Toddn Kandzioras Wochenrückblick 25/2021

„Fischer, Fischer, welche Fahne weht heute?“

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„Fischer, Fischer, welche Fahne weht heute?“
Kolumnist Toddn Kandziora ist es leid. Nicht zum ersten Mal, aber es ändert sich ja nichts. Und er erinnert sich an früher, an eine denkwürdige Begegnung in seiner Kneipe am Tresen und am Kicker. © Foto: Unsplash / Eric Tompkins

Ich bin es leid. Ich bin das böse Spiel, zu dem ich gezwungen bin, es nach ihren Regeln mitzuspielen, so verdammt leid.

Was stimmt nur mit mir nicht, dass ich die Größe und Wahrhaftigkeit ihres Spiels nicht erkennen kann? Warum weigert sich mein Selbst vehement, diese vielen seit mehr als einem Jahr auf mich zielende Warnungen und Denkanstößen von Politik und Medien als die einzig gültige Wahrheit anzunehmen. Warum nur, warum kann ich nicht auch glauben?

Ich bin ihr falsches Spiel dermaßen leid, dass ich bereit bin, mich auf die Seite der potenziellen Verlierer zu stellen. Ich will in diesem Spiel weder Vorteile der derzeit führenden Seite genießen noch mich von wohlfeilen Schmeicheleien geehrt fühlen. Mich nicht auf Spieler*innen einlassen, vor denen ich Angst bekomme, weil ich in ihren Gesichtern so viel erblicke, was mich abstößt und ich verachte. So werde ich mit den anderen von unserem Spielfeldrand aus weiterhin mit Unverständnis das Spiel verfolgen, bis dieses ausgespielt hat. Vielleicht werden die heutigen Verlierer wie im Spiel „Fischer, Fischer welche Fahne weht heute“ im morgigen dann die Regeln aufstellen. Wer weiß.

Heute stellt sich für mich die Frage nicht mehr, ob oder aus welchen Gründen auch immer Bevölkerungen belogen, wie betrogen wurden und dies auch weiterhin werden. Ob nun zum eigenen Machterhalt, um einen kruden Auftrag zu erledigen, aus Unwissenheit oder aus Dummheit. Es ist mir unwichtig geworden, angesichts der regelkonformen, alles akzeptierenden Mehrheit hinter den Vorhang zu blicken.

Einem großen Teil der Bevölkerungen ist es offensichtlich völlig egal, ob sie den vielen aufgetischten Lügen aufgesessen sind, die zuletzt auch als solche entlarvt wurden. Es scheint die alles akzeptierende und daher gute Mehrheit weder zu berühren noch zu interessieren, dass sie Menschen als Spinner und Leugner titulierten und aus diesem Grunde oft in rechte Schubladen steckten, wenn diese nur versuchten, ihnen eine andere, differenzierte Sicht auf gewisse Dinge zu ermöglichen.

Lieber folgen sie weiterhin falschen Propheten und verteidigen gar vehementer noch den neuen Glauben. Solange von oben der falsche Schein bewahrt bleibt und von den neuzeitlichen Propheten bestätigt wird, solange können sich die ihrer Sache sicher sein, die die Scheinwerfer in den Händen halten mit denen sie jede aufkommende Wahrheit zu überstrahlen in der Lage sind.

Im Glanz dieses Lichtes erinnere ich mich an eine alte Begebenheit aus alten Kneipentagen: Damals, vor mehr als zwanzig Jahren, stand ich fünf Tage die Woche hinterm Tresen einer über die Region hinaus bekannten Szenekneipe einer größeren Stadt in Niedersachsen. Kein leichter Job. Wirklich nicht. Und ich war auch nicht mein bester Kunde. Als solcher hätte meine Gesundheit die verqualmten Nachtschichten nicht Jahre durchgehalten. Wie auch immer.

Zu der Zeit damals war wieder das jährliche Filmfest in der Stadt angelaufen. Dieses Filmfest ging knapp eine Woche und es gab einen amtlichen Preis zu gewinnen. Den Heinrich. Der wurde (und wird noch heute) für Filme verliehen, die ich in der Regel weniger interessant finde, die aber von Zuschauern als „besonders wertvoll“ betrachtet werden sollen. Wie dem auch sei, dafür waren die damaligen Macher, bzw. die heutigen „Macher*innen“ manch der gezeigten, cineastischen Werke oft umso interessanter. Wie es sich damals in einer dunklen und regnerischen Nacht mitten in der Woche auch zeigen sollte.

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Spät am Abend kam eine Gruppe interessant ausschauender Damen in die Kneipe. Diese waren guter Dinge, ein wenig lautstark, dass ja, aber nicht wirklich aggressiv. Sie waren ihrer vier und setzten sich, es war nicht allzu viel los an diesem Abend, daher waren mehrere Barhocker frei direkt an die Theke.

Die Wortführerin, sie hatte sich ein lustiges Bärtchen über ihre Oberlippe geklebt, bestellte Bier für sich und die ihren und dies auf recht burschikose Art und Weise. Mit mir zusammen arbeitete an diesem Abend die gute Resi. Wir zuckten beide einmal kurz mit den Schultern und damit war gut. Vier Mädels in Männerklamotten. Na und. Teilweise mit aufgeklebten Bärten. Wenn es ihnen gefällt, sollen sie machen. Wie der alte Friedrich im achtzehnten Jahrhundert schon sagte: "ein jeder soll nach seiner Façon selig werden". Resi und ich waren nach mehreren Jahren hinter der Theke und nach Mitternacht ganz andere Sachen gewohnt. Und solange niemand von unseren Gästen handgreiflich, rassistisch, frauenfeindlich oder eklig wurde bekam er/sie/es seinen Drink und ein freundliches Gespräch.

Nachdem die Damen ein paar Bier und Drinks bestellt hatten, wurden Resi und ich zum Kickerspiel von ihnen eingeladen. Ein wenig Abwechslung in der Nacht tut immer gut und die Spiele gingen aufs Haus. Während der Spiele wurde ich, Absicht oder nicht, abgelenkt. Zwei der Damen versuchten sich durch, nun ja, ich sag mal so, betont machohafte Sprache und Gebären ins Spiel zu bringen. Aber ich erinnerte mich an den alten Friedrich und ließ es ihnen durchgehen. Wundern tat es mich jedoch schon. Ich verstand es nicht und konnte wenig Sinn in ihrem „Spiel“ sehen.

Zwei Tage später erkannte ich in einem Interview unserer Tageszeitung die Wortführerin des besagten Abends wieder. Sie war eine bekannte lesbische Regisseurin, die mit ihrem Film am Festival teilnahm. Ob sie damals den Preis gewonnen hatte? Keine Ahnung. Dem Interview nach konnte ich entnehmen, dass sie sich mit der Kamerafrau und zwei ihrer Hauptdarstellerinnen Tage zuvor für ein Experiment und zur Recherche des neuen Films in eine zwielichtige Kneipe in der Nähe des städtischen Rotlichtviertels begeben hatten.

In dieser Nacht konnten sie als Frauen wichtige Erfahrung machen. Unter anderen das eine Frau sich als Mann verkleidet und in ihrem Gebaren dem männlichen Verhalten anpasst, sich so in der Männerwelt unerkannt bewegen kann. Oder ähnlich. Leider kann ich den Zeitungsartikel nicht mehr finden. Doch an die Quintessenz des Interviews erinnere ich mich gut, jedoch nicht gern.

Heute, so viele Jahre später frage ich mich, glaubt sie das noch immer. Wirklich? Oder hatte sie das in dem Interview nur gesagt, weil es so gut in ihr Weltbild passt? Glaubte sie damals und vielleicht heute noch immer, dass es langt, sich so zu geben, wie sie eine andere Geschlechtswelt sieht, um in einer solchen nicht als ein anderes erkannt zu werden?

Machen wir uns inzwischen heute vielleicht alle miteinander nur etwas vor? Jeder auf seine Weise und so gut er kann? Was wäre damals geschehen, hätte ich mich so verhalten, wie viele Menschen mich als Mann sehen wollen. Was hätte Frau Regisseurin im Interview wohl gesagt, hätte ich sie nicht nach ihrer „Façon“ einfach leben gelassen. Hätte ich auf ihre Damenrunde so reagiert, wie es von einem Menschen männlichen Geschlechts erwartet wird. Diskriminierend und vorlaut gegenüber einem anderen Geschlecht. Rassistisch gegenüber Menschen nicht weißer Hautfarbe. Politisch unkorrekt gegenüber der anderen Meinung. Und. Und. Und… was weiß ich noch alles.

Spielen wir nicht alle vielleicht in dieser Zeit ein falsches Spiel. Weil wir gar nicht mehr anders können? Weil wir sonst und schneller als es uns lieb ist von ihrem Spielfeld fliegen. Wenn wir nicht den derzeit gültigen Erwartungen entsprechen. Unabhängig, ob diese von einer „richtigen“ oder „falschen“ Seite stammen können. Unter welcher Fahne wir auch stehen und welche Fahne wir mit Begeisterung auch schwenken mögen. Wir sollten zu jeder Zeit vorsichtig sein und darauf achten, aus welcher Richtung der Wind kommt, der unsere Fahne wehen lässt.

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