Richard David Precht und Harald Welzer gegen Rest der Altmedien

Ein Buch über die „Vierte Gewalt“

von Bettina Röhl (Kommentare: 3)

Die Medien sind dazu da, und das ist ein Punkt, der auch Precht und Welzer wichtig ist, sich selbstkritisch auch gegenseitig zu kritisieren und keinen Vierte-Gewalt-Korpsgeist zu bilden.© Quelle: Fischerverlag / Youtube / ZDF / Montage AW

Das Niveau der Rezensionen zu dem „umstrittenen“ Buch von Richard David Precht und Harald Welzer ist bodenlos. Versuchen wir also uns dem Buch und seinen Kritikern ein wenig anzunähern.

Von Bettina Röhl und Wolfgang Brümmer

Zwei gewaltige Ein-Mann-Medien namens Richard David Precht und Harald Welzer haben ein medienkritisches Buch „Vierte Gewalt“ vorgelegt. Das ist immer richtig und gut. Wer sich nämlich, wie die „Leitmedien“ es hierzulande tun, permanent als Hypercontroller über jeden und alles erhebt und sich ununterbrochen neu in den Wahn hineinsteigert, die großen Auserkorenen im gesellschaftlichen Leben zu sein, kann gar nicht genug Kritik bekommen.

Das Buch liefert keine substanzielle Kritik, die nicht schon an vielen Orten geäußert wurde, und es bleibt in seiner Kritik abstrakt, aber es kommt prominent aus der Mitte der Gesellschaft und das allein hat einen Mehrwert.

Die Autoren beklagen – relativ mutig, aber ebenso feige – dass die Medien insgesamt und insbesondere auch die „Leitmedien“ quasi autonom gesteuert, wie eine wahnwitzige Rinderherde in die gleiche Richtung rasen und jede individuelle Regung, sprich abweichende Meinungen, niedertrampeln.

Ein bisschen verklausuliert wird in dem Buch um den heißen Brei herumgeredet, weil die beiden Autoren, wie wir alle, in derselben Schleife festsitzen, die sie den Journalisten in den „Leitmedien“ und bei den Öffentlich-Rechtlichen als kritikwürdig unterstellen:

Bloß keinen Millimeter zu viel in den abweichenden Abgrund schauen, geschweige denn in Medias Res der von ihnen genannten großen Politikfelder, Flüchtlingskrise, Migration, Corona, Ukrainekrieg usw. usf. gehen! Sonst brennen die Autoren sich selber ab.

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Da Precht und Welzer keine der heißen Fakten benennen, bei denen die Leitmedien regelmäßig auf hohem Niveau mit einer Menge Aggression und einer Menge Beliebigkeit straucheln, ist auch die aufschäumende Abwehrschlacht der sich angepisst fühlenden Medienleute von ZEIT, Frankfurter Rundschau, RND, dpa und Übermedien eine maue irrlichtende Ansammlung von vielen Wörtern. Das Niveau der Rezensionen zu dem „umstrittenen“ Buch von Richard David Precht und Harald Welzer ist bodenlos. Neues Buch: Precht und Welzer rechnen mit Medien ab (traunsteiner-tagblatt.de)

Ein Irrtum der Autoren: Die Medien sind nicht dazu da, sich der öffentlichen Meinung anzupassen

Ein Faktor, der an dem Buch wirklich nervt, das ansonsten allein durch seine Existenz einen Wert hat, ist, dass die Autoren wiederholt ein schräges Bild der Existenzberechtigung und der Aufgabenstellung der Medien zeichnen. Zunächst einmal: Die Medien sind verfassungsrechtlich, angesichts ihrer tatsächlichen Leistung, maßlos überprivilegiert und werden von einer irrenden Presserechtsprechung gepäppelt.

Aber warum die Autoren beklagen, dass die veröffentlichte Meinung von der öffentlichen Meinung abweicht, erschließt sich in dem Maße nicht: Die Medien sind nicht dazu da sich der öffentlichen Meinung anzupassen. Sie sind allerdings auch nicht dazu da, eine synchronisierte veröffentlichte Meinung zu generieren und diese der Gesellschaft zu oktroyieren.

Die Medien sind dazu da, und das ist ein Punkt, der auch Precht und Welzer wichtig ist, sich selbstkritisch auch gegenseitig zu kritisieren und keinen Vierte-Gewalt-Korpsgeist zu bilden. Die Medien sind vornehmlich verpflichtet - sonst macht die ganze Mediensoße keinen Sinn – Fakten zu recherchieren, diese verständlich einzuordnen und individuell zu kommentieren. Stattdessen ist in allen Medien – das vergessen die Autoren ein bisschen zu erwähnen – ein krasser Faktenschwund zu verzeichnen. Viele Leitmedien werden immer seichter.

Es gibt in den Medien zwar selbsternannte Faktenchecker, aber die Faktizität der Medienprodukte bleibt dürftig und Faktenchecker sind zumeist eher „Heckenschützen“ als nützliche Aufklärer. Die Realität und nichts als die Realität ist vollständig und selbstverständlich vorurteilsfrei und so wirklichkeitsnah wie möglich darzustellen. Präferenzen des einzelnen Journalisten und seine Meinung müssen gekennzeichnet werden, und zwar ausreichend.

Die Medien leben, das erfährt man in dem Buch eher nicht, in einer existenziellen Schizophrenie. Die Zeiten der Phantasiegehälter aus den siebziger, achtziger und neunziger Jahren sind vorbei. Viel mehr Schein als Sein und Selbstausbeutung und Ausbeutung und die damit verbundenen internen Grabenkämpfe und persönlichen, oft genug Hassverhältnis zu nennenden Intrigen, beherrschen das innerredaktionelle Geschehen wie nie zuvor.

Monopolisierung auf der Kapitalseite begünstigt den Tunnelblick in den Redaktionen. Wer links und rechts nichts mehr sieht, ist mit sich selbst voll im Reinen. Wer im Heißluftballon so vor sich hin schwebt, merkt den Wind nicht. Und viel vor sich hergetragener Ethos führt zu immer größeren Läsionen an eben diesem zum Mythos verkommenen Ethos.

„Nichts Neues“ – eine Propagandafloskel von Stalin

Sehr unangenehm: Die sogenannten Edelfedern in den „Leitmedien“ wiederholen und bustern sich gegenseitig mit dem Anwurf in Bezug auf das Buch: „Nichts Neues!“

„Die vierte Gewalt“: Richard David Precht und Harald Welzer im Behauptungsmodus (fr.de)

Wer sonst das Wort „Autobahn“ falsch ausspricht, oder das im Grundgesetz prominent vertretene Wort „Deutsches Volk“ überhaupt sagt, fängt aus diesen Medien regelmäßig den Nazi-Verdacht ein. Das Wörtchen „Nichts Neues“ ist nun allerdings eine gezielt erfundene Propagandafloskel Stalins, der Hitler in Sachen Völkermord in nichts nachsteht.

Mao, der wahrscheinlich effektivste Völkermörder der Menschheitsgeschichte, der Liebling der sogenannten Neuen Linken im Westen und eine historisch prägende Figur der aktuell neu aufflammenden kulturrevolutionären Bewegung, steht ganz außen vor.

Dafür haben die „Leitmedien“ Lieblingsthemen, die in Endloseschleife wiederholt werden: Die im Buch wiederholt zitierten „Leitmedien“ haben sich in den letzten sieben Jahren an ihrem Hassobjekt Donald Trump in einer gleichermaßen verblödeten, wie unhistorischen Weise abgearbeitet und verausgabt.

Und selbst nahezu zwei Jahre nach dem Abtritt von Donald Trump als US-Präsident ist dieser immer noch ein medialer Joker, mit dem Seiten und Sendeplätze gefüllt werden. Trump hatte verfassungskonform eine 4-jährige Amtszeit und in diesen vier Jahren haben sich die „Leitmedien“ nicht entblödet, nahezu permanent über dessen Hitler-Ähnlichkeit, von dessen pathologischem Wahnsinn, von dessen „Massenmord“ (Corona) und von dessen täglich bevorstehenden Ende usw. usf. zu entgleiten, um einmal im krassen Starkdeutsch zu sagen, wie es tatsächlich ist. „Nichts Neues“? Nichts Neues! Stupide Wiederholung ist das permanente Handwerk der „Leitmedien“, allerdings sehr selektierend nur deren Lieblingsthemen und deren Lieblingsfeinde betreffend.

Ganz ähnlich ergießt sich der Hass der „Leitmedien“ aktuell auf Putin und die Russen im Allgemeinen und schlechthin, ob zu Recht oder zu Unrecht, da gibt es keinen Unterschied mehr. Will sagen: Putins Aggressionskrieg ist zu verurteilen, aber auch über einen Krieg muss differenziert berichtet werden.

Das stalinsche Todschlagargument „Nichts Neues“ entlarvt die aufheulende „Vierte Gewalt“ total.

In der Stalinzeit wurde den Propagandisten empfohlen, wo immer Berichte über Gulags und Völkermord in der Sowjetunion auftauchten, lässig zu erwidern: Naja, aber das ist ja alles „Nichts Neues“, warum soll darüber überhaupt und gar wiederholt berichtet werden. Berichte über den Schießbefehl an der Mauer der DDR wurden mit eben diesem Argument in den Westmedien unsympathisch und ohne jede Empathie, als total irrelevant, und absolut „Nichts Neues“ niedergemacht.

Eben durch diese Fatwa „Nichts Neues“, an die sich die westlichen Leitmedien in den letzten 70 Jahren brutal geklammert haben, wussten sicher 90 Prozent der Bevölkerung im Westen bei Ausbruch des Ukrainekrieges im Februar 2022 kaum etwas von den stalinschen „Kulakenmorden“, dem Holodomor und den anderen sowjetischen Völkermorden an den Ukrainern, Kasachen, an den Russen, Kosaken und an allen anderen.

Allein 17 Millionen Todesopfer soll es in der Ukraine während des Holodomor (systematisches Ermorden durch Nahrungsraub und dem Verbot, ihre verwüsteten Dörfer zu verlassen) Anfang der 1930er Jahre gegeben haben, aber das ist ja alles „Nichts Neues“.

Hochgradig pervers

Einer der schlimmsten Probleme in den Medien und auch sonst: die Nachgeborenen bereichern sich quasi moralisch an dem Tod der im Dritten Reich Ermordeten. Seit spätestens Ende der 60er-Jahre interessiert die „Leitmedien“ in Wahrheit kaum noch das Schicksal der ermordeten Juden und aller anderen ermordeten Menschen im Dritten Reich.
So brutal muss es mal ausgesprochen werden. Die Opfer werden sehr häufig schändlich instrumentalisiert (natürlich gibt es löbliche Ausnahmen und andere Ansätze.) Es zählt nur noch die deutsche Täterschaft.

Die Menschen in Deutschland werden von deutschen Medien und vielen Stimmen in den sogenannten „Direktmedien“ oder aus der Politik und den Institutionen mehr und mehr in „gute“, angeblich „linke“ Deutsche, die Hitler verurteilen und die in der Hitlerzeit im Widerstand gewesen wären, und in böse, angeblich rechte Deutsche, die damals vermutlich Nazis gewesen wären und die heute den Ungeist fortführen wollten, eingeteilt.

Unfassbar, dass man mit solchen völlig unreflektierten Hass- und Heldenphantasien – und Legenden in der Öffentlichkeit über andere Menschen herfallen darf und kann, oft genug mit gerichtlicher Assistenz. Es ist eben Zeitgeist, das deutsche politische Erbe politisch korrekt zu verteilen. Die selbst erklärten Guten sind frei von der Schuld, und jeder, der eine Meinung vertritt, die gerade nicht in den Medien vertreten wird, wird zum Alleinerben einer deutschen Kollektivschuld erklärt.

Die Autoren kritisieren daher völlig zu Recht, wie immer wieder einzelne Politiker oder sonstige öffentliche Personen, die eine andere als die gerade angesagte Position vertreten, ad personam in den Medien angegriffen und unsachlich fertig gemacht werden. Und sie kritisieren zu Recht, dass diese Entgleisungen zu einem Demokratie gefährdenden Faktor werden können.

Es ist allerdings nicht ganz richtig, wie die Autoren Precht und Welzer schreiben, dass die Medienwalze selbstgesteuert quasi wie zufällig alles platt walzt, sondern es gibt einen von Niemandem empfundenen „moralisch-ideologischen“ Motor, der die extremen Fehlbewegungen in den Medien antreibt. Es geht in Wahrheit um die Frage, wer sich moralisch überlegen fühlt und da ist man dann im Stammgebiet der Grünen, der Linken und heute der Woken.

Extremistischste Beleidigungen und Verleumdungen sind daher in den „Leitmedien“ unreflektiert an der Tagesordnung.

So wird aktuell die italienische Regierungsanwärterin Giorgia Meloni, obwohl sie sich bekanntermaßen von Mussolini distanziert und demokratisch gewählt ist, in stupider Wiederholung (von wegen „Nichts Neues“) in deutschen Medien als „Faschistin“ bezeichnet, was nichts anderes bedeutet, als dass sie ständig de facto als rassistische Massenmörderin besudelt wird, weil nichts anderes mit der Vokabel „Faschistin“ gemeint ist. Wo bleibt die mediale Korrektur?

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Mit diesem sehr unangenehmen Trick, aus der Machtposition der „Leitmedien“ heraus mit dem Finger auf die anderen, die Bösen, zu zeigen, bringen sich diese mainstreamigen, „linken“ Klookschieter in eine schizophrene Gewinnersituation, die ihnen nicht zusteht.

Dieser „Trick“ ist in der Tat nicht neu, aber er wird in der Öffentlichkeit tatkräftig von den „Leitmedien“ gespielt und übersehen. Das ist einer der Gründe, weshalb die „Leitmedien“ immer wieder geschlossen in eine Richtung laufen, nämlich deshalb, weil jeder Einzelne immer auf der Hut ist. Denn wenn er oder sie den Stall verlässt, ist er schnell „Nazi“ oder naziverdächtig.

Jahrzehntelange Klebe-Talkshowmaster

16 Jahre Klebe-Kanzlerin Merkel wären in einer von Medien wahrhaft aufgeklärten modernen Gesellschaft nicht möglich gewesen. Umgekehrt sind die politischen Klebe-Talkshowmaster, die ja die “Elitemedien“ der “Leitmedien“ sind, die ganzen Generationen gleichsam in den Gencode gebrannt sind, eine mediale Katastrophe: Neue Köpfe braucht das Land, immer wieder und insbesondere neue Talkmaster, die auf Schlüsselpositionen sitzen.

Es kann nicht sein, dass ein paar wenige Obertalker das Land regieren. Auch die müssten eine Amtszeitbegrenzung als selbstverständlich hinnehmen.

Es kann nicht sein, dass Politiker überwiegend mit dem in den Medien zitiert werden, was sie bei den Talkern, um deren Einladungen sie buhlen, abgeliefert haben. Medien, einzelne Journalisten oder Moderatoren, besitzen keine demokratische Legitimation. Die innere Demokratie in den Medien und auch in den öffentlich-rechtlichen Medien findet de facto kaum statt.

Kurz und gut. Das Buch „Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“ übt eine etwas oberflächliche, artifizielle Kritik an den in der Tat verengten Meinungskorridoren, allerdings ohne auf die medial transportierten Inhalte, sprich auf die heißen Eisen, überhaupt einzugehen. Und ohne die Medienstrukturen, die auf die Inhalte Einfluss haben, aufzublättern und in ausreichender Weise herauszuarbeiten.

Dafür kommt diese Medienkritik aus der Mitte der Gesellschaft, was ein völliges Ignorieren der Kritik verunmöglicht. Und das ist erstmal gut.

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