Toddn Kandzioras Wochenrückblick 11/2022

Eine Ode an das Nichts

von Toddn Kandziora

Kolumnist Toddn Kandziora bekommt Besuch aus der Stadt. Ein Stadtkind schaut, staunt und ruft entsetzt: „Mama, Mama, komm her, komm doch mal her! Hier ist nichts. Hier ist ja überhaupt gar nichts!“© Quelle: Freepik.com / maria_sbytova

Bisher war diese Woche keine schlechte für mich. Ich hatte viel im Garten zu tun und das gute Wetter machte es mir leicht. Ich habe gegraben, geschnippelt und bewässert, die verschiedenen Gemüsebeete vorbereitet und die ersten Saatkartoffeln unter die Erde gebracht.

Die großen Wasserbehälter im nördlichen Gartenbereich mussten aufgefüllt werden. Was für eine Plackerei. Das Wasser rollte ich ein um das andere Mal in gefüllten zehn Liter Gießkannen mit der Schubkarre die Gartenanhöhe an die hundert Meter hoch.

Puh, da kam mein Puls nach dem langen Winter in Wallung. Viel mehr als Holz machen, stapeln und ins Haus bringen war die letzten Monate nicht zu tun. Ich hatte ein paar Obstbäume nachgeschnitten und die Kompostbehälter umgeschüttet und nun konnte ich reichlich neue, gute Komposterde auf die Beete verteilen.

Der Garten gibt in dieser Zeit seine ersten Früchte preis. Der im Februar in einem aus alten Fensterscheiben selbst gebauten Frühbeet gesäte Salat kann jetzt gerupft und mit frischen Bärlauchblättern verfeinert werden. Bei einem frühen Gang an diesem Morgen mit dampfendem Kaffeepott in der Hand erfreute ich mich über knospentreibende Bäume und erblühende Sträucher.

In den Blumenbeeten reckten sich Schnee- und Maiglöckchen und Narzissen der Morgensonne entgegen. Ich freute mich, dass es seit gestern Nachmittag und die ganze Nacht über einen richtig schönen Landregen gab. Dieser lässt die kurz vor dem Regen von mir mit Grassamen ausgebesserten Rasenteile, die von Hund, Maus, Maulwurf und Igel umgegraben wie verwüstet wurden, schneller wieder nachwachsen.

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Mit inzwischen leerem Kaffeepott in der Hand stand ich am Ende des Gartens und blickte über die weiten Felder vor mir auf den mit Nebel verhangenen Höhenzug des Süd-Elm, der von der hellen Morgensonne erleuchtet wurde.

Und nichts, rein gar nichts ging mir in diesem Moment durch den Kopf. Ich war völlig leer im Geist und zufrieden. Zufrieden mit mir in dieser so wunderbaren Welt. Einer Welt, die weder gut noch böse ist, die einfach nur Schöpfung ist. Die noch sein wird, wenn der Mensch nicht mehr ist.

Irgendwann, ich hatte die Zeit vergessen, drehte ich mich um und ging zurück zum Haus. Auf dem Weg zurück an den Schreibtisch, um diese Kolumne zu schreiben, wurde mir wieder bewusst, wie gut ich es nach den vielen Jahren in der Stadt jetzt und hier auf dem Land getroffen hatte. In der letzten Stunde im Garten hatte ich keine Menschen gesehen.

Es flog kein Flugzeug über mich hinweg und weder Autos noch Motorräder waren zu hören. Nur von weiten vernahm ich das Geräusch eines Treckers, der einen Acker bestellte. Ich erinnerte mich an einen Besuch vor Jahren, wo das Kind unseres Gastes morgens aus dem Fenster unseres Gästezimmers schaute und nach seiner Mutter rief. „Mama, Mama, komm her, komm doch mal her! Hier ist nichts. Hier ist ja überhaupt gar nichts!“

Das Kind wurde in einer deutschen Großstadt geboren und lebte seitdem dort. Es kannte das, was es als „Nichts“ bezeichnete, nicht aus der Stadt. Es kannte nur die vielen Autos, Motorräder und Fahrräder. Die S- und U-Bahnen, Flugplätze und die Menschen. Viele Menschen. Noch mehr Menschen. Zu viele Menschen auf zu kleiner Fläche.

Das Kind kannte den Lärm und die Enge zwischen Wohnbeton und Straßenbelag. Was das Kind nicht kannte, war die Weite unberührter Natur. Diese Weite war ihm ungewohnt und sie machte Angst. Nicht ein Haus, eine Straße oder ein was auch immer durch Menschenhand erbautes Objekt war zu erkennen. Nur ein Sprung Rehe, wenige Meter vor dem Gartenzaun, dass es sich auf dem Feld in der Sonne im hohen Gras liegend gut gehen ließ.

Es sich gut gehen zu lassen. Das ist das Wichtige im Leben. Für jeden von uns. Ohne, dass wir dabei jemanden belästigen, gefährden oder gegen Menschenrechte verstoßen.

Vielleicht geht es den vielen in der lärmenden, so beengenden Großstadt lebenden Menschen ihrem Verständnis nach tatsächlich gut. Ich kann das nicht nachvollziehen, nicht verstehen, doch ist es ihr Leben, nicht meines und so habe ich mich nicht einzumischen.

Für mich jedoch wäre heute Leben, Wohnen und Arbeiten in der Großstadt von wenig Interesse. Zwischen Millionen unbekannter Personen aus hundert verschiedenen Ländern dieser Erde mit ihren sagen wir „Besonderheiten“ überleben zu versuchen.

Wer sich für ein derartiges Leben entschieden hat, gut. Ich mag es nicht und werde die großen Städte und ihre Menschen aus vielfältigen Gründen meiden.

Schön wäre es im Gegenzug, wenn Stadtmenschen Land und Dörfer meiden könnten. Verlassen doch inzwischen mehr und mehr von ihnen die Städte, weil das Leben in diesen aus immer mehr Gründen weniger lebenswert für sie ist. Zuerst wegen der steigenden Lebenshaltungskosten. Dem Arbeitsmangel. Der größer werdenden Kriminalität. Hoher Mieten und Wohnungsknappheit. Und wenn Städter auf Land und Dörfer ziehen, so bringen sie ihre Art zu leben mit, welche doch verantwortlich dafür ist, dass ihre Städte zudem wurden, was und wie sie heute sind.

Täglich sollen inzwischen mehr als zehntausend Flüchtende aus der Ukraine nach Berlin kommen. Tausende Menschen aus anderen Ländern jetzt nicht mitgezählt. Das sind jeden Monat mindestens dreihunderttausend neuer Stadtbewohner. Alleine in Berlin. Würde dieser Zuzug anhalten, dann wären das mehr als drei Millionen Neuberliner in einem Jahr. Wie Berlin, ja ganz Deutschland mit diesem Zuzug umgehen wird, das wird spannend sein mit zu erleben. All diese Menschen brauchen Wohnungen, Arbeit, Schulunterricht, Krankenversorgung, Lebensmittel und und … und wer soll das bezahlen? Der Steuerzahler? Die Regierung? Die Deutsche Bank? Die verantwortlichen Politiker? Nein, ich denke eher nicht.

Ich wollte heute derartige Sorgen und Nöte in unserem Land, in Europa, der ganzen Welt außen vorlassen. Ich wollte weder über Krieg noch Teufel schreiben. Mich und euch nicht sorgen. Niemanden verunsichern und nicht über die bösen Dinge dieser Tage schreiben. Ich habe es leider nicht geschafft. Entschuldigt bitte. Vielleicht sollte ich mir besser einen weiteren Kaffee aufbrühen und mit diesem ein weiteres Mal an das Endstück meines Gartens gehen und dort angekommen einfach wieder nur stur in die Weite schauen. Weder Auge noch Geist durch Dinge aus Menschenhand oder entstanden durch „Menschenverstand“ beeinflussen lassen. Einfach nur sein und es ist wieder gut.

Leben und leben lassen, wie es so schön heißt. Oder wie es möglicherweise bald einmal hieß. Lebe ich doch in einer Zeit, in der meine persönliche Einstellung zum eigenen Leben infrage gestellt wird, ich vielleicht bald kein Recht mehr auf meinen Körper haben werde/darf. Hoffen wir, dass es trotz aller Bemühungen vieler gewählter Politiker, Politikerinnen und Interessengruppen nicht dazu kommt. Hoffen wir weiterhin, dass dieser schreckliche Krieg keine zwei Länder weiter von uns so schnell wie möglich endlich beendet wird. Dass mächtige, verantwortliche Personen aus vielen Ländern das Töten einstellen und sich endlich ihrer Verantwortung als Mensch stellen.

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