Die letzten Lagebesprechungen in der Reichskanzlei und die Selbstberuhigung des SED-Politbüros 1989 waren zukunftsträchtiger

Die Oberkellner der Titanic: Die CDU diskutiert den Eisberg

von RA Dirk Schmitz

Und der Eisberg leuchtet weiter blau in der aufkommenden Abenddämmerung der CDU© Quelle: ChatGPT

Die CDU-Kreisvorsitzenden treffen sich zur Krisensitzung mit Friedrich Merz. Die Hälfte erscheint gar nicht erst. Die andere Hälfte kritisiert den Kapitän. Der verspricht, sich im nächsten Jahr mit dem Kurs zu beschäftigen.

Von RA Dirk Schmitz M.A.

Es muss ein erhebender Anblick gewesen sein, als sich am 2. November 2026 die Oberkellner der politischen Titanic im Berliner Konrad-Adenauer-Haus versammelten. Draußen volle Fahrt auf den Eisberg. Die CDU verliert Wähler, Mitglieder, Glaubwürdigkeit und in Mecklenburg-Vorpommern ihre parlamentarische Existenz. Bundesweit abgeschlagen hinter der AfD.

Und Kapitän Friedrich Merz reflektiert auf dem Podium, ob man sich „im nächsten Jahr“ mit der Fahrtrichtung beschäftigen werde. Wenigstens die Oberkellner stehen jetzt auf, nehmen dem Kapitän das Steuer aus der Hand und werfen ihn ins Meer? Aber wir sprechen von der CDU.

Von den rund 330 Kreisvorsitzenden erschienen gerade einmal 164. Die andere Hälfte hielt es nicht mal mehr für erforderlich zu dieser Krisensitzung anzureisen. Oberkellner haben andere Verpflichtungen. Welcher Smutje möchte schon einem Kapitän zuzuhören, weshalb sich der Eisberg nicht an die ursprünglichen Navigationsversprechen hält?

Die erschienenen Funktionäre waren mutig: Das Schiff fahre in die falsche Richtung. Der Kapitän habe seine Versprechen nicht gehalten. Die Passagiere seien unzufrieden. Die Speisekarte stimme nicht überein mit dem was aus der Küche komme. Und unten im Maschinenraum gehe das Licht aus.

Die Kreisvorsitzende Désirée Schrade aus Frankfurt (Oder) sprach von Alarmstufe „dunkelrot“. Frank Bommert aus Oberhavel berichtete von Parteiaustritten. Hannes Raebel aus dem Weimarer Land erklärte, er habe inzwischen nur noch sehr wenig Vertrauen in das Berliner Führungspersonal. Das ist für CDU-Verhältnisse ungefähr so, als würde der Erste Offizier beim gemeinsamen Abendessen vorsichtig anmerken, man müsse darüber nachdenken, ob der Kapitän einen Bootsführerschein besitzt.

Besonders mutig zeigte sich der Bundestagsabgeordnete und Kreisvorsitzende Bastian Ernst aus Oldenburg-Land. Er brachte die Möglichkeit ins Gespräch, Kanzlerschaft und Parteivorsitz voneinander zu trennen. Angela Merkel habe das schließlich auch gemacht.

Frei übersetzt: Vielleicht könnte ein zweiter Kapitän die Navigation übernehmen, während der bisherige weiterhin auf der Brücke steht und die Kommandos gibt. Ein revolutionärer Gedanke. Die Titanic bekommt zwei Kapitäne. Einer fährt gegen den Eisberg, der andere erklärt der Besatzung, warum der Zusammenstoß alternativlos war.

Dann erschien der Kapitän persönlich. Friedrich Merz erläuterte die internationale Lage, die Schwierigkeiten mit den Vereinigten Staaten, die Konkurrenz durch China und die gesellschaftlichen Spannungen. Nur wollte die versammelte Mannschaft wissen, weshalb das Schiff gerade sinkt.

Mehr als 30 Wortmeldungen: Die vorgesehene Aussprache wurde sogar verlängert. Merz beantwortete Fragen. Einige Teilnehmer lobten, dass „er“ zugehört habe. Schließlich stellte der Kapitän in Aussicht, sich im kommenden Jahr mit der grundsätzlichen politischen Ausrichtung der CDU zu beschäftigen. Im nächsten Jahr!

Man stelle sich die Szene auf der Titanic vor. Der Kapitän beruhigt die Herren: Er habe die Problematik erkannt und werde im nächsten Jahr eine Arbeitsgruppe zur Frage der Eisbergvermeidung einsetzen. Bis dahin möge man bitte die Passagiere beruhigen und weiterhin das schmaler werdende Abendessen servieren.

Die Reichskanzlei lässt grüßen: „Die Armee Wenck wird richten! Der Vergleich mit der CDU betrifft einen sehr viel engeren Mechanismus: Die politische Führung hält an einem Rettungsszenario fest, obwohl die Lagebeurteilung mit Merz hoffnungslos ist. Bei Merz heißt die rettende Armee nicht Wenck. Sie heißt Reformpolitik, bessere Kommunikation und inhaltliche Neuaufstellung. Wenck wird kommen. Die Reformen werden kommen. Die Wähler werden zurückkommen. Man muss nur warten.

Und die Kreisvorsitzenden? Sie nicken, machen sich Notizen und hoffen, dass die Front bis zum nächsten Parteitag hält.

Das SED-Politbüro: Die Lage ist ernst, aber die Partei hat alles im Griff. Auch dort verfügte die Führung über einen gewaltigen Parteiapparat, Funktionäre, festgelegte Zuständigkeiten und die Fähigkeit, Wirklichkeit in Sitzungsprotokollen verschwinden zu lassen. Egon Krenz versprach eine politische Wende: „Alle Probleme in unserer Gesellschaft sind politisch lösbar.“ Das war nicht falsch. Nur hatte das Volk inzwischen beschlossen, die Probleme ohne die SED zu lösen.

Als wäre die Lage nicht grotesk genug, schwebt der Geist Angela Merkels über der CDU. Merz hat ernsthaft darauf hingewiesen, dass Merkel möglicherweise aus der CDU austreten werde, sollte die Union offiziell mit der AfD zusammenarbeiten. Man stelle sich vor, die Titanic fährt auf den Eisberg zu, und auf der Brücke wird diskutiert, ob die ehemalige Kapitänin ihre Mitgliedschaft im Reedereiclub kündigen könnte, falls man das Steuer herumreißt.

Eine Partei, aus der gewöhnliche Mitglieder aus Enttäuschung scharenweise austreten, soll sich ausgerechnet vor dem möglichen Austritt ihrer ehemaligen Vorsitzenden fürchten? Die Passagiere verlassen das Schiff. Aber auf der Brücke sorgt man sich um die Ehrenkarte der ehemaligen Kapitänin.

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Die Oberkellner hängen selbst am Tropf der Reederei. Vielleicht erklärt sich die erstaunliche Zurückhaltung der Kreisvorsitzenden auch durch eine weitere Besonderheit. Die meisten CDU-Kreisvorsitzende sind selbst Berufspolitiker. Wie unabhängig ist eine Parteibasis, deren führende Repräsentanten selbst dem politischen Apparat angehören, den sie kontrollieren sollen?

Wer selbst einen Platz auf der Kommandobrücke besitzt, überlegt sich zweimal, ob er den Kapitän über Bord werfen möchte. Selbst dann, wenn das Schiff bereits Wasser nimmt. Während also die eigene Parteibasis über existenzielle Probleme diskutiert, verkündet Merz seine Präferenz für eine Frau als nächstes Staatsoberhaupt. Ein Kreisvorsitzender merkte dazu an, das Thema interessiere in seinem Verband vielleicht fünf Prozent der Menschen. 

Nicht die Energiepreise sind Thema. Nicht die Frage, weshalb die AfD immer mehr frühere Unionswähler erreicht. Nicht der Vertrauensverlust durch gebrochene Wahlversprechen. Nein, man beschäftigt sich mit der künftigen Besetzung eines besser abzuschaffenden Amtes. Es ist, als würde das SED-Politbüro im November 1989 noch darüber beraten, welche Farbe die neue Tapete im Sitzungssaal bekommen soll.

Am Ende geschah das Erstaunlichste: nichts. Keine Meuterei. Kein erzwungener Kurswechsel. Keine gemeinsame Rücktrittsforderung. Keine grundlegende Entscheidung über die politische Richtung. Die Generalsekretärin erklärte, eine Debatte über die Abgabe des Parteivorsitzes habe es nicht gegeben. Die Oberkellner hatten ihren Unmut vorgetragen. Der Kapitän hatte zugehört. Anschließend gingen alle nach Hause.

Und die Titanic fuhr weiter.

Die eigentliche Brisanz liegt nicht mehr in Friedrich Merz. Bemerkenswert ist eine Partei, deren eigene Funktionäre ihre Lage als existenzbedrohend beschreiben, die aber nicht mehr die Kraft besitzen, gemeinsame Konsequenzen zu ziehen. Es geht um die Arroganz eines abgeschlossenen Führungssystems, noch im Untergang an seine Unersetzlichkeit zu glauben.

Die CDU ist organisatorisch nicht tot. Sie besitzt weiterhin Mandate, Ministerpräsidenten, Bürgermeister, Parteiapparate, Macht. Aber politisch ist sie tot, mausetot, auf dem Weg, ihren eigenen Untergang zwar noch präzise zu beschreiben, aber nicht mehr zu verhindern. Was würden Sie als Passagier tun, wenn der Kapitän den Eisberg sieht, die Offiziere ihn höflich kritisieren, die Oberkellner um ihre Arbeitsplätze fürchten und man im nächsten Jahr über eine Kurskorrektur berät?

Vermutlich suchen Sie sich jetzt ein Rettungsboot. Bei der CDU nennt man das Wählerwanderung.

Wenck wird kommen. Die Reformen werden kommen. Die Wähler werden zurückkommen. Und wenn nicht? Dann wird die CDU eines Tages feststellen, dass ihre letzte Kreisvorsitzendenkonferenz hervorragend organisiert war. Nur die Partei ist nicht mehr da. Und der Eisberg leuchtet weiter blau in der aufkommenden Abenddämmerung der CDU.

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