Wer wissen will, wie Heuchelei in der Geopolitik funktioniert, muss sich das europäische Drohnenbudget für die Ukraine ansehen. Brüssel stellt Milliarden bereit, um Kiew zu stützen. Ein gewaltiger Teil dieser Steuergelder wandert trotzdem nach China und in die Taschen von Zwischenhändlern.
Das ist der Skandal auf der Meta-Ebene: Europa finanziert denselben chinesischen Zuliefermarkt, den es politisch als Kriegshelfer Russlands brandmarkt. Den direkten Weg verbietet es extra, damit niemand das zugeben muss. Teurer und korrupter wird der Einkauf deshalb nicht trotz der Moral, sondern wegen der Moral.
An der Front herrscht brutaler Verschleiß. Die Ukraine verbraucht zehntausende FPV- und Aufklärungsdrohnen im Monat. Weil die europäische Industrie die Stückzahlen nicht liefert, wich Brüssel der Realität. Unter dem EU-Finanzierungsprogramm SAFE gilt für Rüstungsaufträge eine harte Kappe: Höchstens 35 Prozent der geschätzten Komponentenkosten eines Endprodukts dürfen aus Drittstaaten stammen.
Für die akute Drohnenbeschaffung der Ukraine kommt der große Brocken nicht allein aus SAFE, sondern aus dem Ukraine-Support-Kredit. Die erste Drohnentranche liegt bei rund sechs Milliarden Euro. Weil Europa Akkus, Motoren und Platinen nicht in Kriegsgeschwindigkeit produziert, gab es Ausnahmen. Die Financial Times berichtete, dass Kiew für diese Tranche chinesische Drohnenkomponenten mit EU-Geld kaufen darf.
Rechnet man die 35-Prozent-Kappe auf diese erste, rund sechs Milliarden Euro schwere Tranche hoch, steht ein Beschaffungsvolumen von bis zu zwei Milliarden Euro im Raum, das als Materialwert in Drittstaatenketten und damit vor allem nach China und an Zwischenhändler gehen kann. Das ist die maximale Rechengröße, kein bereits belegter Kontoauszug. Kommissar Kubilius nannte je nach Zählweise grob zehn bis dreißig Prozent der bisher zugeordneten Verträge Richtung Drittstaaten.Hier beginnt das Geschäft.
Direkt bei Chinas Staatskonzernen bestellen gilt als politisch unmöglich. Peking gibt sich offiziell „neutral“. Ein sauberer Staatsvertrag fällt aus. Die Folge ist ein künstlich erzeugter Umweg. Polnische, andere osteuropäische und ukrainische Zwischenhändler kaufen Akkus, Motoren und Platinen billig in Shenzhen. Sie deklarieren die Ware als zivile Elektronik und schlagen beim Weiterverkauf astronomische Margen drauf. Getarnt wird der Profit als Kriegsrisiko-Aufschlag oder Logistikgebühr.
Das EU-Kontrollsystem greift dort kaum. Die Betrugsbekämpfer von OLAF sitzen in Brüssel. In improvisierten Werkstätten an der Front hat sich noch kein europäischer Prüfer unangemeldet blicken lassen. Verträge und Geldströme laufen über Ketten, die Brüssel auf dem Bildschirm nur sieht, wenn nationale Behörden liefern.
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Dass das keine Theorie ist, zeigen die Fälle vor Ort. Die ukrainische Antikorruptionsbehörde NABU hat Netzwerke aufgedeckt, in denen Händler und Beamte Drohnen- und EloKa-Preise systematisch nach oben trieben, mit Kickbacks von bis zu 30 Prozent der Vertragssumme. Es gab Festnahmen und Verdachtsmitteilungen, darunter ein amtierender Abgeordneter der Kiewer Regierungspartei.
Die Absurdität liegt auf der Hand. Das Verbot, direkt in China zu kaufen, schützt niemanden. Es macht den Einkauf teurer und füttert die Grauzone. Ein offizieller, transparenter Direkteinkauf über ein EU-Mandat würde vielen Vermittlern die Geschäftsgrundlage entziehen. Es gäbe Stückpreise, Rechnungen, prüfbare Verträge. Jeder Steuer-Euro ginge eher in fliegende Hardware als in die Marge.
Brüssel und Peking wollen diesen Weg nicht. Niemand will vor den Kameras zugeben, dass der Westen Chinas Lieferketten mitfinanziert – und dass über dieselben Fließbänder in Shenzhen auch Bauteile für Russlands Armee laufen. Um das Gesicht zu wahren, nimmt der Westen den Verlust durch Umwege und Korruption in Kauf.
So zerschellen Herkunftsregeln am Frontalltag. Und so versickert Geld in Kanälen, die niemand in Echtzeit kontrolliert.
In Zahlen:
Erste Drohnentranche: rund 5,9 bis 6 Milliarden Euro aus dem EU-Ukraine-Kredit.
SAFE-Regel: höchstens 35 Prozent Drittstaatskomponenten, plus Einzelfall-Ausnahmen für den Kriegsbedarf.
Hochrechnung: bis zu rund 2 Milliarden Euro Materialwert in Drittstaatenketten, schwerpunktmäßig China.
NABU: dokumentierte Kickbacks von rund 30 Prozent, echte Beschuldigte inklusive Abgeordnetem.
Nachsatz:
Die Zwei-Milliarden-Zahl ist eine Obergrenzenrechnung aus der 35-Prozent-Kappe auf die erste Drohnentranche, kein nachgewiesener Mittelabfluss nach China. SAFE finanziert vor allem gemeinsame Beschaffung der Mitgliedstaaten. Der große Drohnenblock der Ukraine läuft über den separaten Ukraine-Support-Kredit mit eigenen Herkunftsregeln und Derogationen. Beides wird in der Debatte oft in einen Topf geworfen. Die Richtung der Kritik ändert das nicht: Europa kann die Teile nicht liefern, China kann sie liefern, Zwischenhändler und Korruption fressen die Differenz.
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