Von Gregor Leip
Studien zu Pflegeberufen in Deutschland schauen interessiert auf die wegen des Fachkräftemangels eingestellten ausländischen Mitarbeiter. Die zunehmende interkulturelle Zusammensetzung des pflegenden Personals in Krankenhäusern und Altenheimen wird dabei zur Herausforderung für Lehrkräfte in der Pflegehelferausbildung.
Das Augenmerk wird darauf gerichtet, dass sich die Einstellung der Lehrenden gegenüber den Lernenden ändern muss. Gefordert wird eine Veränderung der eigenen Rolle als Lehrender. Interkulturelle Kompetenzentwicklung wird von Lehrpersonen gefordert.
Aber wo bleiben die Alten? Unberücksichtigt bleibt hier der eigentliche Arbeitsauftrag: Eine hinreichende wie würdevolle Versorgung und Betreuung der noch weitgehend kulturell homogenen deutschen Alten in Pflege- und in Seniorenheimen.
Idealerweise sollten Auszubildende der Pflegehelferausbildung neben den fachlichen Voraussetzungen auch eine kulturelle Kompetenz entwickeln, die sich notwendigerweise aus der homogenen Zusammensetzung ihrer Kunden, den Kranken und Pflegebedürftigen in Deutschland ergibt.
Hier muss es darum gehen, wenigstens rudimentäre Kenntnisse zu gewinnen und Fähigkeiten, Einstellungen und Haltungen gegenüber der kulturellen Identität der deutschen Patienten und Bewohner von Altenheimen zu entwickeln.
Denn was nutzt es, wenn man dem Alten sein Ohr leiht, aber inhaltlich nicht begreifen kann, wenn der Hundertjährige erzählt, dass nachts wieder öfter auf er Flucht vor dem Russen ist?
Elementar ist ein kulturelles Grundgerüst: Werte und Denkweisen der Alten verstehen und begreifen und infolgedessen den Patienten und Heimbewohnern die bestmögliche Betreuung in der Sicherheit des Eigenen zu bieten. Aber stattdessen konzentriert man sich zunehmend darauf, deutschen Pflegekräften in Seminaren und Schulungen beizubringen, wie sie in Zukunft mit einer wachsenden Zahl migrantischer Patienten und Pflegebedürftiger sowie deren kulturellen Besonderheiten umgehen sollen.
Es ist obendrein der falsche Ansatz, die künftige Pflege und Betreuung der immer älter werdenden deutschen Bevölkerung vor allem darauf auszurichten, wie gut sich deutsches Personal auf die Bedürfnisse und kulturellen Eigenheiten von nicht-deutschem Fachpersonal einstellt. Diese Bedürfnisse sind notwendigerweise hinter jenen der Betreuten zweitrangig.
Beide Entwicklungen lenken den Blick weg von dem eigentlichen Ziel: eine dauerhaft gute und bedarfsgerechte Versorgung der stark wachsenden Gruppe hochbetagter Menschen in Deutschland sicherzustellen. Es stimmt vieles nicht mehr in deutschen Krankenhäusern und Altenheimen.
Aktuell meldete sich etwa der ehemalige Fernsehmoderator Jean Pütz zu Wort. Nach einem Oberschenkelhalsbruch, dem sich eine Operation und ein Reha-Aufenthalt in einer geriatrischen Klinik anschloss, verließ der fast 90-Jährige auf eigenen Wunsch vorzeitig die Klinik:
„Rigoros hat man mich gepackt, in einen Krankenstuhl gesetzt. (…) Mit einer Brutalität sondergleichen. Das habe ich noch nicht erlebt. (…) Man wird da regelrecht entmündigt.“
Seinen Fans teilte Pütz auf seinem Instagram-Account mit:
„Liebe Freunde, so stelle ich mir ein Krankenhaus nicht vor. (…) Bitte lassen Sie sich nicht in einem Krankenhaus entmündigen. Sie sind immer noch ein Bürger, der seine Menschenrechte behält.“
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Aktuell ist auch ein fast hundertjähriger Verwandter des Autors hier auf Pflege angewiesen und nach einem Krankenhausaufenthalt nicht sofort in sein eigenes Zuhause zurückgekehrt.
Nach einem zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt mit ähnlichen Erfahrungen wie Herr Pütz befindet er sich derzeit in einer Seniorenresidenz in Pflege. Hier soll mit Hilfe von Physiotherapien versucht werden, seine Beweglichkeit wieder so weit herzustellen, sodass er in der Lage ist, nach Hause zurückzukehren und wieder selbständig in den eigenen vier Wänden zu leben.
In den Begegnungen mit der Familie, bei Besuchen und auf Familienfeiern ist das greise Alter des Familienangehörigen immer umsichtig und geduldig berücksichtigt worden. Die Wegmarken dahin: langsames Sprechen in der Unterhaltung in angepasster Lautstärke und die Fähigkeit, zuzuhören. Ja, es dauert manchmal, bis der Senior die richtigen Worte gefunden hat.
In der Pflegeeinrichtung ist dafür aber leider nicht immer Zeit. Es wird nicht gewartet, der Zeitplan drückt, wenn zusätzlich zu der individuellen Betreuung auch noch Mahlzeiten vorbereitet und vom Pflegepersonal serviert werden müssen.
Einmal funktionierte das Hören über Kopfhörer des Fernsehens nicht. Die herbeigerufene Pflegerin nahm sich des technischen Problems an, regulierte die Tonqualität, und ohne zu fragen stülpte sie dem erschrockenen Verwandten den Kopfhörer über den Kopf.
Der Ablauf in der Einrichtung ist einem von Personalengpässen bestimmten Tagesplan unterworfen. Während die Senioren in ihren Zimmern ihre Gedanken ordnen und nachgehen, werden sie in kurzen Abständen immer wieder herausgerissen, sei es zum Essen oder zu anderen hauseigenen Aktivitäten. Dann muss es schnell gehen.
„Setz Dich da hin“ wird dem eilig in den Speisesaal geführten Verwandten im Rollstuhl mitgeteilt.
Ausnahmen von diesen Zuständen aber gibt es: Der MDR berichtet von einem Rehazentrum in Magdeburg. Zwei dort tätige Pflegerinnen wurden 2025 mit ihrem Team als beliebteste Pflegeprofis im Bundesland Sachsen-Anhalt ausgezeichnet.
Und im Bericht des MDR liest sich die erwartbare Normalität dann wie ein Paradies für die Patienten, was da in Magdeburg vom Personal geleistet wird:
„Danach schwärmen Therapeuten und Pflegerinnen aus zu den Patienten, üben, in den Rollstuhl zu steigen, machen Sprechübungen, überprüfen, ob es schon mit dem Schlucken klappt. (…) Immer ist neben ihnen jemand, der ihnen nicht nur Sicherheit gibt, sondern ihnen Mut macht, sie anspornt, sich mit ihnen über kleine Erfolge freut.“
Es gibt sie also noch, die Oasen des Verstehens. Aber sie werden immer seltener. „Alt werden ist nichts für Feiglinge“ klingt da fast schon verharmlosend.
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Kommentar von Schwar Zi
Mein Vater ist vor wenigen Tagen 89 Jahre alt geworden. Vor 3 Jahren hatte er mehrere Krankenhaus-Aufenthalte in verschiedenen Kliniken. Danach konnte ich ihn in einer ausgezeichneten Geriatrie unterbringen, das evangelische Krankenhaus Paul Gerhard Stift in der Lutherstadt Wittenberg. Ich erwähne diese Einrichtung explizit, weil sie wirklich toll ist. Er war nach wenigen Wochen fitter als manch 75jähriger.
Einige Zeit danach musste er noch einmal in ein KKH. Da beschwerten sich die Schwestern: "Ihr Vater rennt hier den ganzen Tag die Gänge hoch und runter!" Ja natürlich, wer rastet der rostet, er machte einfach nur die Übungen die man ihm in der Geriatrie gezeigt hatte. Aber das nervte das Klinikpersonal einfach. Ich sah mich gezwungen zu intervenieren, massiv zu intervenieren.