Fotos aus einem Kessel, der drei Tage länger hielt als der Krieg

Die Schachtel im Keller

von Gregor Leip

1944 in einer Kiste© Quelle: Privat

Im Keller einer Wohnung, die seit einem Oberschenkelhalsbruch leer steht, liegt eine Zigarrenkiste mit Aufnahmen aus Saint-Nazaire. Sie zeigen Baden, eine Gans, eine Prozession und Kreuze. Der Mann, der sie machte, war nach dem 20. Juli degradiert worden. Was die Bilder nicht zeigen, steht heute in den Meldungen.

Eine Zigarrenkiste hielt mich im Keller auf. Prall, die meisten Bilder mit gezacktem Rand, schwarz-weiß, aus den vierziger Jahren. Über achtzig Jahre alt.

Die Schwester meiner Mutter liegt seit Anfang des Jahres nach einem Oberschenkelhalsbruch in einer Residenz, wenige Minuten von der Wohnung entfernt, die sie seit mehr als fünfzig Jahren bewohnt und seit dem Tod meines Onkels allein. Aufgeben will sie die Wohnung nicht, obwohl eine Rückkehr im neunundneunzigsten Lebensjahr unwahrscheinlich geworden ist. Ich hole die Post, gieße die Blumen, räume Konserven. Dabei lag die Schachtel.

Ein paar Dutzend Aufnahmen junger Soldaten in Frankreich. Hinten manchmal beschriftet: Rückzug aus der Bretagne, Gräben um Saint-Nazaire, Ortschaften der Umgebung. Ein Feldgrab, drei Holzkreuze, Stahlhelme darauf. Einzelporträts, vom Onkel mit Dienstgrad, Namen und Kreuz versehen. Soldaten mit einer erbeuteten Gans, die gerupft wird. Im Juli 1944 ein Konzert in La Baule, Zivilisten, Kinder, eine Blaskapelle. Ein Soldat mit einer jungen Frau im Arm. Strandbilder: Männer, die ungeniert nackt in den Atlantik laufen. Die Veranda des Soldatenheims in Pornichet. Die Kirche von La Baule im Februar 1945. Eine Prozession, ebenfalls Juli 1944. Das Grab der drei Kameraden, Ende August in La Roche-Bernard.

Der Onkel war nach dem 20. Juli 1944 in Sippenhaft geraten. Sein Vater, Mitwisser, wurde in Plötzensee erhängt. Der Sohn, neunzehn, Fahnenjunker, galt als unwürdig, wurde degradiert und zum Strafbataillon 999 kommandiert. Im August schlossen die Amerikaner um Saint-Nazaire einen Kessel von etwa 28.000 Mann auf rund 1.500 Quadratkilometern. Sie nahmen ihn nicht, um den Vormarsch nach Osten nicht zu verzögern. Unter Generalleutnant Hans Junck hielten die Eingeschlossenen bis zum Kriegsende aus. Im Kessel lebten anfangs nahezu 130.000 Zivilisten; ab Oktober ließ man einen großen Teil der Frauen und Kinder ausreisen. Danach lag das Gebiet fast nur noch bei den deutschen Truppen. Die Kapitulation wurde am 8. Mai in Cordemais unterzeichnet. Am 11. Mai, auf der Rennbahn von Bouvron, übergab Junck dem amerikanischen General Kramer in einem symbolischen Akt seine Pistole.

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Die Bilder zeigen keinen Feldzug, sondern ein Warten. Baden, eine Gans, eine Prozession, ein Konzert, und dazwischen Kreuze. Der Kessel war kein Mythos und keine Entscheidungsschlacht. Er war ein abgeschnittener Rest, der bis nach dem Ende des Krieges stehen blieb, weil es sich nicht lohnte, ihn zu nehmen.

Heute lese ich fast täglich von Systemen, Reichweiten, Abwehrerfolgen und neuen Waffen, selten von dem, was ein Kessel ist, wenn er nicht fällt. Meine Enkel hören das. In der Familie haben sie mich: einen Mann Anfang sechzig, dessen eigene Reibung mit der Staatsmacht sich auf Nachtleben und Demonstrationen der späten Siebziger beschränkt. Was ich weitergeben kann, stammt nicht aus eigenem Krieg, sondern aus den Nächten, in denen Onkel oder Großvater nicht schliefen und Großmutter oder Tante am Morgen erzählten. Flucht aus dem Osten, Gefangenschaft, das Wiederkehren der Bilder. Daraus wurde bei uns kein Schweigen und auch kein Heldentum, sondern der Satz, Krieg solle nicht wieder auf diesem Boden stattfinden. Spielzeugpistolen waren unerwünscht. Wer sagt, die Nachkriegszeit habe das Grausen nur verdrängt, lässt diesen Teil aus: Man baute Wohlstand und erzählte trotzdem, wenn die Nacht schlecht gewesen war.

Die Schachtel liegt noch im Keller. Sie enthält keine Lehre, die sich von selbst auf die Gegenwart überträgt. Sie enthält Männer, die baden, und Kreuze, die jemand mit Namen versehen hat. Ob das reicht, damit eine spätere Generation zögert, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ohne solche Kisten nur die Meldungen bleiben.

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