Lassen wir uns nicht durch Cancel Culture oder Moralpredigten den Schneid abkaufen

Durchhalten ist angesagt: Weiterdiskutieren statt ausgrenzen

von Jan-Heie Erchinger

Es muss doch statthaft sein, zu problematisieren, dass in Deutschland während der Corona-Jahre übel mit einigen Kritikern umgegangen wurde.© Quelle: Pixabay / Alexas_Fotos

Ich erinnere mich mit Schaudern an Berichte in unseren Leitmedien, dass eine große Gruppe friedlicher Demonstranten in Berlin bei kaltem Wetter brutalst mit Wasserwerfern behandelt wurde.

Eigentlich verstehe ich mich ja als Glas-ist-halbvoll-Mensch, aber auch bei mir schleicht sich mitunter ein pessimistisches Bauchgefühl ein. Bei Diskussionen in sozialen Netzwerken nehme ich kopfschüttelnd wahr, dass sich einige jeglichen Fakten und Entwicklungen stur entgegenstellen.

Besonders beim Thema Corona-Maßnahmen wird teilweise diskutiert, als befänden wir uns noch im Jahr 2020, als beispielsweise die Angst vieler vor Delta immerhin noch nachvollziehbar war.

Läuft man auch nur annähernd rund im Sinne von Fairness und aufrichtigem Interesse an Fakten, muss man doch rückblickend eingestehen, dass einiges in dem Zusammenhang überhart und geradezu willkürlich, ja hasserfüllt ablief in Deutschland.

Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurden Corona-Maßnahmen-Kritische von manchen Politikern undifferenziert und böse als Gefahr für die Mitmenschen, als latent rechtsextrem und als esoterisch völlig Verstrahlte dargestellt  mit dem Ziel, diese Menschen zu diffamieren.

Ich erinnere mich mit Schaudern an Berichte in unseren Leitmedien, dass eine große Gruppe friedlicher Demonstranten in Berlin bei kaltem Wetter brutal mit Wasserwerfern behandelt wurde. Besonders sonderbar, wenn man sich vor Augen führt, mit welcher Laissez-faire-Grundhaltung konkret Gewalttäter und ihre Taten aus dem linksextremen Spektrum in Berlin seit Jahrzehnten bagatellisiert werden.

Als wirkliche Wissenschaftler wurden nur Leute akzeptiert, die mit den Herren Spahn, Drosten oder Lauterbach konform gingen. Die anderen waren angeblich nicht seriös und nicht ernst zu nehmen. Bei Corona-Maßnahmen-Kritikern hat man medial und mit Wasserwerfern auch bei uns in Europa brachial zugeschlagen. Vom Mobbing mal ganz abgesehen, beispielsweise, wenn einer an der frischen Luft seine Maske aufhatte und so angeblich einer kollektiven Ansteckung Vorschub leistete.

Warum ich das jetzt hervorkrame?

Weil ich es wie viele andere kaum mehr ertragen kann, dass beispielsweise die Tagesschau seit einigen Tagen ohne die klitzekleinste kritische Selbstreflexion agiert. Kein Wort darüber, wie der Sender bald zweieinhalb Jahre über deutsche und europäische Corona-Massnahmen-Kritikern gesendet hat. Und als wäre das alles nicht passiert, wird heute empört über die mutigen Menschen in China berichtet und die brachiale Null-Covid-Politik der chinesischen Regierung auf spontanen Demos kritisiert. In dem sie sich trauen, gegen Covid-Maßnahmen in China aufzubegehren, sind diese chinesischen Demonstranten natürlich in einer weitaus heftigeren persönlichen Gefahrensituation, als das in unserem relativ freien Europa und Deutschland der Fall ist und der Fall war.

Ich vergleiche hier nicht Äpfel mit Birnen.

Es muss doch statthaft sein, zu problematisieren, dass in Deutschland während der Corona-Jahre übel mit einigen Kritikern umgegangen wurde. Es muss daran erinnert werden, wie negativ verallgemeinernd von „Covidioten“ die Rede war. Und wie gegen ganze Bundesländer undifferenziert gehetzt wurde.

Selbst Jens Spahn hatte sich dazu durchgerungen, anzuerkennen, dass wir uns in der Gesellschaft gegenseitig einiges zu verzeihen hätten. Wobei man sich hier schon fragen darf, ob da nicht eine gehörige Portion Eigeninteresse eine führende Rolle gespielt hat.

Die Tagesschau und andere tun heute so, als wären sie schon immer Anhänger einer aufgeklärt kritischen Sichtweise im Corona-Maßnahmen-Kontext gewesen – waren sie aber nicht.

Zurück zu meinem pessimistischen Bauchgefühl. Es ist fast gleich, um welches Thema es sich dreht: Regenbogen-Fußball, Corona-Maßnahmen, Realpolitik im Ukraine-Krieg und das Fordern von Verhandlungen und Kompromissen, Gender-Sprache, Cancel-Culture, Abhängen von Kruzifixen, Klima-Wandel, Umgang mit Menschen, die einen auf Straßen nötigen und festsetzen, weil sie sich ankleben, politischer Umgang mit der AFD und den Anhängern dieser rechtskonservativen Partei, Frauen-Quote, Homo-Ehe und anderes.

Eine Positionierung bei diesen Themen zieht automatisch eine sofortige Zuordnung zum eher woke-grünen Lager oder zum eher rechtskonservativen Lager nach sich. Mir ist das zu undifferenziert, wenn man sich in Debatten fühlt, als bekäme man wie beim Völkerball dieses oder jenes Zugehörigkeitsbändchen umgehängt.

Wir müssen wieder dahin kommen, unterschiedliche Meinungen zu unterschiedlichen Punkten ohne sofortige Einordnungen zur Kenntnis zu nehmen. Das sage ich auch durchaus selbstkritisch. Ich bin der Meinung, dass eine ausgrenzende und bezichtigende Grundhaltung mit ihrer Strategie der sofortigen Verächtlichmachung von Meinungen als beispielsweise „rechtspopulistisch“ zu der heutigen Diskussionskultur und Gesamtsituation geführt hat.

In Eigenwahrnehmung bin ich in der politischen Mitte verortet. Und das ist heute alles andere als neutral. Die aktuell massive Polarisierung unserer Gesellschaft muss ich auch einigen Merkel-Unionisten anlasten.

Genau diese Leute sollten heute ihre Fehler eingestehen und selbstkritisch und zerknirscht reflektieren, dass sie im Fahrwasser des Merkel-Durchsetzens von beispielsweise offenen Grenzen unter Fraternisierung mit heftigen weit linken Demagogen wie Katrin Göring-Eckardt die politische Diskussion boykottiert haben.

In sozialen Netzwerken versuche ich übrigens öfter mal in einer politisch grünen Blase, bei der zu einem Thema beispielsweise 124 Likes und drei Wows und sieben Herzen und acht Umarmungen zu sehen sind, aber kein einziger kritischer Kommentar, geschweige denn Wut-Zeichen, meine andere Meinung einzustreuen ...

Das endet dann leider schon mal in sprachlicher Eskalation, auch ich verdränge im Eifer mal die gute Kinderstube, werde weggeblockt oder blocke weg, oder nehme ob der ungerechten haltungsbasierten und dogmatischen Non-Diskussion irgendwann entnervt Reißaus.

Aber Durchhalten ist angesagt. Bleiben wir uns treu, lassen wir uns nicht durch Cancel Culture oder Moralpredigten a la Göring-Eckardt den Schneid abkaufen. Bleiben wir hellwach, frisch und aufgeweckt. Uns allen einen schönen Dezember mit offenen Herzen, schöner Weihnachtsstimmung und offenen Türchen.

(Quelle: privat)

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