Kollateralschäden sind beim besten Willen nicht zu vermeiden …

Deutschland „Immer bereit!“

von Tara Grimm (Kommentare: 4)

Wir sind jetzt sowohl mental als auch physisch bestens für einen langen, harten Kriegswinter gerüstet, welcher sich, Experten zufolge, durchaus bis ins nächste Frühjahr ziehen könnte.© Quelle: Pixabay / tislas ELG21, Montage Alexander Wallasch

Nun sind wir schon seit geraumer Zeit im Krieg. Nein, Kommando zurück, das sind wir natürlich nicht. Wir helfen nur ein wenig beim Krieg. Mit Waffen und Geld und Trainingsprogrammen für Soldaten und solchen Sachen. Aber wir sind keine Kriegspartei.

Als Deutschland machen wir das alles schon ziemlich gut. Schließlich stehen wir bei diesem Krieg endlich mal wieder auf der richtigen Seite. Das ist ohne jeden Zweifel die Wahrheit, und kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit dem Spruch, die Wahrheit sei das Erste, was im Krieg stirbt. Da mag zwar was dran sein, aber auch kluge Sprüche treffen nicht immer ins Schwarze. Was in diesem Krieg übrigens bereits bewiesen wurde.

Früher behauptete die ARD beispielsweise, dass es in der Ukraine Nazis geben würde. Nun hat sich im Rahmen der Kriegsberichterstattung herausgestellt, dass das nicht stimmt. In dieser Sache war der ÖRR damals offenbar einer russischen Desinformationskampagne aufgesessen. Na ja, zum Glück haben sie daraus gelernt.

Als der Herr Melnyk – Sie wissen schon, dieser höfliche, zurückhaltende Mann, der bis vor kurzem ukrainischer Botschafter in Deutschland gewesen ist – im Sommer dieses Jahres seine Verehrung für Stepan Bandera bekräftigte, wurde darum erst gar kein großer Wirbel veranstaltet. Und auch nicht um die Asow-Jungs mit ihren markigen Parolen. Oder um die zugegebenermaßen eindeutig zweideutigen Symbole, die sich immer wieder auf die Fotos von ukrainischen Soldaten schummeln. Aber ich frage Sie: Muss man denn wirklich jeden abgewinkelten Strich auf einem Uniformaufnäher auf die Nazi-Goldwaage legen?

Und dann diese Gerüchte, der Selenskyj wäre angeblich korrupt. Sein Name sei in den Pandora Papers aufgetaucht. Meine Güte, der Mann hat als Komiker eben viel Geld verdient und es klug angelegt. Er gab stets sein Bestes auf der Bühne, und das sogar buchstäblich. Gut, diese Piano-Nummer hätte er sich vielleicht besser gespart, doch über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Das Publikum liebte ihn jedenfalls, und immerhin hatte er eine erfolgreiche Karriere vorzuweisen, bevor er in die Politik gegangen ist. Da könnte sich in unserem Land so manch einer glatt eine Scheibe abschneiden.

Und wenn wir schon mal beim Beispielnehmen sind: Ist es nicht beeindruckend, wie sich dieser Mann für sein Land ins Zeug legt? Sein Arbeitspensum in diesem Jahr hätte einen hiesigen Nachwuchspolitiker vermutlich in den Burnout getrieben. Wolodymyr war überall, von der Knesset über die Münchner Sicherheitskonferenz bis hin zu den Grammys. Von der ganzen Welt hat er für sein Volk Geld und Waffen gefordert. Was für ein Segen, dass sich kaum einer lange bitten ließ.

Allen voran der Anführer der Freien Welt, wobei einige sich nicht ganz sicher sind, ob dieser Posten tatsächlich von dem Mann bekleidet wird, der gerne mal versucht, die Hände von unsichtbaren Menschen zu schütteln. Aber wen interessiert's? Sollte sich Mr. Obama seinen Wunschtraum erfüllt haben und seinem ehemaligen Vizepräsidenten über einen Knopf im Ohr Ratschläge erteilen, könnten wir wenigstens zu 100 Prozent sicher sein, dass im Weißen Haus die Kompetenz regiert.

Mit rekordverdächtigen 2.663 Tagen Krieg und einem Friedensnobelpreis kennt sich Obama schließlich mit Krieg und mit Frieden aus. Überhaupt haben die USA ja sehr viel Erfahrung damit, in anderen Ländern Krieg zu führen. Wir Deutschen sind da ein wenig aus der Übung. So ist es wohl auch nur zu erklären, dass die Regierung in Berlin zunächst dachte, wir schicken ein paar Helme los, und der Fall ist erledigt. Was haben die sich anfangs wegen ein paar Panzern geziert.

Doch der Gipfel der Ungezogenheit war meiner Meinung nach der Umgang mit Herrn Melnyk. Man hat ihm doch tatsächlich zum Vorwurf gemacht, dass er nach dem Ende der Botschafterkarriere seinen Sohn in Berlin gelassen und nicht mit zurück in die Heimat genommen hat.

Geht's noch? Ein Vater will sein Kind vor dem möglichen Tod an der Front beschützen, und deutschen Politikern fällt nichts Besseres ein, als ihn dafür zu kritisieren? Pfui, Teufel!

Zumindest sind die Anti-Kriegs-Schreihälse in der deutschen Politik inzwischen leiser geworden. Wir sind jetzt sowohl mental als auch physisch bestens für einen langen, harten Kriegswinter gerüstet, welcher sich, Experten zufolge, durchaus bis ins nächste Frühjahr ziehen könnte. Was durchaus auch aus dem Grund Sinn machen würde, dass ansonsten der ganze Hickhack um die für das kommende Jahr angekündigten Strom- und Gaspreisbremsen am Ende womöglich noch umsonst gewesen wäre.

Außerdem stellt sich doch grundsätzlich die Frage, ob wir diese Bremsen überhaupt noch brauchen. Schließlich haben sich die tapferen, solidarischen Deutschen bereits eine echte Kriegsmentalität zugelegt. Zwei dicke Pullis fürs Büro, ein paar Teelichter zum Händewärmen in der heimischen Stube und in die Pedale treten, damit der Weihnachtsbaum vorm Rathaus leuchtet. Weit und breit keine Spur von Kriegsmüdigkeit, nein, Leute, nicht bei uns!

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Wir haben die Ansage vom ukrainischen Außenminister Kuleba, Europa habe "weder ein moralisches noch ein politisches Recht, müde zu sein", jedenfalls nicht gebraucht. Wir haben nämlich verstanden, dass in diesen Tagen in der Ukraine der Freie Westen verteidigt wird. Unsere Freiheit, unsere Werte. Da spielt es doch wohl überhaupt keine Rolle, dass die Ukraine laut Tagesschau angeblich das "fast korrupteste Land Europas" ist. Seit wann, bitte schön, sind Korruption und Demokratie ein Widerspruch? Eben.

EU-Chefdiplomat Josep Borrell soll kürzlich gesagt haben, dass wir „vor der Wahl zwischen Komfort und Freiheit" stehen. Und dass wir jetzt die Gelegenheit bekommen, zu beweisen, „dass wir bereit sind, für die Ideale der Demokratie zu sterben.

Hallelujah! Endlich mal jemand, der sich traut, die Situation mit dem angemessenen Pathos einzuordnen.

Spitze Zungen fordern bereits, dann möge er doch mit gutem Beispiel vorangehen. Und Herrn Habeck gleich mitnehmen, auf die gemeinsame Heldenreise. Einschließlich Frau Baerbock, an der schon wieder kein gutes Haar gelassen wird, nur weil sie aktuell darüber sinniert, Generatoren aus Eisenbahnloks auszubauen, um sie für die Not-Stromversorgung in der Ukraine zu spenden.

Und haben sie sich denn nicht gerade erst in einem anderen Krieg bewährt? Als sie den Kampf gegen Corona und damit unser unverbrüchliches Vertrauen gewonnen haben? Ein Haar in der Suppe findet sich immer, wenn man nur lange genug sucht. Ja, es hat sich herausgestellt, dass diese neuartige mRNA-Impfung unter Umständen ein paar Nebenwirkungen verursacht. Aber das konnte vorher schließlich niemand ahnen.

Dass die Sterberate im Land in die Höhe geschossen ist, unter anderem, weil während der Pandemie Krebsbehandlungen ausgesetzt werden mussten, ist selbstverständlich ebenso traurig. Aber so ist das nun mal im Krieg, Kollateralschäden sind beim besten Willen nicht zu vermeiden.

Das oberste Ziel, unser Gesundheitswesen vor dem Zusammenbruch zu bewahren, haben wir jedenfalls erreicht. Oder will das etwa jemand bestreiten? Natürlich nicht, denn wir alle wissen, dass der Kampf gegen die Pandemie ein voller Erfolg auf ganzer Linie war.

Und genauso wird es auch mit dem Krieg in der Ukraine sein. Allerdings nur, wenn jeder von uns auch weiterhin mit ganzer Kraft an Bord ist. Also, bei mir wird es diesbezüglich keine Probleme geben. In jedem meiner Schulzeugnisse stand: "Tara Grimm folgt stets aufmerksam dem Unterricht und erfüllt fleißig und zuverlässig alle ihr übertragenen Aufgaben."

Beim Morgenappell, damals bei uns im Osten, brüllten wir übrigens auf die Order "Seid bereit!" die Antwort "Immer bereit!" über den Schulhof. Gerade fällt mir auf, dass man das eigentlich wieder einführen könnte. Oder was meinen Sie?

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