Freigabe von über 3,5 Millionen Seiten Epstein-bezogener Dokumente hat weltweites Aufsehen erregt. Von unbestätigten Straftaten über bizarre Kannibalismus-Gerüchte bis hin zu ethischen und religiösen Bewertungen.
Am 30. Januar 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium (DOJ) über drei Millionen zusätzliche Seiten Dokumente, darunter mehr als 2.000 Videos und 180.000 Bilder, im Rahmen des Epstein Files Transparency Act. Dieses Gesetz, das Präsident Trump am 19. November 2025 unterzeichnet hatte, verpflichtete das DOJ zur Freigabe aller unklassifizierten Materialien aus den Ermittlungen gegen Jeffrey Epstein, den verurteilten Sexualstraftäter und Finanzier, der 2019 in Haft starb.
Das Material stammt aus FBI-Ermittlungen, E-Mails, Gerichtsunterlagen, Fluglogs und mehr und enthält Hinweise auf Epsteins weitreichendes Netzwerk aus Politikern, Unternehmern, Wissenschaftlern und Adeligen.
Das Justizministerium der USA betont, dass viele Vorwürfe keine Substanz haben und bestimmte Dokumente weiter unveröffentlicht bleiben, um Opfer zu schützen – darunter persönliche Daten und sensible Inhalte in Bildern und Videos.
Dennoch werfen die Files weltweit Fragen auf. Diskutiert wird über systemische Korruption, Einflussnahme und Machtmissbrauch. Internationale Reaktionen, etwa in Großbritannien mit Rücktritten prominenter Figuren wie Peter Mandelson, unterstreichen die Durchschlagskraft.
Fakt ist: Die Files enthüllen zahlreiche potenzielle Straftaten. Straftaten allerdings, die nie strafrechtlich verfolgt wurden – aus Mangel an Beweisen, wegen Verjährungen oder umstrittener Deals zwischen Justiz und Tätern.
Eines der vieldiskutierten Dokumente ist der Entwurf einer Anklageschrift aus 2007, der Epstein und drei ungenannte Mitverschwörer beschuldigt, zwischen 2001 und 2005 Minderjährige für sexuelle Handlungen rekrutiert zu haben. Statt einer Verfolgung endete diese Anklage in einem „Non-Prosecution Agreement“ (Vereinbarung über einen Verzicht auf Strafverfolgung), das Epstein zu einer Strafe von 13 Monaten Haft verurteilte, inklusive Freigang zur Arbeit.
Beteiligt war der damalige Staatsanwalt Alex Acosta. Acosta verteidigte sich später damit, dass der Deal Epstein zumindest hinter Gitter brachte und Entschädigungen für Opfer sicherte.
Weitere Hinweise betreffen ein Netzwerk aus zehn potenziellen Mitverschwörern, darunter Ghislaine Maxwell, die 2022 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde. In den Files befinden sich auch geschwärzte Namen und E-Mails aus 2019, die auf Rekrutierung und Organisation von Sex-Trafficking hinweisen.
Was ist „Sex-Trafficking“ im Vergleich etwa mit Zuhälterei? Zuhälterei ist die ausbeuterische oder kontrollierende Förderung der Prostitution einer anderen Person. Sex-Trafficking umfasst die Anwerbung, den Transport oder die Unterbringung einer Person durch Gewalt, Täuschung oder Ausnutzung einer Zwangslage, um sie zur Prostitution zu zwingen.
Die Namen möglicher Mittäter von Epstein sind auch deshalb geschwärzt, weil die meisten nie angeklagt wurden, da Epsteins Tod die Ermittlungen stoppte.
Unbestätigte Vorwürfe gegen Prominente wie Donald Trump oder Bill Clinton blieben ohne Konsequenzen, weil sie oft als Spinnereien abgetan wurden.
Zusätzlich deuten Dokumente der veröffentlichten Files auf illegale Informationsweitergabe hin, etwa durch Peter Mandelson, der sensible Daten an Epstein weitergegeben haben soll. Auch in den USA blieben prominente Verbindungen ohne strafrechtliche Folgen.
Wissenschaftler werden in E-Mails erwähnt, die auf Beratungen zu Publikationen und Visa hinweisen, was ethische Fragen zu Finanzierung und Einfluss aufwirft.
Ein besonders hartnäckiges Gerücht rund um die Files dreht sich um Kannibalismus und „ritualistische Opfer“. Die Files enthalten 51 Erwähnungen von „cannibal“ und sechs von „cannibalism“, größtenteils in unbestätigten FBI-Tipps aus 2019. Ein oft zitiertes Beispiel ist hier ein anonymes Interview, das von „Zerstückelung von Babys“ auf Epsteins Yacht um 2000 spricht, inklusive Entfernung von Därmen und Verzehr von Fäkalien. Anwesend gewesen sein sollen hier George Soros, George W. Bush und Henry Kissinger.
Weitere Claims beziehen sich auf E-Mails wie „millions of babies“ kombiniert mit „cream cheese“, die als Code für Kannibalismus interpretiert werden.
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Auch diese Behauptungen stammen aus letztlich substanzlosen Hinweisen, ohne forensische Beweise, Fotos oder weitere Zeugen. Das US-Justizministerium warnt ausdrücklich vor „sensationslüsternen“ Inhalten, die Desinformation fördern.
Diese Gerüchte passen perfekt in QAnon-Narrative um Adrenochrom oder satanische Rituale und lenken von realen Verbrechen wie dem Missbrauch Minderjähriger ab.
Influencer wie der deutsche Arzt Paul Brandenburg und ähnliche Stimmen interpretieren die Files als Beweis für weitreichende Komplotte. Sie heben selektive Zitate hervor, um Kannibalismus oder Eliten-Rituale zu untermauern, und kritisieren Mainstream-Medien als Vertuscher.
Brandenburgs Ansatz ist geprägt von Skepsis gegenüber Institutionen. Aber wer will nach Corona diese Skepsis – zumindest grundsätzlich – in Frage stellen? Die Epstein Files fallen auf einen Boden, der kaum fruchtbarer sein könnte. Sie passen 1:1 in ein Weltbild von Korruption in Pharma, Politik und Medien. Sie sind gewissermaßen das missing link: Sie liefern endlich vermeintlich Konkretes über eine verrottete Seite hinter den identifizierten Protagonisten.
Aber solche Narrative funktionieren nur unter zwei wesentlichen Bedingungen: Man muss davon ausgehen, dass die Justiz korrupt ist – die Vereinbarung mit Epstein nach der ersten Anklage legt das mindestens nahe. Und zweitens ignorieren sie fehlenden Beweise und schwächen so möglicherweise die Glaubwürdigkeit tatsächlicher Vorwürfe. Aber: Indizien sind nicht nichts!
Noch mal zum „Sex-Trafficking“: Im Epstein-Kontext ging es um Minderjährige, wo allein die Beteiligung strafbar ist. Im Vergleich zur Zuhälterei, die auf wirtschaftliche Ausbeutung bereits prostituierter Personen abzielt, ist Sex-Trafficking schwerer und beinhaltet ein stärkeres Zwangselement. Epsteins Fall vereinte beides, mit Fokus auf Rekrutierung und Kontrolle.
Die Veröffentlichung bringt aber noch eine weitere unheilvolle Vermischung mit sich, welche die eigentliche „Beweisaufnahme“ oder Indiziensammlung beschädigen kann: Die Files dienen zunehmend als moralisches Fanal für den Niedergang der Eliten, symbolisierend ein „neofeudales Zeitalter“ von Korruption und Ausbeutung.
Sie werfen Fragen zu Moral, Geld und Macht auf, etwa in Epsteins Verbindungen zu Wissenschaftlern, die trotz seines Hintergrunds von Spenden profitierten.
In katholischen Kreisen werden die Enthüllungen etwa mit Lehren zur Menschenwürde verknüpft. Der Jude Epstein kritisierte den Katholizismus in E-Mails als „at its worst“ und korrespondierte zu Vatikan-Bank-Skandalen um 2013. Antisemitismus explodiert an solchen Stellen.
Katholische Kommentatoren sehen in den Files auch eine Warnung vor Mammon als falschem Gott. Grundsätzlich kritisieren traditionelle katholische Denker die „liberale Moderne“ als ontologisch gestört, gar als Störung auf der Ebene des Seinsverständnisses, wo Macht über Transzendenz siegt.
Die Epstein Files 2026 enthüllen reale Grausamkeiten wie Sex-Trafficking und Missbrauch, die trotz Ermittlungen und Verhaftungen teils vertuscht blieben, mischen sich aber durchaus mit unbelegten Gerüchten. Und diese Files treffen so auf juristische Laien und auf moralisierende Religionsvertreter.
Man kann sagen, was diesen Files fundamental fehlt, ist eine Leseanleitung für Laien! Unabhängig von seiner Bekanntschaft mit Epstein kann man sagen, Donald Trump hatte durchaus ein Argument, als er vom Sinn und Zweck der Veröffentlichung nicht überzeugt war.
Die Epstein Files sind kein Freibrief, jeden darin Genannten an die Wand zu stellen, so viele Wände sind kaum zu finden. Das Recht muss auch hier vor dem Pranger und der Steinigung stehen.
Die Files mahnen auch zu Transparenz und ethischer Verantwortung. Unabhängig von Strafbarkeit und Verurteilungen muss eine gesellschaftliche Veränderung zwingend folgen. Diese Files sind ein Weckruf, dass Macht ohne Moral zerstört. So landet am Ende vielleicht nicht jeder vor einem Richter oder im Knast. Aber demokratische Gesellschaften können vielen Beteiligten, die von der Justiz nicht greifbar sind, eine rote Karte zeigen – auch dort, wo es für den Knast nicht reichen sollte.