Freitag, der 13. und kein Bier mehr da

Ein vermaledeiter Tag

von Toddn Kandziora

Unterhopft und zugenäht© Quelle: Pixabay/ aiacPL

Letzte Woche war wieder einmal Freitag, der 13. So weit ich mich erinnere, mein erster richtiger. Was schiefgehen konnte an dem Tag, ging schief. Vom Achsenbruch meines alten Wagens um die Mittagszeit, einem schwerwiegenden Missverständnis am späten Nachmittag bis zum krönenden Abenddesaster eines vermaledeiten Tages.

Über das „Missverständnis“ kein Wort. Das krönende Abenddesaster, dies sei erwähnt, war eine leere Kiste Bier. Doch eins nach dem anderen. Deprimiert und abgekämpft kam ich gegen Sonnenuntergang nach Hause gehumpelt. Den Fußmarsch überstand ich in Vorfreude auf eine Flasche Bier. Daheim angekommen, musste ich feststellen: Es war kein Bier mehr im Haus. Was nun? Der letzte Kiosk in der Nähe, zwei Dörfer weiter, schloss Ende letzten Jahres. Die nächste Tankstelle war fünfzehn Kilometer entfernt. Für eine Fahrradtour dorthin fehlte mir jedoch die Energie. Zudem. Ohne funktionierendes Licht? Besser nicht.

Eine Wirtschaft gab es seit Jahrzehnten nicht mehr im Ort. Auch bei uns starb die Kneipe im Dorf. An den Kosten. Neuen, staatlichen Auflagen. Für ländliche Verhältnisse kaum zu bewältigende Verordnungen. So wurde vor Jahren nicht nur manch dörfliches Trinkerherz gebrochen. Auch die Gemeinschaft litt daran. Ist ein Schelm, wer dahinter Absicht vermutet? Ich denke nicht.

Freitag, der 13., hatte noch kein Ende. Und ich keine Flasche Bier. So ging ich frustriert und unterhopft in den Keller. Wo das Weinregal stand. Spärlich bestückt. Ich zog die letzte Flasche Primitivo heraus. Die war eigentlich für besondere Anlässe gedacht. Nun ja, der heutige Tag war ein solcher.

Es heißt, glücklich ist der Mensch, der einen Garten und eine Bibliothek sein Eigen nennen kann. Ich besitze beides. Fühlte mich an diesem Abend jedoch nicht wirklich glücklich. In Zeiten künstlicher Intelligenz sind tausendundein Buch im Haus eher unnützes Wissen. Bis zu dem Tag, an dem der Strom weg ist. Für länger. Dann steht all das gespeicherte Wissen für einen großen Teil der Menschheit nicht länger zur Verfügung. Wie das Wissen um den Garten schon heute vielen Menschen ein Buch mit sieben Siegeln ist.

Ich schnappte mir die Flasche Primitivo und ging hinaus in den Garten. Es regnete nicht. Es war nicht kalt. Es dämmerte. Ein paar Vögel zwitscherten sich gute Nacht zu. Dann machte es plopp. Die Flasche war entkorkt. Ich goss mir einen ein. Randvoll. Blickte im Gartenstuhl fläzend mit dem Glas in der Hand über den Zaun hinweg auf den neuen Windpark, der seit letztem Jahr die Umgebung verschönert. Einer von vielen. Nicht der letzte wird es sein. Drei weitere wurden letztes Jahr noch schnell von der Einheitspartei genehmigt. Ach, wie wunderbar Demokratie doch sein kann.

Und ja, ich weiß, das macht man nicht. Es gehört sich nicht. Doch ich tat es. Ich kippte das Glas Rotwein vollmundig in einem Zug hinunter. Schenkte mir ein zweites nach und prostete den Windrädern nur wenige Kilometer entfernt zu. Und weg damit.

Die Sonne verschwand währenddessen im Dunkeln hinter dem Windpark. Bald wurde die Nacht von Hunderten Signallichtern rot blinkend zerblitzt. Vor wenigen Jahren noch war der Nachthimmel zu dieser Zeit vom Mondschein und dem Sternenhimmel erhellt. Das war einmal. Statt Sterne zogen heute über meinem Haupt viele Tausend Satelliten ihre Kreise. Musk sei es gedankt.

Weiter entfernt, unten in der Ebene, ein altbekanntes, orange-gelbes, farbiges Schauspiel. Im Stahlwerk Salzgitter wurde gerade ein Abstich gemacht. Es wurde also noch in Stahl gemacht. Soll niemand behaupten, die deutsche Stahlindustrie hätte Sorgen. Ich hoffe, dort unten arbeiten sie mit Strom aus erneuerbaren Energien. Deutschland muss hier mit gutem Beispiel vorangehen. Der Welt zeigen, dass ein führendes Industrieland klimaneutral werden kann. Und wie kann ein Land schnell und billig klimaneutral werden? Indem es seine Industrie aufgibt. Leben kann so einfach sein.

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Eine Woche nach Freitag dem 13., so empfinde ich, hat dieser vermaledeite Tag seinen Mantel des Grauens über das Jahr geworfen. Der Wert meines, inzwischen abgemeldeten, fahrunfähigen Wagens steigt täglich dank eines vollen Tanks. Das kommende Grauen zeigt sich vielfältig.

Der gestrige Wocheneinkauf in einem Discounter verheißt Ungemach für die kommenden Wochen. Weniger die Preise waren es, die mir Sorgen machten. Vielmehr die Bestückung der Regale. Sie erinnerten an die Zeit kurz nach der Grenzöffnung. Damals, vor 26 Jahren, als hier im ehemaligen Zonenrandgebiet Trabbis Parkplätze und Wege dominierten und Supermarktregale fast leergekauft waren. Doch blieben damals die Preise konstant.

Schaue ich heute auf die täglich steigenden Warenkosten, die Anzeigenpreise der Tankstellen, lausche den Gesprächen der Menschen an Kassen und öffentlichen Plätzen, wird mir angst und bange um Land und Leute. Und es ist erst der Anfang von dem, was in den kommenden Monaten auf uns zukommt. Vielmehr, nicht mehr auf uns zukommt. Was elementar fehlen wird.

Öl. Benzin. Gas. Stickstoff. Dünger. Rohstoffe. Medikamente. Für das Überleben ganzer Bevölkerungen wichtige Waren. Weltweit. Doch was fällt den gewählten Entscheidern über unser Leben dazu ein? Mehr Sanktionen. Ein neuer Brandherd. Ein weiterer Krieg. Mehr Angst, Chaos und Tod. Resultierend aus neuem Leid wird eine Welle aus Menschen wogen, die Hilfe und Schutz suchend nach Westeuropa zu fliehen versuchen.

Und über was berichten dieser Tage die Medien? Über was wird im Radio diskutiert? Über was lese ich in Schlagzeilen in Tageszeitungen? Über die sexuellen Verfehlungen mittels digitaler Gewalt gegenüber der Frau eines Schauspielers. Ich habe fertig.

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