Können Sie mir helfen?

Enkeltrick jetzt auch via WhatsApp

von Bertolt Willison

1.600 Euro überwiesen an eine Unbekannte, trotz Anzeige ohne Aussicht, das Geld jemals wiederzubekommen. Die Betrüger sind über alle virtuellen Berge.© Quelle: Bertolt Willison & sein Freund

Gehört haben wir alle schon mal vom Enkeltrick. Omas fallen gerne drauf rein. Eltern seltener. Es beginnt zumeist mit einem harmlosen Anruf, am anderen Leitungsende fragt jemand: „Rate mal, wer dran ist?“

Großmutter Ahnungslos fragt: „Lars?“ Und die Falle ist zugeschnappt, denn natürlich ist es der liebe Enkel Lars, der nun seine Oma bittet, ihr zu helfen. Er braucht Geld, viel und schnell. Für einen Autokauf, ein echtes Schnäppchen. Oma springt ihrem Lars natürlich gerne zur Seite. Hebt Geld ab oder hat es sogar zu Hause unter dem Kopfkissen liegen. Der Enkel hat leider selbst keine Zeit, lässt das Geld durch einen Bekannten abholen. Oder es war bereits der nette Bekannte, der anrief und für den Enkel bat. Alles erstunken und erlogen, Oma betrogen.

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Den Schaden für die Betroffenen durch den Enkeltrick beziffern Polizeibehörden in Deutschland auf über 100 Millionen Euro jährlich. Die Dunkelziffer mag man sich nicht ausmalen, denn Scham führt dazu, dass viele erfolgreiche Enkelbetrügereien nicht angezeigt werden.

So etwas kann uns, die wir im Berufsleben stehen, mental noch auf voller Höhe, nicht passieren. Dachte ich bisher auch, aber Pustekuchen: Ein guter Freund, Anfang 60, in der Finanzbranche tätig, erzählte mir seine Geschichte.

Ausgerechnet er, mit allen kaufmännischen Wassern gewaschen, ist auf diese Enkeltrick-Betrüger hereingefallen. Jedenfalls auf die moderne Version. Denn der Trickbetrug lief nicht übers Telefon, sondern per WhatsApp. Und es war in seinem Fall auch eher ein Vatertrick.

Einiges Geld hat er verloren, doch auch etwas gewonnen, wir werden es später sehen.

Und so schilderte mir mein Freund den Ablauf der Betrügerei. Und er zeigte mir Screens vom WhatsApp-Verlauf. Denn ohne diese Screens wäre ich mir vorgekommen, als wolle mein Freund mir einen Bären aufbinden. Dann zeigt er mir auch noch die Anzeigenaufnahme der Internetwache der Polizei Berlin.

Was er mir dann berichtete, war starker Tobak.

Es war schon recht spät am Abend gewesen. Er döste vor sich hin, als sein Handy piepte. Eine Textnachricht via WhatsApp.

Eine unbekannte Nummer schrieb ihm: „Hallo Papa, das ist meine neue Nummer. Mein Telefon schaltet sich nicht mehr ein, also kannst du mich jetzt unter dieser Nummer anrufen und simsen.“

„Jonas?“

Unbekannte Nummer zurück: „Können sie mir helfen?“

„Ich kann es versuchen.“

Wieder die unbekannte Nummer: „Ich kann keine Online-Zahlungen vornehmen, weil ich diese Nummer nur vorübergehend habe, aber ich muss heute eine Zahlung leisten, und zwar noch heute. Wenn es nicht zu viel verlangt ist, könnten Sie die Zahlung vornehmen und ich zahle es Ihnen zurück, wenn mein Online-Banking wieder funktioniert.“

„Kannst mich ruhig Duzen. Mache ich natürlich. Gib mal die Daten durch.“

Unbekannte Nummer: „Okay, ich schicke Ihnen die Daten, danke.“

„Gehirnerschütterung?“

Keine Antwort.

„Wolltest Du mir noch Daten schicken? Ich gehe gleich schlafen.“

Unbekannte Nummer: „Empfänger: Lina van Moonsen, IBAN: DE11 1033 0120 5522 6413 40, BETRAG: 1.600 Euro“

Spätestens an der Stelle wären die meisten wohl ausgestiegen, aber meinem Freund fiel ein, dass sich sein Sohn ein neues Musikinstrument anschaffen wollte. Alles passte genau, sogar der Preis.

Mein Freund hilfsbereit: „Ich gebe auch Deinen Namen an. Ok?“

Unbekannte Nummer schrieb binnen Minuten zurück: „Ja, ist gut, danke. Kannst du ein Bild schicken, wenn die Zahlung erfolgreich war?“

Mein Freund überwies also in Echtzeit 1.600 Euro an Lina von Moonsen und schickte das gewünschte Bild vom Zahlungsbeleg.

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10 Minuten später.

Unbekannte Nummer: „Danke für die Hilfe. Aber ich habe noch eine Zahlung völlig vergessen. Können Sie mir auch bei dieser helfen? Ich zahle es dir zurück, sobald ich mein Handy wiederhabe.“

Mein Freund: „Sag an.“

Unbekannte Nummer: „Empfänger: Lina van Moonsen, IBAN: DE11 1033 0120 5522 6413 40, BETRAG: 2.700 Euro.“

„Wofür ist denn das ganze Geld eigentlich???“

Unbekannte Nummer: "Es handelte sich um fortlaufende Konten."

„Genauer bitte.“

Unbekannte Nummer: „Ich habe vergessen, es zu bezahlen. Ich werde es Ihnen sofort zurückzahlen.“

Mein Freund, nun etwas ungeduldig: „Ich leihe Dir doch nicht so viel Geld, ohne zu wissen, wofür.“

Unbekannte Nummer: „Privatarzt. Keine Sorge, Papa, du hast es am Freitag wieder.“

„Ich mag diese Geheimniskrämerei nicht. Ohne klare Infos überweise ich nichts mehr.“

Unbekannte Nummer: „Wenn nicht, können Sie 2.000 Euro überweisen und ich werde den Rest in Raten bezahlen? Ich musste mir Hämorrhoiden entfernen lassen und bin zu einem Privatarzt gegangen, weil die Wartezeit sonst zu lang war, aber ich spreche nicht gerne darüber, weil es ein bisschen beschämend ist...“

Mein Freund, leicht ungehalten: „Was soll diese beknackte Siezerei? Ich bereue jetzt schon die 1.600.“

Unbekannte Nummer: „Es ist sehr ernst, es hat mich wirklich beunruhigt, warum sollte ich lügen?“

„4.300 Euro dafür? Für eine private OP? Das ist ungeheuerlich. Und uns nichts zu sagen, enttäuscht mich tief.“

Unbekannte Nummer: „Es tut mir leid, dass ich mich dafür schäme, deshalb.“

„Sprich mit der Ärztin und bitte sie um Zahlungsaufschub. Freitag möchte ich meine 1.600 Euro wiederhaben. Gute Nacht.“

Unbekannte Nummer: „Ist gut Papa. Danke nochmal.“

Mein Freund holte etwas aus: „Du erinnerst Dich doch an meine fiese OP damals. War uns da irgendwas peinlich? Über jedes Detail haben wir gesprochen, mit Mama als Krankenschwester im Team. Und Du traust Dich nicht, mit uns gemeinsam eine Lösung zu finden, und gibst so viel Geld aus. Wahnsinn, mein Sohn. Wir reden morgen nochmal. Jetzt bin ich zu aufgewühlt.“

Unbekannte Nummer: „Okay, Papa, entschuldige, wir sprechen uns morgen.“

Beide schickten sich Herzchen hin und her. Der Chat schien beendet. Doch wenige Minuten später meldete sich Jonas noch einmal.

Unbekannte Nummer: „Können Sie mir wirklich nicht mit der Zahlung helfen, ich will mich nicht verschulden, ich bin schon spät dran?  Weniger ist auch gut, dann zahle ich den Rest in bar, kein Problem.“

„Woher willst Du denn das ganze Geld nehmen?“

Unbekannte Nummer: „Keine Sorge, Papa.“

Mein Freund: „Raus mit der Sprache, bitte.“

Unbekannte Nummer: „Gute Nacht, Papa.“

„Mama und ich kommen morgen Nachmittag zu Dir. Dann besprechen wir, was zu tun ist. Wir werden schon eine Lösung finden.“

Unbekannte Nummer: „Ist gut, danke.“

„Dann bis morgen. Bis dahin kann die zweite Überweisung warten.“

Unbekannte Nummer: „Okay, gute Nacht.“

„Gute Nacht, Großer.“

Nächster Tag, 14:00 Uhr. Mein Freund erinnerte Jonas via WhatsApp:

„Mahlzeit. Wir kommen um 16 Uhr. Sollen wir Kuchen mitbringen?“

Unbekannte Nummer: „Es ist in Ordnung, Papa kann Du mir kein Geld mehr geben? Ist wirklich notwendig.“

Mein Freund: „16 Uhr?“

Unbekannte Nummer: „Rufen Sie mich dann an.“

"Wir sind um 16 Uhr bei Dir."

Wie versprochen stehen mein Freund und seine Frau Punkt 16 Uhr mit Kuchen vor der Haustür ihres Sohnes. Er ist Mitte Zwanzig und wohnt ganz in der Nähe. Sie klingeln. Warten. Klingeln noch einmal. Jonas öffnet.

Was dann passiert, schildert mein Freund so:

Ich sage „Hallo“, gehe an ihm vorbei, setze mich aufs Sofa. Körperspannung. Dicke Hose. Wir müssen reden. Das gibt eine klare Ansage, wie man solche Sachen organisiert. Wie man unnötige Ausgaben vermeidet. Weiß er doch eigentlich schon alles.

„Was ist denn los? Warum seid Ihr hier? Ohne Bescheid zu geben.“

„Aber ich habe Dir doch geschrieben, dass wir kommen.“

„Wem? Mir? Nein.“ Das klingt streng.

Ich erschlaffe. Meine Frau schaut mich an. Es könnte Mitleid sein. Hoffentlich ist es nicht mehr. Jonas grinst breit: „Erzähl doch mal: Mit wem hast Du geschrieben?“

Und ich erzähle von der WhatsApp-Nachricht, von der neuen Nummer, von der ersten Überweisung, meiner klugen Weigerung, auch noch die zweite Zahlung zu tätigen, von meinem Gesprächsbedarf. Über Vertrauen in unserer Familie und so.

„Du weißt, dass Du auf eine billige Betrugsmasche reingefallen bist? Ein typischer Rentnertrick. Habe ich schon von gehört. Dein Geld bekommst Du nicht wieder“, sagt Jonas.

Geht es noch peinlicher? Kann ich mich in Luft auflösen?

„Du musst es ja haben, Papa.“

Meine Frau verlässt ihren Mitleidmodus und befindet sich nun in einer Lachdauerschleife. Ich liebe es, wenn sie lacht. Meistens. Jonas schaut mich streng an. Eingespieltes Team, die Beiden, denke ich.

Wie konnte mir das nur passieren? Ich suche nach Erklärungen. Die Betrüger haben mich mehrfach getriggert.

Da waren ausgerechnet die 1.600 Euro, die Jonas und seine Freundin Maria demnächst für eine Handpan ausgeben wollten.

Da war die Ansprache „Papa“.

Da war der Wechsel zwischen Siezen und Duzen – der schräge Humor, der für unseren Sohn so typisch ist.

Da waren die Hämorrhoiden, unter denen Jonas schon einmal gelitten hat.

Klingt wie geplant und wird doch eher Zufall gewesen sein.

1.600 Euro überwiesen an eine Unbekannte, trotz Anzeige ohne Aussicht, das Geld jemals wiederzubekommen. Die Betrüger sind über alle virtuellen Berge.

Noch an diesem Nachmittag beschloss mein Freund, das Gute im Schlechten zu sehen, Flasche halb voll: Er sei doch auch Gewinner – der Summe nämlich, die er nicht überwiesen habe. Und: Jonas sei kein Esel, der Esel wäre er. Was ihm viel lieber ist. Wichtig: Die Familie steht stabil. Vollstes Vertrauen. Mit einem Vater, dessen vermeintlicher Heiligenschein von nun an weniger glänzt. Aber da muss er durch. Um 1.600 Euro ärmer und eine Geschichte reicher.

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