Die Grabenbauer arbeiten weiter an der Spaltung der Gesellschaft

Ein Leben im falschen Film

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Die Grabenbauer arbeiten weiter an der Spaltung der Gesellschaft
Kolumnist Toddn Kandziora meldet sich dieses Mal außer der Reihe schon am Montag. Initial dafür waren ihm die schweren Geschütze, die bei Anne Will gegen Ungeimpfte aufgefahren wurden. © Screenshot: ARD-Mediathek / ANNE WILL

„Momentan erleben wir ja wirklich eine Tyrannei der Ungeimpften, die über das Zweidrittel der Geimpften bestimmen und uns diese ganzen Maßnahmen aufzwingen.“ O-Ton Sonntagabend von Frank-Ulrich Montgomery. Der ehemaligen Präsidenten der Bundesärztekammer saß doppelt-plus-gut geimpft bei Anne Will und geifernd im Rollkragenpullover.

Heute ist Montag, der 8. November 2021 und während ich mit blassem Gesicht diese Zeilen in meine Tastatur tippe, erklärt mir eine Nachrichtensprecherin im Radio, das der Inzidenzwert noch nie so hoch war wie heute. Die 200er-Grenze wäre an diesem Tag geknackt worden.

Der bisherige Inzidenzhöchstwert soll am 21. Dezember 2020 bei 197,6 gelegen haben. Was immer dieser Wert tatsächlich aussagen kann, Fakt ist doch, er gilt viel zu oft schon als Ouvertüre zu immer neuen Corona-Maßnahmen.

Was die gute Dame im Radio nicht erzählt und dafür wird sie ihre Gründe haben, ist, das die Inzidenzwerte in diesem Jahr trotzdem gestiegen sind. Und das, obwohl inzwischen mehr als Dreiviertel der hier lebenden Bevölkerung den „vollen Schutz“ genießen und demnächst mit der Boosterimpfung auch den „Superschutz“ hätten.

Aber wie kann das denn sein? Auch das wird mir gleich erklärt: Wegen der Ungeimpften. Die wären schuld. Diese uneinsichtigen, die Gemeinschaft der Guten gefährdenden Impfverweigerer. Mit den Worten eines Montgomery ausgedrückt: Die Tyrannen innerhalb der Gemeinschaft.

Laut Lexikon steht Tyrannei in einem stark abwertenden Sinn für eine illegitime Gewalt- und Willkürherrschaft eines Machthabers oder einer Gruppe. UN-Recht definiert Tyrannei als Unterdrückung unter Abwesenheit des Rechts. Eine Willkür, gegen welche die Menschen, die sich unterdrückt fühlen das Recht zum Aufstand hätten.

Würde ich Herrn Montgomery beim Wort nehmen, dann müsste ich mir wirklich Sorgen um die circa zwanzig Prozent der Ungeimpften im Land machen. Denn diese wären laut Montgomerys Aussage Tyrannen, und daher wäre es gutes UN-Recht aller doppelt-plus-gut Geimpften, sich gegen die Tyrannei der Ungeimpften aufzulehnen. Wie immer sich Montgomery das in irgendwelchen Gewaltfantasien auch vorgestellt haben mag.

Einer von uns beiden sitzt im Falschen Film: Montgomery oder ich. Hier kommt es wahrscheinlich darauf an, wer der Filmvorführer ist und wer gezwungen ist, sich dieses Machwerk in einem behördlich geführten Lichtspieltheater anzuschauen - genötigt zu verweilen an einem Ort, in welchem die Notausgänge für diejenigen, die den Film schlecht finden, geschlossen wurden und das Verlassen des Films nur mittels einer 2-G Regelung erlaubt ist.

Mit dem Begriff „Tyrannei“ etikettieren Politik und ihre Medien die sich ihnen gegenüber aufgestellten Gruppen und stilisiert diese zu Feinden, gar zu Gesellschaftsschädlingen.

80 Prozent der der Bevölkerung sind geimpft und dürfen sich doppelt geschützt fühlen. Bis zu 80 Prozent der Bevölkerung haben durch die 2-G Regelung einen Teil ihrer Freiheiten zurückerhalten. Diese Menschen haben freien Zugang zu Restaurants, Kulturveranstaltungen und vielen anderen Orten ihrer Wahl. Nur Geimpfte haben die Freiheit, Orte zu betreten, welche den sogenannten Tyrannen, den Ungeimpften, verschlossen sind.

Wer hier also wen tyrannisiert, dass Herr Montgomery, das steht doch außer Frage.

Die von Männern wie Montgomery gewollt verursachten Risse quer durch eine früher einmal beispielhaft geltende Solidargemeinschaft, sind zu tiefen Gräben geworden, die nur mutige Menschen noch bereit sind zu überwinden – Menschen, die Menschen mit anderer Meinung noch ohne Groll oder Angst begegnen.

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Gestern las ich in einem Forum einen Leserkommentar zum ausgerufenen Notstand verschiedener Intensivstationen in Deutschland, der mich zutiefst verunsicherte. Der Leser argumentierte in elaboriertem Deutsch, dass sogenannten Impfgegnern bzw. nicht Geimpften die Notversorgung verwehrt werden solle, da diese den geimpften Notfallpatient*innen die ihnen zustehenden Betten stehlen.

Der Schreiber wirkte – jedenfalls stilistisch betrachtet - entlang seines Textes gebildet. Doch ich unterstelle ihm das Fehlen empathischer wie mitmenschlicher Kompetenzen. Leider steht er mit einer solchen Meinung im neuen Normal nicht allein.

Davon abgesehen beschreibt der Kommentator das Ungemach, dass die Impfung nicht vor schweren Verläufen schützt. Also auch der Geimpfte selbst nicht vor einer Behandlung auf der Intensivstation sicher sei. Damit aber gibt er indirekt zu, dass es ihm schon gar nicht mehr um eine Viruserkrankung geht.

Für diesen Mann zählt allein nur geimpft oder ungeimpft. Denn nur wer geimpft ist, hat noch ein Mitspracherecht innerhalb der Gemeinschaft. Nur wer geimpft ist, hat ein Recht auf Sonderfreiheiten. Und auch nur wer sich doppelt impfen und sich obendrauf noch zeitnah „boostern“ lässt, hat sein Recht auf ärztliche Versorgung noch nicht verwirkt. Wer nicht für uns ist, der ist gegen uns. Und wer gegen uns ist, der ist draußen, hat die Konsequenzen daraus verdientermaßen zu tragen.

Das im letzten Jahr an die fünftausend Intensivbetten wegen Kostenreduzierung in Deutschland abgebaut wurden, egal. Das allein in diesem Jahr fast zwanzig Prozent der Pflegekräfte wegen Arbeitsüberlastung, zu geringem Verdienst, Burn-out oder weil sie sich nicht haben impfen lassen, selbst gekündigt oder gekündigt wurden, egal. Das immer mehr hier ausgebildete Ärzte und Ärztinnen ins benachbarte Ausland wechseln, weil dort bessere Löhne gezahlt werden und bessere Arbeitsbedingungen herrschen, egal. Das 2020 so wenig Menschen an Atemwegserkrankungen starben wie nie zuvor, egal.

Der Ungeimpfte ist an allem schuld, wenn es heute gilt Schuld los zu werden oder nach „unten“ zu verteilen.

Ich mache mir große Sorgen um dieses Land und seiner Menschen. Sind wir wieder so weit auf den Hund gekommen, dass einer bestimmten, zur Ausgrenzung erklärten Gruppe die Menschenrechte entzogen werden, diese Vogelfrei erklärt werden dürfen und ein Teil der Gemeinschaft dies auch noch befürwortet? Das einer Gruppe in der Gemeinschaft die Schuld am Versagen von Politik und Wirtschaft gegeben werden kann und es keine Widerworte gegen solches Unrecht gibt?

Lese und höre ich heutige Nachrichten, komme ich zu dieser, meiner Meinung.

Den Anfängen können wir uns nicht mehr erwehren. Dazu ist es schon zu spät. Wir dürfen uns jetzt aber nicht weiter gegeneinander ausspielen lassen. Wir dürfen uns nicht länger im Interesse weniger zum Hass aufhetzen lassen. Wohin dieser Hass Menschen führen kann, lehrt uns hinreichend die Geschichte.

Ärztepräsident Montgomery bei Anne Will: "Tyrannei der Ungeimpften"

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Kommentare

Kommentar von Dorothea Weber

Ich bin wie immer voll bei Ihnen, Herr Kandziora. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie die Stimmung und Situation in Deutschland in Worte verwandeln können.
Es wird Generationen dauern, um diese tiefen Gräben in Familien, Freundschaften und Nachbarschaften zu schließen.