Über die gesellschaftlichen Zerfallsprozesse unseres Landes

Die hysterische Republik

von Steffen Meltzer

Der Publizist und Polizist Steffen Meltzer hat Autoren zusammengeführt, gemeinsam etwas über dieses Deutschland am Rande des Nervenzusammenbruchs zu schrieben.© Quelle: Freepik.com / natanaelginting, Buchcover / Steffen Meltzer, Bildmontage: Alexander Wallasch

In „Die hysterische Republik“ sezieren bekannte Autoren wie Annette Heinisch, Wolfgang Meins, Ulrich Schödlbauer und Gunter Weißgerber die gesellschaftlichen Zerfallsprozesse unseres Landes.

Im folgenden Leseauszug beschreibt Alexander Freitag zum einen den Missbrauch der Wissenschaft durch die herrschende Politik. Und zum anderen einen vorauseilenden Gehorsam dem Mainstream gegenüber.

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Alexander Freitag

Nicht käuflich. Aber mietbar.

Der Unterschied zwischen nützlichem Wissen und nützlicher Idiotie:

Wenn Wissenschaftler und Journalisten zu Schamanen werden.

Einleitende Bemerkungen

Im ebenso hysterischen wie fürsorglichen Deutschland heutiger Prägung, ein im Grunde mindestens proto-autokratisches Staatswesen, gibt es zwischen Staatsführung und Bevölkerung einen impliziten Deal: Ihr, die Bevölkerung, tut das, was wir, die Staatsführung wollen – und wir sagen euch, wie ihr das macht. Für eine zunehmend zur Abhängigkeit erzogene Gesellschaft (»abhängige Beschäftigung«; abhängige Versorgung durch einen allumfassenden Sozialstaat; von dauerhaften »Winterhilfen« abhängige Wirtschaftsbranchen etc.) wird nicht nur umverteilt und gezahlt, sondern eben auch vorgedacht.

Sehr praktisch für eine hysterische Gesellschaft, die sich auf diesem Wege gerne narkotisieren lässt. Und mit einem gewissen Erstaunen stellt man fest: Die Deutschen sind wohl wieder so eine Gesellschaft. Sie wiederholen damit ein kollektives Verhaltensmuster, das bereits zweimal in den vergangenen hundert Jahren ins sprichwörtliche Verderben geführt hat. Doch das wäre ein anderes Thema.

Zurück zum Deal. Hierzu stehen aus Sicht der Staatsführung unter anderem zwei wesentliche Werkzeuge zur Verfügung: Framing und Nudging. Beides weder ei ne neue Erfindung noch neue Begrifflichkeiten. Man könnte auch „Propaganda“ und „Kollektivzwang“ dazu sagen, aber aus historisch verständlichen Gründen der Begriffshygiene lässt man diese Begriffskeulen dann doch lieber dezent in der Schublade. Was ist konkret gemeint? Ein »Frame« ist ein Rahmen, ein »Nudge« ein Schubs.

Im Grunde praktizieren wir alle das jeden Tag: In der Firma, in der Nachbarschaft, in der Beziehung – überall versuchen wir, mit geschickten Rahmensetzungen bestimmten Informationen oder Absichten einen „richtigen“ Spin zu geben. Das ist, soweit, völlig normal und legitim. Ähnlich verhält es sich mit dem „Nudge“, dem Schubs in die „richtige“ Richtung. Auch hier gilt das Alltagsprinzip: Wir versuchen, den Chef, den Kollegen, den Nachbarn, die werte Gattin oder wen auch immer in eine für uns strategisch oder taktisch günstige Verhaltensposition zu „schubsen“.

Und wiederum gilt: Das ist normal und legitim. Schwierig wird es, wenn solche legitimen, aber individuellen Manipulationstechniken des menschlichen Kommunikationsalltags zum kollektiven Gut erhoben werden sollen. Es ist eben etwas anderes, ob man den Nachbarn dazu bewegen möchte, einem während des Urlaubs die Blumen zu gießen – oder von einem Staat zur dauerhaften Erhöhung von Steuern und Abgaben animiert werden soll. Umso günstiger, wenn dem hysterischen Staat vermeintlich neutrale Autoritäten aus der Wissenschaft zur Verfügung stehen, all diese Framings und Nudgings zu legitimieren.

Und zu verstärken. Prominente oder gewichtige Wissenschaftler sind da herzlichst willkommen, denn schließlich können sie im Mantel der hohen und reinen Lehre und dem Lichtglanz der Objektivität der renitenten oder noch nicht so ganz überzeugten Mehrheit einer Gesellschaft die vom Staat gewünschten Verhaltensänderungen schmackhafter machen. Eine Art akademischer Torpedo, wenn man so will. Was es dazu braucht, sind Wissenschaftler, die eine internale Bereitschaft mitbringen, sich in diesen staatlich gewünschten Dienst stellen zu lassen – oder mit externalen Belohnungen dazu veranlasst werden können.

Dies gilt im Grunde für alle Wissenschaftler, die Sie in allerlei Talkshows in Fernsehen und Radio zu sehen und zu hören bekommen: Sie alle haben ein Motiv, dies zu tun. Die einen aus innerer Überzeugung, die anderen, weil sie den jeweiligen Kollateralnutzen für die eigene Eitelkeit oder den eigenen Geldbeutel zu schätzen gelernt haben. Es gibt sogar eine dritte Gruppe: Jene Wissenschaftler, die in ihren jeweiligen Disziplinen nicht reüssieren können oder wollen – und insofern viel Tagesfreizeit haben, mit ihrem staatlich nützlichen Wissen zum medial nützlichen Idioten zu werden.

Nein, in diesem Beitrag soll es nicht um Wissenschafts-Bashing gehen. Ganz im Gegenteil. Wissenschaften und Wissenschaftler stehen bei mir nach wie vor in sehr hohem Kurs. Wir wollen uns auch nicht mit Ihnen zuhauf bekannten Einzelbeispielen aufhalten, sondern einen Blick aus der Vogelperspektive wagen. Es soll hier um jene Spezies von Wissenschaftlern gehen, die zwar eigentlich der Objektivität verpflichtet sind, sich aber dennoch von Politik und Medien regelmäßig zur praktizierten Subjektivität einladen lassen.

Die erste Frage, die ich in diesem Beitrag beantworten möchte, lautet: Warum lassen sich der Objektivität verpflichtete Wissenschaftler so regelmäßig und erwartbar zur gemeinschaftlich praktizierten Subjektivität werben – also sprichwörtlich wie einen Sack Schrauben einkaufen? Was mich gleich zur zweiten Frage bringt, die ich im Anschluss beantworten möchte: Warum beteiligen sich Medien und Journalisten an diesem nicht selten bizarren Spiel?

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Nützliche Idiotie, Teil 1: Die Rolle der Wissenschaften

Was die meisten Menschen außerhalb der akademischen Blase nicht wissen, ist, dass es so etwas wie einen Wissenschaftsbetrieb gibt. Abseits der wie eine Monstranz vor sich hergetragenen akademisch-elitären Attitüde (Typus Joachim Starbatty) oder wahlweise der demonstrativ präsentierten Coolness (Typus Harald Lesch) ist der Wissenschaftsbetrieb vor allen Dingen: ein Betrieb. Und wie in allen anderen Betrieben, Verwaltungen (oder allgemein formuliert: Organisationen) sind auch in diesem Betrieb vor allem eines tätig: Menschen. Dieselben Menschen, die man auch in allen anderen Betrieben findet.

Menschen mit Motiven, Menschen mit Ehrgeiz, Menschen ohne größere Motive und Menschen mit weniger Ehrgeiz. Mit anderen Worten: Auch im Wissenschaftsbetrieb herrscht der gleiche allzu menschlich-zwischenmenschliche Wahn- und Irrsinn, wie in allen anderen Betrieben auch.

Wissenschaften – wenig Elfenbeinturm, viel betrieblicher Alltag

Es gibt, nota bene, unterschiedliche Formen von impliziter und expliziter Hierarchie. So gilt auch hier: Der Ober sticht den Unter. Naturwissenschaftler rangieren höher als Sozialwissenschaftler, Sozialwissenschaftler rangieren höher als Geisteswissenschaftler – und manchmal ist dies auch umgekehrt, es kommt eben auf die Ausrichtung der Universität an. Promovierte gelten mehr als nicht Promovierte, Habilitierte gelten mehr als Juniorprofessoren – und so weiter, und so fort.

Was ich sagen will: Auch im Wissenschaftsbetrieb gelten die gleichen Regeln für dieselben Menschen, wie in der freien Wirtschaft oder anderen Organisationen auch. Der Habitus, also das Auftreten, mag intellektueller sein, der geübte Soziolekt, also der Sprachgebrauch, gewählter klingen. Und dennoch:

Die Vorstellung, dass Wissenschaftler im betrieblichen Alltag ausschließlich der reinen Objektivität und der ebenso reinen Lehre verpflichtet seien, ist abseits der Fachlichkeit weitgehend irrig.

Für alle einheitlich gilt der Grundsatz: Publish or perish – publiziere oder gehe unter. Das bedeutet, dass Wissenschaftler aller Disziplinen den Nachweis und die Qualität ihrer Arbeit vor allem durch eines darlegen müssen: Die Publikation eigener Forschungsergebnisse. Die Qualität der Forschungsarbeit wird unter anderem durch zwei Faktoren gewährleistet: Die Publikation zum einen, die akademische Diskussion (»Peer Review«) der Forschungsarbeit zum anderen. Diese Diskussion findet auf entsprechend hohem intellektuellem Niveau statt, bietet aber für den außenstehenden Beobachter mitunter polemisch anmutenden Diskurs:

Wer bisweilen Gelegenheit hat, diesen Diskursen zu folgen, stellt fest, dass die einmal wöchentlich stattfindenden Fragestunden des britischen Premierministers im Londoner Unterhaus dagegen wie ein Pfadfindertreffen wirken können. Die Schärfe der Argumentation ist Mittel zum Zweck: Der Forscher (oder das Forscherteam) muss das Ergebnis seiner Arbeit, seine Schlussfolgerungen oder seine Theorie im sprichwörtlichen Sinne verteidigen.

Raus aus dem miefigen Betrieb, rein ins öffentliche Licht

Am Ende des Tages geht es darum, sich selbst in einem Rahmen gesellschaftlichen Framings und Nudgings ins rechte Licht zu setzen. Entscheidend ist hier der Aspekt »ins Licht setzen«: Wer etwas gelten will (Sie erinnern sich vielleicht an die schon weiter oben genannten Menschen mit Motiven, Ehrgeiz und Eitelkeiten!), muss nicht nur publizieren, sondern vor allem in den öffentlichen Medien stattfinden. Dies ist der Grund, warum Sie zu bestimmten Themen die stets selben Wissenschaftler zu sehen, zu hören oder zu lesen bekommen.

In den Redaktionen der Medien oder den Kommunikationsbüros der politischen Parteien existieren regelrechte Kartei-Systeme, in denen bestimmte Wissenschaftler zu bestimmten Themen gelistet sind. Wie nun ein solcher Prozess einer getroffenen politischen Entscheidung, die durch einen oder mehrere Wissenschaftler legitimiert werden soll, abläuft, hat kürzlich der frühere Präsident des Verfassungsschutzes, Hans Georg Maaßen, exemplarisch und absolut treffend beschrieben:

Eines schönen Tages bestellt ein Minister der Regierung seinen Staatssekretär ein. Er erklärt dem Staatssekretär, noch ohne ihm einen Sitzplatz angeboten zu haben, die Bundeskanzlerin habe soeben beschlossen, dass die Erde eine Scheibe sei. Es gelte nun diese neue Erkenntnis in die Öffentlichkeit zu tragen. Daraufhin entgegnet der Staatssekretär: „Mit Verlaub, Herr Minister, das wird nicht ganz einfach, denn wir haben in den vergangenen 500 Jahren erklärt, dass die Erde rund sei.“ Der Minister bestätigt dies und fragt, ob man nicht die Wissenschaft mit einbeziehen könne, um etwa mit einem Gutachten die Entscheidung der Bundeskanzlerin zu unterstützen. Der Staatssekretär nickt freundlich und begibt sich unmittelbar in sein Büro. Nachdem er kurz in seiner Kartei nach einem passenden Wissenschaftler erfolgreich Ausschau gehalten hat, ruft er diesen an. Er erklärt ihm die Sachlage. Auf die Frage des Staatssekretärs, ob der Wissenschaftler bereit sei, die politische Entscheidung der Bundeskanzlerin mit einem Gutachten zu bestätigen, fragt dieser zurück, ob dazu seine fachliche Expertise oder nur sein guter Name gewünscht sei. Und fügt hinzu: Der wertvolle Name wird teurer! Der Staatssekretär bedankt sich für die Bereitschaft, den (für den Steuerzahler teureren) Namen in Anspruch nehmen zu dürfen. Das Gutachten, es ist momentan Mittwoch, solle bis Freitag gefertigt sein. Exakt so, ich habe dies auf politischer Lokal- und Landesebene ungezählte Male ähnlich miterlebt, läuft die öffentlich wirksame Begutachtung und Unterstützung von Regierungspolitik aus wissenschaftlicher Ecke ab. So wird aus ehedem nützlichem Wissen nützliche Idiotie – die Solvenz des jeweiligen Ministeriums bestimmt deren Grad und Ausprägung.

Die drei treibenden Kräfte nützlicher Idiotie: Macht, Einfluss, Geld

Kommen wir also auf die erste Frage des Beitrags zurück: Warum lassen sich eigentlich der Objektivität verpflichtete Wissenschaftler zur Subjektivität werben? Wir haben aufgeführt, dass wir es zum einen mit einem ganz gewöhnlichen Betrieb zu tun haben. Wir haben ferner aufgeführt, dass in diesem ganz gewöhnlichen Betrieb im Kern ganz gewöhnliche Menschen arbeiten. Es geht um Macht. Es geht um Einfluss. Und es geht um Geld. Die Erklärung, warum vermeintlich objektive Wissenschaftler regelmäßig und wiederholt zur Subjektivität geworben werden können, hat etwas mit diesen drei Faktoren zu tun.

Das Narrativ des zu jeder Zeit, an jedem Ort, zu jedem Thema der reinen Lehre und Objektivität verpflichteten Wissenschaftlers ist ein Mythos. Im Wissenschaftsbetrieb herrscht ein ähnliches Maß an richtigem und falschem Ehrgeiz, konstruktiver und destruktiver Motivation sowie qualitativ hochwertiger oder minderwertiger Arbeitsleistung, wie in jedem anderen Betrieb auch. Der Anreiz, in der Öffentlichkeit zu stehen, viel zitiert zu werden und ein hohes Ansehen zu genießen, ist auch hier der Grund für die ebenso reichhaltige wie mitunter lächerlich anmutende Dauerpräsenz in den Medien – und versuchen Sie jetzt bitte ganz angestrengt nicht an Karl Lauterbach zu denken!

Alexander Freitag ist Wirtschaftspsychologe, Lehrbeauftragter für Präklinische Notfallmedizin & Psychiatrie. Buchtipp: Die hysterische Republik

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