Toddn Kandzioras Wochenrückblick 19/2021

Draußen vor der Tür

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Draußen vor der Tür
Kein Zutritt ohne Impfung! © Bildmontage: Pexels / Artem Beliaikin

Vor zwei Tagen fuhr ich nach Wochen wieder einmal in die nächste Kreisstadt. Zum Einkaufen. Ich brauchte dringend eine neue Hose, ein Paar Laufschuhe, die alten waren völlig hinüber und einiges an Zeugs aus dem Baumarkt für die anstehenden Reparaturen am windschiefen Gewächshaus. Keine halbe Stunde später fuhr ich ohne neue Hose, ohne das Paar Laufschuhe und ohne Arbeitsmaterial zurück nach Hause, da mir der Zugang zu den Läden verweigert wurde. Ich musste draußen bleiben. Draußen vor der Tür.

Draußen vor der Tür heißt auch ein Drama des deutschen Schriftstellers Wolfgang Borchert von 1947, das mich schon in meiner Schulzeit beeindruckte. Nach meinen missglückten Einkaufsversuchen fühle ich mich heute, im Jahr 2021, seinem Protagonisten Beckmann verbunden. Dem enttäuschten Beckmann, dem es nach mehrjähriger Kriegsgefangenschaft bei seiner Rückkehr in das zerstörte Heimatland nicht mehr gelingen mag, sich in das Zivilleben einzugliedern. Der Gott-und-Teufel-Fragen stellt und keine Antworten der Erklärung bekommt.

Ja, er hatte den Krieg und ich eigentlich nur einen leeren Einkaufskorb, trotzdem! Denn wie Beckmann gelingt es mir dieser Tage nicht, meine eigenen Moral- und Wertevorstellungen in Einklang mit ihrer neuen Normalität zu bringen. Wie Beckmann auch habe ich den Eindruck in einem neu entstehenden Deutschland von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden und draußen vor der Tür zu stehen. Nein, ich habe nicht nur den Eindruck. Ich stehe draußen. Vor ihren Türen. Den Türen einer Gesellschaft, deren Moral und Wertevorstellungen ich nicht entspreche, die ich nicht verstehe.

Wie Beckmann erhalte ich keine Antworten und keinen Einlass. So stehe ich heute im Jahr 2021, wie Beckmann 1947 draußen allein und es fröstelt mich nicht nur äußerlich in diesem kältesten Frühling seit Jahrzehnten. Und draußen vor der Tür empfinde ich wie Beckmann. Erfahre am eigenen Leib, wie es ist, zu den Ausgestoßenen zu gehören. Nicht mehr dazu zu gehören. Weil ich nicht geimpft bin. Nicht doppelt plus gut geimpft wurde. Weil ich nicht getestet bin. Kein Genesender bin. Ich bin nur gesund. So fühle ich mich. Gesund. Ich habe weder Fieber, Schnupfen noch Husten. Ich ernähre mich gesund. Ich achte auf ausreichende Bewegung und arbeite jeden Tag mehrere Stunden im Garten zwischen selbst angelegten Gemüsebeeten und vor Jahren erwartungsvoll gepflanzten Obstbäumen.

Das fühlt sich gut an. Psychisch und physisch. Und ich habe ein Immunsystem. 2017 hatte ich im Sommer Borreliose und im Winter packte mich noch die Grippe. Die Echte. Die wünsche ich niemanden an den Hals. Eben so wenig wie Corona. Ist klar. Das waren harte Wochen damals für mich. Und es hat Monate gedauert, bis mein Herz und die Lunge wieder fit genug waren, um mit dem Hund eine ausschweifende Dorfrunde gehen zu können. Aber ich habe ein Immunsystem. Und das hat damals gut gearbeitet und tut es noch immer.

Dass ich gesund bin, mich doch so fühle, nein, das reicht schon länger nicht mehr aus, damit ich in ihrer gesunden Mitte akzeptiert werde. Allein die Behauptung, mich gesund zu fühlen, hatte mir zu Beginn dieser Woche wieder viel Ärger in einem gewissen „sozialen Netzwerk“ eingebracht. Wieder eine Handvoll weniger der alten Freunde und Freundinnen aus gemeinsamen Tagen. Was mir alles geschrieben wurde. Ich wäre verantwortungslos zu behaupten, ich wäre gesund. Ich könnte doch, ohne es zu wissen mit dem Virus infiziert sein. Ohne ein tägliches Testergebnis oder die doppelt plus gute Impfung sollte ich gar nicht vor das Haus. Zum Einkaufen besser auch nicht.

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Ein potenzieller Mörder könnte ich sein! Im Grunde wäre jede Nicht geimpfte, nicht getestete Person eine lebende Tötungsmaschine. Eine Massenvernichtungsbombe gar. Ich könnte hier weiter schreiben was mir vorgeworfen wurde. Es würde wenig bis nichts an meiner Meinung zu meinen Anklägern und Anklägerinnen heute ändern. Es scheint mir fast als neue Form des Hexenkultrituals des deutschen Mittelalters. Einer Zeit, in der eine als Hexe Beschuldigte die Wasserprobe zu bestehen hatte.

Eine der Hexerei beschuldigte Frau wurde in ein ruhendes Gewässer geschmissen und dann als unschuldig betrachtet, wenn sie in diesem ertrank. Sie verstarb dann als unschuldige Christin, konnte aber so zumindest dem grausameren Tod durch Folterung oder Verbrennung entgehen. Hielt sich eine Frau jedoch über Wasser, weil sie schwimmen konnte, war die Hexerei bewiesen und sie musste sterben, da sie mit dem Teufel im Bunde stand. So oder so. Schuldig oder unschuldig, die beschuldigte Frau war des Todes.

Heute müssen wir ganz andere Proben bestehen, um unsere Unschuld bzw. Ungefährlichkeit zu bezeugen. Diese Proben bestehen aus mehreren Impfungen und dem täglichen Test, um an dem eingeschränkten gesellschaftlichen Leben noch teilnehmen zu dürfen. Ein Leben, an dem ich gar nicht mehr teilnehmen mag, da es, seien wir doch mal ehrlich, seit mehr als einem Jahr kein wirkliches mehr ist. Wer gewillt ist, an der gesellschaftlichen Farce trotz all der vielen Ein- und Beschränkungen Teil haben zu wollen, der/die/das trägt weiterhin die befohlene Schutzmaske und versucht, so gut es eben geht, zum Menschen an sich Abstand zu halten.

Selbst wenn wir alle Proben dieser Zeit bestehen, wir gewillt sind sie alle zu erfüllen und mit uns alles machen zu lassen, selbst dann können wir uns selbst oder andere noch immer infizieren. Also, so oder so. Wir stellen trotz all der bestandenen Proben weiterhin eine tödliche Gefahr für jeden bekannten wie fremden Menschen dar dem wir begegnen. Ob nun in der eigenen Familie, im engeren Freundeskreis oder wo immer Menschen sich treffen können. Wenn das nicht die Definition von Absurdität ist, dann weiß ich auch nicht.

Eigentlich müssten wir uns bei ihnen bedanken. Dafür, dass sie uns draußen, vor ihren Türen im kalten Regen stehen lassen. Dass sie uns verbieten teilhaben zu können. Vielleicht sollten wir froh darüber sein, dass sie uns nicht mehr in ihre Geschäfte lassen, um die Dinge zu kaufen die sie anbieten. Dass sie uns verbieten, sich gemeinsam mit ihnen, innerhalb der erlaubten Ausgangszeiten an Tische zu setzen, um eine Tasse Kaffee oder ein Bier zu trinken. Wir sollten uns bedanken. Das wir uns erkennen können. Uns, die wir nun draußen vor ihren Türen stehen. Die wir draußen bleiben müssen aus so vielen Gründen. Zum Beispiel sich nicht impfen lassen zu wollen, solange einer ihrer selig wie frei machenden Impfstoffe nicht erprobt ist. Es gäbe noch so viele Gründe mehr, die ich aufführen könnte. Erwähnen will ich jedoch nur folgende kleine Geschichte:

In meiner Kindheit bewohnte Frau Rosenberg im Mehrparteienhaus eine kleine Wohnung über uns. Frau Rosenberg war eine wirklich nette, recht kleine Person mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Ab und an lud sie mich in ihre Wohnung zu einer heißen Schokolade und Keksen ein und wir unterhielten uns dann über dieses und jenes. Auf der Anrichte im Wohnzimmer standen mehrere gerahmte Bilder der Familie ihres Sohnes, der in Südafrika lebte. Einmal im Jahr besuchte er sie mit seiner Frau und den Enkelkindern. Frau Rosenberg hatte, wie so viele Deutsche in den dreißiger Jahren die „falsche Religion“ und verließ ihr Heimatland früh- bzw. rechtzeitig. Bevor das ganze Land verrückt wurde. Nach Jahren im Exil kam sie wieder zurück, da sie sich in Südafrika nie wirklich heimisch fühlte, die Deutschen, zum großen Teil wieder zur Besinnung gekommen waren und sie nicht in der Fremde sterben wollte.

Eines Tages, inzwischen trank ich statt einer heißen Schokolade gemeinsam einen Kaffee mit ihr, da fragte ich sie, wann für sie denn damals klar wurde, dass es besser wäre das Land zu verlassen. Sie schaute ein wenig länger in ihre Kaffeetasse und antwortete mir, das wäre zu der Zeit gewesen, als sie und die ihren viele Geschäfte und Läden nicht mehr betreten durften. Als sie gezwungen wurden, sich das Zeichen ihrer Religionsangehörigkeit auf ihre Kleider zu nähen. Da ist ihr klar geworden, dass das neue, erwachte Deutschland nicht das Land war, in dem sie weiterhin leben konnte. Damals, vor so vielen Jahren, als sie draußen vor der Tür stehen musste. Sie weder ein Teil der Gemeinschaft sein durfte noch Rechte in dieser besaß.

Ja, ich weiß, dass man dieses mit jenem nicht vergleichen kann, aber ich erinnerte mich nun Mal an Frau Rosenberg und ihre Geschichte, als ich nicht einkaufen durfte, also erzähle ich es hier. Aber ich dachte auch noch aus ganz anderen aktuellen Gründen an die Gute:

Dieser Tage regnet es wieder Raketen auf Israel. Raketen, die auch durch deutsche Gelder erst produziert werden konnten. Raketen, die abgeschossen werden, um Menschen anderer Religion zu töten. In Deutschland gibt es wieder Demonstrationen gegen Israel, auf denen (bisher ungestraft) antisemitische Parolen zu hören sind und Fahnen verbrannt werden. Diejenigen jedoch, die diese Parolen aktuell vor Synagogen skandieren, tragen keine Springerstiefel. Täglich werden es mehr auf deutschen Straßen, die wieder ihre verrückten Ansichten äußern können.

Dem Politiker Maaßen, der für die CDU in Thüringen für den Bundestag kandidiert, wurde von der Klimaaktivistin Fräulein Neubauer vorgeworfen, er verbreite eindeutig antisemitische Inhalte, weil er Wörter wie Eliten oder Globalismus verwendet haben soll. Ohne Worte. Fräulein Neubauer ist für mich eine typische Vertreter*in der Generation Sorgenlos. Fräulein Neubauer hatte und wird in ihrem Leben sehr wahrscheinlich niemals finanzielle Nöte kennenlernen. Fräulein Neubauer kommt aus einer der „besseren“ Familien dieses Landes. Der Weg, den sie gehen wird, den sie gehen kann, dieser Weg wird mit Rosen, Gold und Erfolg gepflastert sein.

Fräulein Neubauer, als Vertreter*in der Generation Sorgenlos hat andere Probleme als die meisten von uns. Die Probleme, die sie anspricht, sind daher nicht zuerst ihre Probleme. Überhaupt: „Probleme“. Für Vertreter*innen der Generation sorgenlos nur ein Wort. Für uns jedoch können Probleme zu tödlichen Umständen werden.

Mein Unwort in dieser Woche schimpft sich „Impfverweigerer“. Ich höre es seit Tagen vermehrt im Radio. „Impfverweigerer“. Nun, da frage ich mich doch, kann es diese „Impfverweigerer“ überhaupt geben, wenn es keine Impfpflicht gibt?

Das letzte Wort gehört heute Malcolm X:

„Wenn du nicht aufpasst, werden die Zeitungen dich dazu bringen, die Menschen zu hassen, die unterdrückt werden und die Menschen zu lieben, die für diese Unterdrückung verantwortlich sind.“

Malcolm X

Malcolm X wurde 1965 ermordet. Mit erst vierzig Jahren und aus Hass. Verdammt.

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Kommentare

Kommentar von Niklas Breitens

Frau Neubauers Großmutter ist eine geschiedene Reemtsma. Vielleicht könnte mal jemand Frau Rosenberg oder eine ihrer Nachkommen danach fragen, ob sie etwas über das Schicksal der Zwangsarbeiter in der Zigarettenindustrie weiß und wieviel Dependancen Reemtsma damals im Bereich großer Konzentrationslager gehabt hat. Gehörten nur Polen, Russen und Politische zu den Zwangsarbeitern und nicht auch Juden? Mit wieviel Geld hat ihre Familie versucht, sich von ihrer Schande frei zu kaufen? Hat sie überhaupt etwas bezahlt? Wann hat sich Neubauer mal hervorgetan, indem sie sich für die Wiedergutmachung für dieses Unrecht, das sie, ihre Eltern und Großeltern ganz persönlich betrifft, eingesetzt hat?
Und wenn es schon um Wiedergutmachung geht: Wieviel Geld ist in die Stiftungen für die Krebsopfer der Zigarettenindustrie geflossen? Man sollte doch annehmen, dass jemand, der sich für Gesundheit und Weltrettung einsetzt, als erstes mit diesem gewaltigen Misthaufen vor der eigenen Tür aufräumt. Aber dafür fehlt ihr eben nicht nur die Empathie, sondern vermutlich auch der Verstand.