Team Kontrafunk-Wallasch unterwegs mit Grönlands Außenministerin und dem dänischen Verteidigungsminister

Granaten explodieren: Unser Grönland-Team verteidigt mit den dänischen Streitkräften ein Kraftwerk

von Christian Witt (Kommentare: 2)

Soldaten des dänischen Jydske Dragonregiment© Quelle: Christian Witt

Das Kontrafunk-Wallasch-Team in der grönländischen Hauptstadt Nuuk: Tag sieben unser Arktisexpedition war eine Herausforderung. Wir wurden eingeladen, Teile der dänischen Streitkräfte zu begleiten, welche eine Übung am Kraftwerk Bukse Fjord durchführten und damit die Präsenz in Grönland verstärkten.

Von Christian Witt

Die Übung mit Pressebegleitung diente dem Training der Bewachung kritischer Infrastruktur. Im Bukse Fjord lag die dänische Fregatte Thetis, während ein Seahawk-Hubschrauber den Verteidigungschef in das Gebiet brachte, um die Soldaten des dänischen Jydske Dragonregiment zu begrüßen.

Der Verteidigungschef besuchte die Soldaten gemeinsam mit Verteidigungsminister Poulsen, Grönlands Außenministerin Vivian Motzfeldt sowie dem Chef des Arktisk Kommando, Søren Andersen. Im Gespräch erfuhren wir von den Politikern, dass es weitere Investitionen auf Grönland geben wird und dass die Truppe hier dauerhaft erweitert und verstärkt werden soll.

Konkret soll es mittelfristig größere Investitionen in Langstreckendrohnen, Radaranlagen und weiteres sensibles Material geben. Auch wurden vom Militär verstärkt Aufklärungsflüge nichtmilitärischer Maschinen beauftragt, die dort aktiv werden sollen, wo das Radar nicht hinreicht, und von denen auch die Grönländer finanziell profitieren sollen. Ziel auch hier die militärische Stärkung Grönlands.

Jeder weiß hier, dass es sich hier um das Gegenprogramm zum amerikanischen Begehren ist, aber darüber wird nicht gesprochen. Die Dänen machen deutlich, dass man sich kümmert. Es laufen auch verstärkt Soldaten in Uniformen durch die Stadt, man zeigt Präsenz.

Grönländer in Uniform waren nicht zu sehen. Es gibt im Norden Grönlands eine Arktisschule, wo vor allem dänische Freiwillige eine Arktis-Schulung besuchen. Zum einen in Richtung ziviler Nutzung. Aber auch, um sie dann ins Militär zu integrieren. Und diese Kapazitäten dort sollen jetzt jährlich von 30 auf 50 Schüler erhöht werden. Das heißt, man will zunehmend auch die Grönländer ins Militär locken.

Übung und Veranstaltung war kurzfristig angesetzt. Ich hatte mich erst spät per E-Mail für Team Kontrafunk-Wallasch akkreditiert und auch sofort Antwort bekommen. So stand ich schon am nächsten Morgen um sieben Uhr auf der Liste. Der Ablauf war insgesamt sehr unkompliziert, freundlich und persönlich. Mein Begleiter und ich kamen ganz nah an die Oberbefehlshaber und Minister heran – eine durchweg vertrauensvolle Veranstaltung.

Weil es so kurzfristig angesetzt war, verpassten die sechs oder sieben deutschen Kollegen vor Ort die Fahrt. So blieben neben dem Kontrafunk-Wallasch-Team ein Journalist der Frankfurter Allgemeinen, das Reuters-Team sowie der lokale Rundfunk und die lokale Zeitung übrig.

Früh morgens um halb acht fuhren zwei Wassertaxis zum fünfzig Kilometer südlich gelegenen Kraftwerk am Bukse Fjord. Dort wurden erst mal Interviews geführt. Dann begann schon die angekündigte Übung des Jydske Dragonregiment.

Beteiligt waren zwei große Militärschiffe der Dänen. Für die Minister gab es danach noch eine Sonderveranstaltung. Dabei ging es um Strategie und eine Reihe interner Sachen. Zurück in Nuuk war eine Bürgerversammlung in der Gemeindehalle anberaumt worden. Hier stellten sich die beiden Minister den Fragen der Einwohner.

In dieser Bürgerveranstaltung ging es allerdings eher um die sekundären Folgen der zusätzlichen Militärpräsenz. Hier kamen Themen wie Umwelt und Umweltschutz zu Wort. Konkret wurden Befürchtungen geäußert, dass die erweiterten Übungen der Natur und der Jagd schaden würden. Das soll doch bitte zukünftig besonders beachtet werden, so der Haupttenor.

Konkret heißt das wohl, wenn man sich den Seehund schießt, den wir am Vortag in der Pfanne hatten, dann befürchten die Jäger und Fischer aus Nuuk, dass mehr Militärübungen hier den Fang reduzieren könnten. Es sollen doch bitte, so das Anliegen der anwesenden Bürger Nuuks, möglichst keine Übungen in Naturreservaten abgehalten werden.

Zwar geht es hier um eine Positionierung gegen mögliche Aggressoren. Aber Konflikte zwischen Grönland und Dänemark bleiben unterschwellig immer da, werden aber von der grönländischen Regierung so gut es geht abgefangen. Argumentiert wird, dass die Dänen das Sicherheitsgefühl der Grönländer stärken, ohne zu stark in deren Leben einzugreifen.

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Was man hier ebenfalls nicht außer Acht lassen darf – darauf wird immer mal wieder in Gesprächen hingewiesen –, sind bisweilen unterschiedliche Ansichten zwischen den Bewohnern der grönländischen Hauptstadt und jenen, die über das Land an der Küste verstreut leben.

Wir stiegen also am frühen Morgen noch im Dunkeln in die Boote und fuhren stundenlang zum Kraftwerk, wo das Tageslicht bei Temperaturen um den Gefrierpunkt gerade aufzuglimmen begann. Uns wurde Tee, Kaffee und Buletten-Sandwiches in Alufolie gereicht.

Im Hafen am Kraftwerk lag schon die dänische Fregatte. Etwa zwanzig, vielleicht dreißig Soldaten waren bereits von Bord gegangen und hatten sich in den Bergen verteilt: die Blauen gegen die Roten gewissermaßen. So wurde vor Presse Angriff und Verteidigung auf das Kraftwerk trainiert.

Die Übungsmunition hat geknallt, es gab ein bisschen Mündungsfeuer und eine Pseudo-Handgranate explodierte, Befehle wurden gerufen, es hätte auch ein Filmset für einen Spezialeinsatz sein können – nur mit weniger Rauch. Dafür stieg eine Drohne auf, die mit eingesetzt wurde, wohl um zu zeigen, dass die Dänen jetzt auch mit diesen Waffensystemen umgehen können. Aber wer nun dieses Kraftwerk in der Realität tatsächlich angreifen könnte, das wurde nicht weiter thematisiert.

Die grönländische Außenministerin hatte zuletzt für Aufmerksamkeit gesorgt, als sie in den Verhandlungen mit den Amerikanern vor die Presse trat und zunächst auf Grönländisch die Ergebnisse für ihre Landsleute vortrug. Eine bodenständige Frau, der Beruf Lehrerin passt zu ihr. Vivian Motzfeldt tritt vermittelnd und deutlich auf. Es bleibt der Eindruck einer starken und offenen Persönlichkeit.

Grönland und Dänemark treten hier in Partnerschaft auf. Das wurde während der Übung immer wieder herausgestrichen. Hier findet alles mit viel Feingefühl statt. Auch in der Bürgerversammlung wird alles simultan übersetzt, damit sich keiner zurückgesetzt fühlt. Von den etwa dreihundert Menschen auf der Bürgerversammlung war allerdings nur etwa ein Viertel Inuit.

Das Gemeindehaus wurde am Berg im hellen skandinavischen Stil errichtet mit Blick über den Fjord und mit einer modernen großen Glasfassade, wie man sie auch auf Island oder in Dänemark selbst finden könnte.

Im Wesentlichen umfasst das Gebäude eine Aula mit einer zentralen großen Treppe; hier finden auch Kino- und Kulturveranstaltungen statt. Interessant am Rande: Der Begriff „USA“ fiel an keiner Stelle. Auch von Russen und Chinesen war nicht die Rede.

Bewusst ist den meisten hier, dass Grönland im arktischen Jahrhundert immer mehr im Fokus steht. Noch mehr, wenn das Eis weiter schmilzt und das Interesse und die Ausbeutbarkeit von außen weiter ansteigt. Dafür gibt es hier ein starkes Bewusstsein.

Aber wie überall – auch das machte die Bürgerversammlung klar – gehen auch hier die Vorstellungen auseinander, ob die USA wirklich militärisch eingreifen oder stattdessen mit Milliardeninvestitionen direkt oder indirekt sich Einfluss und Macht in Grönland erkaufen. Dieser zivile wirtschaftliche Angriff erscheint hier vielen wahrscheinlicher.
Deutschland liegt aktuell unter dem Gefrierpunkt und Grönland hatte bei unserer Ankunft sechs Grad – ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich warmes Wetter. Auch während der Übung ist es gerade so um den Gefrierpunkt, wo es sonst gerne mal viel düsterer und kälter ist.

Kurz gesagt: Das Klimanarrativ wird hier zumindest bei denen, die ich getroffen habe, nicht so in Frage gestellt. Es existiert dazu auch eine dänische Forschungsstation im Inland, die den Grönländern nichts Gegenteiliges berichtet zu dem, was hier jeder selbst erlebt.

Hier weitere Beiträge unserer Grönland-Serie:

Noch keine US-Invasion: Wir sind trotzdem nach Grönland gefahren

Unsere Grönlandreise: Die Jäger bringen frisches Robbenfleisch

Christian Witt
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