Der 365-Meter-Angriff auf den Osten: Wie in der Lausitz ein Stahlgitter-Monster mit Steuergeld in den Himmel wächst

Ein Windrad als Wolkenkratzer – Größenwahn, Ideologie und 2000 Tonnen Stahl

von RA Dirk Schmitz

2000 Tonnen Stahl und etliche Tonnen von Beton© Quelle: Grok

Schipkau, Landkreis Oberspreewald-Lausitz, Südbrandenburg, zwischen Berlin und Dresden. Wo einst die Braunkohle gebaggert wurde, steht seit dieser Woche das höchste Windrad der Welt: 300 Meter Nabenhöhe, 365 Meter gesamt, drei Meter weniger als der Berliner Fernsehturm.

Von RA Dirk Schmitz M.A.

Über 2.000 Tonnen Stahl, 22.000 Einzelteile, am Rand der Gemeinde, zwischen den Windparks Klettwitz-Nord und Klettwitz-Süd. Weltrekord, sagen die Macher. Landmarke, sagen die Freundlichen. Zweite Katastrophe, sagen die Nachbarn.

Die Idee stammt vom Leipziger Ingenieur Horst Bendix, der sie 2019 mit 91 Jahren einreichte und 2023 starb. Aufgegriffen hat sie die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), die dafür eigens die Tochterfirma beventum gründete. Gebaut hat das Ganze die Dresdner GICON. Bezahlt hat es der Bund, sprich der Bürger.

Und was bekommt er dafür? Laut Bundesregierung fast das Vierfache der Baukosten eines normalen Windrads. Wohl rund 25 Millionen Euro für 3,8 Megawatt, eine gewöhnliche Anlage kostet etwa sieben. Der Bauherr nennt selbst keine Zahlen. Dafür soll der Wind in 300 Metern Höhe doppelt so viel Ertrag bringen, so der Hersteller: mindestens rund 18 Gigawattstunden im Jahr. Unabhängig gemessen ist das nicht. Andere halten 40 bis 60 Prozent Mehrertrag für plausibel. Vierfacher Preis, anderthalbfacher Ertrag, wenn alles gut läuft: Das rechnet sich nirgends.

Dazu kommt eine Pilotanlage, die den Serienfall nicht abbildet. Auf dem Riesenturm dreht sich eine Vensys-Turbine mit 3,8 Megawatt und 126 Metern Rotor, für diese Höhe ein bescheidenes Gerät. Wirtschaftlicher soll es erst mit Turbinen ab 8 Megawatt werden. Bewiesen wird das Prinzip also mit der kleinen Maschine, die Wirtschaftlichkeit mit der großen, die es nicht gibt.

Ursprünglich sollte Strom schon im Sommer 2025 fließen. Dann fielen Abweichungen an Stahlteilen eines Zulieferers auf, zuletzt bremsten Böen den Hub des Innenturms. Ein Kran, der Gondel und Generator auf 300 Meter hebt, existiert nicht, also fährt man die Turbine hydraulisch hoch. Zuvor hatte ein 300 Meter hoher Messmast schon 2023 vorgezeigt, dass es dort oben windet.

Wie viel Beton im Fuß steckt, verrät der Bauherr nicht, ein normales Windrad braucht schon rund 1.000 Kubikmeter. Bei 2.000 Tonnen Stahl obendrauf darf man raten.

Rotorschub: Bei 3,8 MW und 126 m Rotor drückt der Wind im Betrieb mit rund 0,9 MN auf den Rotor. Für Sturm rechne ich mit etwa 1,5 MN. Hebel: Bei 300 m Nabenhöhe sind das rund 450 MNm Kippmoment allein vom Rotor.

Mast im Sturm: Ein Gittermast hat weniger Angriffsfläche als ein Rohr, aber bei 300 m kommen bei etwa 50 m/s Wind nochmal rund 4 MN dazu. Das sind etwa 700 MNm.

Summe: Das Kippmoment liegt bei etwa 1,1 bis 1,2 GNm, mit Sicherheitsfaktor rund 1,6 GNm. Ein normales Windrad mit 130 m Nabe liegt eher bei 100 bis 150 MNm. Es ist also grob das Acht- bis Zehnfache.

Vorteil des Gitters: Vier breit stehende Beine nehmen die Kräfte als Zug und Druck auf. Wenn die Beine etwa 35 m auseinander stehen (Annahme), muss jedes Bein rund 2.000 Tonnen Zug aushalten. Das braucht pro Bein grob 800 bis 1.500 m³ Beton, dazu Bodenauflast und Druckfundament. Gegenprobe: Ein normales Fundament hat rund 1.000 m³. In der GICON-Präsentation kostet das Fundament etwa das 2,5-Fache (1,12 gegenüber 0,45, Einheit vermutlich Millionen Euro, Zuordnung unsicher). Das ergäbe untere Spanne 2.500 m³ - wohl eher 3.000 …

Und die Landschaft? Die Lausitz hat die Kohle überstanden, jetzt kommt der Stahl. Ein zweiter Messturm steht schon auf RWE-Gelände im Rheinischen Revier, der nächste Riese wartet also.

Innovation nennt man das. Ob sie hält, was sie verspricht, zeigt sich nach der Inbetriebnahme Mitte November. Bis dahin trägt das Risiko das verärgerte Publikum.

Kennen Sie SPRIND? Nein? Kein Wunder. Ausgeschrieben heißt es "Sprunginnovationen in Deutschland", offiziell Bundesagentur für Sprunginnovationen, und sitzt in Leipzig. Gegründet wurde die Truppe im Dezember 2019 als Bundes-GmbH nach dem Vorbild der amerikanischen DARPA.

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Sie sollte alles anders machen als das behäbige Fördersystem: schnell, mutig, unbürokratisch. Das Geld dafür kommt natürlich vom Steuerzahler, geplant waren rund eine Milliarde Euro in zehn Jahren, 2024 standen gut 229 Millionen bereit, aktuell werden rund 200 Millionen im Jahr genannt. Dafür beschäftigt die Agentur etwa 80 Leute, ohne Tochterfirmen, von denen es inzwischen mehr als ein Dutzend gibt, darunter beventum, die uns das 365-Meter-Windrad beschert hat. Geleitet wird sie von Rafael Laguna de la Vera und Berit Dannenberg, den Aufsichtsrat führt Peter Leibinger (TRUMPF).

Der Start war eher holprig als sprunghaft: Im ersten Jahr wurden nur 38 Prozent des vorgesehenen Geldes ausgegeben. 2021 beklagte sogar Angela Merkel, die Strukturen erlaubten zu wenig Bewegung. Der Bundesrechnungshof hatte durchgesetzt, dass für alle Stellen doch das Besserstellungsverbot gilt, gute Leute waren so schwer zu bekommen.


Die Antwort der Politik: ein eigenes Gesetz, verabschiedet im November 2023, das "SPRIND-Freiheitsgesetz". Der volle Name, man muss ihn sich auf der Zunge zergehen lassen: "Gesetz über die Arbeitsweise der Bundesagentur für Sprunginnovationen und zur Flexibilisierung ihrer rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen". Eine Agentur, die von Bürokratie befreit werden soll, bekommt also ein Gesetz mit einem Namen, der selbst ein Bürokratiemonster ist. Immerhin darf sie dadurch nun eigene Töchter gründen, Beteiligungen erwerben und in Ausnahmefällen besser zahlen als der Bund.

Das Ergebnis der ersten Jahre: gut 2.100 eingereichte Ideen, 108 Validierungsaufträge, 88 Projekte aus Wettbewerben. Eine Evaluation lobt die Relevanz der Agentur und betont, bei so hohen Zielen sei die Erfolgsquote naturgemäß niedrig. Eine belastbare Erfolgsbilanz kenne ich nicht. Ob man dort das nächste Internet erfindet oder das nächste 365-Meter-Rätsel, wird sich zeigen.

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