Cem Özdemirs Vorratskalkulator für Besserverdienende

Die Deutschen sollen Notvorräte anlegen – Aber ohne Einkaufsgeld geht’s nicht

von Gregor Leip

Das Landwirtschaftsministerium präsentiert eine Online-Maschine für Vorratsplanung, die ausrechnet, was genau eingekauft werden soll, vergisst aber das Wichtigste: das Einkaufsgeld.© Quelle: Wikimedia Commons / Olaf Kosinsky und Raimond Spekking, Pixabay / Filmbetrachter, Bildmontage: Alexander Wallasch

Das Meinungsforschungsinstitut YouGov hat im Auftrag von dpa 2.000 Bürger befragt, ob sie für den Notfall Vorräte angelegt hätten oder andere Vorbereitungen getroffen haben. Der Umfrage voraus ging ein Appell der Bundesinnenministerin Nancy Faeser mit ihrer Empfehlung an alle deutschen Privathaushalte, Notvorräte zu bunkern.

Das allerdings sorgte bei kritischen Medien und in Teilen der Bevölkerung für Empörung, woraufhin sich die Ministerin genötigt sah, zu ergänzen, dass das Anlegen von Vorräten eine ganz normale, immer geltende Empfehlung sei und keine nahende Kriegsgefahr bedeute.

Ihr Appell traf allerdings ziemlich präzise den Nerv der Bevölkerung: Die Angst vor dem Katastrophenfall durch die Pandemie und den Ukraine Konflikt wurden durch Faesers Empfehlung noch verstärkt.

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Die Bundesregierung veröffentlichte zeitnah eine offizielle Check-Liste für einen Notfall-Vorrat. Mittels eines Vorratskalkulators kann der beunruhigte Bürger dort die im Haushalt lebende Personenzahl und die Anzahl der zu bevorratenden Tage eingeben. Im Ergebnis erhält er bei einer vorausgesetzten täglich benötigten Energiezufuhr von 2.200 Kilokalorien eine Liste der anzuschaffenden Grundnahrungsmittel.

Wie konkret haben die Deutschen reagiert auf die Empfehlung ihrer Innenministerin samt anschließender Anweisungen zur Umsetzung durch die Bundesregierung?

Die YouGuv Studie unter den 2.000 Befragten zeigt, dass mehr als zwei Drittel der Bundesbürger für mögliche Notfälle weder Vorräte angelegt noch andere Vorbereitungen getroffen haben. Fast die Hälfte der Befragten gaben an, keine speziellen Vorkehrungen getroffen zu haben.

Lediglich 16 Prozent der Befragten erklärten, zusätzlich Lebensmittel, Medikamente und so etwas wie Energieersatzmittel, etwa zur Stromerzeugung, angeschafft zu haben.

Hat die Faeser-Kriegsangstmache demnach gar nicht zur Beunruhigung und Panik in der Bevölkerung geführt? Vertrauen die Bundesbürger weiterhin auf volle Regale in den Discountern und hoffen auf den nie abreißenden Frischwarenfluss ihrer regionalen Bauernschaft?

Bei der Studie wurde leider etwas zum Einkaufen nicht ganz Unwichtiges vergessen: Wer Regale leerräumen will, der braucht vorher ein volles Portemonnaie – aber nach dem individuellen Euro-Pegelstand hat das Meinungsforschungsinstitut YouGuv einfach nicht gefragt.

YouGuv hat nicht nachgehakt, inwieweit die Befragten überhaupt in der Lage sind, bei explodierenden Energiekosten und steigenden Lebenshaltungskosten mal auf die Schnelle eine hohe dreistellige Summe von ihrem monatlichen Einkommen abzuzwacken, um nebenbei zu preppen, was als Vorrat nicht verbraucht, sondern für den Notfall in die Speisekammer wandern soll.

Davon ausgehend, dass so eine Investition in Notfälle für den Großteil der Bevölkerung und speziell die Gruppe der über fünf Millionen Hartz 4- und Sozialhilfeempfänger nicht abzuleisten ist, bleibt die Frage offen, wie der Staat mit seiner Empfehlung durch die Innenministerin Faeser und dem sich anschließenden Ernährungsvorsorge-Kalkulationsprogramm umgeht.

Sollte das Programm neben Anzahl der im Haushalt lebenden Personen und den Tagen der notwendigen Bevorratung um den Faktor „Wieviel Euro kann ich dafür ausgeben“ ergänzt werden?

Was machen, wenn nur einhundert Euro für vier Personen auf Kante sind? Fällt dann beim Hartz 4-Empfänger bei 4 Personen und für acht Tage die Rindergulasch-Dose weg? Und müssen die harten Mettwürste zugunsten von Dosenravioli im Regal bleiben für die Besserverdienenden? Also vorausgesetzt, es stehen überhaupt einhundert Euro als Extraausgabe zur Verfügung.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Carsten Schneider (SPD), fordert aktuell ein staatliches Grunderbe in Höhe von 20.000 Euro für alle 18-Jährigen in Deutschland. Dem Prinzip nach also eine Neuauflage des bedingungslosen Grundeinkommens. Schneider begründet diese Forderung mit der nötigen Verringerung der sozialen Ungleichheit im Land.

Dieses Grunderbe soll gerechtere Startchancen für alle Bürger gewährleisten. Selbstredend geht es auch hier um eine Integrationsmaßnahme für die Millionen Neubürger, die sich ihre Erbschaften nicht erst über Generationen mühsam erarbeiten, sondern gleich in die Vollen einsteigen sollen. Aber so wird es nicht kommuniziert. Die Ideen der staatlichen Förderungen sind vielfältig.

Aber vor der Empfehlung der Innenministerin und umfangreichen Einkaufslisten für Notfälle scheint noch keiner der Verantwortlichen auf die Idee gekommen zu sein, dass hier vielleicht eine wirklich sinnvolle Fördergeldmaßnahme nötig ist. Zahlen wir doch erst einmal jedem Bürger 1.000 Euro Vorratshaltungsgeld, bevor wir über 20.000 Euro für jeden 18-Jährigen oder über ein Grundeinkommen nachdenken, das am Ende doch wieder nur diejenigen bezahlen müssen, die gar nicht so schnell anschaffen können, wie der Staat verteilt.

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