Von Christian Witt
Wie bringt man Menschen dazu, ihre Gedanken am Ende selbst zu kontrollieren, ohne ihnen „das Denken“ ausdrücklich zu verbieten oder staatlich oder indirekt staatlich zu regulieren?
Professor Dr. Henrieke Stahl zeichnete am Donnerstagabend im Berliner Sprechsaal ein weitverzweigtes Geflecht aus staatlichen Institutionen, privaten Organisationen, digitalen Plattformen und gesellschaftlichem Druck nach, das nach ihrer Auffassung genau diese Wirkung entfaltet.
Es geht um Meinungsfreiheit, Informationskontrolle und um eine Frage, die sich durch den ganzen Abend zieht: Was bleibt eigentlich nach alledem noch vom Ideal des „selbstbestimmten Menschen“?
Stahl spricht mit bemerkenswertem Charme über Dinge, die alles andere als charmant sind. Sie schöpft aus einem erstaunlichen Fundus historischer, rechtlicher und philosophischer Kenntnisse, ohne dabei den Kontakt zu ihrem Publikum zu verlieren. Ein wandelndes großes Sprachmodell, möchte man meinen – allerdings eines mit klarer Kante, Lebenserfahrung und einem spürbar „brennenden Herzen“ für unsere freiheitliche Grundordnung. Es ist der letzte Abend des Kulturkreises Pankow hier im Sprechsaal.
Als eines der Grundmotive für die eskalierenden Einschränkungen nennt Henrieke Stahl das stete Streben gegen eine, wie sie es nennt, „Überdemokratisierung“.
Besonders brisant sei die Auslagerung von Eingriffen auf private Einrichtungen. Was Behörden wegen der dem Wort nach grundgesetzlich geschützten Meinungsfreiheit nicht ohne Weiteres „offiziell“ verbieten dürfen, verschwinde durch „Moderation“ eben dieser privaten Plattformen selbst. Das sei rechtlich keineswegs dasselbe wie ein staatliches Verbot. Wenn staatliche Stellen solche Löschungen jedoch gezielt veranlassten oder erzwängen, stelle sich die Frage nach einer Umgehung ihrer tatsächlichen Grundrechtsbindung.
Stahl verweist auf eine Untersuchung von The Future of Free Speech. In ausgewählten Gruppen gelöschter Facebook- und YouTube-Kommentare aus Deutschland, Frankreich und Schweden bewerteten Juristen zwischen 87,5 und 99,7 Prozent der entfernten Äußerungen als rechtlich zulässig, so Stahl. Auch den europäischen Digital Services Act betrachtet sie kritisch, weil der Druck auf Plattformbetreiber vorsorgliche Löschungen begünstigen könne.
Was Stahl hier beschreibt, erscheint weniger als Entwicklung zu einer freien, offenen Gesellschaft. Es ist der Weg zu einem Staat neuer Art. Und die anderen? Die lernen schnell, was man besser nicht mehr sagt. Die Schere im Kopf wirkt. Irgendwann braucht es gar keine Löschung mehr, weil der betreffende Gedanke schon vor dem Aussprechen aussortiert wird. Stahl nennt das „mentale Vorzensur“.
Das System arbeite keineswegs nur mit Verboten und Sanktionen. Es gebe auch die „angenehmere“ Seite, die Zuckerbrotvariante: Fördermittel, Karrierechancen, institutionelle Anerkennung und gesellschaftliche Zugehörigkeit.
Übersetzt: Wer die Erwartungen erfüllt, kommt voran. Wer widerspricht, spürt die Peitsche, muss unter Umständen mit Nachteilen rechnen.
Das muss nicht einmal ausdrücklich ausgesprochen werden. Man „weiß“ irgendwann, welche Positionen einer beruflichen Laufbahn förderlich sind und mit welchen man besser vorsichtig umgeht. Anpassung wird zur trainierten Gewohnheit, und am Ende hält man die eigenen Grenzen womöglich noch für „selbst gewählt“.
[Auf einer Folie zeigt Prof. Stahl die Ergebnisse einer Umfrage der Friedrich-Naumann-Stiftung vom November 2025. 60 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, vorsichtiger mit ihrer Meinung geworden zu sein, weil sie negative Reaktionen befürchten.
Das Grundgesetz garantiert formell in Artikel 5 die Meinungsfreiheit. Nur hilft einem dieses Versprechen zunächst wenig, wenn die Polizei morgens vor der Tür steht, die Presse mal wieder vorab informiert ist, vorverurteilende Fotos mit oder ohne Bademantel durch den Blätterwald rauschen, der eigene Name durch die Medien geht oder man sich auf ein langwieriges Gerichtsverfahren einstellen muss. Selbst wenn man am Ende aller schweren Tage Recht bekommt, ist damit längst nicht alles wieder gut. Im Gegenteil. Oft ist die Existenz nachhaltig zerstört. Wird das fahrlässig in Kauf genommen oder gar bewusst herbeigeführt?
„Die ganzen Schäden, die dadurch entstanden sind, werden nicht wieder rückgängig gemacht“, sagt Stahl.
Man kann sich ausrechnen, was das für jemanden bedeutet, der weder über ein größeres Vermögen noch über eine Rechtsschutzversicherung verfügt. Ein Freiheitsrecht, dessen Verteidigung man sich erst leisten können muss, wirft jedenfalls Fragen nach der tatsächlichen Gleichheit vor dem Recht auf. Die Wirklichkeit der Grundrechte wird matt.
Stahl geht in ihrer Betrachtung weiter zurück, in die Jahre um 1989 und 1990. Ausgerechnet mit dem Ende des Kalten Krieges und dem großen, hoffnungsvollen Freiheitsversprechen jener Zeit habe sich im Westen das Verhältnis zwischen dem Individuum und den Ansprüchen der Gemeinschaft verändert.
An dieser Stelle darf man sich die Frage stellen, ob das wohl auch mit der Neuverortung von NATO & Co. und den strategischen Interessen zu tun hat. Besonders anschaulich wird das am Beispiel der Bildung. Das Humboldt’sche Ideal sah in ihr die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit, die sich die Welt durch Wissenschaft, Kunst und geistige Auseinandersetzung erschließt. Heute wird dagegen gern danach gefragt, wozu etwas nützlich ist und welche Kompetenzen der Arbeitsmarkt benötigt. Stahl spricht von einer „Verzweckung“ des Menschen. Und die Ideologie dazu hat ihre Vorgeschichte(n).
Stahl verweist auf den amerikanischen Hochschulreformer Ernest L. Boyer und die europäische Bologna-Reform. 1998 unterzeichneten vier europäische Staaten die Sorbonne-Erklärung, 1999 begann mit 29 Staaten der Bologna-Prozess. Vergleichbare Studienabschlüsse, Beschäftigungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit gehörten zu seinen Zielen.
Natürlich sei nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Studium auch fundiert auf einen Beruf vorbereitet. Stahl interessiert die Verschiebung des Maßstabes: Soll Bildung dem Menschen helfen, ein wirklich eigenes Urteil frei zu entwickeln, oder soll sie ihn möglichst passgenau für bereits „festgelegte Aufgaben“ qualifizieren?
Auf einer weiteren Folie steht die zugespitzte Formulierung: „Wissenschaft macht sich zur Dienstmagd.“ Aber wer ist dann ihr Dienstherr? Stahl verweist auf den Academic Freedom Index, mit dem die Freiheit wissenschaftlicher Arbeit international untersucht wird. Sie spricht über die Möglichkeiten, durch Forschungsgelder, Stellenbesetzungen und institutionelle Vorgaben Einfluss auf Hochschulen zu nehmen.
Auf einer Folie erscheint eine Veröffentlichung der Otto Brenner Stiftung von 2025, die vor möglichen Eingriffen in die Hochschulen unter einer AfD-geführten Regierung in Sachsen-Anhalt warnt. Stahl stellt dazu eine naheliegende Frage: Weshalb sollen solche Machtmittel nur dann bedenklich sein, wenn allein eine politisch unerwünschte Partei sie einsetzt? Diese Frage trägt die Mahnung schon in sich.
Und die Konsequenz mag auf der Hand liegen: Wer Wissenschaftsfreiheit wirklich ernst nehme, so die Vortragende, müsse sie auch dann verteidigen, wenn Forschungsergebnisse der eigenen politischen Überzeugung oder einem gelagerten wirtschaftlichen Interesse widersprechen. Sonst sei sie am Ende nicht viel mehr als die Freiheit derjenigen, die ohnehin auf der „richtigen Seite“ stehen.
Hinter den vielen Beispielen aus Recht, Medien und Wissenschaft wird für die Zuhörer eine grundsätzlichere Frage sichtbar: Welches Bild vom Menschen steht hinter einer Politik, die ihn zunehmend nach seiner gesellschaftlichen Nützlichkeit beurteilt? Was treibt diese Entwicklung eigentlich?
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Stahl sieht darin eine sichtbare Abkehr vom selbstbestimmten Individuum, das irren, widersprechen und eigene Wege gehen darf. Einem alten Bildungsideal. Das erinnere sie an historische Entwicklungen, in denen Bildung, Wissenschaft und Kultur politischen Zielen untergeordnet worden seien. Auch „transhumanistische Vorstellungen“ spricht sie an, also die Idee, den Menschen mit technischen oder biologischen Mitteln gezielt zu verändern und zu optimieren. Mindestens unterzuordnen.
Und damit wirft sie Fragen auf: Für wen genau wäre das Fortschritt? Nach welchen und wessen Maßstäben? Und wer entscheidet, ob der Einzelne dabei mitmachen muss?
Henrieke Stahl ist seit 2003 Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Trier. Sie promovierte über Rosenkreuzertum und Initiation in den Romanen des russischen Symbolisten Andrej Belyj. Zu ihren Forschungsgebieten gehören Religionsphilosophie, Mystik und Geistesgeschichte.
Während der Corona-Pandemie engagierte sie sich offen gegen eine allgemeine Impfpflicht, gehörte zu den Initiatoren der 7-Argumente-Gruppe und gründete MEthiG mit, einen Verein zur Förderung interdisziplinärer Forschung in Medizin und Ethik. Ihr Sammelband „Vom Verfall der Freiheit in Recht, Medien und Wissenschaft“ enthält Beiträge unter anderem von Hans-Georg Maaßen, Michael Meyen, Dietrich Murswiek und Rupert Scholz. Er erscheint noch im Oktober und wird zur Buchmesse „Seitenwechsel“ am 7. und 8. November 2026 in Halle an der Saale vorgestellt werden.
Dass sie sich nicht allein auf ihre wissenschaftliche Arbeit zurückzieht, sondern öffentlich Position bezieht und Gesicht zeigt, dürfte ihr nicht überall Freunde machen. An diesem Abend jedenfalls erlebt man eine Professorin, die ihre Überzeugungen mit großer Freundlichkeit, mit Herzlichkeit und Zugewandtheit, aber ohne erkennbare Scheu vor Widerspruch vertritt.
Die vielleicht bewegendsten Gedanken entwickelt Stahl in der abschließenden Diskussion, als ein junger Zuhörer fragt, wie man sich angesichts dieser Lawine der Einschüchterung den eigenen Mut bewahren könne, für seine Überzeugungen einzustehen. Henrieke Stahl führt die Frage der Meinungsfreiheit auf den Menschen selbst zurück: Wer frei sein will, muss diesen Mut aufbringen, ohne die Gewissheit einer „höheren Autorität“ seine wirklich eigenen Entscheidungen zu treffen.
Wer wirklich nachhaltig selbstbestimmt leben will, erklärt sie weiter, muss damit zurechtkommen, dass ihm niemand die Verantwortung für seine Entscheidungen abnimmt. Jeder Einzelne steht gewissermaßen vor einem „Abgrund“, ohne zu wissen, ob der nächste Schritt trägt. Stahl schreibt „ICH“ deshalb gerne groß, um die Eigenständigkeit und Verantwortung des einzelnen Menschen hervorzuheben. Gemeint sei nicht Egoismus oder Selbstüberhöhung, sondern das selbstbestimmte Individuum, das sich seines eigenen Urteils in Kant’scher Weise bediene und die Verantwortung für sein Handeln übernehme:
„Und da brauchen Sie ‚unendlich Mut‘. Und es kann auch sein, dass man da noch erstmal abstürzt und auch mal in ein tiefes Nichts blickt.“
Stahl erinnert an dieser Stelle in einer Art Schlusspädoyer an die antiken Mysterientraditionen, in denen die Einzuweihenden in die Weisheiten auf ihrem Weg ins Unbekannte begleitet wurden. Der moderne Mensch dagegen muss heute diesen Weg allein gehen. Nicht ganz alleine, denn er kann auf einen großen, nicht lösch- und delegitimierbaren Fundus an Geistesgeschichte zurückgreifen. Wenn er denn will.
Kunst, Literatur, Geistesgeschichte und Theologie seien die Bewahrer der Erfahrungen früherer Generationen. Man müsse deren Überzeugungen nicht übernehmen, könne sich aber an ihnen abarbeiten, sich mit ihnen frei auseinandersetzen und dabei entdecken, was Stahl wichtiger ist als die bloße Aneignung von Wissen. „In dieser Übung, wenn Sie die machen, erfahren Sie die geistige Kraft. Selber.“ Das sei die Entdeckung des Geistes, „nicht als ein Inhalt, sondern als eine geistige Kraft. Das ist die geistige Kraft. Das ist der Mut.“
Als aus dem Publikum schließlich der Gedanke kommt, man dürfe sich aus Angst vor dem Scheitern nicht vom Handeln abhalten lassen, sagt Henrieke Stahl:
„Ich will einen Abschluss dazu sagen. Stellen Sie sich vor, dass der Widerstand am Widerstand wächst.“
Den Satz kann man so verstehen, dass Repressionen auch den menschlichen Gegendruck wachsen lassen können. Und dass Mut gerade dort entsteht, wo man beginnt, sich zu widersetzen.
Nach mehr als zwei Stunden verlässt man den Sprechsaal nicht niedergeschlagen, sondern aufgeladen und beseelt. Prof. Stahl hat hier mit großer Ruhe und Zugewandtheit von beunruhigenden Entwicklungen erzählt. Haften bleibt, dass man den eigenen Mut nicht erst besitzen muss, bevor man handelt, sondern dass er unterwegs wachsen kann.
Am Samstag, dem 24. Oktober, spricht Henrieke Stahl beim „Forum Freiheit“ der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft erneut über Wissenschaftsfreiheit. Auch Rupert Scholz steht auf dem Programm.
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