Nachts um vier: Geräusche aus der deutschen Provinz

Eine Zigarette auf Balkonien

von Ates Köprü (Kommentare: 1)

Ein leichter Wind wehte und der alte Mann roch wirklich nach frischem Shampoo. Dann zeigte er mir stolz seine Nägel und ich schaute verwundert auf seine rechte Hand.© Quelle: Pixabay / corbeau39

Manchmal gibt es Tage, an denen ich das Gefühl habe, am Alltag zu ersticken. Es sind seltsam normale Tage. Tage, an denen man schon nach dem Aufwachen weiß, was in den nächsten zehn Stunden passieren wird, und am Abend bin ich dann deprimiert darüber, dass es tatsächlich auch so war.

Kaum Abweichungen. Alles irgendwie schön und doch erdrückend öde. Aber dann passieren sie, diese seltsamen spontanen Momente, die es schaffen, einen gedanklich komplett einzunehmen.

Ein ungezwungenes Gespräch mit dem Nachbarn. Es ist derselbe Balkon, den wir uns teilen, getrennt durch eine Wand aus Milchglas. Nette Leute aus der ehemaligen DDR. Ein ruhiges, freundliches Paar, das einfach vor sich hinlebt und nicht mal im Ansatz so etwas wie Unbehagen in einem auslöst, wenn sie nebenan auf dem Balkon sitzen und ich hier auf meinem.

Allein das ist eigentlich schon seltsam, aber man nimmt solche positiven Dinge des Alltags irgendwann nicht mehr wahr, wenn sie einfach dazugehören.

Aber da gibt es noch die Nachbarn oben mit dem Einzelkind. Ich liebe Kinder. Und auch Kindergeräusche sind für mich Beweis dafür, dass überhaupt jemand in diesem Haus mit fünf Parteien lebt. Aber aus irgendeinem Grund springt das Kind immer erst abends um 21 Uhr eine Stunde lang Seil.

Oder was noch viel schlimmer ist, aber scheinbar ein weitverbreitetes Phänomen, wenn man mal in Foren schaut, in denen sich Leidensgenossen austauschen: Willkürliches Möbel verrücken, etwa drei Mal die Woche über Stunden und zu unchristlichen Zeiten.

Ich habe davon abgesehen, mich zu beschweren, weil ich noch nicht lange hier wohne. Immer, wenn die da oben anfangen durchzudrehen oder loszuspringen, dann verzieh ich mich auf den Balkon und beruhige mich mit einer Zigarette.

Mein Nachbar raucht auch. Wir haben sogar denselben Rauchzyklus. Einmal konnte ich nachts nicht schlafen und bin um 4 Uhr auf den Balkon gegangen, um Luft zu schnappen und eine zu rauchen. Tatsächlich kam er fast zeitgleich mit mir auf den Balkon und ich hörte das Klicken seines Feuerzeuges.

So wie ich abends auch seinen fetten lauten Furz höre. Er wird mich auch gehört haben. Aber er lässt sich nicht stören. In dieser Nacht war ich sogar fast dazu geneigt, einfach laut vor mich hin zu fragen: „Na? Können sie auch nicht schlafen?“ Aber natürlich tat ich es nicht.

Nicht nur, weil man sich eh nicht sehen kann wegen der Milchglasscheibe, sondern weil vier Uhr nachts dann doch keine Zeit ist für einen Smalltalk. Meinem Gefühl nach ist es um diese Uhrzeit auch ziemlich intim. Aber seitdem fühle ich mich diesem fast 70-jährigen Mann verbunden.

Es hatte was Besonderes, mit ihm zur selben Zeit mitten in der Nacht raus in die Sterne zu schauen. Irgendwie was brüderlich Romantisches. Selbst sein stoisches Gefurze hat etwas Sympathisches. Ich gehe sogar davon aus, dass er aus Respekt gegenüber seiner Frau zum Furzen auf den Balkon geht, die immer tüchtig und fleißig Wäsche aufhängt oder den Hausflur reinigt, immer mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

Manchmal stinkt mein Schlafzimmer nach Qualm von ihm, wenn meine Balkontüre auf ist. Ich bin kein Fan von „im Haus rauchen“, hasse den Gestank von kaltem Rauch in einer Wohnung. Aber seiner ist flüchtig, nicht penetrant, und geht nach fünf Minuten weg. Ich käme im Traum nicht auf die Idee, diesem Mann in seinem Alter seine Rituale und Routinen madig zu machen.

Nachdem ich schon eine Mail an den Vermieter verfasst hatte, in der ich aufschrieb, dass ich das Verhalten der Nachbarn oben zum Kotzen finde, ließ ich davon ab und ging auf meinen Balkon.

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Ich hörte meinen Nachbarn nebenan seine Runden laufen und traute mich, ihn zu fragen, ob er auch diesen furchtbaren Lärm hören würde. Er trat näher und lehnte sich über das Gelände und schaute mich freundlich an: „Ja manchmal ist es sehr laut bei denen, aber ich weiß nicht wieso“, sagte er lächelnd und schaute mich fragend an.

Ich fing an, mich bei ihm auszulassen. Und es ging mir schon nach gefühlten zwei Minuten besser. Er schaute mich freundlich an und nickte, riet mir, mit einem Besenstiel unter die Decke zu klopfen. Ich fing an zu lachen, weil ich genau dasselbe im Kopf hatte, bevor ich auf den Balkon floh.

Dann sagte er mir: „Aber es ist eigentlich so wunderschön ruhig hier. Schauen sie all die Bäume. Keine lauten Autos, gar kein Lärm. Ich weiß nicht was da oben los ist. Ich habe eben gebadet und mir die Nägel gemacht.“

Ein leichter Wind wehte und der alte Mann roch wirklich nach frischem Shampoo. Dann zeigte er mir stolz seine Nägel und ich schaute verwundert auf seine rechte Hand.

„Ich hab am Dienstag vielleicht eine OP, mein rechtes Augenlid rutscht immer weiter herunter. Das wird ohne Vollnarkose sein.“ Ich fragte ihn, warum die OP nur vielleicht wäre.

„Na weil wir Corona hatten und die wollen mich vorher testen. Aber wenn ich noch eine bestimmte Virenlast innehabe, dann wollen die mich drei Tage vorher und drei Tage danach isolieren. Ich kann dann nicht mal raus zum Rauchen. Ne, das mach ich net. Das Leben ist zu kurz für so 'nen Scheiss!“, sagte er und lachte breit. Ich lachte herzhaft mit und fragte ihn, wie er Corona „überstanden“ hat.

„Dat war doch nix!“ sagte er, „Ich habe viel Schlimmeres überstanden, da schaff ich auch so ne Augen-OP!“ und zeigte wieder stolz seine rechte Hand. Die Hand war verstümmelt. Es fehlten der Daumen, der Zeigefinger, der Mittelfinger und noch ein halber kleiner Finger.

Er strahlte und sagte: „Die hab ich mir selbst zerbombt!“

Mir fiel die Kinnlade runter und ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich fragte, wie das geschehen sei, und er holte weit aus: Als 16-Jähriger, als die Russen wieder aus Deutschland abgezogen waren, rannte er oft in den Wald an eine Stelle, wo man alte Waffen, Bomben und Sprengstoff einfach eingegraben hatte, weil man sie nicht mit zurückschleppen wollte.

Er grub in diesen verschütteten Gruben herum und sammelte alles, was er fand. Er fand dann einen alten Sprengsatz, den er genau untersuchte. Zu seinem Pech explodierte ihm das Teil in seiner Hand. So kam seine Stümmelhand zustande. Stolz fügte er hinzu: „Aber ich kann heute alles mit der Hand. Kann sogar mit dem Stummel hier eine Nadel vom Boden aufheben.“

Er strahlte und ich strahlte mit ihm. Wahnsinn. Wahnsinn, was dieser unscheinbare alte Mann da erzählte und ich stand weiter neugierig am Geländer und hoffte, dass er mehr erzählen würde.

„Ich hab mir das selbst eingebrockt“, lachte er. „Irgendwas ist komisch mit mir“, sagte er nachdenklich und fuhr fort: „Ich hätte schon so oft weg sein müssen, aber es passiert einfach nicht. Vor acht Jahren hätte ich ganz weg sein müssen, aber selbst da bin ich geblieben.“

Vor acht Jahren wurde dieser Mann, als er bei Grün für Fußgänger über die Straße lief, einfach überfahren. Die Frau am Steuer war aus Versehen einfach bei Rot gefahren. Sie nahm ihn komplett mit und zerrte ihn noch zehn Meter mit dem Auto über die Straße.

„Aber daran kann ich mich nicht erinnern“, sagte er wieder lachend. „Also da war ich wirklich kurz weg.“

Der Mann war so gut wie tot. Seine ganze rechte Seite vom Schädel war zertrümmert. Durch eine Notoperation versuchte man ihn zu retten. Wie durch ein Wunder wurde er wieder wach und bekam eine Metallplatte als Schädelersatz an die offene Stelle am Kopf.

„Aber wissen Sie, ich hatte furchtbare Kopfschmerzen von dem Ding! Das war furchtbar. Und da war noch was, was doof war. Ich konnte mich an gar nichts mehr erinnern. Weder an mich, meinen Namen, meine Frau. Ich konnte nicht mehr reden. Obwohl in meinem Kopf alles normal klang, konnte mich niemand verstehen.

Ich musste alles neu lernen. Reden, Laufen, Schreiben – einfach alles. Und die Frau von der Therapie war so nervig, die hat mich millionenfach dasselbe gefragt, bis ich mich aus Wut über sie an das meiste wieder erinnern konnte. Das war gut, dass die das so gemacht hat. Das Einzige, das noch doof ist: Ich schmecke und rieche nichts mehr. Ich spüre auch keinen Hunger mehr. Aber meine Frau passt auf, dass ich regelmäßig esse“, erzählte er lachend.

„Irgendwann habe ich beim Arzt gesagt, ‚Du das geht so nicht. Das geht nicht. Ich habe ständig Kopfweh.‘ Und dann haben sie mir eine neue Platte gemacht in den Kopf und seitdem ist alles super.“

Als ich nach dem Gespräch wieder rein ging, war es oben still und still auch hier unten. Kein Lärm mehr, stattdessen innige tiefe Freude.

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Kommentar von Thorsten

das wahre Leben findet sicht im Kleinen. Berührend.