"Westdeutscher Blick auf Proteste im Osten – Höhnisch und herablassend"

Feiert der Spiegel die ostdeutsche Opposition? Nein, es war nur ein Ausrutscher

von Gregor Leip (Kommentare: 2)

Diese nach dem Zusammenbruch der DDR entstandene Bürgerbewegung und Oppositionsgruppen haben rein gar nichts mehr zu tun mit den heutigen Protestierenden.© Quelle: Pixabay | Hermann , Tama 66, Hans I Montage Alexander Wallasch

Was bezweckt der Spiegel mit diesem Sinneswandel, fragt man sich verdutzt? Was die Kolumnistin des Spiegels, Sabine Rennefanz, da vor ein paar Tagen abliefert, liest sich beim ersten Durchsehen wie eine Ode an den freien mitteldeutschen Bürger.


Rennefanz schreibt: „Ein »Querdenker« war mal ein origineller Kopf und kein potenziell gefährlicher Umstürzler.“ Fast man traut dem Geschriebenen nicht recht und liest also noch einmal nach, ob da tatsächlich der Spiegel-Schriftzug im warmen Orange über der Rennefanz-Kolumne prangt:

"Es ist ein Klassiker, Menschen die Teilnahme am Diskurs abzusprechen, indem man sie als »dumm« oder eben »bescheuert« abstempelt. Oder, weil sie die falsche Sprache benutzen. Oder weil sie es wagen, das Wort »Montagsdemo« zu benutzen.“

Die Autorin erklärt aus ihrer Sicht die Demonstrationen der Ostdeutschen, die letztendlich den Untergang des DDR-Regime besiegelten. Nach ihrer Meinung war das Charakteristische der Demos, dass sie nicht von oben, von Parteien, organisiert waren, sondern als unorganisierte Revolte von unten wenig zielgerichtet abliefen.

Ist den Spiegel-Verantwortlichen hier ein eigener Artikel durchgerutscht?

Noch vor einigen Wochen schreibt Michael Kraske für den Spiegel von der großen Ostverharmlosung, und ob es neuerdings populär ist, Radikalisierungsprozesse im deutschen Osten zu Akten der Emanzipation umzudeuten. Das ist falsch und hat fatale Folgen, untertitelt Kraske.

Beim Durchsehen aber vorhergehender Spiegel-Artikel zum Thema „Der Ostdeutsche“ fällt tatsächlich auf, dass der Spiegel vermeintlich verständnisvoll in der Beschreibung der Deutschen aus der ehemaligen DDR ist. Da wird von einer Angst berichtet, die den Wähler im Osten tendenziell zum wählen extremistischer Parteien verleitet, und dass der Grund in der Deinidustrialisierung der DDR verwurzelt ist.

Der Spiegel erzieht sich den Ossi noch über dreißig Jahre nach der Wende: Nur die ostdeutsche Protestbewegung der Vergangenheit darf die legitimierte Version des bürgerlichen Protestes in den neuen Bundesländern sein.

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Aus Angst vor den befürchteten baerbockschen „Volksaufständen“ werden im Blick zurück die alten, die guten Demonstranten beschworen und zu Wort gebeten.

Dieter Dombrowski, Vorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, kritisiert mangelndes Geschichtsbewusstsein im Instrument der „Montagsdemo“ dieser Tage. Er ist sich nicht einmal zu schade, die Weimarer Republik und die gemeinsame Sache mit den Rechtsaußenkräften auf die jetzigen Demonstranten zu adaptieren.

Aber kann so etwas Früchte tragen? Nein, einen Meinungsumschwung oder ein übergeordnetes regierungsfreundliches Umdenken in die Reihen der ostdeutschen Demonstranten wird man damit 2022 schwerlich erreichen.

Diese nach dem Zusammenbruch der DDR entstandene Bürgerbewegung und Oppositionsgruppen haben rein gar nichts mehr zu tun mit den heutigen Protestierenden.
Im Gegenteil, die nach dem Ende der DDR organisierte Protestgruppe der 1990er Jahre ist über Merkel und den Grünen/Bündnis90 in der Ampel-Regierung in den meisten Köpfen der Ostdeutschen ein als Übel und argwöhnisch beäugter Übeltäter.

So betrachtet werden diese Oppositionellen auch dem Spiegel gefährlich, der sich von der Zuwanderungskrise über das Corona-Regime bis hin zum Ukrainekrieg als staatstragend, im Wortsinne, aufgestellt hat.

Umso überraschender jetzt die Kolumne der übrigens in Eisenhüttenstadt aufgewachsenen Sabine Rennefanz, die zur Wende 16 Jahre alt war, also weiß, wovon sie redet.

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