Was uns an Christians Berichten aus den ersten beiden Tagen besonders beeindruckt, ist eine vergessene Präsenz der Deutschen in Grönland, die hier seit Mitte des 18. Jahrhunderts durch die Gemeinden der Herrnhuter vertreten waren. Auch darüber schreibt Fotograf und Autor Christian Witt in seinem Auftaktbericht aus Grönland exklusiv für Alexander-Wallasch.de:
Was erwartet man von einer Reise nach Grönland? Viel Weiß. Viel Kälte. Und aktuell eine politische Stimmung, der man sich stellen muss. Heute, am erst zweiten Tag in Nuuk, kann ich zumindest sagen: Ich habe mir das Eiland im Nordmeer nicht im Ansatz so atemberaubend schön vorgestellt.
„Seid ihr Journalisten?“, fragt uns der Taxifahrer kurz nach der Ankunft auf dem Weg vom Flughafen in die nahe Stadt. „Zurzeit ist eine Masse Journalisten hier in Nuuk.“ Im gleichen Moment kommt uns auf dem verschneiten Fußweg ein vierköpfiges Fernsehteam mit geschulterten Kameras entgegen.
„Ihr seid Deutsche?“, fragt er weiter und erzählt, dass es im ehemaligen Godthåb („Gute Hoffnung“) von 1733 bis 1900 eine sehr aktive deutsche Herrnhuter-Gemeinde gegeben habe. Das sei auch der Grund, weshalb es im heutigen Nuuk so viele deutsche Nachnamen gebe.
„Bibi Chemnitz – Outdoor Greenland“ lese ich im Vorbeifahren an einem Geschäft an der Straße. Wir waren von Berlin aus vierundzwanzig Stunden unterwegs. Von Flensburg über Kopenhagen und Reykjavík sind wir nach langer Zeit im weißen Wolkennichts entlang atemberaubend zerklüfteter Felsenküsten nach Nuuk geflogen.
Wir hatten die Flüge gebucht, als eine US-Invasion angedroht wurde. Zwischenzeitlich ist Trumps Pulverdampf in Davos schon etwas verflogen. Es gibt die diffuse Ankündigung eines möglichen Rahmenvertrags, in dem noch nicht ganz geklärt ist, was genau das dann alles für die USA bedeuten darf.
Eine der ersten Fragen eines einheimischen Fischers in der Kneipe in Nuuk: „Bist du Amerikaner?“ Und wenn man dann antwortet: „Nein, ich bin Deutscher“, dann hellen sich die Gesichter auf, und Gespräche kommen in Gang.
Da steht dann aber nicht der fellverpackte Eskimo mit der Walfängerharpune neben einem, sondern ein Bürger in modernen Alltagsklamotten, den man zwar noch als Inuit erkennt, aber eben auch halbverwestlicht. Die Männer arbeiten unten am Hafen, tragen ihr gegerbtes Gesicht mit Stolz und ein Carlsberg in der Hand. Dass die Grönländer hier mit einem Gefühl großer Erleichterung durch Nuuk laufen, wäre mir nicht aufgefallen. Jedenfalls sieht man niemandem an, dass über 50.000 Grönländer jetzt potenzielle US-Millionäre seien.
Die Stimmung kann man so deuten, dass keiner diesen Deal wirklich will. Vor dem US-Konsulat kommen wir ins Gespräch mit einem norwegischen Journalisten, der schon zehn Tage hier ist und noch die großen Demos mitbekommen hat. Sein Fazit bisher: Kurzfristig wollen die Grönländer alle bei Dänemark bleiben, aber mittelfristig könnten sie sich natürlich noch mehr Autonomie vorstellen.
Dennoch bleibt die ernste Frage: Wer beschützt die Grönländer? Es macht ja schon Sinn, ein „Partnervolk“ zu haben, das einem im Zweifel zur Seite springt. Die Begehrlichkeiten anderer Richtung Grönland sind größer geworden – wirtschaftlich, geopolitisch und militärisch. Da will man gewappnet sein gegen alle Eventualitäten. Das ist dem Bürger auf der Straße bewusst.
Aber der Eindruck ist auch nicht unbegründet, dass sich die Menschen hier ein wenig gebauchpinselt fühlen, dass sie hier am Rande der Welt so unerwartet das Interesse der gesamten Welt geweckt haben.
Amerikaner sind in Nuuk selbst nicht sichtbar präsent. Jedenfalls nicht im Straßenbild, man hört sie nicht, sie halten sich gerade eher zurück. In der Unterkunft wohnt auch ein amerikanischer Journalist, aber der ist eher wortkarg und kehrt seine Herkunft nicht so nach außen.
Man kann sagen: Jeder Zweite, europäisch Aussehende, ist hier dieser Tage ein Journalist oder Kameramann. Die geben sich die Klinke in die Hand. Die Unterkünfte sind fast ausgebucht. Wir wohnen in einem Hostel, einem alten Holzhäuschen, wahrscheinlich Omas Häuschen am Rande der Altstadt.
Im Vergleich zu dem, was man zuletzt teilweise aus Deutschland gesehen hat, war es hier heute Morgen viel weniger weiß. Die Straßen sind frei und geräumt. Es liegt zwar noch älterer Schnee, aber es sind plus sechs Grad. Eher ungewöhnlich warm für Grönland zu dieser Zeit. Der Taxifahrer warnt uns, das Eis besser nicht zu betreten.
Man muss draußen nicht in winterlicher Vollmontur unterwegs sein. Handschuhe braucht man ebenfalls nicht. Alles ist sehr aufgeräumt, so wie man das aus den nordischen Ländern Europas gewohnt ist – Schweden, Dänemark, die Färöer. Es erinnert auch ganz viel an Island. Auch die Südküste Islands meint man wiederzuerkennen. Vom Aufbau der Stadt und den Straßenführungen, den Häusern und dem Maritimen her ist das dem Isländischen sehr ähnlich.
Wenn du in die Supermärkte gehst, sind quasi einhundert Prozent der Warenangebote dänischen Ursprungs. Ansonsten sieht man auf der ganzen Insel nur eine dänische Fahne („Dannebrog“) direkt vor der dänischen Kirche in der Altstadt.
Die grönländische Fahne hingegen ist überall präsent. Sie wurde von innen an die Fenster geklebt, sie hängt vom Kran herunter. Und man sieht noch etwas ältere, abgerissene Papierfähnchen von der großen pro-grönländischen Demonstration vom 17. Januar, an der hier bald jeder teilgenommen haben wird. Diese Fähnchen liegen noch hie und da im Schnee.
Es ist hier in Nuuk aktuell nur drei Stunden am Tag „vollhell“. Morgengrauen und Dämmerung ziehen sich lang und sanft. Neben den Journalisten sind auch einige Touristen und Gäste hier, die fast ein bisschen verloren durch die Straßen oder am Strand entlang irren. Eine Weltenbummlerin aus Dubai trafen wir. Sie will auf dem Rückweg noch einige Tage auf den Färöern und in Kopenhagen verbringen.
Tagsüber ein gemächlicher, unaufgeregter Straßenverkehr und Punkt 16 Uhr sogar ein Feierabendstau in der Stadt, in der nicht eine Straße nach außen führt. Es ist ein entspanntes Treiben. Etliche Fußgänger, die ihre Wege suchen, drei Stadtbuslinien, die die verschiedenen Teile der gewachsenen Metropole im Eis miteinander verbinden.
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Und es sind sehr, sehr viele Kinder da. Tagsüber hört man den Lärm der Stimmen von den Pausenhöfen herüberschallen – das wirkt hier alles sehr kinderreich.
Staunen macht die eingangs schon erwähnte deutsche Geschichte. Allerdings wurden die Herrnhuter Christen im Jahr 1900 quasi ausgebootet, als die dänische Staatskirche auf Grönland alles übernahm.
Neben dem Fischfang leben die Grönländer von dem bisschen Tourismus und sind sehr touristenfreundlich. Wahrscheinlich weiß man längst: Wer hier hochkommt, das sind Menschen, die fasziniert sind von Grönland.
Viele Grönländer sind oft oder regelmäßig in Dänemark. Und Dänemark heißt dann auch mal: nach Hamburg oder Berlin fahren. Diese unsichtbare Brücke nach Dänemark existiert ohne jeden Zweifel. Man trifft ja auch in Dänemark sehr viele Grönländer. Das ist die naheliegendste Vision für die Zukunft, dass die Dänen und Europäer einfach Partner dieses kleinen Eisvolkes bleiben oder noch mehr werden wollen.
Die Kultur der Inuit erscheint hier nicht als Folklore. Die Inuit auf Grönland sind die einzigen, die sich in hohem Maße selbst verwalten, deutlich autonomer als in Alaska, Kanada oder auch in ihrem Ursprungsland Sibirien.
Eigentlich haben die Grönländer ein großes Los gezogen, was Selbstbestimmung, Selbstverwaltung und auch Selbstachtung betrifft. Sie sind schon seit Jahrzehnten die Inuit mit ihrem eigenen Staat. Auch die Ortsnamen wurden seit 1979 alle umbenannt, von den dänischen oder isländischen Ursprüngen hinüber ins Kalaallisut, der Sprache der auf Grönland lebenden Inuit.
Was die Inuit Negatives unter der dänischen Herrschaft durchleiden mussten, erschließt sich nicht nach zwei Tagen Aufenthalt. Dafür muss man länger bleiben und vor allem auf solche Grönländer treffen, die das heute noch tangiert. Wenig verwunderlich ist der Zeitpunkt, zu dem diese Gräuelgeschichten eines dänischen Kolonialismus wieder ausgegraben wurden.
Und was Geschichten über Alkoholismus der Einheimischen angeht, so waren bisher in diesen beiden Tagen ein, nur zwei Menschen zu sehen, bei denen man hätte denken können, sie mögen dem Alkohol verfallen sein. Aber das ist verglichen mit den Dänen, Schweden, Finnen oder auch Deutschen minimal.
Vom ersten Eindruck her herrscht hier fast Vollbeschäftigung. Im Stadtbild sind überwiegend geschäftige Grönländer unterwegs. Von Armut in dem Sinne ist erst einmal wenig zu sehen. Ein norwegischer Journalist erzählte, dass es wohl einen Einheimischen in Nuuk gebe, der hier Pro-Amerika-Stimmung mache. Ein Unternehmer, der sich davon mehr verspreche. Ansonsten scheint die Bevölkerung auf Unabhängigkeit und in Richtung Europa orientiert. So sind die Grönländer hier aufgewachsen.
Und auch wenn alle anderen hier Inuit sprechen – das ist tatsächlich Verkehrssprache –, die spielenden Kinder auf der Straße, vor der Schule, auf dem Schulhof sprechen untereinander vielfach Dänisch. Mit ein paar Brocken Dänisch kommt man als Deutscher auch mit den Älteren zurecht, Englisch ist nicht ihre Sprache.
„Skål på gamle Grønland“ – Am Abend am Tresen stoßen wir auf Grönland an, in einer Umwandlung des traditionellen patriotischen Trinkspruchs auf das Wohl des alten Dänemark. Das kommt gut an, der Tresen lacht.
Irgendwo war zu lesen, dass die Grönländer den Begriff „Wut“ nicht kennen. Das kann man schon jetzt direkt unterschreiben. Die Grönländer sind locker. Sie sind unkompliziert. Wir sind zunächst etwas holprig am Hafen unter den Kränen zwischen den Fischkisten herumgelaufen. Aber es gab keine Ermahnungen. Nur ein freundliches „Guten Morgen“, und sogar Fotografieren war erlaubt. Die Grönländer sind einfach positiv.
Irische Journalisten haben gestern unten am Hafen ein paar dänisch-grönländische Soldaten gefilmt, erzählte einer von ihnen. Sie zeigen dort wohl demonstrativ etwas Gesicht. Etliche neu angekommene Soldaten aus Dänemark sind in den Hotels der Stadt untergebracht. Die irischen Kollegen hatten den Eindruck, die sonst friedlichen Grönländer würden auch eine Waffe in die Hand nehmen, wenn die Amerikaner unangemeldet kämen. Was immer so eine Waffe dann gegen einen Hubschrauber ausrichten kann.
Vorgestern hatte auch die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen mit einem Besuch in Nuuk Flagge gezeigt und für Bilder der Verbundenheit gesorgt.
In den kommenden Tagen wollen wir für Alexander-Wallasch.de viele Gespräche mit Einheimischen führen. Die Offiziellen sind sicherlich schon genervt von der Flut der Interviewanfragen. Es macht jetzt Sinn, mit den Grönländern am Tresen, an der Kasse, beim Bäcker einfach mal ins Gespräch zu kommen, die Stimmung einzufangen und ein paar Stichworte zu sammeln.
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