GWA-Sprecher Claudio Gallio will keine Briefings von AfD-Regierungen

Die Vertreibung aus dem Paradies der Staatsaufträge: Aufgeschreckt fordert Agenturchef AfD-Boykott in Sachsen-Anhalt

von RA Dirk Schmitz

Ende Gelände mit dem Staatsspeck?© Quelle: Wikipedia/Wappen Sachsen-Anhalt.svg, Grok

Claudio Gallio (familie redlich / GWA) ruft Agenturen zum Boykott von AfD-Landesregierungen auf. Sein eigenes Haus lebt seit Jahren maßgeblich von Bundes- und Landesaufträgen. Sein Kollege geht noch einen Schritt weiter: Er will einen Fonds auflegen, aus dem Demokratieprojekte, politische Bildung und die Zivilgesellschaft gefördert werden.

Claudio Gallio, Sprecher des Forum Public Campaigning im Gesamtverband Kommunikationsagenturen (GWA) sowie Geschäftsführer der Kommunikationsagentur familie redlich, fordert zum Boykott einer AfD-Landesregierung auf.

Claudio Gallio ist seit vielen Jahren eine zentrale Führungsperson der Berliner Kommunikationsagentur familie redlich AG⁠. Er kam 2004 als Geschäftsführer zur Agentur und ist heute Vorstandsmitglied. Sein Schwerpunkt liegt insbesondere auf strategischer Kommunikation für Politik, öffentliche Institutionen, Verbände, Kultur und Wissenschaft.

Bemerkenswert ist das Kundenportfolio, weil ein erheblicher Teil aus dem staatlichen bzw. staatsnahen Bereich kommt. Der Branchenverband GWA nennt aktuell unter anderem: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Bundesgesundheitsministerium (BMG), Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Technisches Hilfswerk (THW), Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD), Die Autobahn GmbH, Germany4Ukraine, Futurium und S-Bahn Berlin. Aus der Privatwirtschaft werden beispielsweise GEA und Octapharma genannt.

Historisch kommen weitere Bundesauftraggeber hinzu. Unter Gallios Geschäftsführung gewann familie redlich beispielsweise Aufträge des Bundesfinanzministeriums, des damaligen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, des Bundesfamilienministeriums, der Bundesnetzagentur und des damaligen Bundesamts für den Zivildienst.

Auch das Bundesinnenministerium und dessen Behörden vergaben Rahmenvereinbarungen an familie redlich bzw. ein Agenturkonsortium. Die Agenturgruppe gab dabei für 2022 rund 260 Beschäftigte bei ihren drei Agenturmarken an.

Ein konkretes neueres Beispiel: Für das Futurium gewann familie redlich einen Social-Media-Rahmenvertrag mit einem angegebenen Auftragsvolumen von 1,2 Mio. Euro.

Hinzu kommen Landesaufträge. 2024 fungierte familie redlich beispielsweise als Leadagentur des Thüringer Landesmarketings „Das ist Thüringen“ im Auftrag des Thüringer Wirtschaftsministeriums. Die Agentur betreute dabei unter anderem die Kommunikation rund um das Trainingslager der deutschen Fußballnationalmannschaft in Blankenhain.

Damit lässt sich eine bemerkenswerte Kontinuität feststellen: BMBF/BMFTR, BMZ, BMAS, BMI bzw. dessen Beschaffungsstrukturen und Behörden, BMWE, BMU, BMF, das Familienministerium sowie zahlreiche nachgeordnete oder öffentlich finanzierte Institutionen tauchen als Kunden auf. Das ist keine gelegentliche Tätigkeit für die öffentliche Hand, sondern offenbar eines der wesentlichen Geschäftsfelder der Agentur. Diese Bewertung ist eine Schlussfolgerung aus der über mindestens 16 Jahre dokumentierten Vielzahl und Dauer der Mandate.

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Und Gallio hat nun mitbekommen, dass die AfD in Sachsen-Anhalt die laufende Landesmarketing-Kampagne "#moderndenken" in "#deutschdenken" umwandeln will. Aber welche Agentur soll das übernehmen, wenn sich Agenturen und die Typen wie Gallio mit ihrem Deutschsein so besonders schwer tun?
Der staatsgemästete aufgeregte Herr Gallio teilt seine Befürchtungen mit „#deutschdenken“ mit den Lesern des Fachblättchens „Campaign“:

„Das würde den genuinen Interessen einer Landeskampagne widersprechen und mindestens alle abschrecken, die nicht den richtigen Pass in der Tasche haben, aber gegebenenfalls etwas zur Attraktivität, Wertschöpfung oder Innovationsstärke des Landes beizutragen hätten.“

Und noch eine besonders entlarvende Lesart zu „#deutschdenken“ bietet Gallio, der Sprecher des Gesamtverbandes der Kommunikationsagenturen, in seinem Gastartikel an:

„Der Slogan könnte (auch) für typisch deutsches Denken stehen. Hier weht ein offensichtlich nostalgisch-aggressiver Geist. Es ist nicht vermessen anzunehmen, dass im AfD-Kosmos typisch deutsches Denken mit Attributen wie Gründlichkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Ordnung oder Fleiß assoziiert wird.“

Daraus spreche offenbar, so Gallio weiter, „die Sehnsucht nach einer Zeit, die es nie gab.“ Gallio äußert mit Blick auf die AfD in Sachsen-Anhalt noch eine weitere Befürchtung:

„Sachsen-Anhalt soll der Test- und Präzedenzfall für eine rechtsextreme regierungsamtliche Kommunikation werden – und es wäre in der Logik der AfD nur folgerichtig, wenn irgendwann sämtliche Landeskampagnen mit der identischen Formel daherkämen.“

Das Magazin war sich durchaus im Klaren, wer hier was fordert. Ein Disclaimer unter dem AfD-Bashing von Gallio weißt direkt darauf hin:

„Transparenzhinweis: Claudio Gallios eigene Agentur Familie Redlich betreut im Auftrag des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ländlichen Raum die Standortmarketing-Kampagne "Das ist Thüringen".“

Das ist natürlich viel mehr als nur ein Transparenzhinweis. Das ist die notwendige und lupenreine Übersetzungshilfe!

Übrigens: Imran Ayata, Chef der Agentur Ballhaus West, hat auf den Beitrag Claudio Gallio geantwortet und erklärt, warum die Forderung von Gallio noch lange nicht ausreicht. Es brauche mit Blick auf die AfD mehr als nur eine „Gewissensklausel“. Ayata erklärte vor wenigen Stunden ebenfalls bei Campaign Online:

„Ich bin überzeugt, dass es notwendig ist, von der Symbolabwehr zur konkreten Demokratieförderung zu kommen. Eine konkrete Idee wäre beispielsweise, dass Agenturen mit ihren Kunden einen Fonds auflegen, aus dem Demokratieprojekte, politische Bildung und die Zivilgesellschaft gefördert werden. Das hätte ganz nebenbei zur Folge, dass unsere Branche als gestaltender Akteur eine reaktive, moralisch begründete Verweigerungshaltung gar nicht einzufordern bräuchte.“

Die Agenturen haben also kapiert, dass sie ihre Jobs und Budgets in den AfD-Ministerien womöglich verlieren werden. Und sie wollen jetzt verhindern, dass hier neue Agenturen zuschlagen und sich an den alten Futternäpfen neu sattfressen.

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