Soll Russland dem regenbogenfarbenen Universalismus unterworfen werden?

Die Zeichen stehen auf Krieg

von Parviz Amoghli

Es überrascht vor allem die Vehemenz, mit der sich die ehemaligen Friedensaktivisten einem Verhandlungsfrieden zwischen Russland und der Ukraine entgegenstellen.© Quelle: Freepik.com / gstudioimagen1, Pixabay / Momentmal, Bildmontage: Alexander Wallasch

Es stimmt: Der Ukraine-Krieg ist kein gewöhnlicher Krieg. Er ist ein Kampf der Kulturen, ein Stellvertreterkrieg und er könnte den Beginn des dritten Weltkriegs markieren. Doch anders als gedacht.

Um das zu verstehen, ist es notwendig, sich einen der wohl bekanntesten Aussprüche Bismarcks in Erinnerung zu rufen. Dieser fiel Ende September 1862 anlässlich des Streits über die Kosten der damals hochumstrittenen Heeresreform und lautet:

„Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden große Fragen der Zeit entschieden, ...sondern durch Eisen und Blut.“

Damals ist es die „deutsche Frage“, die nicht nur den späteren Reichskanzler umtreibt, sondern seit Jahrzehnten bereits, genauer gesagt seit dem Untergang des Römischen Reiches 1806 ganz Europa auf allen Ebenen, militärisch, politisch, kulturell und ökonomisch, beschäftigte. Inzwischen spielt sie keine Rolle mehr. Deutschland hat seinen Platz in der Völkergemeinschaft gefunden, die „deutsche Frage“ ist ein für alle Mal vom Tisch.

Dennoch ist Bismarcks Aussage von höchster Aktualität, stellt sie doch einen machtpolitischen Grundsatz dar, der gesellschafts- und zeitenübergreifende Gültigkeit für sich in Anspruch nehmen kann. Schließlich lässt sich die Geschichte als permanenter Widerstreit rivalisierender Gesellschaftsentwürfe, Weltanschauungen und Menschenbilder, also „großer Fragen der Zeit“ betrachten, die letztgültig auf dem Schlachtfeld entschieden worden sind:

Aufklärung/Reaktion, Nation/Fürstenherrschaft, Kommunismus/Kapitalismus, Rasse/Klasse, Individualismus/Kollektivismus.

Was nun den derzeit tobenden Ukraine-Krieg angeht, so setzt er diese Reihe von ideengeschichtlichen Gegensatzpaaren insofern fort, als dass in ihm der bereits seit Jahren beständig eskalierende Konflikt der zwei wichtigsten zeitgenössischen Großerzählungen zum militärischen Austrag kommt. Es ist dies auf der einen Seite die des Universalismus, auf der anderen die des Partikularismus.

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Oder anders formuliert: Hier das Narrativ von der einen, bunten Welt, in der keine Individuen mehr existieren, sondern nur noch Einheitsmenschen, die sich lediglich in der Wahl ihres Kostüms unterscheiden, je nachdem, welche Identität gerade angesagt ist. Da die Verfechter einer traditionellen Sichtweise, die die Welt als Gesamtheit von grundlegenden Unterschieden begreift und sich daher gegen die Auflösung des Individuums wie des Kollektivs in dem einen, allumfassenden Menschengeschlecht zur Wehr setzt.

So gesehen, bildet der Krieg in der Ukraine den vorläufigen Höhepunkt dieses Konfliktes, den Rolf Peter Sieferle schon 1998 in seinem Buch „Epochenwechsel“ beschrieben hat, und der spätestens mit der Flüchtlingskrise 2015 voll zum Ausbruch gekommen ist.

Seither lässt sich beinahe jede politische Kontroverse in der Berliner Republik und der EU auf diesen Konflikt zurückführen. Sowohl die Gelbwesten-Proteste in Frankreich als auch die Streitigkeiten zwischen der EU und Polen sowie Ungarn, als auch die verhärteten Fronten in Sachen Identitätspolitik, Klimaapokalypse oder bei der Impfpflicht sind Ausdruck dieses Ideologiekampfes zwischen Partikularismus und Universalismus.

Im Ukraine-Krieg lässt sich diese Auseinandersetzung an den beiden Symbolfiguren des Krieges festmachen. Da ist zum einen der russische Präsident Putin, kalter Krieger und ehemaliger KGB-Offizier, dessen autoritäre Herrschaftspraxis auf der traditionellen Einheit von Staat, Kirche, Volk und Militär gründet.

Derart rückversichert, betreibt er bereits seit Jahren eine Politik, die sich konsequent gegen den universalistischen Zeitgeist der westlichen Eliten richtet. Exemplarisch dafür seien seine Agitation gegen Homosexuelle sowie die Kriminalisierung westlicher Nichtregierungsorganisationen genannt. Damit ist der russische Präsident in der jüngsten Vergangenheit zur Identifikationsfigur all derer geworden, die sich den Machenschaften des bunten Zeitgeistes ohnmächtig ausgeliefert fühlen.

Ihm gegenüber steht der ukrainische Präsident Selenskyj, rund 25 Jahre jünger als Putin, ehemaliger Komödiant, Drehbuchautor, Produzent und Schauspieler, der die entscheidenden Stellen im Staat mit seinesgleichen besetzt hat.

Angesichts dessen verwundert es nicht, wenn die universalistischen Eliten in der Berliner Republik und der EU ihn zu ihrer Lichtgestalt erhoben haben. Als, wie man heute wieder voller Stolz sagt, „Kulturschaffender“ ist er Fleisch von ihrem Fleisch, ist er Symbol der neuen Zeit, dem unter allen Umständen zu einem Sieg gegen das Sinnbild der alten, überkommenen Welt verholfen werden muss. Es hieße einen bedeutenden Schritt hin zu einer neuen, globalen Ordnung unter universalistischen Vorzeichen zu machen.

Putin und Selenskyj sind, wie unschwer zu erkennen ist, die zwei Seiten ein und derselben Medaille, oder besser: zwei Antworten auf die große Frage der Zeit, die einander ausschließen und zur Entscheidung drängen. Tertium non datur. Daraus ergibt sich der Schluss, dass dem Waffengang in der Ukraine eine gewisse geschichtsphilosophische Notwendigkeit innewohnt. Er ist demnach nur die logische Fortsetzung eines sich seit Jahren immer weiter zuspitzenden geistigen Welt-Bürgerkriegs zwischen Universalismus und Partikularismus.

Freilich ist diese Betrachtungsweise keine Entschuldigung für den Angriff Russlands auf die Ukraine, und schon gar nicht entschuldigt sie verbrecherische Massaker wie jenes in Butscha oder die gnadenlose Zerstörung Mariupols. Allerdings erklärt sie einiges. Vor allem erklärt sie die merkwürdige Verkehrung der Verhältnisse, nicht nur, aber vor allem in Deutschland.

Denen, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit in ihrem grenzenlosen Postheroismus alles Soldatische tief verachtet und behauptet haben, es gäbe ganz grundsätzlich keine militärischen Lösungskonzepte, kann es derzeit augenscheinlich gar nicht schnell genug gehen mit der deutschen Kriegsbeteiligung. Allen voran die GRÜNEN, die als Statthalter des Universalismus in der Berliner Republik gelten können.

Parallel dazu finden sich jene partikularistischen Kreise, die bisher im Verdacht gestanden haben, Krieg als legitimes Mittel der Politik zu betrachten, mit einem Male auf der Seite der überzeugten Gegner eines bewaffneten Konflikts wieder.

Neben der Schnelligkeit dieser Prozesse überrascht vor allem die Vehemenz, mit der sich die ehemaligen Friedensaktivisten einem Verhandlungsfrieden zwischen Russland und der Ukraine entgegenstellen. Das Argument, sich nicht mit einem Kriegsverbrecher an einen Tisch setzen zu wollen, das mit großer moralischer Pose in Stellung gebracht wird, ist zwar verständlich, aber unglaubwürdig.

Denn während man in Berlin und Brüssel die Annäherung an die islamischen Fundamentalisten der Taliban in Afghanistan betreibt, soll es gleichzeitig mit Putin keine Verhandlungen und keine Verständigung geben dürfen. Stattdessen ist die Rede von einem Sieg über Russland!

Neben der frivolen Tollkühnheit und der offen zutage tretenden historischen Unbildung, und ungeachtet der Tatsache, dass noch nicht einmal die simpelsten Voraussetzungen für einen Krieg vorhanden sind, nämlich Kriegsziele, offenbart die Träumerei von einem Sieg über die stärkste Atommacht der Erde vor allem die tieferen Motive derer, die die Eskalation des Kriegs forcieren.

Wer von einem Sieg redet, der meint nicht, den Feind an den Verhandlungstisch zu zwingen. Sondern der sucht eine Entscheidung, die den Unterlegenen vernichtet und die Reste ausliefert. Eine Vorstellung, die mit Blick auf Russland und die russische Kriegsgeschichte genauso bizarr wie besorgniserregend anmutet.

Eine solche Irrationalität lässt sich bis zu einem gewissen Grad durch die Erschütterung in Anbetracht der Gräueltaten russischer Soldaten erklären. Ginge es aber nur darum, reichte es, die Verhaftung Putins und anderer anzustreben, um sie vor Gericht zu bringen und abzuurteilen. Doch darüber ist das Sieg-Gerede längst weit hinaus. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass Russland und die Russen als partikularistische Macht ausgeschaltet und dem regenbogenfarbenen Universalismus der westlichen Eliten unterworfen werden sollen.

Sollten die universalistischen Sprachrohre in der Berliner Republik und der EU tatsächlich einen derartigen Umerziehungsprozess unter einem Sieg verstehen, und vieles deutet darauf hin, fällt es nicht schwer, ihr Scheitern vorherzusagen. Und damit die Perpetuierung des Krieges.

Das führt uns abschließend zu der Frage nach einem Dritten Weltkrieg. Ausgehend von der eingangs zitierten bismarckschen Erkenntnis, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass dieser am 24. Februar 2022 begonnen hat. An diesem Tag ist die Auseinandersetzung zwischen den beiden globalen Großerzählungen der Jetztzeit in eine militärisch-kriegerische Phase übergetreten.

Doch egal wie der Kampf enden wird, ob Russland triumphiert oder die Ukraine, sein Ausgang wird die „große Frage der Zeit“ nicht entscheiden. Ein Krieg reicht dafür nicht aus, wie die französischen Revolutionskriege und die „deutsche Frage“ demonstrieren. Wobei sich letztere im Vergleich zur „großen Frage“ der Jetztzeit, Universalismus oder Partikularismus?, geradezu mickrig ausnimmt.

Und trotzdem brauchte es nicht weniger als drei Einigungs- und zwei Weltkriege sowie einen Kalten Krieg, bis eine Entscheidung herbeigeführt worden war. Keine schönen Aussichten. Die Zeichen stehen auf Krieg.

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