Von Gregor leip
Heute ist Internationaler Frauentag. Den 8. März hatten kommunistische Frauen in Moskau vor 105 Jahren festgelegt. Ein Tag, geprägt vom sozialistischen Milieu des beginnenden 20. Jahrhunderts und dem Ringen um Wahlrechte, Emanzipation und Gleichberechtigung.
Der Autor dieses Artikels gehört zur Boomer-Generation. Jener Generation, die überwiegend dem deutschen Bildungsbürgertum entstammt und die Gleichberechtigung der Frau im dritten Jahrtausend für selbstverständlich erachtet. Forderungen und Debatten darüber werden hier heutzutage in den eigenen Reihen in den Bereich von Ideologien linker Randgruppen verortet. Denn Kinderwagen schieben, Hausarbeit, das Aufziehen des Nachwuchses passiert überwiegend auf Augenhöhe.
Großgeworden sind die Boomer-Männer mit Alice Schwarzer, Emma und mit selbstbewussten Freundinnen und Ehefrauen. Das war bei unseren Vätern noch die Ausnahme: Einkaufen, Kinderwagen schieben und Babys wickeln war für die Nachkriegsgeneration noch unvorstellbar. Vater musste noch per Unterschrift einem Arbeitsvertrag zustimmen, wollte die Mutter ins Berufsleben einsteigen. Das Gleiche beim Bankkonto.
Soweit so gut, könnte man sich also getrost auf Mutter- und Vatertag zurückziehen, um die Bemühungen der jeweiligen Geschlechter in der Gemeinschaft zu würdigen.
Ein Weltfrauentag ist demnach ein historisches Ereignis, mehr nicht? Wer so denkt, verschließt die Augen und erweist seinen Töchtern für deren Zukunft einen Bärendienst.
Die Notwendigkeit eines Weltfrauentags ist nach Jahrzehnten wieder ein Thema geworden. Womöglich wichtiger, als er es in den letzten hundert Jahren jemals war. So berichtete der MDR über eine Umfrage, die unter jungen Männern durchgeführt wurde: Danach vertreten junge Männer der Generation Z oft traditionellere Geschlechterrollen als ältere. Fast ein Drittel meint, Ehefrauen sollten Männern gehorchen. Eine Verbindung zum hohen muslimisch-migrantischen Anteil der befragten jungen Männer seit der Zuwanderungswelle ab 2015 ist die logische Erklärung, bleibt aber beim MDR erwartungsgemäß unterrepräsentiert.
Der Soziologe und Leiter der Abteilung für Politikforschung bei Ipsos Deutschland, welche die Umfrage durchgeführt haben, ignoriert das vollständig und versteigt sich ersatzweise in Allgemeinplätze und theorieschwangere Begründungen etwa über die Veränderung des Verhältnisses junger Männer zu jungen Frauen und Mädchen. Da wird im MDR-Bericht von „Wertespannungsfeldern“, einem „erhöhten Maskulinitäts- und Rollendruck“ und einer Konkurrenz um Arbeitsplätze und Status schwadroniert.
Das allerdings kann brandgefährlich werden und ignoriert vollständig den schleichenden Prozess einer Islamisierung der deutschen Gesellschaft mit einem Frauenbild, welches noch weit schlimmer erscheint als jenes, welches vor über hundert Jahren dazu führte, dass sich couragierte Frauen bei uns einst aufmachten, um für Gleichberechtigung zu kämpfen.
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Abschließend etwas persönlicher und hinüber in den Harz, wo ich zu Hause bin:
Der Sohn meiner Frau befindet sich am Wochenende bei seinem Vater und das Umgangswochenende mit meiner Tochter war letzte Woche. So schlenderten wir also zu zweit am Samstagvormittag in der naheliegenden größeren Kreisstadt über den Wochenmarkt, kauften einige Pflanzen für die Vorgartenbeete. Wir saßen eine Weile auf einer Bank an der Kirche am Markt in der ersten Frühlingssonne und plauderten mit vorbeigehenden Bekannten.
Meine Frau verabschiedete sich zu einem kurzen Zwischenstopp im naheliegenden Drogeriemarkt. Ich saß noch ein bisschen herum und folgte dann neugierig einer laut hörbaren Stimme eines Mannes, die über Mikrofonverstärkung auf dem Osteroder Wochenmarkt übertragen wurde.
Dort angekommen blickte ich auf die Rücken einer im Kreis stehenden Gruppe von ungefähr einem Dutzend älterer Damen mit weißen Westen, auf denen „Oma gegen Rechts“ geschrieben stand. Ein weiteres Dutzend interessierter Marktbesucher war stehen geblieben, einige Männer, die auf Bänken saßen, ihr Bier tranken oder rauchten, zogen sich nicht zurück, sondern lauschten ebenfalls dem Mann mit dem Mikrofon in der Hand. Beim Näher treten entpuppte der sich als der Bürgermeister von Osterode, der zur Begrüßung der kleinen Versammlung eine Rede hielt und das Engagement am Vortag des Weltfrauentags lobte.
Dann übernahm eine der „Omas gegen Rechts“ das Mikrofon und las einige Zitate von einer großen Pappe ab, die sie den Zuhörern entgegenhielt. Nach jedem vorgelesenen Zitat fragte sie in die Runde, was die Zuhörer wohl denken würden, von wem das Zitat wohl sei?
Entweder wurde AfD gerufen, was die Vortragende mit einem: „Na klar“ beantwortete, oder sogar NSDAP und Adolf Hitler, wenn es sich um ein Zitat zur Rolle der Frau im Nationalsozialismus handelte. Hatte sich ein AfD-Kreisvertreter oder sogar Bundestagsabgeordneter irgendwann einmal in frauenfeindlicher Weise geäußert? Hier auf dem Marktplatz im Westharz war das schwer spontan zu überprüfen.
Wovon man sicher ausgehen kann: Diese Zitate bilden mutmaßlich nicht die Mehrheitsmeinung einer Partei ab, die von einer in lesbischer Beziehung lebenden Parteichefin geführt wird. Die Heimchen-am-Herd-Aussagen passen auch nicht zu so einer durchsetzungsstarken Abgeordneten wie etwa Beatrix von Storch eine ist.
Die Gruppe löste sich irgendwann auf und verwies noch auf eine folgende Zusammenkunft irgendwo in der Nähe, wo die Möglichkeit bestünde, sich bei Kaffee und Kuchen auszutauschen. Zurück blieben ein ärgerlicher Beobachter und ein Ehemann einer „Oma gegen Rechts“. Wir stellten fest, dass wir beide im Volkswagenwerk gearbeitet hatten und auch beide in der Vertrauensleute-Arbeit aktiv waren.
Der ältere Herr umarmte mich daraufhin sogar freudig und dachte an Gemeinsamkeiten und gleiche Gesinnung. Ohne vorwegzugreifen kann ich jetzt schon sagen, dass er das Gespräch dann doch beenden wollte und ich ihm noch mit auf den Weg gab, dass er und seine Omas sich doch einmal Gedanken darüber machen sollten, was sie meiner Tochter und ihren Enkeltöchtern antun würden, wenn sie verschweigen und ignorieren, wo die tatsächlichen Gründe der neuen frauenfeindlichen Stimmung in der Bevölkerung herkämen.
„Ich finde es sehr bedenklich, was da im Kontext des morgigen Weltfrauentags da eben gesagt wurde“, teilte ich ihm zuvor einleitend mit. Es sei brandgefährlich, führte ich weiter aus, den anwachsenden muslimisch-migrantischen Einfluss auf die erkämpften Rechte der Frauen einfach auszublenden. „Ob ich denn schon einmal in einer muslimischen Familie zu Gast gewesen wäre“, fragte er und ergänzte, dass er auch viele afrikanische Länder wie Kenia bereist hätte.
Ich selbst bin seit Kindertagen viele Male mit den Eltern immer wieder und über Wochen in der Türkei auf den Spuren des klassischen Altertums unterwegs gewesen und habe dort ausreichend Zugang zu familiären Strukturen gehabt, teilte ich mit. Das Argument der möglichen Unwissenheit über Frauen und ihre Rechte in der muslimischen Männergesellschaft kann er gleich mal vergessen.
Vor dem, was sich hier und heute in Deutschland verändere, darüber dürfen wir nicht die Augen verschließen, mahnte ich. Wir müssten besonders den zugewanderten Frauen aus muslimischen Ländern über unsere kulturellen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte aufklären und dürfen auch gegenüber deren Männern und Söhnen nicht nachlassen, klarzustellen, wie sie sich insbesondere mit Blick auf Frauen in Deutschland integrieren und anpassen müssen.
Der Mann der Oma gegen Rechts machte sich auf den Weg. Ich rief ihm dann noch einmal hinterher:
„Denken Sie auf Ihrem Weg zum ‚Oma gegen Rechts‘-Kaffeetrinken daran, was Sie meiner Tochter und ihren Enkeltöchtern für einen Bärendienst erweisen, wenn Sie diesen Aspekt der neuen Bedrohung von Frauenrechten bei uns einfach aus ideologischen Gründen und weil es nicht in Ihr Weltbild passt ausklammern.“
Er mag es noch gehört haben. Aber vom Hören hin zum Verstehen muss auf dieser kurzen Passage zwischen rechtem und linkem Ohr etwas Biochemisches passieren. Man nennt es Nachdenken.