Toddn Kandzioras Wochenrückblick 15/2021

Eure Freiheit ist nicht meine

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Eure Freiheit ist nicht meine
Da auch im Winter Bäume gefällt, gerückt, entastet und zerteilt werden müssen, gab es Typen wie mich. © Foto: Pixabay / Michal Jarmoluk

In den letzten Jahren vor der deutschen Wiedervereinigung arbeitete ich im Winter als nicht versicherter Holzfäller im hessischen Knüllgebirge unweit von Marburg. Nicht auf Steuerkarte. Die staatlichen Holzfäller machten in dieser Zeit Kurzarbeit oder hielten ihren behördlich erteilten Winterschlaf.

Da jedoch auch im Winter Bäume gefällt, gerückt, entastet und zerteilt werden müssen, gab es vor Ort Typen wie mich. Leute, die ohne Sicherheitskleidung und derartigen Firlefanz, den wir uns eh nicht leisten konnten, bei Regen, Schnee und Minustemperaturen im Wald arbeiteten.

Warum? Weil wir jung und bescheuert waren. Weil wir nicht wussten, wohin mit der Kraft von Zwanzigern. Doch der Hauptgrund war, weil wir das Geld brauchten. In meinem ersten Winter hatte es gleich zwei Kollegen während der Arbeit zerlegt. Einer rutschte beim Entasten vom eisigen Stamm und fiel mit dem Oberschenkel in seine am Boden liegende, noch kreisende Säge. Er hatte Glück. Weder das Gemächt noch eine Hauptschlagader wurden verletzt. Eine Riesensauerei war es trotzdem. Einem anderen Mitstreiter, ich war Gott sei Dank nicht dabei, riss ein splitternder Baum beim Sägen den Unterkiefer aus dem Gesicht.

Den Job hatte ich annehmen müssen, da diverse Schulden zu tilgen waren. Überflüssige Schulden, die sich während meiner Bundeswehrzeit angesammelt hatten. Unter anderem mehrere tausend DM, da meine Wohnungsmiete nicht von der Bundeswehr übernommen wurde. Nur zwei Wochen fehlten mir zu der benötigten Zeitspanne, die mir ein Recht auf Kostenerstattung gewährt hätten. Zwei popelige Wochen! Da die Mietkosten meiner Wohnung das doppelte des damaligen Wehrsoldes von nicht einmal 250 DM im Monat noch überstiegen, wurde ich vom dem Staat, der mich fünfzehn Monate lang zwang, meinen Arsch hinzuhalten, noch in den selbigen getreten.

Da die Verhandlungen mit dem Kreiswehrersatzamt über die Übernahme der Mietkosten sich über mehrere Monate hinzogen und ich nach dem Erhalt des negativen Bescheids eine Kündigungsfrist einzuhalten hatte, galt es nun allein für diese finanzielle Baustelle mehr als dreitausend DM zu begleichen. Hinzu kamen weitere Vollstreckungsbescheide und ein Haftbefehl, der wegen Nichtzahlung etlicher für falsches Parken angesammelter Verwarnungsgelder auf meinen Namen vollstreckt werden sollte.

Kein so schlechter Grund, in verschneiten Wäldern weit entfernt der nächsten Polizeiwache Kohle zu machen, um im Frühjahr in der Stadt mit ruhigem Gewissen und einem Belohnungsbier in der Hand am Lieblingstresen stehen zu können. Die anderen, mit denen ich gemeinsam im Wald arbeitete, die hatten ebenfalls ihre Gründe dafür. Mit mir arbeiteten ein ehemaliger, recht dunkler Kindersoldat aus fernem Land, ohne Aufenthaltsgenehmigung und Emotionen. Ebenfalls mit dabei war ein – ich sage mal: aus politischen Gründen – polizeilich gesuchter Landsmann und weitere Sonderlinge, die ihre Ruhe vor wem oder was immer auch haben wollten und die eine letzte Möglichkeit zur Geldbeschaffung als illegaler Holzfäller gefunden hatten.

Ich wohnte mit dem ehemaligen Kindersoldaten in einer uralten Kate aus dem siebzehnten Jahrhundert ohne Wasseranschluss am Waldrand. Das Haus bestand aus Feldsteinen, Lehm, Stroh und Balken. Unser Wasser schöpften wir aus dem Hofbrunnen, wenn es das Winterwetter zuließ. Als Toilette diente uns ein morsches Plumpsklo, in dem im Winter vor einem Gang zuerst die zugefrorene Grube mit der Eisenstange zerstoßen werden musste. Wegen der Nagetiere. Das Haus war recht klein und hatte nur wenige Räume. Unten gab es eine behagliche Wohnküche mit einem riesigen antiken Küchenofen und ein kleineres Zimmer neben der Treppe für Werkzeug und Gerätschaften. Die schmale, wacklige Leitertreppe aus wurmstichigem Kirschholz führte zu zwei kleinen Schlafkammern. Manchmal in der Nacht hörte ich meinen Mitbewohner im Nebenzimmer laut im Schlaf schreiend. Dann wankte ich schlaftrunken zu seinem Zimmer hinüber und weckte ihn, was nicht ganz ungefährlich für mich war. Gemeinsam torkelten wir dann nach unten in die Küche, um seine albtraumhaften Erinnerungen mit Alkohol zu betäuben und ein frühes Frühstück auf der schnell angefeuerten Küchenhexe zu zubereiten.

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Wenn ich mich heute richtig erinnere, dann zahlten wir zusammen achtzig Mark Miete im Monat für das Haus mit ein paar wackligen Stallungen und einem Plumpsklo aus dem Dreißigjährigem Krieg. Unsere Lebensmittel kauften wir von verschiedenen in der Nähe gelegenen Höfen. Käse, Milch und Butter von dem am nahestehen gelegenen. Gute trinkbare regionale Weine und Honig von einem weiter abgelegenen Hof. Fleisch und Wurst wieder von einem anderen. Ich glaube heute, dass ich niemals in meinem Leben wieder so leckere, nahrhafte und gesunde Nahrung zur Verfügung gehabt habe. Das gute Leben kostete uns wenig. In den Achtzigern zahlte der Mensch in der Regel keinen finanziell extravaganten Aufpreis, wenn es sich um ein BIO-Erzeugnis handelte.

Für uns war der Einkauf beim heimischen Erzeuger günstiger als in jedem Stadtgeschäft. Es war ein gutes Leben, das wir führten. Ein gesundes Leben zudem, auch wenn wir beiden als behördlich gesuchte Personen galten, so fühlten wir uns doch auf besondere Weise als freie Menschen. Wir gingen morgens mit geschärften Sägen in den Wald, verrichteten unser Tageswerk, egal bei welchem Wetter. Mittags war die ersehnte Brotzeit. Zu dieser wurde ein guter Käse auf selbst gebackenem Brot mit hiesigem Wein eingenommen. Dann ging es weiter. Sägen. Entasten. Stämme zerteilen.

Die metergroß zersägten Baumstücke mussten wir selbst die Abhänge hinunter wuchten. Das Rücken mit Pferdegespannen war im Winter nicht gern gesehen und im Grunde auch nicht möglich. Wir arbeiteten oft bis Sonnenuntergang und bis zum Umfallen. Bis wir das Blatt der Säge vor Augen nicht mehr sehen konnten. Alle paar Tage gingen wir zum Ausgleich gemeinsam in die einzige Kneipe des Dorfes, das weniger Einwohner zählte, als es Namensschilder hatte auf dem Klingelbrett eines Freundes in Berlin-Kreuzberg hat. In der Gastwirtschaft waren wir bald bei den Einheimischen aufgenommen und gern gesehen, da wir nicht nur hart zu arbeiten verstanden, sondern auch anständig zu trinken. Wohlsein.

Das war in den späten Achtzigern. In einem vergangenen Jahrtausend. Fast liest es sich wie eine Geschichte aus einem anderen Land. So kommt es mir heute vor, wenn ich mich zurückerinnere. Ich hatte das Glück als junger Mann in diesem fernen Land leben zu können. Leben zu dürfen. Ich war ein freier Mensch. Ich lebte, wie es sich ergab und wie ich es wollte. Nicht unter einer permanenten Überwachung. 24/7 kontrolliert durch die heutigen Möglichkeiten. Niemand von uns hatte im Wald ein Handy oder ein Smartphone dabei. Diese Technik war noch ferne Zukunft. Eine Telefonzelle gab es erst in der nächsten Kleinstadt. Weit weg.

Nicht einmal im nächsten Dorf gab es eine. Wenn es einen von uns bei der Arbeit erwischte, dann musste der Pechvogel damit leben und wir mit dem Anblick umgehen können. Wir allein waren für unser Tun und unser Leben verantwortlich. Jeder Schritt während des Entastens auf einem vereisten Baumstamm über einer Schlucht hätte einer zu viel sein können. Jeder gefällte Baum hätte uns Unglück bringen können. So ist es, das freie selbstgewählte Leben. Es kann aufregend sein. Es kann gefährlich werden. Es kann in manch einsamer Nacht verzweifeln lassen oder – seltener zwar – einen Menschen auch vor reinem Lebensglück schier zerspringen lassen. Wer bereit ist zur Annahme allen Möglichen, wer zum Leben Leid, Glück, Schmerz, Freude und Gefahr hinzuzählt, wer sogar darum weiß, dass der Tod unausweichlich ist – aber bitte erst wenn es Zeit ist – wer bereit ist dies alles anzunehmen, nun, der lebt. Der ist Mensch.

Wer dieser Tage ohne Argwohn und Protest bereit ist, die Kontrolle über sein eigenes Leben einem derzeit regierenden Gesundheitssystem unterzuordnen, den von diesem kaum nachzuvollziehenden Verordnungen, Bestimmungen und Verboten Folge zu leisten, der wird in naher Zukunft in diesem Land wenig Probleme haben. Braucht sich weniger Sorgen machen. Ob dieses sorgenfreie und problemfreie Dasein dann jedoch noch Leben genannt werden kann, das ist jedem, der sich fügt (oder halt nicht) selbst überlassen.

Und im Jahr 2 nach Corona? Lebe ich ein selbstbestimmtes Leben? Ich persönlich verneine dies entschieden. Doch habe ich andere Maßstäbe an das Leben. Ich habe Erfahrungen gemacht, die viele derjenigen, die sich heutzutage gut einzurichten wissen, wohl nicht machen wollten oder konnten – oder mussten! Aus welchen Gründen auch immer.

Viele Menschen – vielleicht die gute Mehrheit, die sich in dieser Normalität eingerichtet hat – scheinen selbst im dritten Lockdown, den ansteigenden Arbeitslosenzahlen und sinkenden Steuereinnahmen, den regionalen Ausgangsverboten und Kontaktsperren kein Problem zu sehen. Ach, die Maske zu tragen ist doch gar nicht schlimm, stellt euch nicht so an. Nach 21 Uhr zu Hause bleiben? Dann geht man halt früher schlafen! Die Kneipen sind zu? Ist doch egal, ich war eh schon seit Jahren nicht mehr aus. Theater? Brauche ich nicht. Ich hab doch NETFLIX.

Sie klagen nicht. Sie nörgeln nicht. Sie tragen alle Entscheidungen der besten Kanzlerin aller Zeiten und ihrer Sturmtruppe ohne geistigen Widerstand mit. Eben genau so, wie es Merkel von ihrer Bevölkerung verlangt hatte. Dieser satten und gut situierten Bevölkerung. Einer Bevölkerung, so scheint es mir, die in ihrer folgsamen Mehrheit aus Nichtklägern, Nichtnörglern und Mitmachern besteht – viele gute Menschen auf die Merkels neues Land baut.

Diese „Garant*innen“ der entdeutschten, europäischen Zukunft, welcher ich mehr als skeptisch entgegenblicke. Dieser gesundheitsbewussten Mehrheit, die wenig, bis nichts vermisst, weil es von ihnen so erwartet, nein, verlangt wird. Mag dies Ungemach ihrer finanziellen Sattheit oder gesellschaftlichen Saturiertheit geschuldet sein. Ich verstehe es nicht. Ich bin nicht bereit diesen, ihren Weg mitzugehen. Ich lehne diesen Gang entschieden ab. Gelinde ausgedrückt.

Während ich an dieser Kolumne schreibe, versucht gerade Merkel das Infektionsschutzgesetz im Parlament durchzuboxen. Wenn dieses Gesetz verabschiedet wird, dann sollte jeder wissen, was die Stunde geschlagen hat. Dann wird Merkels Party erst richtig losgehen. Wer wird auf ihrer Party für die Musik verantwortlich sein? Wer wird sich um nicht geladene Personen kümmern und diese des Saales verweisen? Wer bitte schön, wer wird nach der Party – irgendwann ist jede Feier vorbei – Großreinemachen? Letzte Frage! Wer holt den ganzen Müll eigentlich wieder ab, der auf Merkels Party zusammenkam? Wer also sind die Liquidatoren in der Postmerkelära?

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Kommentare

Kommentar von Frank Reichelt

Wie gut ich die Gedanken nachvollziehen kann. Vergegenwärtige ich mir mein Verständnis von Freiheit mit jenem der jüngeren Generation, scheinen sich Welten zu trennen. Die heutige "Freiheit" empfinde ich zunehmend als Garotte am Hals, als Mahnung zur Achtsamkeit - zu bedenken, was und wie man es sagt, die Worte abzuwägen, die möglichen Folgen, einem Schachspiel gleich, über mehrere Züge vorherzusehen.
Ganz praktisch musste ich vor einigen Jahren erfahren, wie es ist, auf der "schwarzen Liste" zu stehen. Ein Geschäft kam nicht zustande, da dem Geschäftspartner meine öffentlich einsehbaren Unmutsbekundungen und Kritik am politischen Status quo bekannt wurden, und dieser für sich keine Nachteile von Seiten seines Hauptauftraggebers (öffentliche Hand Bayerns) inkauf nehmen wollte, welche er befürchtete, wäre dieses Geschäft unter zwei ordentlichen Kaufleuten bekannt geworden.
Dass ein Geschäft nicht zustande kommt, ist keine Seltenheit. Die Gründe hingegen waren einst alarmierende Ausnahme - bei Neuakquise einer gewissen Sorte (potenzieller) Geschäftspartner heutzutage hingegen zunehmend Regel.
Stromlinienförmige "Haltung" ersetzt fachliche Kompetenz und Expertise; Obrigkeitshörigkeit, Vasallentreue und Jakobinertum jeden Gedanken an Freiheit, Eigenverantwortung und die gesunde Skepsis gegenüber allen Heilslehren.

Ja, Herr Kandziora, ich unterschreibe Ihre Worte: "Eure Freiheit ist nicht meine" - und wird es nie sein!