorf Geborene eben anders als manch Städter tickt. Wir haben im Grunde nichts dagegen, wie diese Städter ticken. Doch ist es nicht eigenartig, jetzt, wo so viele Städter auf das Land flüchten, weil sie auch gerade durch ihr Wahlverhalten nicht mehr dort wohnen können (oder wollen) uns nun diese ihre städtischen Regeln aufzwingen, die sie dazu bewegten, zu uns zu ziehen? Das empfinde ich in der Tat sehr suspekt.

Wie wird bald mit uns geborenen Landeiern wohl von ihnen verfahren? An was werden wir uns gewöhnen müssen, was wird uns noch verboten werden, um ihnen, den Hinzugezogenen genehm zu sein? Wird uns, wie schon in Neuseeland von Monsantobütteln im dortigen Parlament durchgesetzt, der Anbau von Obst und Gemüse über Eigenbedarf verboten werden?

Wird es uns verboten werden, wegen der sauberen Luft und der Rettung dieser Welt das eigene Brennholz im Ofen zu verbrennen? Wie sollen wir im Winter heizen, wenn der Einbau einer modernen Heizung finanziell nicht möglich ist? Werden wir in wenigen Jahren mit unserem Verbrenner betriebenem Auto nicht mehr in eine Kreisstadt zum Arzt oder zum Amt fahren dürfen? Müssten wir uns ein elektrobetriebenes Fahrzeug kaufen, dass wir uns nicht leisten können oder wollen?

Dürfen wir in wenigen Jahren uns noch nach Jahreszeiten verhalten uns diesen anpassen und dementsprechend handeln? Und wer weiß, vielleicht wird es uns bald verboten sein in einen Wald zu gehen. Geschweige denn unser Brennholz dort machen zu können. Wer weiß, was ihnen alles noch einfallen mag, nur zu unserem Besten und zur Rettung dieser Erde.

So viel zu Städtern, meinem Hund Mattis, unserem Garten, den Jahreszeiten und meinem richtigen Leben im Falschen.

Ich hoffe, ich habe euch mit dieser aus der Art geschriebenen Kolumne nicht zu sehr gelangweilt. Möglicherweise so gelangweilt, wie ich mich von unseren „Bestimmer*innen“ derzeit fühle. Denn das ist es, was sie tun. Mich langweilen.

Vor zwei Jahren noch, da ärgerten sie mich tagtäglich. Dann kamen sie mit Corona um die Ecke einer neuen Weltordnung, die sie zu erschaffen gedenken, und mein Ärger verwandelte sich in Wut. Als sie dann mit einem ersten, zweiten, gar dritten Lockdown ihr wahres Wesen offenbarten, wurde aus meiner Wut so etwas wie Verachtung. Heute jedoch, Anfang September 2021, wo sie auf Teufel komm raus jeden Impfen wollen, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, (das Land verlässt oder aus Gründen schon verlassen hat) bin ich von all den Söders, Drostens und Annalenas im Grunde nur gelangweilt.

Mit Frau Baerbock könnte ich mir eine politische Diskussion durchaus vorstellen. Lieber noch wäre mir ein politischer Talk mit Frau Wagenknecht, Frau Weidel und Frau Baerbock in einem Studio-Barambiente und ich hinter der Theke stehend und den Damen einen Drink ihrer Wahl einschenken. Das fände ich nett.

Und dann bitte ohne einem von GEZ finanzierten Sendern ausgesuchtem Publikum. Ich würde einfach zehn Minuten vor der Show runter vor das Studio auf die Straße gehen und ein paar Handvoll Passanten zum Mitkommen überreden. Egal ob 2G oder 3G. Öko oder Fleischesser. Grün oder AfD. Arm oder Reich. Schwarz oder weiß. Hetero oder schwul oder, ach was weiß ich denn was es alles gibt, was Spaß macht und so lange es in Ordnung geht. Scheißegal wäre mir das doch. Einfach nur ganz normale Menschen von der Straße. Das wäre netter. Richtig nett wäre das.

Ein Gespräch mit einem Herrn Söder jedoch. Einem Drosten, Lauterbach oder Kretschmann. Nein. Völlig abwegig. Derart viel geballt negative Energie würde ich ohne Probleme in meinem Alter nicht mehr einfach so wegstecken können. Diese Personen sind mir echt nicht geheuer. Wenn ich die schon sehe und reden höre, dann muss ich automatisch an so fies-miese Filme mit Jugendfreigabe ab 18 Jahre denken. Eigenartig schon bei der von mir angedachten politischen Talk-Frauenrunde kommt mir bei keiner der drei erwähnten Damen solch ein cineastischer Gedanke.

Themenwechsel. Besser jetzt. Sonst schreibe ich mich noch in Söders - Pardon, des Teufels - Küche. Habt ihr schon den vermeintlich rechtslastig programmierten Wahl-o-mat in den letzten Tagen bemüht? Ich wurde nach Beantwortung der 38 Fragen, was die Partei angeht, die am 26. September mein Kreuz bekommt, bestätigt. Wo ich dies Kreuz machen werde? Das verrate ich hier doch nicht ;-) Wahlgeheimnis. Ihr wisst schon. Aber eines kann ich verraten. Die grüne Partei war nach der Wahl-o-mat-Antwortauswertung weit unten für mich aufgeführt. Was durchaus der Möglichkeit der „Doppelbewerbung“ bei den Fragen zugrunde liegen kann. Was auch immer.

Ach, einen hab ich noch ...

Gibt es eigentlich schon diese Orden zum Anstecken für anständige BürgerInnen. Verliehen für die dritte, vierte, möglicherweise bald fünfte doppelt-plus-gut Impfung? Ich frage für einen Freund in der Stadt. Der hatte wohl auf Arbeit irgendwo in diese Richtung gehend etwas aufgeschnappt und würde sich freuen öffentlich so einen tragen zu können.

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Kommentare

Kommentar von Hartmut Reimann

Wie sehr ich diese Gedanken sls die meine identifiziere!