Von Rechtsanwalt Dirk Schmitz M.A.
„Welchen Effekt hätte eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt auf die Nachwuchsgewinnung der Justiz? Damit hat sich eine Umfrage befasst – die Ergebnisse sind deutlich. Umfragen zeigen die AfD in Sachsen-Anhalt einige Tage vor der Landtagswahl am 5. September bei über 40 Prozent – die Regierungsbeteiligung der AfD könnte dort also bald Realität werden. Den juristischen Nachwuchs schreckt dies ab, wie eine aktuelle Umfrage der Lernplattform "Jurafuchs" zeigt.“
Kritiklos übernommen hatte unter anderem die linkswoke Rechtszeitschrift lto.
Jurafuchs ist eine kommerzielle Plattform. Hinter „Jurafuchs“ steckt keine Universität, kein Meinungsforschungsinstitut und keine wissenschaftliche Forschungseinrichtung, sondern die kommerzielle Go Legal GmbH mit Sitz in Berlin. Das Geschäftsmodell ist eine Jura-Lernplattform mit Freemium-/Abo-Modell, KI-Lernangeboten und einem Karriereportal.
Jurafuchs selbst gibt mehr als 20.000 monatlich aktive Studierende und Referendare an. Insgesamt spricht die Unternehmensseite von mehr als 200.000 Nutzern seit Gründung. Auf dem Karriereportal werden Arbeitgeberprofile vermarktet. Premiumprofile kosten derzeit ab 890 Euro monatlich. Jurafuchs ist nicht das Äquivalent zu Forsa, Infratest dimap oder Allensbach.
Das AfD-Bashing stammt von professioneller PR: Dahinter steht die Berliner Agentur Twenty-Eight, die auch die Splitterpartei „Volt“ berät. Noch interessanter ist die persönliche Verbindung des Geschäftsführers Lukas von Zittwitz, Mitgründer und Geschäftsführer von Twenty-Eight. Er führt in seinem LinkedIn-Lebenslauf „Öffentlichkeitsarbeit/PR – Volt Europa“ von Juli 2023 bis März 2025 auf. Das geht deutlich über einen Agenturauftrag hinaus.
Das zentrale Ziel der Splitterpartei Volt ist eine vollständige europäische Integration mit einer EU-Regierung. Klar: Kampf gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Er will ein europäisch organisiertes Asylsystem, stärkere Verteilung von Asylbewerbern innerhalb Europas. Frontex in seiner heutigen Form soll abgeschafft werden, Deutschland mit weiteren Landnehmern geflutet. Es wird stolz auf LinkedIn beworben, dass die „Untersuchung“ innerhalb weniger Tage mehr als 130 Medienberichte und über zehn Backlinks erzeugt habe, die „für die Website-Sichtbarkeit von Jurafuchs entscheidend“ seien. Die Umfrage ist ein Instrument der Unternehmens-PR und Medienplatzierung – kein Erkenntnisgewinn.
Der Erhebungszeitraum war extrem kurz: 27. bis 31. August 2026, also absichtlich unmittelbar vor der Landtagswahl. Insgesamt sollen 1.737 Jurastudenten, Rechtsreferendare und weitere juristische Nachwuchskräfte aus der Jurafuchs-Nutzerschaft teilgenommen haben. 79,9 Prozent erklärten zunächst, eine Tätigkeit im Staatsdienst grundsätzlich in Betracht zu ziehen. Für den eigentlichen Kernvergleich wurden nur noch 1.295 vollständig ausgefüllte Fälle berücksichtigt. Von diesen Teilnehmern stammten lediglich 289 aus Sachsen-Anhalt selbst oder aus einem Umkreis von höchstens 100 Kilometern. Besonders klein ist die Teilgruppe der einzigen Jura-Universität Halle-Wittenberg in Sachsen-Anhalt: Hier beruhen die ausgewiesenen Ergebnisse nur noch auf 31 (!) Teilnehmern.
Das macht die Jurafuchs-Teilstichprobe noch irrer: 31 Befragte aus Halle entsprechen nur etwa 1,55 Prozent der dortigen rund 2.000 Jurastudierenden.
Die zentralen Ergebnisse der „Befragung“: Ohne eine Regierungsbeteiligung der AfD konnten sich 57,7 Prozent eine Bewerbung im Staatsdienst Sachsen-Anhalts vorstellen. Für den hypothetischen Fall einer AfD-Alleinregierung sank dieser Wert auf 17,7 Prozent. Bei den 289 räumlich näher an Sachsen-Anhalt gelegenen Teilnehmern fiel die angegebene Bewerbungsbereitschaft von 61,6 auf 15,2 Prozent. Unter den Teilnehmern der Universität Halle-Wittenberg sank sie von 74,2 auf 25,8 Prozent. Befragte: Noch einmal: 31 (!) Personen aus Sachsen-Anhalt. Das ist statisch inakzeptabel.
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Die zentrale Schwäche ist Selbstselektion. Selbst Jurafuchs schwurbelt die Befragung ausdrücklich als „nicht repräsentativ“. Die Teilnehmer wurden nicht aus allen Jurastudenten zufällig gezogen. Befragt wurden Nutzer einer bestimmten privaten Lern-App. Von den Teilnehmern des zentralen Vergleichs studierten laut Berliner Zeitung knapp zwei Drittel an Hochschulen der alten Bundesländer. Linke Wessis, nur 12,2 Prozent kamen aus den ostdeutschen Bundesländern ohne Berlin.
Der größte sprachliche Trick liegt in den „70 Prozent“: Die Ausgangszahlen sind: 57,7 Prozent → 17,7 Prozent. Das sind zunächst 40 Prozentpunkte Unterschied. Rechnet man relativ, 57,7 – 177/ 57,7 = 69,3 Prozent, erhält man den medial attraktiven Wert „fast 70 Prozent“. Mathematisch ist das korrekt. Problematisch wird es bei der Interpretation. Gemessen wurde:
„Kann ich mir unter einem hypothetischen politischen Szenario eine Bewerbung vorstellen?“ Gemessen wurde nicht: „Werde ich mich tatsächlich bewerben?“ Und schon gar nicht: „Wie viele Bewerbungen erhält Sachsen-Anhalt künftig tatsächlich?“ Zwischen der angegebenen Präferenz und dem tatsächlichen Verhalten liegen Welten.
In den Veröffentlichungen von LTO, Beck, Berliner Zeitung und t-online findet sich keinerlei wissenschaftliche Methodendokumentation der aktuellen Befragung. Insbesondere werden öffentlich nicht nachvollziehbar angegeben: die exakte Wortwahl sämtlicher Fragen und Antwortmöglichkeiten, die Reihenfolge und Randomisierung der Szenarien, die Art der Einladung zur Umfrage, die Zahl der eingeladenen Nutzer und damit Response-Rate, die demographische Struktur nach Alter, Geschlecht, Studiensemester und Examensstatus, die politische Parteipräferenz, das Gewichtungsverfahren, der Umgang mit Mehrfachteilnahmen, die statistisches Testverfahren und die Konfidenzintervalle. Das ist bei einer politisch sensiblen Befragung erheblich.
Die genaue Frageformulierung ist geheim: Ob dort etwa nur neutral „AfD-Alleinregierung“ stand oder ob vor der Frage Aussagen über einen „Umbau des Staatsapparats“, Rechtsextremismus, 200 auszutauschende Beamte usw. eingeblendet wurden, wäre für die Interpretation von zentraler Bedeutung.
In einer nicht repräsentativen Onlinebefragung von Nutzern der kommerziellen Lernplattform Jurafuchs erklärten 1.295 staatsdienstinteressierte Teilnehmer, dass ihre hypothetische Bereitschaft, sich in Sachsen-Anhalt zu bewerben, bei einer AfD-Alleinregierung deutlich geringer wäre als ohne AfD-Regierungsbeteiligung.“ Die Aussage „Eine AfD-Regierung lässt die Zahl der Nachwuchsjuristen bzw. Bewerber um 70 Prozent einbrechen“ ist daraus nicht ableitbar.
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