Eine lange Tradition: Fußball und Gewalt

Fußball-Bundesliga startet wieder

von Steffen Meltzer (Kommentare: 1)

Um die Ruppigkeit des Spiels einzudämmen, war es Schiedsrichtern erlaubt, gegenüber unflätig aufgefallenen Spielern Bußgelder zu verhängen, die gleich nach dem Spiel einkassiert wurden.© Quelle: Pixabay / mohamed_hassan / d_alexander33, Bildmontage Alexander Wallasch

Nun, so schlimm wie bei den alten Mayas oder Azteken war das Ballspiel in Europa nie. Denn dort verstarben einige Spieler durch Verletzungen schon während des Spiels, und die siegreiche Mannschaft wurde anschließend den Göttern geopfert, um selbst als Gott aufzusteigen.

Das war schon eine ziemlich brutale Angelegenheit, die aber von den Protagonisten keineswegs als solche empfunden wurde. Denn die Spieler waren hohe Würdenträger, Adlige oder andere besonders angesehene Persönlichkeiten.

In Europa war es ein klein wenig anders, aber nach heutigen Maßstäben auch sehr gewalttätig. Im 12. Jahrhundert spielten in England zwei Dörfer gegeneinander mit einer Art Medizinball. Über mehrere Kilometer erstreckte sich das Spielfeld, selbst Flüsse stellten kein Hindernis dar. Im Prinzip gab es nur eine Regel: Alles war erlaubt, außer Mord und Totschlag.

Ernste Verletzungen waren alles andere als ungewöhnlich. Bis ins 19. Jahrhundert vollzogen sich die Folk Football oder auch Village Football genannten Spiele. Aufgrund der Spielkultur, die weniger Geschicklichkeit, sondern ausschließlich Kraft und Gewalt erforderte, kam es nicht nur zu schweren Verletzungen, sondern sogar zu Todesfällen. Das wiederum brachte die Obrigkeit auf, und man verbot mehrmals mehr oder minder erfolglos diese Spiele.

Ab dem Jahr 1830 versuchte man in England einen anderen Weg, um der Sache Herr zu werden. Nunmehr wurde in den höheren Schulen der Adligen und des Bildungsbürgertums durch eine Regulierung des Spiels versucht, dieses in die gewünschten gesellschaftlichen Bahnen zu lenken. Neben der Herausbildung von Technik und Taktik, was von der bloßen Gewalt ablenken sollte, wurde versucht, bestimmte gewünschte charakterliche Eigenschaften auszuprägen: Fairness, Teamgeist, Mut, Selbstbeherrschung und Härte.

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Mit der industriellen Revolution in England waren das Eigenschaften, die bei der Führungselite des Landes erwünscht waren und die noch heute als unabdingbare Tugenden in Westeuropa gelten. Anno 1863 wurde in London die Football Association (FA) gegründet, und es wurden einheitliche Regeln geschaffen, um den Wildwuchs einzudämmen. Von nun an nahm der moderne Fußball seinen Lauf.

Trotzdem möchte ich einige aus heutiger Sicht kuriose Regeln aufzählen: So war es beispielsweise erlaubt, den Torhüter umzuwerfen oder einfach wegzutragen. Erst seit 1896 wurde in Deutschland festgelegt, dass das Spielfeld nicht mehr mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt sein darf.

Um die Ruppigkeit des Spiels einzudämmen, war es in Deutschland weiterhin den Schiedsrichtern erlaubt, gegenüber unflätig aufgefallenen Spielern Bußgelder zu verhängen, die dann von diesen nach dem Spiel einkassiert wurden. Wem dieses Geld dann zugute gekommen ist, wurde allerdings nicht aufgezeichnet.

Die ersten Fußballvereine in Deutschland wurden von Engländern gegründet. Trotzdem spielten einige deutsche Oberschüler mit, bis es ihnen dann beispielsweise 1873 vom Rektor ihres Gymnasiums verboten wurde, da es sich um ein „blutiges Spiel“ handeln würde. Während sich der Fußball in England zum typischen Arbeitersport entwickelte (englische Arbeiter hatten weniger lange Arbeitszeiten in den Fabriken), war der Ballsport in Deutschland eher etwas für Angestellte.

Diese verfügten über mehr Freizeit und waren eher in der Lage, sich die mit dem Sport verbundenen hohen Anschaffungskosten zu leisten. Das Primat hatte der Turnsport, hierbei sollten die jungen Leute in der Leibesertüchtigung für das Militär fit gemacht werden. Später, ab 1908, entdeckte das Militär das Interesse an der „englischen Krankheit“ und setzte den Fußball dafür ein, seine Soldaten im Sinne von Eigenständigkeit und Wettkampfhärte auf die großen Schlachten vorzubereiten.

Viele Wörter mit Fußballzusammenhang, die uns heute noch geläufig sind, zum Beispiel „Abwehrschlacht“, „Parade“, „Angriff“, „Flanke“, „Schuss“ usw. stammen aus der damaligen Zeit.

Bei unseren Ur-Ur-Großvätern haben sie dazu gedient, das Fußballfeld als Synonym für das Schlachtfeld zu sehen und das Unterbewusstsein der Soldaten für den Ernstfall, den Kampf auf Leben und Tod, fit zu machen. Im Nationalsozialismus wurden, das will ich keinesfalls unerwähnt lassen, die führenden Sportverbände aufgelöst, auch solche, die den Fußball integriert hatten, und stattdessen „Gauligen“ eingeführt. Dort wurde der Fußball zu Propagandazwecken missbraucht. Hitler war jedenfalls gegen die Einführung des Profifußballs, da er darin ein „jüdisches Element“ sah.

Der ehemalige schottische Trainer des FC Liverpool, Bill Shankly, formulierte: „Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“

Dieser Spruch hat seine Gültigkeit bis heute nicht eingebüßt.


Dieser Artikel erschien zuerst auf der Webseite des Autors.

Steffen Meltzer ist Autor des Buches „Ratgeber Gefahrenabwehr“.

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Kommentare

Kommentar von hans

… also Ballspiele sind so alt seit es Menschen gibt. Bereitet schon Kindern Freude, fördert Geist, Geschicklichkeit, körperliches Wohlbefinden, Gesundheit, Teamgeist. Was die Politik daraus macht, ist ein anderer Ball.

… übrigens; ich kegle gern. Möglichst viele mit einer Kugel treffen.