Kein jüdisches Komplott, nur ekelhafte Verschwörungsmythen

Die Epstein-Files: Brutkammer eines entfesselten Antisemitismus

von Gregor Leip

Die Akten zeigen kein ethnisch-religiöses Komplott, sondern ein zynisches Netzwerk aus Macht, Geld und sexueller Ausbeutung.© Quelle: Pixabay, Youtube/Tagesschau, Montage: Wallasch

Die massive Freigabe der Epstein-Dokumente im Januar 2026 hat alte antisemitische Narrative neu entfacht – doch die Akten beweisen kein „jüdisches Komplott“, sondern ein perverses Machtnetzwerk quer durch alle Eliten.

Von Gregor Leip

Ohne Frage, jeder sieht es in den sozialen Medien: Die Freigabe der Epstein-Dokumente durch das US-Justizministerium im Januar 2026 hat eine Welle übler antisemitischer Narrative hochgespült. Selten zuvor nach 1945 wurde deutlich, wie aktiv der Hass gegen Juden noch ist.

Mit über drei Millionen Seiten, Tausenden von Videos und 180.000 Bildern bieten die Files ein gigantisches Archiv, das reale Netzwerke enthüllt – aber auch zu schmutzigen Spekulationen einlädt – Antisemiten feiern gerade ihr Hochamt.

Ja, Jeffrey Epstein, der 2019 im Knast verstorbene Finanzier und Sexualstraftäter, war jüdischer Herkunft, und seine Verbindungen zu prominenten jüdischen Figuren wie Les Wexner oder Ehud Barak wurden zum Einfallstor für das entfachen altbekannter Anwürfe.  

Doch die Akten zeigen kein koordiniertes „jüdisches Komplott“, sondern ein düsteres Netzwerk aus Macht, Geld und Ausbeutung, das Juden und Nicht-Juden gleichermaßen umfasst.

Konkret zu den Papieren: Die Freigabe war ein Tsunami an Daten. Das US-Justizministerium hat bislang über 3,5 Millionen Seiten veröffentlicht, ergänzt um 2.000 Videos und 180.000 Bilder – etwa die Hälfte der insgesamt sechs Millionen identifizierten Dokumente. Die Files stammen aus FBI-Ermittlungen, Gerichtsprotokollen und Epsteins privaten Aufzeichnungen. Sie decken E-Mails, Kalendereinträge und Zeugenaussagen ab, die Epsteins sexuelle Ausbeutung Minderjähriger und seine Einflussnahme auf Eliten dokumentieren.

Bestimmte Spekulationen über „Vertuschungen“ sind überwiegend und nüchtern darauf zurückzuführen, dass der Opferschutz eine große Rolle spielte. Auch jetzt klagen Opfer wieder über Fotos oder Informationen, die nicht hätten veröffentlicht werden dürfen. Von Pannen ist die Rede.

Parallel meldet etwa die Anti-Defamation League (ADL) Rekordzahlen, was Antisemitismus angeht – auch verstärkt durch Israel-Gaza-Konflikt.

Zur Person Epstein. Der war secular-jüdisch und bezog sich gelegentlich auf jüdische Kultur, etwa in E-Mails mit Begriffen wie „Yiddishe kop“. Auch richitg: Viele seiner Finanziers und Verbündeten waren jüdisch: Les Wexner übertrug ihm Milliarden, Leon Black zahlte über hundert Millionen USD für Beratung, und Alan Dershowitz war sein Anwalt. Noam Chomsky und Lawrence Summers trafen Epstein mehrmals. Selbst der ehemalige israelische Premierminister Ehud Barak besuchte Epstein über dreißig Mal und besprach Geschäfte mit ihm.

Aber was bedeutet das für einen hunderte Millionen schweren Geschäftsmann, der Epstein zweifellos auch war? Ja, das Monster machte Geschäfte – wenn man so will, in der höchsten Liga.

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Auch wenn es arg widerstrebt, dass zu erwähnen: Epsteins Netzwerk war alles andere, als ethnisch homogen: Nicht-jüdische Figuren wie Bill Gates (Treffen ab 2011, Jet-Flüge), Bill Clinton (über 20 Jet-Flüge), Donald Trump (lange Bekanntschaft, E-Mails als "engster Freund") und Elon Musk (Korrespondenz) sind nicht nichts! Auch Prince Andrew, Stephen Hawking und Chris Tucker erscheinen in den Akten.

Ja, es scheint in den Files ein überproportionales Auftreten jüdischer Beteiligte geben. Aber Epstein war Jude! Und dieses Übergewicht gibt es nun Mal in bestimmten Wirtschaftskreisen. Und nur Antisemiten lesen darin gar einen gemeinsamen Weltplan. Bekannte Fakten zu einer „jüdischen Sache“? Auch wenn einem alles widerstrebt, es noch schreiben zu müssen: Die Files liefern keine Beweise für eine organisierte „jüdische Agenda“. Epsteins Aktivitäten dienten seinem perversen Vergnügen, persönlicher Bereicherung und Erpressung!

Ja, israelische Verbindungen existieren: Barak und Epstein kooperierten bei Tech-Deals, inklusive einer Cyberfirma mit Ex-Mossad-Mitarbeitern. Ein FBI-Memo spekuliert über Epstein als „co-opted Mossad-Agent“, basierend auf Gerüchten – aber sowohl der Stichwortgeber als die Substanz der Inhalte ergeben einen konkreteren Hinweis!

Ja, Epstein half bei geopolitischen Deals, z.B. zwischen Israel und der Mongolei oder in Syrien. Aber eben auch mit der Ukraine, Libyen und Russland! Manche Deals mögen auch israelischen Sicherheitsinteressen gedient haben, doch sie sind individuell, nicht ethnisch motiviert.

Weil es in den sozialen Medien aktuell immer wieder zitiert wird: E-Mails, in denen Epstein Nicht-Juden als „Goyim“ herabsetzt, haben Debatten über eine „jüdische Vorherrschaft“ neu entfacht. Das passt einer bestimmten Klientel dann perfekt für ein Aufflammen des Antisemitismus: Der Jude ist der Untergang! Endlich gibt es unumstößliche Beweise! Und so weiter. Die Reflexe reagieren zuverlässig.

Bleibt noch die enorme Größe der Akten – über sechs Millionen potenzielle Seiten. Sie machen die Files obendrein zu einem perfekten Werkzeug der Verstärkung fast jeder These, ist sie auch och so verhasst oder abwegig. Jeder kann sich alles herauspicken: Ein Name, eine E-Mail, ein Foto wird zum „Beweis“.

Nochmal deutlich: Die Files bieten Material für jede Menge Fragen zu Einfluss und Korruption, doch sie beweisen keine „jüdische Weltverschwörung“. Epstein nutzte Netzwerke unabhängig von Herkunft. Die größte Gefahr liegt jetzt in der Suche nach schnellen Antworten vieler zutiefst verunsicherter Menschen. Die vielen Opfer und die Wahrheit hinter den Aktenbergen droht in der Flut untergehen.

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