Die Internet-Piraten

Mein Account wurde gehackt!

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Mein Account wurde gehackt!
Kriminalität im Internet - Hacker knacken Konten © Foto: Pixabay / B_A

Ich wollte unbedingt mein Konto retten und merkte nicht, dass ich genau das Gegenteil tat. Kaum hatte ich das Passwort eingegeben, erschien eine kurze, nette Nachricht, dass ich nun auf eine Antwort warten müsse. Alles komplett glaubwürdig und täuschend echt.

Instagram. Puh. Wie viele lungern da eigentlich mittlerweile so rum? 854.5 Millionen sind es anscheinend. Ich würde euch jetzt eigentlich hier am liebsten meinen ganzen Social-Media-Frust und meine zutiefst ausgeprägte Abneigung gegen den virtuellen Scheiß mit den abartigsten und verkrüppeltesten Wörtern so richtig bildhaft vor euer inneres Äuglein klatschen, doch stört mich Inkohärenz so sehr - jegliche Art eigentlich – da reagiere ich ganz empfindlich drauf, und da ich ja selbst bei der Plattform angemeldet und so aktiv bin, dass meine rechte Hand eine verflixte Sehnenscheidenentzündung entwickelte und ich vor lauter Schmerzen und in meiner Sucht schon ganz verzweifelt meine linke Hand so gedrillt habe, dass sie eigentlich schon genauso fit ist wie die Rechte, will ich euch solch’ Scheinheiligkeit jetzt mal ersparen.

Heute wäre ich halb an einem Herzinfarkt gestorben. Mein Konto wurde gehackt. Knallhart und superdreist, einfach so von mir genommen. Aber der Hacker wusste nicht, mit wem er sich angelegt hatte und wir haben uns da einen epischen virtuellen Kampf geleistet, ein gnadenloses Katz-und-Maus Spiel, filmreif fast, bis einer heult.

Ja. Und da ich gerade noch vor Wut glühe, und wenn es euch nicht stört, will ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, um mal so richtig Dampf abzulassen. Nachsicht ist geboten, oder auch nicht – ist mir egal!

Als meine Mutter damals bei uns zu Hause im Sterben lag (Lungenkrebs mit 56) und ich drei Kleinkinder hatte (5, 2 und 1) und gerade am Studieren war und noch zwei Hausarbeiten schreiben musste, und mir dann im Kamikaze-Modus vorgenommen habe, parallel zu all dem, in sechs Wochen auch noch meine Bachelorarbeit zu schreiben, da mein damaliger Partner in Deutschland regelrecht vor meinen Augen verwelkte und unbedingt nach Portugal zurück wollte, entschied ich mich dazu, mein regelmäßig besuchtes und mit bunten Bildern meines Lebens, der Kinder, der Reisen, der Erlebnisse und mit vielen Freunden und „Freunden“ gefülltes Facebook-Konto zu löschen.

Damals, also 2012, verbrachte ich so ca. 30-60 Minuten am Tag in der App (am Rechner, versteht sich) und das waren einfach 30-60 Minuten zu viel. Ich wollte keine Minute mehr damit vergeuden, und sowieso hatte ich diese Minute, auch wenn ich sie haben wollen würde, nicht mehr übrig. Ich löschte meine virtuelle Präsenz (bzw., so gut, wie es bei diesen Plattformen eben nur geht) und schaute nie wieder zurück. Ich kann nur schlecht ausdrücken, was das für eine Erleichterung war.

Klar, viele von euch werden jetzt einwenden, warum hast du es nicht nur weniger benutzt, oder gingst einfach nur ab und an rein. Ja, klar. Das mag für einige von euch so klappen, Chapeau, doch bei anderen funktioniert es einfach nicht. Und das heißt eigentlich nicht, dass ich nicht diszipliniert bin, oder mich nicht zusammenreißen kann, oder vielleicht heißt es auch nur, dass ich es in manchen Bereichen meines Lebens sehr gut kann und in anderen weniger. Ach, was weiß ich, egal wie wenig oder viel es war, es war mir persönlich und zu dem Zeitpunkt einfach zu viel, und wenn ich jetzt zurück auf diese Social-Media-Freie Zeit schaue, die auf die Löschung folgte, kommt sie mir vor wie eine wunderschöne, sorgenfreie Zeit - auch wenn ich damals eigentlich alles andere als sorgenfrei war (hört das denn jemals auf...?).

Sechs Jahre später und 3000 km weiter südwestlich hatte ich dann irgendwann eine Idee. Ich bin ja von Beruf Übersetzerin und hatte mir da gleich nach unserer Rückkehr nach Portugal etwas kleines Feines aufgebaut – eine schnuckelige selbstlaufende Firma, die mir ein Grundeinkommen sicherte (auch wenn unstet) ohne, dass ich mich eigentlich groß um Werbung und Kundenakquise kümmern musste. Und statt dass ich mich mal vollen Herzens in das Projekt stürzte, mal so richtig Gas gab und aus der kleinen Firma eine Große gemacht hätte, sprühte ich, wie auch heute noch, vor Ideen und Energie und konnte also unmöglich einfach nur so rumsitzen und übersetzen. Viel zu langweilig (Verzeihung). Die Idee also: einen Lingerie Online-Shop.

Ja, tja – was soll ich sagen? Ich hatte in meinen frühen Zwanzigern ein paar Jahre in Berlin gelebt und dort meine ohnehin bereits liberale und sexuell aufgeklärte Erziehung, erneut aufblühen lassen und ästhetisch verfeinert und angepasst – und das gab mir dann den Anstoß dazu, in etwas zu investieren, das mich nicht nur beruflich herausforderte, indem es mich aus meiner Komfortzone heraus ins Unbekannte drängte, sondern auch meinen Faible für alles erotische und meinen Drang mich visuell auszudrücken in sich vereinte.

Ich weiß auch noch, dass ich damals neben meinem Arbeitstisch, an dem braunen, alten schnörkeligen Holzschrank von meiner Oma, eine Liste hängen hatte, auf der meine Lieblingsideen aufgeschrieben waren, und dass die Idee des Online Shops damals die letzte Idee auf der Liste war. Die Idee wurde also mit absoluter Sicherheit mehrmals angepeilt, analysiert, dann aber auch mehrmals verworfen, nur um dann erneut analysiert und dann letzten Endes doch irgendwann in Angriff genommen zu werden.

Das war schon was ganz anderes als die Übersetzungen. Nicht nur vom Inhalt her aber auch einfach nur vom strategischen Aufbau der Firma. (Ehrlich gesagt, reizt mich das vielleicht sogar am meisten, das „Strategieren“ - deshalb kann ich einfach nicht davonlassen).

Mit dem Online-Shop musste ich mich so richtig präsentieren – also jetzt nicht mich selbst in Lingerie, sondern meine Idee, das Konzept, und da ich ja ein Verkäufer bin und kein Designer, musste ich eine eigene Welt kreieren, die mich unverkennbar widerspiegelt, ganz egal welche Marken ich vertreten würde. Je nach Zielgruppe kann sich so ein Online-Shop mühelos bis in die weltweiten Winkel des Internets und der fünf Kontinente erstrecken, überall hin, wo es eben Internet gibt, und wer einen Online-Shop hat, sollte heutzutage auch ein Instagram-Konto für den Shop einrichten, ganz egal ob dieser sich in kleinen regionalen Kreisen oder im weltweiten Web dreht. Das ist leider so.

Als ich mich wirklich dazu entschlossen hatte, die Idee auszuführen, musste ich mich also mit meiner Rückkehr in die Welt der virtuellen Präsenzen anfreunden, und so kam es, dass ich, noch lange bevor ich den Laden überhaupt wirklich eröffnete, dann doch wieder, fast aus Versehen, in der Social-Media-Falle saß. Mist.

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Zweieinhalb Jahre und 13.000 Follower später bekomme ich dann eine Sehnenscheidenentzündung vom vielen Instagramen und sterbe fast (obgleich willenlos resigniert), weil mir mein mühsam aufgebautes Konto geklaut wird. Mein Schatzzzz. Aber nun mal kurz rekapitulieren. Wie wurde mir das Konto geklaut und, noch viel wichtiger, wie habe ich es zurückbekommen?

Instagram hatte Ende 2020 neue AGBs angekündigt, die teilweise zwar offener und toleranter sein sollten, doch nicht unbedingt meiner Lingerie-Branche gegenüber. Alles was Haut zeigt, zu viel Haut jedenfalls, unterliegt potenziell einer eventuellen Löschung. Ich wurde eh bereits schon drei Mal angemahnt. Ein Helmut Newton Bild wurde aus meinem Feed gelöscht. Unverzeihlich eigentlich.

Da ich, und einige meiner Follower, und viele denen ich folge, täglich und beruflich mit partieller Nacktheit zu tun haben, waren wir schon seit Wochen in einer anstrengenden Endzeitstimmung. Es waren bereits Konten anderer mir bekannten Lingerie-Exhibitionisten gelöscht worden, auch solche, die meines Erachtens alles andere als erotisch waren, solche die eher wie frisch aus einem Otto-Katalog oder einer Tchibo-Werbung entsprungen zu sein schienen. Viele meiner Kollegen haben daraufhin ihre Feeds nach potenziellen Risikobildern durchkämmt und sie gnadenlos gelöscht, sie haben sich Backup-Accounts angelegt und haben sich auf noch weiteren Social-Media-Platformen ausgebreitet, Twitter, TikTok, YouTube, Vero, im weiten Web gibt's keine Grenzen.

Naja, ich habe mich natürlich auch versucht zu informieren, und mir zugegebenermaßen doch auch Sorgen gemacht, aber ich habe nichts Konkretes unternommen, und habe dann nicht mehr so viel dran gedacht. Ich habe mir irgendwie gedacht, was passiert, das passiert – wenn es dann so sein sollte, dann würde ich es hinnehmen müssen und hatte mich dazu entschieden, es darauf ankommen zu lassen und es dann auch als Wink des Schicksals zu deuten. Das wäre es dann gewesen. Aber es kam ganz anders. Nicht Instagram wollte mich vernichten, sondern ein mir vollkommen unbekannter und unerwarteter Internetpirat.

Ich bin eigentlich schon relativ Internet-gewieft. Fast ein kleiner Möchtegern-Nerd. Ich weiß, dass man auf keine seltsamen Links klicken soll, dass man keinen verzweifelten Überweisungsanfragen nachgehen soll, und sogar die Versprechen von einmaligen Gewinnen in Millionenhöhe soll man als Betrügerei abstempeln, und eiskalt links liegen lassen. Und es sind nicht nur unbekannte E-Mails, die man mit Skepsis betrachten soll, selbst hinter E-Mails von bekannten Absendern könnte jederzeit die Gefahr lauern. Ja, ich weiß das alles.

Ich habe wirklich keine Ahnung, was da in mir vorgegangen ist, und zu meiner Verteidigung muss ich sagen, die haben das verdammt gut aufgebaut – nicht nur rein optisch, d. h., da waren keine Schreibfehler drin, sogar die richtige und echte Adresse von Instagram haben sie verwendet, und (und, das war dann letztendlich der Grund, warum ich so blind darauf reingefallen bin) sie haben sich sogar an die aktuelle sensible Instagramsituation angepasst, und die momentane Angst der Geschäftskontoinhaber höchst strategisch und professionell ausgenutzt.

Wir hatten den 20. Dezember 2020, der Tag an dem die neuen AGBs in Kraft treten sollten. Meine Freundin Sallie war gerade zu Besuch und wir kamen gerade von einem Spaziergang nach Hause. Jeder setzte sich in gewohnter Stille auf sein Bett und durchforstete sämtliche Portale nach Nachrichten, Likes, Kommentaren, neuen Posts und Fotos und alles was halt so im Netz in 2-3 Stunden passiert, und sofort und ohne Umschweife aufgesaugt werden muss.

Was bei Sallie war, weiß ich natürlich nicht, ich aber hatte auf WhatsApp eine Nachricht von Instagram, mit amerikanischer Nummer, und, wie gesagt, mit gesamter und fehlerlosen und vollständigen Adresse, die ansagte, dass aufgrund der nun eingetretenen Regelungen und der offensichtlichen Regelungsverstoße, mein Konto binnen 2 Tagen gelöscht werden würde. Scheiße! Es wurde mir jedoch die Option gegeben, Einspruch zu erheben – ich müsste lediglich dem beigefügten Link folgen. Ah prima!

Es ging alles so schnell. Ich ärgere mich grün und blau. Ich habe gar nicht nachgedacht, ich war so traumatisiert von meinen drei vorhergehenden Abmahnungen, dass ich an der Echtheit dieser Nachricht keine Sekunde zweifelte. Ich hatte mich mit meiner bevorstehenden Löschung schon abgefunden. Ich drückte auf den Link, und selbst als ich mich dann in dem neuen Portal einloggte und mein Passwort eingab, läuteten bei mir keine Alarmglocken. Ich wollte unbedingt mein Konto retten und merkte nicht, dass ich genau das Gegenteil tat. Kaum hatte ich das Passwort eingegeben, erschien eine kurze, nette Nachricht, dass ich nun auf eine Antwort warten müsse. Alles komplett glaubwürdig und täuschend echt.

Ich hielt das kleine schwarze Gerät und fühlte seine aufgewärmte und vertraute Oberfläche in meiner Hand. Ich schaute auf den liebevoll gepflegten, mit Panzerglas beklebten Bildschirm und war fast wie erleichtert, zuversichtlich, das Richtige getan zu haben. Alles wird gut. Wir schaffen das. Ich öffnete wie gewohnt die Instagram App, um auch da nochmal nach den allerneuesten Neuigkeiten zu schauen und merkte, dass ich aus meinem Konto ausgeloggt worden war. Komisch. Ich gab meinen Benutzernamen ein und dann mein Passwort. Falsches Passwort. Häh? Ich versuchte es noch einmal. Nichts. Ihr Benutzername und/oder das Passwort stimmen nicht überein. Stille. Mein Herz begann zu rasen, meine Hände zu schwitzen, mir wurde kalt und warm. Ja, ihr habt es eh schon geahnt, aber mir fiel es erst just in diesem präzisen Moment wie Schuppen von den Augen. Mein Konto war weg und ich war schuld! Was hatte ich nur getan?!

Oh nein. Wie kann ich nur so bescheuert sein? In der Suchfunktion gab ich hastig meinen Benutzernamen ein und fand mein Konto. Ah, da bist du ja. Zugriff hatte ich jedoch keinen. Was war da los? Keine zwei Minuten später fing es an: Bilder verschwanden aus meinem Feed. Jetzt war es klar, da ist jemand, und dieser Jemand übernahm mich nun skrupellos. Mein schönes, mühsam erstelltes und ästhetisch ansprechendes Feed löste sich buchstäblich vor meinen Augen auf. Ich starrte fassungslos auf mein Profil und konnte gar nicht richtig glauben, was da gerade passierte. Plötzlich wurde der Benutzername auf skripper666 umgeändert. Was für eine unerhörte Dreistheit, und wie schmerzhaft unschön. Sogar das Profilbild hat der Pirat geändert. Ich war wutentbrannt und unfassbar gelähmt zugleich, nahm dann alle meine Kraft zusammen und stürzte mich wie ein Bison blindlings in das Getümmel und bereitete mich auf den Krieg vor.

Ich rief nervös nach Sallie und gemeinsam fingen wir an, zu recherchieren, was man tun könnte. Ich sorgte mich auch unendlich um meine Follower, was würde er ihnen antun, ihnen E-Mails senden, in meinem Namen um Geld bitten? Ich googelte „Instagram Konto gehackt“ und las Berichte von unglücklichen Hacker-Opfern, von verlorenen Konten und wurde dann auf die Instagram-Hilfeseite weitergeleitet. Auf der Instagram-Seite steht: „Falls du dich noch bei deinem Instagram-Konto anmelden kannst“ – nee, kann ich nicht – aber leider war dort keine Option, in der schlicht und einfach steht „Falls du dich NICHT bei deinem Instagram-Konto anmelden kannst“. Ich schwöre, Sallie und ich saßen dann beide auf meinem Bett und versuchten vergeblich, den Anweisungen von Instagram zu folgen.

Es führte zu absolut nichts. Irgendwo sollte man dann immer auf „Benötigst du weitere Hilfe?“ klicken, doch nirgends passierte etwas. Wir kamen immer wieder zu demselben Punkt, wir drehten uns im Kreis und während in meinem Profil gerade eine fatale Revolution stattfand, passierte hier draußen absolut gar nichts. Meine Abwehr lag brach. Man sollte sich einen Sicherheitscode beantragen, doch was soll einem das nützen, wenn der Hacker die E-Mail geändert hat. Wir schrieben dem Support, doch wann hat dieser denn schon mal geantwortet. Dann fingen wir an, mein geklautes Profil zu melden, nach Hilfe zu rufen. Sallie schrieb regelrecht HILFE in eine der Meldungen. Zu dem Zeitpunkt wollte ich eigentlich aufgeben. Ich resignierte und versuchte mir einzureden, dass ich insgeheim vielleicht doch nur auf genau diesen einen Wink des Schicksals wartete, der mich vor dieser Welt rettete, meine Hand ruhen und meine Welt wieder Like-frei sein würde.

Was will so ein Hacker? Hatte ich eventuell verhängnisvolles in meinen Nachrichten? Nacktfotos? Zu welchen Informationen hatte er jetzt Zugang? Ich versuchte mich zu konzentrieren, doch mir wurde ganz schlecht. Nicht nur wegen der ganzen Arbeit, die ich in den Account gesteckt hatte, und weil es sich wirklich so anfühlte wie ein spürbarer Übergriff, als ob seine ranzigen Krallen meine virtuellen Eingeweide gierig durchforsteten, an meinen Organen zerrten, sondern hauptsächlich auch weil ich teilweise damit meine Familie ernährte. Mein Kopf glühte, meine Gedanken rasten. Ich musste alles geben, ich durfte nicht aufgeben. Nur wenige Minuten (oder Sekunden) später versuchte der Hacker anscheinend etwas an den Einstellungen zu ändern und ich bekam eine E-Mail, in der ich gefragt wurde, ob ich das gewesen sei.

Das war meine Chance! Jetzt aber zack-zack. Ein bisschen weiter unten war ein Link, für den Fall, dass ich es nicht gewesen sein sollte. Ich war es nicht! Schnell! Ich klickte in Millisekunden auf diesen Link, wurde weitergeleitet und konnte unglaublicher Weise und so ganz plötzlich und ganz unerwartet mein Account sicherstellen. Unfassbar! Ich konnte es nicht glauben, dass mein Konto wieder bei mir war und fühlte mich augenblicklich wieder so vertraut und verbunden, und so sicher vor dem unsichtbaren Feind, dass ich so blöd war und sofort wieder mein Kontoname änderte. Das war ein fataler Fehler!

Ich kann leider nicht richtig nachvollziehen warum, aber ich gehe davon aus, dass der Pirat dann wohl auch so eine Bestätigungs-E-Mail bekam, und sich dann, genau wie ich ihm eben, mir das Konto wieder mit erstaunlicher Leichtigkeit unter den Füssen wegzog - fast wie ein Magier eine Tischdenke von einem gedeckten Tisch zieht, ohne dabei auch nur das filigranteste Kristallglas zu beschädigen. In Sekundenschnelle gehörte das Konto erneut dem Hacker und ich wusste nicht mehr, wo oben und unten war, doch nun wusste ich, was zu tun war und ich musste nur noch darauf warten, dass der Hacker wieder etwas an den Einstellungen ändern würde.

Wenn ich es bereits einmal geschafft hatte, würde ich es auch nochmals schaffen, und so kam es dann auch. Er war wohl doch etwas einfacher gestrickt als gedacht. Es dauerte keine Minute, bis er nochmals den Namen änderte, nun auf skripperkings (wie einfallslos), und aus dem Geschäftskonto ein Privatkonto machte. Und Schwups kam auch schon die E-Mail, die mir die Chance gab, nochmals alles zu geben. Ich klickte an, dass ich das nicht beantragt hatte und wurde prompt wieder weitergeleitet. Ich spürte förmlich, wie der Hacker auf der anderen Seite in die entgegengesetzte Richtung zog und zerrte. Wir sprinteten beide um die Macht, wer zuerst seine E-Mail eingeben würde. Die Spannung war brutal. Und als ich dann meine E-Mail eingegeben hatte und mein Passwort erneut änderte, und dann einfach nichts mehr tat und auf nichts mehr klickte, war es geschafft. Ich bekam noch einige E-Mails von Instagram, im Minuten-Takt eigentlich, und jede E-Mail war ein verzweifelter Versuch des Piraten, sein verlorenes gestohlenes Gut erneut für sich zu beanstanden. Ich ließ mich aber nicht mehr beirren. Dein Zug ist abgefahren, du Schuft!

Sallie und ich standen beide wie unter Schock in meinem Zimmer und schauten uns mit riesigen Augen ungläubig an, bevor wir uns vor Freude und Erleichterung umarmten und im Kreis hüpften. Was, um Himmelswillen, war das denn gerade gewesen? Ich habe es später in den E-Mails zeitlich rekonstruiert, und vom initialen Piratenangriff und der zweiten und endgültigen Wiedereroberung waren circa eineinhalb Stunden vergangen. Es kamen mir vor wie unendliche Stunden, Tage gar. Ich wollte zwischendurch aufgeben. Es einfach sein lassen. Dann wäre es das gewesen. Dann hätte ich was anderes gemacht. Mich neu erfunden. Zum Glück war Sallie da und machte einfach weiter, wir steckten uns gegenseitig an. Wir sind den bescheuerten Instagram Anweisungen bestimmt fünfzig Mal gefolgt, und kamen immer wieder an derselben Stelle raus. Es war unerhört und lächerlich, wirklich. Von Instagram kam absolut keine Hilfe. In so einer Situation, in der sofort reagiert werden muss, kam rein gar nichts. Das werde ich denen nie verzeihen.

Wie dem auch sei, Fakt ist, mein Konto ist jetzt wieder ein Geschäftskonto und ist bis heute wieder sicher und mit einer frisch eingerichteten Zwei-Faktor-Authentifizierung in meiner pflegenden Obhut. Meinen Kontonamen durfte ich nicht sofort nochmals ändern, da musste ich erstmal zwei Wochen warten, aber das war ja dann nun wirklich nebensächlich.

Meine als gelöscht geglaubten Bilder waren übrigens alle im Archiv. Das hat mir im Nachhinein eine meiner besorgten Follower gesagt und hatte damit Recht. Archivieren ist wohl schneller als löschen, daher.

Der Online-Shop gibt mir eigentlich die Freiheit, die ich möchte. Keine festen Uhrzeiten, keine Angestellten, keinen physischen Laden. Doch kommen ca. 70% der Besucher auf meiner Webseite über Instagram. Ich habe also meine Freiheit, muss dafür aber mit diesem Ding in meiner Hand leben, und mich damit abfinden, dass ich in einer Abhängigkeitsbeziehung mit Instagram stehe. Manchmal frage ich mich, wie es gewesen wäre, wenn ich aufgegeben und mein Instagramkonto dem Piraten überlassen hätte. Vielleicht wäre ich jetzt sorgenfreier, leichter, hätte keine Sehnenscheidenentzündung – aber so wie ich mich kenne, wäre auch das nur von kurzer Dauer gewesen. Ich habe da nämlich gerade eine neue Idee...

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